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Aktueller Online-Flyer vom 18. November 2019  

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Globales
Erfahrungen einer Reise von Februar bis März 2019
Fragmente aus Mittelamerika
Von Markus und Eva Heizmann

Wir, die AutorInnen dieses Beitrages, waren von Februar bis März zu Besuch in Mittelamerika. Einerseits um dort alte FreundInnen und GenossInnen zu besuchen und diese langjährigen Beziehungen zu pflegen. Andererseits wurden aber auch von den GenossInnen in Costa Rica drei Veranstaltungen organisiert, bei denen wir Gelegenheit hatten, unsere Sicht zu Syrien und zum Imperialismus darzulegen. Im Austausch mit dem Publikum erweiterte sich die Diskussion selbstverständlich auf die mittel- und südamerikanische Region und auf die globalen Zusammenhänge. (1)

Diese globalen Zusammenhänge müssen wir uns in Europa mühsam zusammen suchen, und wir müssen, um zu einer adäquaten Analyse zu kommen, selbst recherchieren. In der Region Mittel- und Südamerika empfangen die Menschen ganz selbstverständlich Sender wie Telesur (Venezuela), und sie lesen Zeitungen wie die Granma (Kuba). In den Zeiten von Facebook, Wikipedia und anderen Plattformen ist natürlich niemand vor der Hirnwäsche der imperialistischen Medienmanipulation gefeit. Gleichwohl sind die Länder außerhalb der imperialistischen Kernländer all dem weniger ausgesetzt als zum Beispiel wir in Europa.

Einige kleine Facetten unserer Erfahrungen und Erlebnisse wollen wir mit den LeserInnen der NRhZ teilen. Unser kurzer Aufenthalt führte uns u.a. in ein Dorf in Costa Rica, in dem GenossInnen von uns seit über 20 Jahren in einer Kooperative leben – außergewöhnlich für ein Land wie Costa Rica, welches doch als ein Anhängsel der USA betrachtet werden muss. Vor unserem Rückflug nach Europa besuchten wir GenossInnen in Kuba. Anders als in Costa Rica konnte natürlich in Kuba der Einfluss der USA weitgehend zurück gedrängt werden. Die Insel ist jedoch nach wir vor im Fokus und ein Angriffsziel des imperialistischen Herrschers im Norden. Die Süd-Süd Kooperation, jedoch auch die Solidarität der Menschen im Herzen der Bestie (eine Formulierung von Che) ist für dieses und für andere angegriffene Länder wichtiger denn je.



Don Pedro, Donna Elena, Eva Heizmann


San Isidro el General, Costa Rica, das Trincheras ist eine Bibliothek, ein Restaurant und ein Veranstaltungsort


Havana, Kuba, vor dem Geburtshaus des Poeten und Volkshelden José Marti


Havana, Kuba, Nazdrovie Restaurant, in dem die sowjetische Küche und Kultur gepflegt werden


Sicht vom Balkon des Nazdrovie aus


Museum für Gegenwartskunst, Havana, Titel des Werkes: "Kubanischer Meister", Künstler: José Angel, Havana


Nicaragua

Kurz nach unserer Ankunft am Flughafen in San José wurde das Thema Nicaragua angeschnitten und zwar vom Taxi-Fahrer, der uns in die Stadt fuhr. Als wir an ausgedehnten Kaffee-Plantagen vorbei fuhren, erzählte er uns, die „Ticos“ (BürgerInnen Costa Ricas) wollten kaum mehr Kaffee ernten, das würden sie lieber den „Nicas“ (BürgerInnen Nicaraguas) überlassen, die seien williger und auch billiger zu haben als Erntehelfer aus Costa Rica.

Wir wollten von ihm wissen, ob diese Erntehelfer aus Nicaragua das Land nach der Ernte wieder verlassen würden? Er meinte, die meisten wollten schon wieder zurück, einige wollten aber bleiben und er könne das gut verstehen, denn – so seine rhetorische Frage – wer will schon unter einem Kommunisten leben? Meine Antwort, dass ich sehr gerne unter einer kommunistischen Regierung leben würde, erstaunte ihn doch sehr.

