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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Sport
Ich beobachte den 1.FC Köln wie er sich weiter blamiert
Bier statt Böller
Von Hermann

Es ist grade einmal ein Jahr und einen Monat her, da habe ich an dieser Stelle über eine Erfindung namens Winterpause geschimpft. Dreizehn Monate später, also jetzt, genieße ich diese Einrichtung erstmals in vollen Zügen. So viel verlief hier in Köln während der Hinrunde außerplanmäßig, dass es nun wie ein Segen scheint, vier Wochen lang vom quälenden Zweitligaalltag befreit zu sein.


Montage: Hermann

Hinzu kommt, dass sich in der spielfreien Zeit unser Vizemeistertrainer endlich eingehend mit der Mannschaft auseinandersetzen kann, und ganz im Geheimen keimt in mir immer noch dieses zarte Pflänzchen, landläufig als Hoffnung bekannt, welche ja, wenn man dem Volksmund Glauben schenkt, zuletzt stirbt. Beseelt von diesem Fünkchen Restglauben daran, dass mein Verein „das Unmögliche doch noch möglich macht“ (Zitat Co-Trainer Koch), war es mir so möglich, die Feiertage in einem Zustand beinahe debiler Ausgeglichenheit zu verleben. Denn dank der Winterpause kann es zu keinem Ereignis kommen, welches die Tabellensituation noch aussichtsloser erscheinen lässt. Selbst der von mir arg verachtete Volksjubeltag Silvester vermochte mir dieses Jahr nicht die Laune zu verhageln.

Meine Abneigung gegen den Jahreswechsel hat verschiedene Ursachen. Zum einen lebe ich seit einigen Jahren mit einem Hund zusammen, dessen Begeisterung für Feuerwerk sich in ziemlich engen Grenzen hält. Zum anderen betrinke ich mich nicht gerne zu Zeitpunkten, die dafür von der Allgemeinheit vorgesehen sind, weil gleichzeitig auch immer jede Menge Menschen trinken, aus deren Herzen der Alkohol nicht unbedingt die Sonne scheinen lässt. Einzige Ausnahme ist hierbei der Fußball, hier trinke ich ausschließlich, um der Zusammenkunft mit eben beschriebenen Menschen das Grausen zu nehmen, aber selbst zu Karneval hüte ich, trotz meines ausgeprägten Lokalpatriotismus, die Stube, um dann anderntags in Räuberzivil zur Mittagszeit im Supermarkt als einziger durch ungemeine Ausgeschlafenheit aufzufallen.

Vielleicht hat Nick Horby in Fever Pitch Recht und ich habe kein Verhältnis zu Silvester, weil das Jahr des Fußballfans von August bis Mai geht und für ihn die kalendarische Zeitrechnung dadurch an Wichtigkeit verliert. Einzig bemerkenswert empfinde ich zur Jahresendzeit die wunderschönen Rückblicke im Fernsehen. Dieser schönen Tradition folgend präsentiere ich hier meinen

Jahresrückblick

1. Halbjahr (Rückrunde): Ich beobachte den 1.FC Köln dabei, wie er sich in großen, mitunter schönen Stadien blamiert. Am Ende steht der Abstieg.

Sommerpause: WM im eigenen Land und alle sind total gut drauf. Ich nicht. Ich hab keine Karte bekommen. Dennoch präsentiere ich mich, wie alle Deutschen, von meiner besten Seite. Ich habe sogar dem ‚Friedenswanderer’ 10 Euro gegeben.

2. Halbjahr (Hinrunde): Ich beobachte den 1.FC Köln dabei, wie er sich auf Dorfplätzen blamiert. Am Ende des Jahres hat Deutschland eine Task Force, die direkt gegen die drei Phänomene Hooliganismus, Rassismus im Stadion und Gewalt gegen Schiedsrichter vorgehen soll. Vielleicht entsprach die beste Seite, von der sich die Deutschen zur Jahresmitte präsentierten, nicht ganz ihrem wahren Gesicht. Ich bin dem ‚Friedenswanderer’ erneut begegnet und habe ihn ohne einen müden Euro vor die Tür gesetzt.

Eine Sache war im zweiten Halbjahr noch bemerkenswert: Die Bierverkäufer im Stadion, die mit einem Fass auf dem Rücken im Stadion unterwegs waren, sind verschwunden. Nein, so ist das falsch, die Bierfassrucksäcke sind verschwunden, die Bierverkäufer sind noch da und jetzt mit Trägern und Kränzen unterwegs. Wieder hat Müngersdorf ein Stück gastronomischer Lebensqualität verloren. Erst wurde die Dönerbude vor der Südkurve abgeschafft, dann hängte der allseits beliebte Eismann Jochen seinen Job nebst seiner lustigen, karierten Schirmmütze an den Nagel und in diesem Jahr verschwanden die Tankstelle gegenüber dem Stadion und die Bierrucksäcke. Und was letztere angeht, ist das nicht nur in Köln so, mein Freund Zuki aus Hamburg beobachtete im dortigen Stadion eine ähnliche Entwicklung. Hier sehe ich wirklich Handlungsbedarf für eine Task Force. Man kann doch nicht einfach lieb gewonnene Einrichtungen, ja beinahe Denkmäler des leiblichen Wohls unkommentiert demontieren. Mit dieser sich immer schneller verändernden Zeit wird es zunehmend schwieriger Schritt zu halten. Zum Glück gibt es ja noch gute, traditionelle Errungenschaften, an denen man sich in aller Ruhe laben kann. Wie die Winterpause zum Beispiel.

p.s. Zum ‚Friedenswanderer’ fand ich folgendes auf den Seiten der Braunschweiger Zeitung:

"Meine Mission ist der Frieden. Ich will nicht tatenlos zusehen, wie Menschen in Unfrieden miteinander leben." Seit 16 Jahren wandert der Wiener Stefan Horvath kreuz quer durch Europa zu den Konfliktherden des Kontinents. [...]Horvath logiert im Hotel. Nächte unter Brücken, die Parkbank oder das Gebüsch im Stadtpark wären nicht standesgemäß. "Ich bin kein Landstreicher", betont der Läufer. "Ich bin Weltfriedenswanderer, der seine Mission erfüllt." Hotels öffnen ihm eine Zimmertür. Sponsor des weltoffenen Wieners ist die Wirtschaft. Geschäftsleute helfen mit Geld- oder Sachspenden. Horvath besorgt dafür Hilfsgüter, Spielzeug für Kinder, zahlt auch mal eine Fahrkarte.

Da scheint mich doch jemand mit einem Geschäftsmann verwechselt zu haben. Als ich dem Friedenswanderer ein Kölsch ausgeben wollte, lehnte er mit den Worten „Ich bin kein Alkoholiker“ ab. Wer sich so vehement von Landstreichern und Alkoholikern abgrenzt, darf nicht erwarten, dass ihm ein notorischer Schwarzfahrer die nächste Fahrkarte finanziert. Hier spricht vermutlich nur der Neid aus mir, weil der Friedenswanderer WM-Karten von seinen „Freunden von der Presse“ hatte und ich draußen bleiben durfte. Friedenswanderer müsste man sein. Der Glückliche.


Online-Flyer Nr. 77  vom 10.01.2007

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