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Aktueller Online-Flyer vom 07. Juli 2020  

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Lokales
„Pascha“-Betreiber kneift bei Kölner Filmhaus-Diskussion
Kein „Kulturort Bordell!“
Von Anna Basse

„Ich hätte mir heute hier mehr Menschen gewünscht, äh, ich meine mehr Männer.“ – Dieser Wunsch von Rolf Emmerich, Organisator des Kölner „Sommerblut-Kulturfestivals“, ging bei der Podiumsdiskussion im Filmhaus nicht in Erfüllung. Es waren mit großer Mehrheit Frauen zur Diskussion gekommen, und nicht einmal alle anwesenden Männer mochten das Bordell „Pascha“ als angemessene Kulturstätte akzeptieren, das er selbst Ende April als Eröffnungsort für das Festival ausgewählt und so für einige Empörung gesorgt hatte.

Pascha-Betreiber kneift

Und nun hatte Herrn Emmerich auch noch Armin Lobscheid, Betreiber des Pascha, im Stich gelassen und kurzfristig seine Zusage, an der Podiumsdiskussion  „Kulturort Bordell?!“ teilzunehmen, kurzfristig zurückgezogen. Der selbe Herr Lobscheid, der sonst eigentlich nur zu gerne öffentlich für sein Haus wirbt und jede Gelegenheit nutzt, um seine guten neuen Ideen vorzustellen - wie aktuell den Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Pascha, damit Eminem und andere Prominente schnelle Anreise und unbeobachteten Zugang haben. Darüber und über Ehefrauen, die (angeblich) anrufen, weil der Wagen ihres Mannes schon Tage vor dem Pascha stehe, plauderte er neulich launig beim Heimatfernsehsender center tv und versicherte die Zuschauer dabei natürlich seiner Diskretion. Männer müssen doch zusammenhalten!

Rolf Emmerich
Rolf Emmerich - Spickzettel in der Gesäßtasche
Quelle: köln.de


Sommerblut-Manager mit Spickzettel

Seine Absage ans Filmhaus und an Emmerich begründete Lobscheid damit, dass er sich von der Diskussion nichts verspreche und auch nicht irgendwohin gehe, wo er nicht erwünscht sei. Und so saß der arme Herr Emmerich, weil er nicht für das Podium eingeplant war, mit Spickzettel in der Gesäßtasche in der ersten Reihe und wartete darauf, auch zu Wort zu kommen.

So blieb es Festival-Schirmherr Jürgen Roters und Michael Schumacher, Geschäftsführer der Kölner Aids-Hilfe, überlassen, für das Bordell Pascha/Tabledance als Kulturveranstaltungsort einzutreten. Brigitta von Bülow, frauenpolitische Sprecherin vom Bündnis 90/Die Grünen, Renate Hofmann von Solwodi e.V. und Frauke Mahr vom Kölner Verein LOBBY FÜR MÄDCHEN vertraten aus unterschiedlichen Perspektiven die Sicht der KritikerInnen.
 
Nicht zum ersten Mal Proteste

Das Sommerblut-Festival sorgte nicht zum ersten Mal für Auseinandersetzungen in Sachen Pascha, dessen Chef sich wegen Image-Pflege beim Sponsoring nicht lumpen lässt. Schon eine Veranstaltung des FC-Fan-Projekts im Jahr 2005 im Tabledance hatte für unangenehmes Aufsehen gesorgt und hatte am Ende den Abbruch des bestehenden Sponsoring-Vertrages zur Folge. Kritik musste sich 2006 auch die Aids-Hilfe wegen ihrer Veranstaltung dort gefallen lassen. Und heftigen Ärger bekam auch der Filmhaus-Vorstand selbst, weil er das Pascha in das Festival-Programm „ShortCuts Cologne 2006“ einbeziehen wollte (Siehe NRhZ 90).

Anfang April 2007 gab Rolf Emmerich trotzdem bekannt, dass die Auftaktveranstaltung des Kultur-Festivals Sommerblut im Pascha-Nachtclub stattfinden werde. Irrtum! Fand es nicht! Der heftige Protest von Atelier-Theater, Carolina Brauckmann, Monika Hasenberg, Marion Scholz, Veranstalterin der Benefiz-Gala Sommernachtsfrauen und vielen anderen führte schließlich zu einer Verlegung der Veranstaltung und nun schlussendlich auch zur Diskussion im Filmhaus, von der es im Vorfeld hieß, man könne kaum den Andrang der Pascha-Befürworter bewältigen, die alle aufs Podium wollten und nun mit Plätzen im Publikum vorlieb nehmen müssten.

