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Aktueller Online-Flyer vom 08. Dezember 2016  

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Medien
Die Handy-Sendung „Quarks und Co“ vom 19. Juni im WDR:
„Industriefreundliche Manipulation“
Von Peter Kleinert

„Welcher Netzbetreiber hat gesponsert oder den Sendeplatz „gekauft“? Diese Frage liegt sehr nahe!“, kommentiert der Marburger Physiker Professor Ganßauge die Sendung „Quarks & Co“ des populären WDR-Redakteurs und Moderators Ranga Yogeshwar „Krank durch Handy-Strahlung?“. Und die „Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie“, wirft dem WDR – unterzeichnet von 20 Wissenschaftlern, darunter einige mit den Folgen von Elektrosmog nur allzu vertraute ÄrztInnen – „journalistischen Machtmissbrauch“ zugunsten von Telekom und Mobilfunkindustrie vor und Yogeshwar persönlich, er spiele „mit dem Leben und der Gesundheit von Generationen“.

Ranga Yogeshwar – natürlich mit dem Grimme-Preis
ausgezeichnet | Quelle: www.wdr.de

„Sein Sponsor: Deutsche Telecom-Stiftung“


Hunderte von Bürgerinitiativen in Deutschland „üben offenbar inzwischen einen solchen Druck auf die Netzbetreiber aus, dass diese sich genötigt sehen, „nach Oberammergau“ mit Hilfe des Mediums WDR eine solche Sendung folgen zu lassen“, so Professor Ganßauge. Schon die Ankündigung der „Quarks“-Sendung bestätigt ihn: „Laut einer Umfrage ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung überzeugt, dass Mobilfunk gesundheitsschädlich ist. Der Strahlung von Handys und Sendemasten werden die unterschiedlichsten Wirkungen auf die Gesundheit nachgesagt – von Kopfschmerzen und Herzrasen über Tinnitus bis hin zu Schlafstörungen. Solche Symptome plagen auch die Bewohner von Oberammergau, seit im letzten Sommer der Mobilfunkbetreiber seine Sendeanlage auf eine neue Technik umgerüstet hat. Mit Kohlefaser-Tapeten und Schutzanzügen versuchen sogar einige, sich vor der "Handy-Strahlung" abzuschirmen. Aber macht Mobilfunk wirklich krank?“ Die beruhigende Antwort von Yogeshwars Sendung: Nein, keineswegs. Den Grund dafür nennt Ganßauge mit diesem Satz: „Sein Sponsor: Deutsche Telecom-Stiftung, Forschungszentrum Jülich.“


Stefan Aust - SPIEGEL-Chefredakteur und Telekom-VIP
Quelle: www.spiegelgruppe.de


„Quark“ auch im SPIEGEL

Ausführlicher analysiert die Kompetenzinitiative (www.kompetenzinitiative.de) im Rahmen ihres Projekts „Medien-Kultur“ die „Quarks“-Sendung vom 19.Juni. Sie hatte sich bereits mit einem SPIEGEL-Artikel derselben Tendenz befasst (siehe NRhZ 97 und 98) und weiß inzwischen: Stefan Aust, der Chefredakteur der Zeitschrift, sitzt gemeinsam mit anderen bekannten Chefredakteuren und „Meinungsführern der deutschen Medienlandschaft“ in einem zwanzigköpfigen Medienbeirat, der „den Vorstand der Deutschen Telekom in medienpolitischen Belangen berät“, wie es in der Geschäftsordnung heißt … Der gute Kontakt bewährt sich im einschlägigen Anzeigen-Volumen der Zeitschrift. Zu seinen angenehmen Seiten gehört, dass Chefredakteur Aust die Tour de France schon als VIP im Fahrzeug der Telekom begleiten durfte. Doch die Opfer so guter Beziehungen und Beratungen sind mobilfunkgeschädigte Bürger und ihre ärztlichen Betreuer, die der Spiegel-Journalismus von Manfred Dworschak dann ohne seriöse Kenntnis der Materie, aber auch ohne Respekt vor der Würde des Menschen demütigt und diffamiert.“

Ablauf der WDR-Sendung

Der Anfang der Sendung, so die Kompetenzinitiative, „schien dem gewohnten Niveau der Reihe zu entsprechen, der Moderator um Ausgewogenheit bemüht. 60.000 Basisstationen stellte er das Leid der Oberammergauer gegenüber.“ Über den Boden verstreute wissenschaftliche Studien und Appelle suggerierten Yogeshwars souveräne wissenschaftliche Kenntnis der Materie. Doch nach dieser Dramaturgie vertrauensfördernder Maßnahmen, die den Zuschauern Ohren und Herzen öffnete, nahm die industriegefällige Interpretation von Forschung und Verbraucherschutz ihren Lauf. „Die armen Oberammergauer wurden auch noch zu einer Population von Simulanten und eingebildeten Kranken degradiert“, so die Kompetenzinitiative, und für die Zuschauer musste das Fazit der Sendung lauten: „1. Es ist alles ganz unbedenklich! 2. Telefoniert nach Herzenslust mobil! 3. Wer es anders zu wissen glaubt, ist ein Panikmacher oder auch nichtsnutzer Bürger, dessen unbegründete Wehleidigkeit dem ökonomischen und kulturellen Fortschritt im Wege steht!“

Die Kunst des Weglassens

Nur einige der von den unterzeichnenden Wissenschaftlern monierten Manipulationen:

Mit den 60.000 Basisstationen wurde zwar die lückenlose Transparenz betont, mit der die Bundesnetzagentur die Strahlenquellen zugänglich mache. Von den ungezählten Antennen, die faktisch den Kommunen und Wohngebieten aufgezwungen werden, erfuhren die Zuschauer aber nichts.

