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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Arbeit und Soziales
Kölner interessieren sich für die internationale Gewerkschaft IWW
„Together we win“
Von Hans-Dieter Hey

Vergangenen Donnerstag schlossen sich Kölner der alternativen Gewerkschaft Wobblies an. Sie ist die Deutsche Sektion der US-amerikanischen Gewerkschaft IWW (International Workers of the World), die weltweit aktiv ist. Am Beispiel des Kaffeehaus-Giganten Starbucks – den es auch in Köln gibt – sollte gezeigt werden, wie sich Menschen gegen merkwürdige Geschäftspraktiken wehren können. Diese hatten weltweit Aufsehen erregt und den Zorn aktiver Gewerkschafter heraufbeschworen
Kaffeebude Starbucks erobert den Kölner Ring


US-Amerikanern geht der Ruf voraus, dass dort, wo sie hintreten, nichts anderes mehr wachsen kann. Der Eindruck ist angesichts der Expansion von Starbucks durchaus nicht falsch. Mit gut gemachter Werbung, starken Sprüchen und typisch amerikanischer „Gemutlichkeit" hat man inzwischen weltweit über 12.000 Kaffebuden eröffnet und befindet sich weiterhin auf Wachstumspfad. Im Jahr 2006 betrug der Gewinn 6,5 Mrd. US-Dollar, den rund 125.000 Beschäftigte für den Konzern erwirtschaftet haben. Dazu haben zum Beispiel auch zehn Filialen in Frankfurt und drei Filialen in Köln beigetragen. Alteingesessene Kaffeehausbesitzer erfreut das nicht unbedingt. Denn Geschäftspolitik von Starbucks ist die Expansion auf kleinstem Raum. Erstürmt Starbucks nun die Veedel?



Neben Starbucks: Wie lange steht noch das Steh-Kaffee?
Foto: H.-D. Hey, arbeiterfotografie.com

Das Unternehmen setzt sich medial hervorragend in Szene, aber nicht alle teilen den schönen Schein. Bis vor Kurzem hatte man sich beharrlich geweigert, die Namensrechte äthiopischer Kaffeebauern an ihrem eigenen Kaffee anzuerkennen, berichtete die internationale Entwicklungsorganisation Oxfam (www.oxfam.de). Denn die völlig verarmten Kaffeebauern wollten im Grunde nur mit ihrem eigenen Markennamen mehr verdienen, um aus der Armutsspirale herauszukommen. 15 Millionen Menschen hängen allein dort existenziell vom Kaffeeexport ab. Jahrelang mussten Millionen Bauern ihre Produktion einstellen, weil die Einkommen wegen der niedrigen Kaffeepreise nicht zum Überleben reichten. Die niedrigen Einkaufspreise waren sicher nicht zum Nachteil von Starbucks. Gehöriger internationaler Druck war erforderlich und über 96.000 eMails und Faxe besorgter Kunden wurden weltweit gegen die Praktiken von Starbucks gesammelt. Das Unternehmen kam in Verruf und es scheute offensichtlich die sich einstellende negative Presse wie der Teufel das Weihwasser. Erst am 17. Juni diesen Jahres erkannte Starbucks offiziell drei Kaffeesorten als Handelsmarken für den hochwertigen äthiopischen Kaffee an.



New York: Widerstand gegen Starbucks-Löhne und Rauswürfe
Quelle: www.iww.org

Internationaler Widerstand gegen Konzernpraktiken

Auch in den USA – besonders in New York – regte sich heftiger Widerstand durch die „Baristas" (ServiererInnen), wie die Beschäftigten von Starbucks genannt werden. Sie vertrauten ihrem Unternehmen nicht mehr, das auf seiner Website verkündet: „Wir sind davon überzeugt, dass erfolgreiche Unternehmensführung und soziale Verantwortung sich nicht widersprechen". Sie sind sauer darüber, dass sie vom ausgezahlten Lohn kaum leben können, weil sie zu wenig Wochenstunden garantiert bekommen, und das bei einem Stundenlohn, der nur knapp über sieben Dollar lag. Klagen kommen auch über eine völlig unzureichende Kranken- und Sozialversicherung, Defizite beim Arbeitsschutz und chronische Unterbesetzung. In den USA werden dem Unternehmen durch die Gewerkschaft IWW über 30 Rechtsverstöße vorgeworfen. Klagen kommen auch über die diskriminierende oder respektlose Behandlung von Beschäftigten – inzwischen wissen ehemalige Beschäftigte auch aus Kölner Filialen von schlechter Behandlung zu berichten. In New York wurde Starbucks-Baristas allein deshalb gekündigt, weil sie der Gewerkschaft beigetreten waren. Nach heftigem Widerstand und
monatelangem zähem Ringen ihrer Gewerkschaft IWW konnte in der obersten US-amerikanischen Entscheidungsbehörde in Arbeitsrechtsfragen, dem National Labor Relations Board, die Wiedereinstellung der Gefeuerten durchgesetzt werden.


Die ersten Kölner „Wobblies"-Gewerkschafter
Foto: H.-D. Hey, arbeiterfotografie.com

Der wochenlange Streik der aktiven Gewerkschafter um bessere Bezahlung hat vor Kurzem zum Erfolg geführt, denn in manchen Starbucks-Kaffees waren wegen des Streiks nur die Polizisten Kunden, die die Streikendem im Zaum halten sollten. Die lange Streikdauer ging Starbucks wohl zu sehr an den Geldbeutel. Inzwischen konnten die aktiven Gewerkschafter bei in den USA Stundenlöhne bis zu 9,63 Dollar durchsetzen. Gewerkschaftsmitglied Isis Saenz: „Starbuck-Chef Howard Schultz musste nun kapieren, dass wir Baristas Löhne einfordern können, die unsere Existenz sichern und wir können eine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft erzwingen". Unterstützung erhielten die Baristas aus vielen Ländern, z.B. aus Österreich, England, Canada, Deutschland Korea, Neu Seeland oder Madagaskar, wie die Gewerkschaftszeitung „Industrial Worker" Ende letzten Jahres berichtete.

Es wird erkennbar, wie sehr die Welt auch in gewerkschaftlichen Fragen global zusammenrückt. Diese Entwicklung haben die „ Wobblies" wohl erkannt und sind deshalb weltweit unterwegs. Am Beispiel Starbucks wird deutlich, wie Beschäftigte eines internationalen Konzerns mit Hilfe einer internationalen Gewerkschaftsbewegung Forderungen aufstellen und Ergebnisse erringen können. Wobblies (www.wobblies.de) setzt nach eigenem Bekunden vor allem auf Selbstorganisation, Kreativität und Betriebsgruppenarbeit der Menschen und bezeichnet die Aktivitäten deutscher Gewerkschaften als „süßes Gift", dass sich inzwischen auf ein paar Lohnkämpfe und auf eine Rechtsschutzversicherung reduziere und die sich alte politische Gewerkschaftsbewegung selbst träge und wirkungslos gemacht habe. Die „Wobblies" sehen sich als politische und solidarische Bewegung, die vor allem die prekär Beschäftigten vorwiegend in den Klein- und Kleinstbetrieben unterstützen will. Die sind meist nicht gewerkschaftlich organisiert und die Arbeitgeber nicht in Arbeitgeberverbänden organisiert, so dass gemeinsame Lohntarife nicht durchzusetzen sind. Dabei taucht auch die Frage auf, ob eine Kooperation mit der Gewerkschaft ver.di oder im DGB nicht doch sinnvoll sein kann. (HDH)


Online-Flyer Nr. 104  vom 18.07.2007

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