Werbung mit „frischem Fleisch“

Die bekannten Pro- und Kontra-Argumente waren schnell aufgezählt, doch dann drehte sich die Diskussion im Kreis: Ja, das Bordell Pascha ist vergleichsweise ein besserer Arbeitsplatz als der Straßenstrich. Nein, es steht nicht in Frage, dass die Aids-Hilfe vor Ort mit ihrer Präventionsarbeit aktiv sein soll. Ja, Prostitution ist soziale Realität. Soweit herrschte im Vorfeld noch Einigkeit. Schwieriger wurde es beim Themenkomplex „Prostitution ist ein normaler Beruf“, den Frauen frei wählen, und das Pascha sei das Modell für die zuhälterfreie, selbst bestimmte Prostitution.

Fotomontage: Werbung für Pascha im EXPRESS - Der Kardinal greift ein
Werbung für „Pascha“ im EXPRESS - Der Kardinal greift ein
Fotomontage: Jan Brune und Hady Emami


Renate Hofmann von Solwodi, einer internationalen Organisation gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution, berichtete von ihrer Arbeit mit Frauen aus Osteuropa, die wohl wissend, dass sie als Prostituierte arbeiten würden, nach Deutschland gekommen waren, um der Armut zu entfliehen. Die Realität sah dann allerdings so aus, dass sie hier in der Prostitution Gewaltopfer wurden und - zum Beispiel - zu allen möglichen Sexpraktiken gezwungen wurden, worauf sie mit massiven psychischen und psycho-somatischen Erkrankungen reagierten. Mit „frischem Fleisch“ und einer Top-Ten-Liste von Mädchen - sechs davon aus Osteuropa! - wirbt auch das Pascha auf seiner Homepage.

Auch Brigitta von Bülow von den Grünen hat aus Gesprächen mit Sozialarbeiterinnen, die Sex-Arbeiterinnen betreuen, Informationen, die nicht in das weich gezeichnete Bild der Prostitution in Europas größtem „Laufhaus“ passen.

Frauenverachtung mehr als deutlich

Frauke Mahr von der LOBBY FÜR MÄDCHEN erklärte kategorisch, so lange Frauen schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, so lange sie in so genannten typischen Frauenberufen unter dem Existenzminimum bezahlt werden und so lange jedes dritte bis vierte Mädchen Formen sexualisierter Gewalt erlebe, sei eine realistische Diskussion um Freiwilligkeit von Prostitution schlicht nicht möglich. Zudem mache die Selbstdarstellung, sprich Werbung der Bordelle generell ihr Frauenbild und ihre Frauenverachtung mehr als deutlich.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


„Pascha sein ist fein“ ist da noch eine harmlose Variante. Die sehr knapp bekleidete Frau, die dem Mann die Schuhe putzt, zeigt schon deutlicher, welches Rollenbild bedient wird. Pascha-Werbefotos im EXPRESS des Hauses DuMont Schauberg, auch schon mal eingebaut in einen einladenden Bericht von dessen Redaktion, lassen sich allenfalls ironisch collagiert ertragen. Unsäglich auch die Werbebeiträge für Pascha und Tabledance im Nachmittagsprogramm des WDR-Fernsehens. Und völlig entlarvend ist schließlich die Werbung mit Aussagen von Freiern über ihre Sexpraktiken und die Reduzierung der Frauen auf ihre Körperöffnungen.

„Man muss nachdenken“

Doch auf diese Diskussion ließen sich die Männer auf dem Podium nicht ein. Michael Schumacher von der Aids-Hilfe blieb bei seiner Haltung, das Bordell als Kulturort verbessere die Situation der Sex-Arbeiterinnen. Das Bordell werde durch die neuen Gäste von Kulturveranstaltungen transparenter und kontrollierbarer. Ex-Regierungs- und Ex-Polizeipräsident Roters gab immerhin zu: „Man muss nachdenken, ob diese Entscheidung zum Veranstaltungsort richtig war.“ Und natürlich habe er als Schirmherr von Sommerblut nicht die Prostitution unterstützen und fördern, sondern Gewaltopfern helfen und der Zwangsprostitution entgegenwirken wollen.

Im Kölner Stadt-Anzeiger hatte Roters am 10.April Emmerich noch den Rücken gestärkt: „Wo Prostituierte frei und selbstbestimmt ihrer Arbeit nachgehen, kann auch ein Ort für Kultur sein“, hatte der Festival-Schirmherr damals erklärt. Und: „Die Wahl des Pascha bedeutet nicht, dass wir Prostitution gutheißen.“

Ihm schloß sich Mechthild Eickel vom Huren-Unterstützungsprojekt Madonna in Bochum an. Sie betonte die Notwendigkeit guter Rahmenbedingungen für Sex-Arbeiterinnen und verwahrte sich gegen grundsätzliche feministische Kritik an der Prostitution und dem Pascha als Arbeitsplatz. Der Plan, das Bordell als Kulturort zu etablieren, trage zur Normalisierung der Prostitution bei und baue Vorurteile ab. Deshalb brauche die Prostitution auch Werbung, selbst wenn sie in der Regel männliche Sexualität bediene.