Die Regierung von Ortega sei eine schlechte Regierung, meinte er dann. Ich nickte und wollte von ihm wissen, wer denn zurzeit eine gute Regierung habe. „Brasilien“, antwortete er. „Bolsanaro ist ein Faschist“ antwortete ich. Er zuckte lediglich die Schultern und wunderte sich, als wir angekommen waren, dass er von uns kein Trinkgeld bekam.

Niemand sonst, mit denen wir anschließend gesprochen haben, vertritt diese Meinung, was natürlich nicht heißen will, dass es niemanden sonst gibt, der die Politik der Ortegas falsch und die Politik von Bolsanaro richtig findet. Warum sollen die Menschen in Zentralamerika vor der Hirnwäsche gefeit sein, besonders in einem Satellitenstaat wie Costa Rica?

Auf dem Dorf, auf der Finca, ist es natürlich anders, allerdings ist die Finca wahrscheinlich keineswegs repräsentativ für das Land. Immerhin sind ein Grossteil der Bauern, die hier leben, Flüchtlinge aus El Salvador. Sie dürften also aus eigener Erfahrung wissen, was Yankee-Terror bedeutet und auch wie Freiheitskampf buchstabiert wird. In Gesprächen mit ihnen wird auch deutlich, dass sie sich keinerlei Illusionen darüber machen, was im Nachbarland geschieht: Die Regierung von Ortega soll beseitigt werden, dasselbe gilt für die Regierung Maduro in Venezuela. Wenn es geht, soll dieser regime change „demokratisch“ vor sich gehen, wenn nicht, dann eben mit einem Putsch. Für die allermeisten sind die Ereignisse in Nicaragua analog zu Venezuela. Insbesondere Don Pedro, ein alter, äußert kluger ehemaliger Kämpfer der FMLN und heute Bauer, ist dazu sehr klar: „In keinem Land verläuft die Revolution gleich. El Salvador ist anders als Nicaragua, und Nicaragua ist anders als Venezuela. Die lokalen Fakten müssen wir immer miteinbeziehen. Bestimmt ist das, was im Moment in Venezuela und in Nicaragua geschieht, keine Revolution. Eine Revolution kommt immer vom Volk aus, und das sehe ich weder in Venezuela noch in Nicaragua“. (2)

Auch der Zirkus de la comedia y el mimo (3), der von Granada zu Workshops angereist ist und deren Mitglieder wir zum Teil seit Jahren kennen, bestätigt diese Sichtweise. Niemals habe es in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten in Granada Unruhen gegeben. Die eine oder andere Unzufriedenheit ja, dies sei jedoch von den Menschen selbst oder dann von der Regierung gelöst worden. Erst seit kurzem gäbe es diese Demonstrationen, die wegen der Rentenreform ausgelöst worden seien. Aber die Rentenreform sei ja jetzt rückgängig gemacht worden, warum jetzt noch demonstriert werde, begreife niemand, vor allem weil die Demonstranten ja sehr brutal, zum Teil gar mit Waffen vorgehen würden.

Verallgemeinernd kann gesagt werden: Wer einen engen, lokalen Blickwinkel hat, egal ob auf Nicaragua bezogen oder nicht, begreift Demonstrationen und „Aufstände“ wie diese als gerechtfertigt und unterstützt sie. Wer von einem globalen Blickwinkel aus urteilt, erkennt darin das Muster der Farbrevolutionen der vergangenen Jahre: Maidan, Tripoli, Bengasi, Damaskus, Carracas usw. lassen grüssen. (4)

Venezuela

Ebenso wie Nicaragua ist auch Venezuela hier ein Dauerthema. Ebenso wie in Europa gehören jedoch auch hier politische Themen nicht unbedingt zu den Alltagsgesprächen der Menschen im Bus, auf der Strasse oder in den Pulperias. Anders jedoch als in der Europa, scheint es hier so, dass die meisten, die sich über Politik äußern, auch etwas davon zu verstehen scheinen.