Das Handy brauche eine Mindestsignalstärke, wurde festgestellt. Dass die Empfangsschwelle 12 Größenordnungen unter den Grenzwerten liegt und wir mit milliardenfach niedrigeren Belastungen noch gut mobil telefonieren könnten, wurde unterschlagen und blieb dem Wissen gut Vorinformierter überlassen.


Mobilfunkmast: Seine Betreiber strahlen jetzt
auch – über die „Quarks"-Sendung des WDR

Foto: Siggibau/pixelio.de

Die Strahlenschutzkommission wurde genannt, aber nicht deren Veröffentlichung im Bundesanzeiger zur Veränderung des Ca-Ionenhaushaltes infolge der Strahlung. Überhaupt erfuhren die Zuschauer gleich nach der ersten Minute, wie gut sie geschützt sind: „Quarks & Co zeigt […], dass unsere Grenzwerte in Ordnung sind!“ wurde ihnen gesagt.

Verschwiegen wurde dagegen, dass die geltenden Grenzwerte vom industrienahen Privatverein ICNIRP stammen, der nicht zum ersten Mal falschen Grenzwerten politische Geltung verschafft hat.

Ausführlich dargestellt wurde die plausibel und vertraut wirkende Erwärmung über die Akkus der Handys; verschwiegen die an der ETH Zürich nachgewiesenen Änderungen von Hirndurchblutung und -stoffwechsel.

Scheinwissenschaftliche Irreführung

Ähnlich verfuhr man nach Analyse der Kompetenzinitiative in der Sendung mit Professoren und Studien. Die von Professor M. Antonetti nachgewiesene Erhitzung kleinster Partikel wurde vom Moderator auf das „Niveau einer Zeitungsente“ heruntergedrückt.

Dass Professor Fitzner im Rahmen des europaweiten Reflex-Projekts mit seinem Team DNA-Schädigungen durch elektromagnetische Felder nachgewiesen hat, blieb ausgeblendet.

„1.000 Studien gehen der Frage nach: Machen Handys krank“, wurde in der Sendung mitgeteilt - nicht aber, wie viele dieser Studien sich dem Kapital der Industrie und seinen lenkenden Einflüssen verdanken. Eine „dänische Studie“ wurde bemüht - von der sich inzwischen selbst das Bundesamt für Strahlenschutz distanziert -, Professor L. Hardells Dokumentation eines erhöhten Hirntumorrisikos dagegen mit keinem Wort erwähnt.

„Aktuelle Studien“ ließen keinerlei Langzeitfolgen befürchten, wurde behauptet. Dass aber selbst für ihre Industrienähe bekannte Projektleiter der Interphone-Studie einräumen mussten, dass mit ersten Ergebnisberichten nach einer Studienlaufzeit von drei Jahren über mögliche Spätfolgen noch nichts gesagt werden kann, erfuhren die Zuschauer nicht. Eben so wenig über die Langzeitforschungen von Professor K. Hecht zur Wirkung elektromagnetischer Felder, die  bestätigen, dass sich die drastische Zunahme chronischer Erkrankungen häufig erst ab einem Zeitraum von zehn und fünfzehn Jahren zu erkennen gibt.

„Elektrosensible gibt es nicht“?

In der 27. Sendeminute verkündete Ranga Yogeshwar dann geradezu als bewiesenes Gesetz: „Elektrosensible gibt es nicht“. Aus nachvollziehbarem Grund: Das Bestätigen von Elektrosensibilität würde die Grenzwertideologie ins Wanken bringen und die Verantwortungslosigkeit des politischen Handelns unübersehbar machen. Die Mobilfunkverantwortlichen brauchen aber die Annahme einer gleichförmigen Robustheit und Belastbarkeit aller Menschen für die Rechtfertigung ihres Handelns und die Pflege ihrer weißen Westen. Tatsächlich, so die Wissenschaftler der Kompetenzinitiative, „beobachtet man eine eigentümliche Scherenbewegung. Der Prozentsatz der Elektrosensiblen steigt. Nicht selten kommen sie als Frühinvaliden von strahlenbelasteten Arbeitsplätzen der Mobilfunkindustrie. Entsprechend lauter und vielstimmiger wird aber auch der Chor einer gut bezahlten und noch besser instrumentalisierten Forschung, der versichert, dass Elektrosensibilität ein Märchen ist.“


„Elektrosensible gibt es nicht!" – so Rangar Yogeshwar.
Warum also kein Handy fürs Baby? |
Foto: Hilde Vogtländer/pixelio.de

