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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Galerie: Alternative Kölner Ehrenbürgerschaft für Gunter Demnig
Kein Haus, kein Grab, kein Name
Von Anneliese Fikentscher

"Es geht beim Ehrenbürger nicht darum, sich an der Stadt verdient zu machen, sondern um die Stadt.", begründet Heinrich Pachl die Entscheidung, neben der offiziellen Ehrenbürgerschaft,  die `alternative´, d.h. die `sinnvolle´ Form der Ehrenbürgerschaft ins Leben zu rufen. Spätestens mit der Verleihung der offiziellen Ehrenbürgerschaft an den Kölner Verleger Alfred Neven DuMont im Jahrf 2001 und den Schokoladenkönig Imhoff 2002, in dem auch der Banken-Baron von Oppenheim als möglicher Ehrenbürger gehandelt wurde, sah sich ein ad hoc gegründetes, 30 Persönlichkeiten zählendes `Kölner Bürgerkomitee´ (darunter auch Pachl) veranlasst, dem Anschein zu widersprechen, in der Domstadt könne jeder Ehrenbürger werden, der auch wirtschaftlich durchsetzungsfähig sei.
Die Zeit schien damals "reif", für die Verleihung der ersten alternativen Ehrenbürgerschaft - und zwar an den Vingster Pfarrer Franz Meurer, der zwischen sich und dem heutigen Preisträger Gunter Demnig eine elementare Gemeinsamkeit benennt: "RESPEKT - entweder wahrnehmen, mitbekommen, hingucken, reden - oder segmentieren, seggregieren, die Stadt aufteilen. Diejenigen, die `Wohlstandsmüll´ sind (Unwort des Jahres) nicht mitnehmen, nicht dabei haben wollen. Das ist der entscheidende Punkt." Respekt und Erinnern - das sei es, was die beiden, bisher einzigen alternativen Kölner Ehrenbürger verbinde.

"Man geht in Köln die Straße entlang, und plötzlich stockt der Fuß. Etwas glänzt. Man will es fast aufheben, man bückt sich, bleibt stehen und liest: `Hier wohnte Wolfgang Horst Kaninka´...", so Elke Heidenreich in ihrer Laudatio für den seit 1985 in Köln ansässigen Konzeptkünstler Gunter Demnig, der "von uns allen [im Kölner Bürgerkomitee, darunter Martin Stankowski, Jürgen Becker, Carmen Thomas, Witich Rossmann, Günter Wallraff, Gisbert Brovot, Peter Canisius} und ohne jede Diskussion" zum zweiten alternativen Ehrenbürger gewählt wird. "Warum? Weil Du Deine Stolpersteine verlegst. Das ist der äußere Anlaß. Es ist, weil Du eine besondere Art des Gedenkens und Erinnerns gefunden hast und praktizierst... Im Straßenpflaster vor dem Haus, aus dem dieser Mensch damals für immer gehen mußte - fast immer in den Tod - liegt jetzt ein Stein, Beton mit Messingplatte graviert und erinnert an diesen Menschen - Wolfgang Horst Kaninka zum Beispiel - und er war gerade mal 16 Jahre alt."

Die Kunst Gunter Demnigs, der 1947 in Berlin geboren wird, dort lebt, studiert, wirkt und ab 1971 aus der Beuys-Stadt Kassel heraus erste Spuren legt: von Kassel nach Paris, Kassel - London, Kassel - Venedig, ist geprägt von einem politischem Ausdruckswillen, den die Kölner Juroren zu schätzen wissen, weil - so Heidenreich - alle gute Kunst nicht beliebig sein darf, sondern politisch sein muß. 1985 bezieht Gunter Demnig sein Kölner Atelier. Gemeinsam mit Kurt Pick, dem engagierten Pfarrer, Kunstförderer und Kirchenasyl-Avantgardisten der Antoniterkirche entsteht ein konzeptuelles Erinnerungs-Kunstwerk, das sich in der Zusammenarbeit mit Kurt Holl und dem Rom e.V. vertieft.

