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Aktueller Online-Flyer vom 27. September 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Deutsche Stadtwerke und Industrie profitieren von Regenwaldzerstörung
"Bio"diesel oder Kahlschlag-Energie?
Von Werner Paczian

"Palmöl ist ein wichtiger Grundstoff. Doch die Anlage von Plantagen führt zu Menschenrechtsverletzungen, sozialer Ungleichheit, Abholzung und Umweltzerstörung", sagt Rudy Ready Lumuru, Direktor von Sawit Watch (Palmöl-Watch). Die indonesische Umweltorganisation hat seit 1998 auf Borneo ein Netzwerk von 50 lokalen Partnern aufgebaut. Die arbeiten direkt mit rund 45.000 Familien in 75 Kommunen zusammen, deren Lebensgrundlage von Palmöl-Plantagen bedroht ist.

Palmöl-Plantagen bedrohen Indigene

"Etwa 100 von 220 Millionen Menschen insgesamt sind in Indonesien auf Wälder und ihre natürlichen Ressourcen zum Überleben angewiesen, darunter rund 40 Millionen Indigene", berichtet Rudy Ready Lumuru. "Sie brauchen die Wälder für den täglichen Bedarf, aber auch für das Überleben ihrer Kultur und Traditionen." Doch riesige grüne Wüsten aus Palmöl-Monokulturen fressen sich in dem südostasiatischen Land immer tiefer in die Regenwälder hinein: Seit 1999 wurde die Plantagenfläche von drei auf weit über fünf Millionen Hektar ausgedehnt. Gerade die vergangenen 15 Jahre haben bewiesen, dass praktisch für jede neue Palmöl-Plantage Wald zerstört wird und die Branche dabei häufig gezielt Regenwald per Brandrodung vernichtet, um neue Flächen zu gewinnen.

Regenwald in Kalimantan brennt für Palmöl-Plantagen
Regenwald in Kalimantan brennt für Palmöl-Plantagen
Foto: Ralf Kuepper



Die Vernichtungsorgie hat viel damit zu tun, dass wir Energie verschleudern. Die aktuelle Ölkrise hat einen weltweiten Boom ausgelöst, und Indonesien und Malaysia setzen künftig auf Energie aus Palmöl. "Bio"diesel und "Bio"strom aus Palmöl, das bisher hauptsächlich zur Herstellung von Schokolade, Margarine oder Waschpulver verwendet wurde, sind aber keineswegs so ökologisch, wie die Vorsilbe "Bio" suggeriert.

Schwäbisch Hall - Trendsetter für Umweltzerstörung

Ein Beispiel aus Schwäbisch Hall zeigt, wohin der Weg geht. Dort soll noch bis Jahresende ein Kraftwerk in Betrieb gehen, das Strom und Wärme aus billigem Palmöl liefern und dafür Steuergelder nach dem "Erneuerbare Energien Gesetz" kassieren will. Jahresbedarf 7.500 Tonnen. Der Einsatz von heimischem Rapsöl ist nach Angaben der Stadtwerke Schwäbisch Hall "unwirtschaftlich". Kein Wunder: Weil Palmöl-Plantagen gleichbedeutend sind mit sozialer Ausbeutung, Kinderarbeit, Regenwaldvernichtung und Menschenrechtsverletzungen, ist dieses Produkt am Ende billiger.

Nach der Brandrodung für 'Bio'diesel
Nach der Brandrodung für "Bio"diesel
Foto: Ralf Kuepper



Kosten für Umweltschäden wie Regenwaldzerstörung und Verlust der Artenvielfalt, aber auch Gesundheitsschäden bei den betroffenen Menschen durch den massiven Einsatz von Agrargiften fließen in den Preis für Palmöl nicht ein, sonst wäre es konkurrenzlos teuer. Die Stadtwerke Schwäbisch Hall rechtfertigen ihr neues Kraftwerk damit, es handele sich doch um "erneuerbare Energien". Tatsächlich handelt es sich um Kahlschlag-Energie. Dabei geht es nicht nur um das eine Kraftwerk von Schwäbisch Hall. Im Geschäftsbericht der Stadtwerke heißt es: "Weitere komplexe Stromerzeugungsanlagen dieser Art werden wir im Wege von Contracting auch für andere Stadtwerke erstellen". So baut sich Schwäbisch Hall zum Trendsetter für Regenwaldzerstörung auf.

