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Aktueller Online-Flyer vom 30. Juli 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Interview mit dem Energie- und Klimaexperten Hermann Scheer (SPD-MdB)
Bis 2013 Atomausstieg in Hessen!
Von Manfred Giebenhain

Hermann Scheer ist der erste Mann, den die hessische SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti als Mitglied ihres "Zukunftsteams" vorgestellt hat. Gelingt es den Sozialdemokraten, Roland Koch (CDU) bei der Landtagswahl im Januar 2008 als Ministerpräsidenten abzulösen, soll der weltweit anerkannte und ausgezeichnete Energie- und Klimaexperte Wirtschafts- und Umweltminister von Hessen werden. Eins seiner Ziele: Bis zum Jahr 2013 soll in Hessen der Atomausstieg abgeschlossen und dieser Anteil an der Stromproduktion durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Konzerne wie Vattenfall und E.ON, die an den zurzeit für Schlagzeilen sorgenden AKWs Brunsbüttel und Krümmel beteiligt sind, wären darüber nicht eben glücklich.  

Hermann Scheer - seit 1980 im Bundestag
Quelle: www.bundestag.de


Manfred Giebenhain: Herr Scheer, sind Sie mit der Aussicht, im nächsten Jahr in Hessen ein Superministerium für Wirtschaft, Umwelt und Energie zu führen, an ihrem politischen Ziel angelangt?

Hermann Scheer: Ich war immer projektorientiert und nie positionsorientiert. Ämter haben für mich nie die entscheidende Rolle gespielt. Schon drei- oder viermal habe ich einen Ministerposten abgelehnt, weil die konkreten Rahmenbedingen nicht gegeben waren, um das tun zu können, was ich politisch für richtig halte.

Wieso engagieren Sie sich dann in Hessen?

Mein Engagement für Hessen hat zwei Gründe. Ein Punkt heißt Andrea Ypsilanti, die persönlich ungewöhnlich glaubwürdig ist. Sie hat mich dafür gewonnen, auf der Basis meiner Überlegungen ein neues Energiekonzept zu entwickeln. Zum Zweiten hat sie mich gefragt, ob ich dafür zur Verfügung stehe, dieses auch umzusetzen. Für ein verwässertes Konzept wäre ich nicht gewinnbar gewesen.

Den Ausbau regenerativer Energien wollen auch andere Parteien vorantreiben. Was ist an Ihrem Konzept anders?

Die Weltwirtschaft steht vor einem Ressourcenwechsel. Die Energiewirtschaft hat 200 Jahre lang von vergänglichen Ressourcen gelebt, die zu einem sehr großen Teil die Umwelt erheblich belastet haben. Daher müssen wir uns in einem überschaubaren Zeitraum vollständig von fossilen Brennstoffen und von der Atomkraft verabschieden. Ein vollständiger Energiewechsel ist die elementarste Angelegenheit unserer Zeit. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Kurzum: Das Konzept, das ich vertrete und das von Andrea Ypsilanti voll mitgetragen wird, heißt massive Beschleunigung des Energiewechsels. Es gibt keine faulen Ausreden mehr! Die ökologische Belastungsgrenze des Planeten kommt früher als die Ressourcengrenze. Ein wichtiger Schlüssel zum Wandel liegt in der Veränderung der Raumordnungskriterien.

Raumordnung und Ressourcengrenze - wie stellen Sie eine Verbindung zwischen beiden her?

Die Konzepte zur Ordnung der Infrastruktur, die in den letzten 50 Jahren in die Gesetzgebung eingeflossen sind, stehen einer Umorientierung auf erneuerbare Energien im Weg. Sie sind zugeschnitten auf die herkömmliche Energiebereitstellung mit ihren langen Wegen. Erneuerbare Ressourcen jedoch sind überwiegend heimisch. Die regionale und landespolitische Ebene erhält somit eine völlig neue Bedeutung und gestalterische Aufgaben. Die Energiewende wird einen Schub für die regionale und vor allem mittelständische Wirtschaft auslösen.

Was macht Sie so sicher, dass angesichts globalisierter Märkte ausgerechnet die Energiewirtschaft regionalisiert werden kann?