Wenn hier zum Beispiel die Rede auf Venezuela kommt, hören wir nicht die Märchen, die uns in Europa serviert und die leider auch bis in die so genannte Linke hinein geglaubt werden. Allen hier ist klar, dass in Venezuela eine Regierung gestürzt werden soll, niemand geht hier von einem „Volksaufstand“ aus.

Diese Aussage, die wir hier machen, muss allerdings auch gleich relativiert werden: Wir befinden uns hier auf dem Dorf, unter Bauern, manchmal tauchen ein paar AkademikerInnen und KünstlerInnen auf der Finca auf. Die bürgerliche, bzw. die Oberschicht Costa Ricas konnten wir (zum Glück?) nicht befragen.

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass sich Bauern, Intellektuelle, Arbeiter und Künstler, die ihre fünf Sinne beisammen haben, auf der Seite einer Regierung stehen, wie sie von Maduro in Venezuela repräsentiert wird. Dabei wird keinesfalls außer Acht gelassen, dass auch diese Regierung ihre Mängel hat, welche Regierung jedoch, so fragen sich die Leute hier vollkommen zu Recht, ist fehlerlos?

Was also erkannt wird, wenigstens von den klugen Köpfen hier, ist die gefährlich Nähe zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Was nicht vergessen wird, ist die anhaltende offene und versteckte Einmischung der USA in die Angelegenheiten der souveränen Staaten Mittel- und Südamerikas. Mit anderen Worten: Ohne dass dies explizit formuliert wird, wenden sich die Menschen hier gegen die Praktizierung der Monroe-Doktrin, die ja später von Roosevelt erweitert wurde.

Die Monroe-Doktrin geht auf die Rede zur Lage der Nation des damaligen US Präsidenten James Monroe vom 2. Dezember 1823 zurück, in der er vor dem Kongress die Grundzüge einer langfristigen Außenpolitik der Vereinigten Staaten entwarf. In der Tradition Jeffersons stellte er dabei eine irreversible Unabhängigkeit der amerikanischen Staaten von den europäischen Mächten fest. Eine „Roosevelt Zusatz“ (Roosevelt-Corollary) genannte Mitteilung Präsident Theodore Roosevelts an den Kongress formulierte schließlich 1904 den alleinigen Anspruch der Vereinigten Staaten auf Interventionen als inneramerikanische Angelegenheiten. Damit wurde der hegemoniale Anspruch der USA auf die beiden amerikanischen (Süd und Nord) Kontinente besiegelt.

Das ist der Mehrheit der Menschen hier klar, ihr Geschichtsbewusstsein ist intakt. Insofern hat hier niemand ein Problem mit unserer Parole „Hände weg von Syrien“, im Gegenteil wird ein solches Wort bestens verstanden und erweitert: „Hände weg von Venezuela, Hände weg von Nicaragua“. Auch wird verstanden, dass sich die Mechanismen der so genannten „Aufstände“ nicht nur hinsichtlich Syriens, auch hinsichtlich der Ukraine und anderenorts nicht nur gleichen, sondern nahezu identisch sind. Nach drei Veranstaltungen zum Thema können wir folgendes konstatieren: Wenn Widerspruch zu unseren Thesen, bezüglich Syrien und damit verbunden, bezüglich Venezuelas und Nicaraguas kam, dann immer von zufällig im Publikum anwesenden EuropäerInnen. Die TeilnehmerInnen aus Costa Rica haben uns bestätigt, ermutigt oder uns gar den Vorwurf gemacht, wir würden nicht radikal genug formulieren.

Eine andere Sicht

Gleich zu Beginn oder vielleicht noch vor Antritt unserer Reise kam die Nachricht, dass Juan Guaidó aus Kolumbien zurückgekehrt sei und sich nun als neuer „Präsident“ Venezuelas feiern lasse. Uns hat das alles sehr empört, und auch in Costa Rica waren sich alle einig: In jedem Land, unter jeder Verfassung erfüllt das den Tatbestand des Hochverrats. Wir alle haben es der Regierung Maduro als Schwäche ausgelegt: Erstmal lässt er Guaidó nach Kolumbien ausreisen und dort gegen Venezuela agieren. Dann lässt er ihn zurück nach Venezuela einreisen - und als ob das nicht genug wäre - lässt die Regierung auch zu, dass er sich auf dem Flughafen von Carracas von der versammelten Finanzoligarchie, der westlichen Pressemeute und den EU-Diplomaten als „Präsident“ Venezuelas feiern lässt.

