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Aktueller Online-Flyer vom 23. Februar 2020  

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Globales
Offener Brief eines serbischen Neubürgers an den Präsidenten der Republik Serbien, Herrn Alexandar Vucic
Die klaglos ertragene Not vieler Ihrer Landsleute trübt meine Freude
Von Rudolf Hänsel

Sehr geehrter Herr Präsident Vucic, bitte erlauben Sie mir, dass ich mich in einem Offenen Brief an Sie persönlich wende. Seit dem 1. November 2019 wohne ich mit meiner Ehefrau, einer pensionierten serbischen Diplomatin in Belgrad und habe bereits eine einjährige Aufenthaltserlaubnis. Als ehemaliger Lehrer und als Erziehungswissenschaftler und Diplompsychologe bin ich aus dem paradiesischen Lindau am Bodensee im Süden Deutschlands in Ihr Land umgesiedelt, weil ich Serbien und die lebensfrohen und mutigen Serben liebe und hier bereits seit Jahren viele wunderbare Freunde habe. Meine Familie in Deutschland hat mir diesen Wohnortwechsel in meinem fortgeschrittenen Alter bis heute nicht verziehen.

Herr Präsident, ich will mich als Gast und Neubürger nicht in die inneren Angelegenheiten Ihres Landes einmischen; das steht mir nicht zu. Doch es betrübt mich sehr, dass ich täglich mitbekomme, dass sehr viele Bürger Ihres Landes – oft nach einem jahrzehntelangen mühsamen Arbeitsleben – nicht genug Lohn beziehungsweise Rente bekommen, um menschenwürdig leben zu können in ihrem geliebten Vaterland. Und von diesen Menschen höre ich kein lautes Klagen, wie ich das von meinen ehemaligen Mitbürgern im reichen Deutschland gewöhnt bin. Auf der anderen Seite sehe ich in Belgrad so viele teure Luxuswagen wie ich es nur aus meiner Heimatstadt München kenne.

Heute hörte ich von einer über 60 Jahre alten geschiedenen Frau, die dringend mehrere Putzstellen sucht, weil sie von Ihrer Rente von umgerechnet circa 150 Euro im Monat nicht leben kann. Ein älterer Herr bat vor kurzem darum, dass wir im Haus unsere Essensreste in einer Plastiktüte an den Container vor dem Haus hängen, wo er sie dann (aus Scham) nach Einbruch der Dunkelheit abholt. Er hätte einst einen guten Job gehabt, heute jedoch habe er nicht genug Geld zum Leben – und zum Sterben.

Herr Präsident, ich weiß selbstverständlich, in welchem Ausmaß die US-NATO-Länder (Stichwort: 1999, Crime in War, Genocide in Peace) und die reichen EU-Länder – darunter vor allem mein Land – (Stichwort: „Brain-Drain“) für diese ökonomische und menschliche Misere in Serbien mitverantwortlich sind. Sicher kennen Sie meine Offenen Briefe in Serbisch an den NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg (1), die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller (2) und den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn (3) in „Novosti“.

Sehr geehrter Herr Präsident Vucic, gerne bin ich bereit, an einer Verbesserung dieser misslichen Lage mit meinen bescheidenen Kräften so gut es geht mitzuwirken. Ich wäre sehr dankbar, von Ihnen zu hören. Bis dahin verbleibe ich mit respektvollen Grüßen und dankbar dafür, in diesem schönen Land leben zu dürfen, Ihr Rudi Hänsel


Fußnoten:

1 An den NATO-Generalsekretär, Herrn Jens Stoltenberg, anlässlich seiner Äußerung zur NATO-Aggression 1999 vor Studenten der Belgrader Universität am 8.10.2018
Herr Stoltenberg, das ist eine Beleidigung des serbischen Volkes und eine Verhöhnung seiner Opfer!
Offener Brief von Rudolf Hänsel
NRhZ 677 vom 10.10.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25289

2 An die Nobelpreisträgerin für Literatur, Frau Herta Müller, anlässlich ihrer Rede auf dem Forum der Belgrader Buchmesse am 23.10.2017
Frau Müller, für mich ist das eine Verhöhnung der Opfer!
Offener Brief von Rudolf Hänsel
NRhZ 635 vom 01.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24287

3 Offener Brief an den deutschen Bundesminister für Gesundheit, Herrn Jens Spahn, anlässlich seiner Entscheidung, Pflegefachkräfte vom Westbalkan zu rekrutieren
Herr Spahn, Serbien blutet aus – und Deutschland profitiert!
Von Rudolf Hänsel
Online-Flyer Nr. 706  vom 22.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25929


Dr. Rudolf Hänsel ist Diplom-Psychologe und Erziehungswissenschaftler



Online-Flyer Nr. 735  vom 12.02.2020



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