Spuren werden verfolgt und gelegt: 1990, fünfzig Jahre nach der Verschleppung der Sinti und Roma, zieht Gunter Demnig eine 16 km lange Farbspur durch Köln: "Mai 1940 - 1000 Sinti und Roma". Die Spur führt von den damaligen Wohnorten der Sinti und Roma zum Deportationsbahnhof an der Messe in Köln-Deutz. 1993 entwickelt Gunter Demnig die Idee der Stolpersteine, die individuell am letzten selbstgewählten Wohnort zur Erinnerung und Mahnung dienen sollen. 1996 - also vor zehn Jahren - erfolgt die erste Umsetzung gegen den erbitterten Widerstand des damaligen Oberstadtdirektors Lothar Ruschmeier aber mit Unterstützung des Stadtmuseum-Leiters Werner Schäfke. Auch über Köln hinaus ist Widerstand zu spüren. Die heutige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, will von den Erinnerungssteinen nichts wissen. Eine Initiative unter Dr. Reiner Bernstein protestiert gegen "den Beschluß des Münchener Stadtrates vom 16. Juni 2004" und ist empört über das "Herausbrechen der Gedenksteine für Paula und Siegfried Jordan in der Mauerkircherstraße", das als "Schändung der persönlichen Gedenkstätte" empfunden wird.

Aktuell sind 8200 Steine in 174 Städten Deutschlands verlegt. Im europäischen Ausland, wie z.B. in Frankreich, regt sich Interesse. Aus Österreich werden verstärkt Stolpersteine nachgefragt. Das besondere am Konzept der Orte individueller Erinnerung und - das wird gerne übersehen - an der Thematisierung nachbarschaftlicher Mitverantwortung drückt sich in der unterschiedslosen Behandlung der Opfer von NS-Gewaltherrschaft aus. Seien es politisch Verfolgte, Homosexuelle, Sinti, Roma oder rassistisch Verfolgte jüdischen Glaubens: kein Opfer ist mehr wert als das andere.

VP's (viel Prominenz), aber auch viele Vertreter und Mitwirkende aus Kölner Initiativen waren gekommen, um dem neuen Kölner Ehrenbürger anläßlich der Verleihung ihre Anerkennung zu zeigen: von der Senftöpfchen-Prinzipalin Alexandra Kassen über Rolly Brings, den Edelweißpiraten Jean Jülich, Dr. Reiner Bernstein, Wolfgang Uellenberg van-Dawen, Jörg Detjen, Konrad Höcker von der Kölner Klagemauer-Initiative, eine Vertreterin der Kölner Frauen in Schwarz, den Direktor des NS-Dokumentationszentrums Dr. Werner Jung, einen Vertreter des Jugendclub Courage, Claudia Wöhrmann-Adam, Martin Sölle, die Kölner Erwerbslosen in Aktion, Klaus Jünschke, bis hin zu Norbert Burger als offiziellem Ehrenbürger der Stadt Köln und Stadtdirektor Kahlen als offiziellem Vertreter des Kölner Oberbürgermeisters Fritz Schramma.

Kurt Holl vom Rom e.V. forderte "eine Erinnerung" mit praktischen Folgen: "Wenn man sich in Köln auch dafür engagiert, dass Roma, die selber Opfer der faschistischen Verfolgung waren, von denen auch eine Reihe als Zwangsarbeiter in Deutschland bei Bayer-Leverkusen waren, oder die als Partisanen gekämpft haben... Diese Menschen... Natürlich sind viele von ihnen heute tot, aber ihre Kinder und Enkel leben hier in Köln und sind bedroht von Abschiebung. Auf Englisch heißt Abschiebung Deportation. Wenn so eine Veranstaltung einen Sinn hat, der über das bloße Gedenken hinaus geht, dann den, das wir uns dafür einsetzen sollen, dass solche Deportationen - auch `rechtsstaatlicher´ Art - nicht mehr vorkommen."

weitere Informationen
www.stolpersteine.com
www.nsdok.de (integrierte Datenbank/Stolpersteine)

Gunter Demnig
Gunter Demnig - zweiter alternativer Kölner Ehrenbürger

Ensemble Mario Triska
Ensemble Mario Triska auf dem Rathausplatz

Gunter Demnig und Sonja Mikich
Gunter Demnig und Sonja Mikich vor der Verleihung

Elke Heidenreich
Publikum - links Laudatorin Elke Heidenreich

Ehrenbürger
Gunter Demnig mit Ehrenbürger-Urkunde

Aktion Bahn
Januar 2006: Stele am Kölner HbF von der Aktion "Die Bahn erinnern" mit Gunter Demnig und dem Jugendclub Courage
Fotos: Arbeiterfotografie


Stolpersteinen
Einer von 8.200 Stolpersteinen
Foto: Karin Richert/NS-DokZentrum


Online-Flyer Nr. 58  vom 22.08.2006

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