In Kuba nun werden diese Ereignisse anderes, viel gelassener diskutiert. Eine Verhaftung Guaidós, so das Hauptargument, hätte ihm bloß noch zusätzliche Publicity gebracht. In Venezuela sei die Mediensituation eine andere. Anders als in den NATO-Staaten, der EU und den USA gebe es in Venezuela Telesur. Telesur werde auch in den übrigen Mittel- und südamerikanischen Ländern empfangen, und Telesur sei ein Sender, der integer berichtet. Dieser Auftritt nach der Rückkehr aus Kolumbien sei also lediglich ein Werbegag für ein westliches Publikum, eventuell noch für ein sehr kleines verblendetes Publikum in der Region gewesen. Eine Verhaftung oder sogar schon eine Behinderung seines Auftritts hätte Guaidó bloß Auftrieb gegeben. Mit anderen Worten: Die Regierung Maduro lässt ihn ins Leere laufen. In ein paar Jahren, so ist hier die allgemeine Auffassung, wird niemand mehr wissen, wer Juan Guaidó ist oder war. Die Politik von Hugo Chavez und seinen Nachfolgern hingegen ist nachhaltig und auf die Bedürfnisse des Volkes ausgerichtet. Deswegen kann so eine Politik zwar behindert und diffamiert werden, scheitern kann sie auf lange Sicht nicht, eben weil sie für die Bedürfnisse des Volkes arbeitet.

Fazit

Wir haben gelernt, dass Costa Rica keineswegs die Musterdemokratie der Region ist, für die das Land gehalten wird. Ein Teilnehmer an einer der Veranstaltungen erzählte in seinem Beitrag, der Welt würde vorgegaukelt, Costa Rica habe keine Armee und auch keine Armee Stützpunkte. Tatsache, sei jedoch, dass die Polizei Costa Ricas von der US Armee ausgebildet werde und dass eben diese US Armee auch in Costa Rica präsent sei, er selber wohne in der Nachbarschaft einer US Basis.

Wir haben gelernt, dass es ein politisches Bewusstsein gibt, dieses manifestiert sich bei Bauern, bei Arbeitern, bei Studenten und Intellektuellen und bei KünstlerInnen. Anders als wir das von Europa kennen, sprechen alle dieselbe Sprache, nämlich die Sprache des Widerstandes gegen den Imperialismus. Das mag einerseits mit dem oft gehörten Wort „Gott ist so weit weg, und Amerika ist so nah“ (Dios está tan lejos, y los Estados Unidos están tan cerca) zusammen hängen. Andererseits sind die USA auch bei uns in Europa ziemlich nahe. Denken wir an die US-Militärbasen, an die NATO und an die vorherrschende US-(Un)Kultur in unseren Breitengraden. Der Grund für das eindeutig höhere politische Niveau und Bewusstsein in den außereuropäischen Ländern ist möglicherweise in der Tatsache begründet, dass die Menschen dieser Länder tatsächlich eine revolutionäre Tradition haben, aus der sie schöpfen können.

Die Menschen Asiens, der arabischen Welt, Afrikas Mittel- und Südamerikas blicken auf eine Geschichte des Widerstandes zurück, aus dem sie und aus dem wir lernen können. In Europa, in den USA blicken wir auf eine Geschichte der Ausbeutung und der Unterdrückung zurück.


Fußnoten:

1 Ein kleiner Ausschnitt dieser Debatten findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=uqtGrzx8hYQ
2 Mehr zu Don Pedro und seiner Geschichte in Risala Nr. 7, TuP Verlag, Hamburg, Seite 147 ff: „Die Geschichten die Don Pedro erzählt“, von Markus Heizmann
3 https://www.escueladecomedia.org/
4 Siehe dazu auch unseren Beitrag „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ in der NRhZ vom 28. Januar 2019:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24990

Online-Flyer Nr. 700  vom 10.04.2019



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