Ich bin wirklichkeitsorientiert, also an den tatsächlichen Problemen und Möglichkeiten, nicht an falschen Rücksichten auf etablierten Interessen. Meine Konzepte sind weitergehend und durchdacht. Was wir mit dem Energie-Einspeisegesetz begonnen haben, wird konsequent fortgesetzt. Das Gesetz hat weltweit Nachahmer gefunden. Viele Regierungen habe ich schon beraten, von Kalifornien bis zur chinesischen Regierung, die jetzt ihr erneuerbares Energiegesetz beschlossen hat. Ich bin ein großer Anhänger des Prinzips der kommunalen Selbstverwaltung.

Wie muss diese aussehen, um den Wechsel hin zu erneuerbaren Energien leisten zu können?

Es beginnt mit einem anderen Verständnis, wie vorhandene Flächen genutzt werden können. Jede Gebietskörperschaft wird nach einem bestimmten Mengenkriterium Standorte für die Nutzung erneuerbarer Energien ausweisen müssen; Biomasse, Wasserkraft, Wind, Sonne. Die Entscheidung, wo sie ihren Schwerpunkt legt, bleibt in der kommunalen Selbstverwaltung. Wenn die Standorte festgelegt sind, kommen die Investoren von selbst. Die Bürokratie auf Landesebene muss weitestgehend verschwinden. So werden wir einen politischen Wettbewerb um die besten kommunalen Lösungen in Gang setzen.

Ein Großteil der Bevölkerung steht den Windkraftanlagen skeptisch gegenüber. Was macht Sie so sicher, dass auch der Windenergie die Zukunft gehört?

Entscheidet sich eine Kommune gegen Windräder, kann sie in drei oder vier Jahren auch anders entscheiden. Sie werden erkennen, dass die Horrorszenarien, die über die Windkraft gezeichnet werden, absurd sind. Jeder, der angesichts der Klimaerwärmung auf Dauer gegen die Windkraft Sturm läuft, behindert die Energiewende und zementiert zwangsläufig die weitere schädliche Nutzung von Atom- und Kohlekraftwerken. Windkraftanlagen entlang der windgünstigen Abschnitte entlang der ICE-Trassen und Autobahnen werden wir durch landespolitische Vorgaben bevorzugt ausweisen. Im Gegenzug verschwindet auf Dauer rund die Hälfte der rund 193.000 Hochspannungsmasten in Deutschland, die beim Ersetzen von Großkraftwerken durch viele dezentrale Anlagen nicht mehr benötigt werden. (PK)


Kämpft seit Ende der 80er Jahre für die Ablösung atomarer und fossiler Energiequellen
Quelle: www.hermannscheer.de

Zuhause ist der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Dr. Hermann Scheer, Jahrgang 1944, im württembergischen Wahlkreis Waiblingen. Für diesen sitzt er seit 1980 im Deutschen Bundestag, seit 1993 ist er Mitglied des SPD-Bundesvorstands. Seit 1988 ist er ehrenamtlicher Präsident von EUROSOLAR, der gemeinnützigen und überparteilichen Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien, seit 2001 ehrenamtlicher Vorsitzender des Weltrates für Erneuerbare Energien und seit 2004 Vorsitzender des Internationalen Parlamentarierforums Erneuerbare Energien.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter "Solarenergie in Architektur und Stadtplanung" mit dem britischen Architekten Sir Norman Foster, wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Für sein weltweites Engagement für erneuerbare Energien erhielt Scheer 1999 den Alternativen Nobelpreis. Weitere Auszeichnungen sind der Weltsolarpreis (1998), der Weltpreis für Bioenergie (2000), der Weltpreis für Windenergie (2004), der in den USA vergebene Global Renewable Energy Leadership Award (2004) und der Solar World Einstein Award (2005). Das TIME-Magazin kürte ihn 2002 als "Helden für das grüne Jahrhundert". Für die Illustrierte Stern ist er einer der weltweit "guten Acht", die über die Weltprobleme nicht nur reden, sondern längst gehandelt haben. (PK)

Online-Flyer Nr. 105  vom 25.07.2007

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