Torfwaldbrände erhöhen CO2-Emission

Die Stadtwerke Schwäbisch Hall argumentieren unter anderem mit der positiven CO2-Bilanz von Palmölverstromung. Wissenschaftler um Florian Siegert vom Geo-Bio-Center der Ludwig-Maximilians-Universität München sehen das ganz anders. Fakt sei, dass vor allem in Indonesien Regenwälder abgefackelt werden, um neue Plantagenflächen zu gewinnen. Auch in Malaysia sind seit 1985 solche Plantagen die Ursache für 87 Prozent der Waldverluste. Dramatisch ist, dass die Feuer auch viele Torfwälder vernichten. Ein Teil der Regenwälder wächst auf Torf, der sich in Jahrtausenden gebildet hat. Diese Schichten, die bis zu 18 Meter dick sein können, speichern große Mengen Kohlenstoff. Siegert zufolge tragen die Torfwaldbrände in Indonesien maßgeblich zum Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Erdatmosphäre bei. "Unsere Zahlen für 1997 zeigen, dass die Kohlendioxidmenge aus verbrannten Torfwäldern Indonesiens damals rund ein Viertel der globalen CO2-Emissionen ausmachte", sagt Siegert. 2006 betrage dieser Anteil bisher hochgerechnet 5 bis 15 Prozent. Diese Zahlen führen die angeblich neutrale Klimabilanz von Treibstoffen oder Strom aus Palmöl ad absurdum.

Ausrottung der letzten Orang Utan

Das in Schwäbisch Hall eingesetzte Palmöl stammt, wie die Stadtwerke behaupten, aus Malaysia. Wer aber dort Palmöl kauft, dem kann es passieren, dass der malaysische Palmöl-Broker die Ware vorher in Indonesien gekauft hat, etwa aus Kalimantan auf Borneo. Und dort sterben als Folge der Palmölplantagen-Expansion in die Regenwälder auch die ohnehin seit langem von Ausrottung bedrohten Orang Utan aus. Die Wälder, auf deren Bäumen sie leben, werden verbrannt. In ganz Südostasien gibt es noch kein Palmöl, das aus diesen Gründen von unabhängiger Seite als ökologisch unbedenklich zertifiziert wurde.

Orang Utan-Babyschule in Nyaru Menteng
Orang Utan-Babyschule in Nyaru Menteng
Foto: Ralf Kuepper



Mit zwei weiteren Vertretern von Sawit Watch reiste Rudy Ready Lumuru durch mehrere westeuropäische Länder, darunter nach Deutschland, um auf die dramatische Situation in seinem Land aufmerksam zu machen, die durch die explosionsartige Expansion von Palmöl-Anbau entstanden ist. Auf Initiative von "Rettet den Regenwald" und unterstützt durch Watch Indonesia, Borneo Orang Utan Survival Foundation und Sawit Watch entstand eine Resolution, mit der ein Bündnis von rund 40 Menschenrechts- und Umweltorganisationen den Einsatz von Energie aus Palmöl auf Kosten von Waldökosystemen ablehnt.

NGOs: Palmölboom einer der größten Flüche

"Der weltweite Palmölboom ist einer der größten Flüche für die Regenwälder und ihre Bewohner. Waldzerstörung, Vergiftung von Böden, Wasser und Luft durch Agrargifte sowie Landkonflikte und Verarmung der betroffenen Menschen sind die Folgen", beginnt die gemeinsame Erklärung von Nichtregierungsorganisationen, die unter anderem vom BUND, NABU, von Robin Wood, urgewald, der Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz, OroVerde, terre des hommes, Pro Regenwald und dem Deutschen Naturschutzring unterzeichnet wurde.

Kernforderung ist eine "grundlegende Änderung unserer Energie- und Verkehrspolitik
Dazu gehören vor allem:
- die Förderung des öffentlichen Personenverkehrs zu Lasten des PKW- und Flugverkehrs,
- konsequente Energiesparmaßnahmen wie zum Beispiel die gesetzliche Festschreibung des maximalen Treibstoffverbrauchs auf drei Liter pro 100 Kilometer für PKW (Drei-Liter-Auto),
- der konsequente Ausbau von erneuerbaren Energien wie Sonnen- und Windkraft"

Gemeinsam mit Umwelt- und Menschenrechtsorganisation in Indonesien wie Sawit Watch oder Walhi fordern die Unterzeichner, "dass beim Einsatz tropischer Produkte für unseren Energiehunger strenge Kriterien eingehalten werden müssen. Dazu gehört vor allem: keine Umwandlung von Primärwald in Plantagen."

Werner Paczian
Sprecher von Rettet den Regenwald (Hamburg)
info@regenwald.org
www.regenwald.org



Online-Flyer Nr. 71  vom 21.11.2006

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