Große Mehrheit dagegen

Dafür konnte sie die große Mehrheit der ZuhörerInnen an diesem Abend aber nicht gewinnen. Auch ihr Hinweis auf miese 1-Euro–Jobs brachte die Leute im Saal nicht dazu, Sex-Arbeit als gute Alternative anzuerkennen. Die seien, hielt man ihr entgegen, ein Argument für den Kampf um angemessene Bezahlung, soziale Gerechtigkeit und nicht zuletzt Geschlechtergerechtigkeit. Es bleibe die Frage, ob Ablehnung der Prostitution als Ausdruck bestehender Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse zwischen den Geschlechtern denn tatsächlich eine Diskriminierung von Sex-Arbeiterinnen sei.
 
Die wenigen BefürworterInnen des Bordells als Kulturort ließen hingegen eine positive Haltung zum „Geld machen“, wie und womit auch immer erkennen: Wo ist das Problem? Der Bordellbetreiber, pardon, der Organisator will natürlich Geld verdienen und es bedarf der Werbung, um weitere Kunden zu gewinnen. Je weniger Hemmschwellen es gegenüber dem Bordell gibt, umso höher wird die Gewinnspanne. Dass der abwesende Herr Lobscheid von Filmhaus, Aids-Hilfe und Rolf Emmerich, um nur einige zu nennen,  Werbung gemacht und Kunden zugeführt bekam, war ihnen offenbar keinen kritischen Gedanken wert. Es sei doch normal, dass Herr Lobscheid Geld, mehr Geld machen will, und ob er nun mit Marmelade handelt oder mit männlichen Herrschaftsphantasien, die sich mit Sex-Arbeiterinnen am besten ausleben lassen, was spiele das für eine Rolle?

Nicht auf der Höhe der Zeit?

Den KritikerInnen von Rolf Emmerich und Jürgen Roters wurde Bigotterie, Unsachlichkeit, Emotionalität, sogar Fundamentalismus vorgeworfen. Werbung mit sexistischen Bildern, die Darstellung von Frauen als Ware und die verachtende Sprache in diesem Kontext war für sie in keiner Weise anstößig. Sie seien nicht auf der Höhe der Zeit, wenn sie eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sex als Dienstleistung, Frauen als Ware fordern und den Hinweis: „Das hat es doch schon immer gegeben“ nicht gelten lassen wollten. Der seltsamste Vorwurf schließlich hieß: Sie seien wohl noch nie in einem Bordell gewesen.

Hat die Diskussion im Filmhaus etwas bewirkt? Die dort vertretenen Standpunkte haben sich kaum angenähert. Aber die kritiklose Übernahme der Bordell-Eigenwerbung und die schlichte Rechnung, wer das Bordell als Kulturort betrachtet und nutzt, der/die verbessert die Situation von Prostituierten und engagiert sich für freie Sexualität, und damit ist gut, hat diesmal nicht funktioniert, weil das zu 90 Prozent äußerst kritische Publikum und die Podiumsteilnehmerinnen dagegen gehalten haben.

Erste Erfolge?

Deutlich wurde am Ende: Eine gesellschaftliche Debatte über die Pornographisierung des Alltags und des Öffentlichen Raums ist überfällig, eine Debatte darüber, dass mit Hilfe der Medien Sexualität immer mehr als Sex-Dienstleistung in die öffentliche Darstellung drängt, eine Auseinandersetzung darüber, dass Sexualität zunehmend weniger als persönliche Begegnung gleichberechtigter Subjekte gezeichnet wird, während menschenverachtende Texte und Bilder Alltag werden.

Und erste Erfolge scheint die Auseinandersetzug gebracht zu haben: Für das nächste Jahr sei das Bordell Pascha nicht im Gespräch für das Sommerblut-Kulturfestival, so Jürgen Roters. Herr Lobscheid für dieses Jahr aufgrund der Proteste angeblich seinen Plan, einen Werbewagen bei der CSD-Parade mitfahren zu lassen, aufgegeben. Frage nur, ob das wohl wahr ist? Und die Frage ist auch, was der Organisator als Nächstes vorhat – nach dem Seniorentarif, den originellen Werbeveranstaltungen wie „Blow Job Day“ oder „Die meisten Männer in 12 Stunden“ – nicht zuletzt dank seiner guten Kontakte zu den lokalen Medien in Köln?

Online-Flyer Nr. 97  vom 30.05.2007

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