Yogeshwar sollte dazu mal beim berühmten Karolinska Institutet in Stockholm anfragen, dem Alfred Nobel die Auswahl der Nobelpreisträger für die Bereiche Physiologie und Medizin übertragen hat. Dort arbeitet Professor O. Johannson, dem wir einen der wichtigsten Nachweise von Elektrosensibilität verdanken. Gemeinsam mit dem Team seiner Mitarbeiter hat er in Gewebeschnitten der Haut von Elektroallergikern eine massive Vermehrung von Allergiezellen festgestellt, nur Bruchteile eines Millimeters unter der Hautoberfläche. Diese sogenannten „Mastzellen“ beinhalten eine enzymhaltige „Granula“: kleine, mit allergie-spezifischen Substanzen gefüllte Bläschen, die bei Reizung der Haut durch elektromagnetische Wellen Allergiesubstanzen wie Histamin und Serotonin ausschütten. Rötung, Hitzegefühle, Juckreiz und Schwellungen gehören zu den körperlichen Reaktionen.

In unserer Geschichte, so die Kompetenzinitiative, „ist der Umgang mit den Sensiblen und Schwachen der Gesellschaft ein Indikator für Humanität wie Inhumanität einer Gesellschaft. Deutschland sollte diesbezüglich aus seiner Geschichte und von den Schweden lernen. Auf Grund der signifikanten medizinischen Befunde ist die Elektroallergie im heutigen Schweden offiziell als Körperbehinderung anerkannt. Bei uns aber herrscht noch der Geist von gestern: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (B. Brecht).“

Forderung nach Richtigstellung an den WDR

Zusammenfassung der Kritik: „Die Sendung „Quarks und Co.“ vom 19. Juni 2007 bot keine populärwissenschaftliche Information. Sie bot eine ebenso einseitige wie manipulative Auswahl von angebotenen Standards industriefreundlicher Aufklärung. Sie trug nicht zum Schutz der Verbraucher bei, sondern führte sie in die Irre und förderte ihre Gefährdung und Schädigung.

Maßstab unseres Urteils sind sieben Jahrzehnte der Forschung… Doch den wichtigsten Maßstab der Kritik bieten die ethischen Normen, die sich das Medienwesen mit dem Pressekodex selbst vorgegeben hat – hier zitiert nach der Fassung vom 13. September 2006. „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse“, heißt es darin unter Ziffer 1. Ziffer 2 fordert die gründliche „Recherche“ als „unverzichtbares Instrument journalistischer Arbeit“. Ziffer 4 verbietet alle „unlauteren Methoden“, Ziffer 9 den entwürdigenden Umgang mit Menschen. Und Ziffer 7 fordert – auch im Interesse eigener Glaubwürdigkeit: „Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche oder wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.“ […]


Professor Dr. Karl Richter – zusammen mit Dr. Markus Kern
Gründer „Kompetenzinitiative" und des Projekts "Medien-Kultur"
Fotos:
www.puls-schlag.org

Gegen jede dieser ethischen Normen verstieß die in Frage stehende Sendung grundlegend und schwerwiegend. Ziffer 3 des Pressekodex verlangt in solchen Fällen die unverzügliche und angemessene „Richtigstellung“ von Falschaussagen. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Analyse können und wollen auf die Forderung einer solchen Richtigstellung nicht verzichten. Unter Berufung auf die zitierten Ziffern des Pressekodex und den mit der Sendung angerichteten Schaden fordern sie, in einer der nächsten „Quarks“-Sendungen jene Seite des Kenntnisstandes zur Geltung zu bringen, die in der kritisierten Sendung systematisch ausgeklammert wurde“. Es werde „auch von der Ehrlichkeit des Umgangs miteinander abhängen, ob das gestörte Vertrauen zwischen unserer interdisziplinären Initiative und dem Sender wiederhergestellt werden kann.“ (PK)

Die UnterzeichnerInnen:

Dr. med. C. Aschermann - Dr. med. W. Bergmann - Prof. Dr. rer. nat. K. Buchner - Dr. med. H. Eger - Prof. Dr. med. Frentzel-Beyme - Prof. Dr. rer. nat. E. Ganßauge - J. Groschupp - Prof. Dr. med. K. Hecht - P. Hensinger - Dr. med. M. Kern - Visit. Prof. Dr. rer. nat. L. von Klitzing - H. Krause - Prof. Dr. phil. K. Richter - Dr. med. H.-Chr. Scheiner - Dr. med. dent. C. Scheingraber - Dr.-Ing. Dipl.-Phys. V. Schorpp - Dr. rer. soc. Dipl.-Psych. A. Schrodt – Dr. rer. nat. Dipl.-Phys. St. Spaarmann - Dr. rer. nat. U. Warnke - Dipl-Psych. H. Tlach - Dr. med. C. Waldmann-Selsam - Prof. Dr. med. G. Zimmer

Mehr zu „Quarks“, SPIEGEL-Bericht und zum Projekt „Medien-Kultur“ unter www.kompetenzinitiative.de

Online-Flyer Nr. 104  vom 18.07.2007

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