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Ulrich Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian: "Deutschland NEUTRAL! Mit Sicherheit für Frieden"
Das richtige Buch zur richtigen Zeit
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
Es ist ein bemerkenswertes Buch, das im Westend-Verlag erschienen ist und in dem mehr als 30 Autorinnen und Autoren versammelt sind – 15 davon Erstunterzeichner der am 15. Februar 2025 von der "AG Frieden dieBasis Köln" initiierten lagerübergreifenden "Kampagne für ein neutrales Deutschland" (deutschlandNEUTRAL.de), die am 17. Februar 2026 Gründungsmitglied der in der Schweiz ins Leben gerufenen „International Federation for Neutrality Organizations“ geworden ist. Gleich der erste Satz des ersten Artikels lautet: "Jüngst ist der Ruf nach einer Neutralität Deutschlands aufgekommen." Der Schriftsteller, Publizist und Jurist Wolfgang Bittner bezieht sich damit auf den in der Neuen Rheinischen Zeitung veröffentlichten Artikel "Neutralität auf dem Vormarsch". Und am Ende seiner Ausführungen verweist er auf die website der "Kampagne für ein neutrales Deutschland" (deutschlandNEUTRAL.de) mit den Worten: "Trotz nahezu unüberwindlich erscheinender Hürden sollte das Ziel der Souveränität und Neutralität Deutschlands nicht aus den Augen verloren werden. In dieser Hinsicht gibt es verdienstvolle, zu unterstützende Ansätze." Damit bewirbt er die Kampagne, deren Erstunterzeichner auch er ist.
Wolfgang Bittner macht zudem deutlich, was möglich ist. Er verschweigt nicht, dass der Truppenstationierungsvertrag kündbar ist, und damit das, was der BSW-Politiker Oskar Lafontaine ausruft – "Ami, it's time to go!" – Wirklichkeit werden kann. Markus Stockhausen nennt in Zusammenhang mit der Vernetzungsinitiative "Zusammen für Frieden – Jetzt!", deren Initiatorin, Michaele Kundermann, ebenfalls Erstunterzeichnerin der "Kampagne für ein neutrales Deutschland" ist, neben der inoffiziellen auch die offizielle Bezeichnung des so genannten Truppenstationierungsvertrags: "Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland". Stockhausen gibt die zehn zentralen Forderungen der Initiative wieder, deren zweite lautet: "Für ein neutrales, friedenstiftendes Deutschland: Kündigung des 'Vertrages über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland' und Austritt aus der NATO. Stattdessen Aufbau einer neuen Entwicklungs- und Sicherheitsarchitektur in einem geeinten Europa souveräner Nationalstaaten – unter Einbeziehung Russlands."
Wolfgang Bittner schreibt, dass die im 2+4-Vertrag vom 12. September 1990 zugestandene Souveränität Deutschlands durch "Zusatzverträge" zum 2+4-Vertrag wie den Truppenstationierungsvertrag von 1954 relativiert würde. Das stimmt zwar, solange er gültig ist. Da er aber mit Zwei-Jahresfrist kündbar ist, ist das vielmehr ein Beleg für die Souveränität Deutschlands. Wolfgang Bittner oder einer der anderen AutorInnen im Buch hätte aus den im Gefolge des 2+4-Vertrags am 25. September 1990 zwischen Deutschland, USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Niederlande und Belgien ausgetauschten diplomatischen Noten zitieren können: "Die Bundesrepublik Deutschland kann den Aufenthaltsvertrag in bezug auf eine oder mehrere Vertragsparteien durch Anzeige an die Vertragsparteien unter Einhaltung einer Frist von zwei Jahren beenden."
Was gerne verschwiegen wird
Mit Darstellung der Wirkmächtigkeit der Kündigung des Aufenthaltsvertrags würde deutlich werden, warum dies gerne verschwiegen wird. Die Kündigung würde nämlich bedeuten: Schließung der US-Kriegsdrehscheibe Ramstein, der US-Kommandozentralen AFRICOM und EUCOM bei Stuttgart, der NATO-Bastion in Kalkar und auch Abzug aller Atomwaffen. Und: das im November 2021 reaktivierte 56. Feldartillerie-Kommando der USA im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel – u.a. zuständig für das (mobile) Dark-Eagle-Raketensystem, mit dem Moskau in wenigen Minuten "enthauptet" werden kann – müsste geschlossen werden. Frei würde militärisch genutztes Areal so groß wie ein Streifen von ein Kilometer Breite von Hamburg bis München – mit Stationierungsorten in Ansbach-Katterbach, Baumholder, Bielefeld, Böblingen, Dülmen, Geilenkirchen, Germersheim, Grafenwöhr, Griesheim, Gütersloh, Hohenfels, Illesheim, Kaiserslautern, Kalkar, Landstuhl, Mainz, Mannheim, Miesau, Mönchengladbach, Oberammergau, Paderborn, Pirmasens, Ramstein, Rostock, Spangdahlem, Stuttgart, Vilseck, Uedem, Ulm, Wackernheim, Wiesbaden und Wulfen. Das zu betrachten, würde vor Augen führen, dass allein damit ein riesiger Schritt Richtung Entmilitarisierung und Schaffung eines neutralen, friedenstiftenden Deutschlands vollzogen würde.
Was bietet die deutsche Parteienlandschaft?
Wichtig wäre auch zu studieren, inwieweit die deutsche Parteienlandschaft für derartige Gedanken aufgeschlossen ist. Zwei Beispiele: im Bundestagswahlprogramm 2025 der Basisdemokratischen Partei Deutschland (dieBasis) heißt es: "Die Partei dieBasis setzt sich dafür ein, dass Deutschland neutral wird. Deshalb befürwortet sie die Forderung nach Kündigung des Vertrags über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland (auch Truppenstationierungsvertrag genannt) und den Austritt Deutschlands und der anderen NATO-Mitglieder in Europa aus der NATO." Das Grundsatzprogramm der AfD bietet immerhin Anknüpfungspunkte. Die AfD setzt sich demnach "für den Abzug aller noch auf deutschem Boden stationierten alliierten Truppen und insbesondere deren Atomwaffen ein." Und es wird dort auch die NATO-Mitgliedschaft relativiert: "Die Mitgliedschaft in der Nato entspricht den außen- und sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands, soweit sich die Nato auf ihre Aufgabe als Verteidigungsbündnis beschränkt." In den Programmen anderer Parteien – insbesondere derer im Bundestag – ist die Thematik nicht vergleichbar angesprochen – auch in denen des BSW nicht. Einen Lichtblick bietet das Jugendbündnis dieser Partei, das JSW, das im August 2025 unterstützende Organisation der "Kampagne für ein neutrales Deutschland" geworden ist.
Was die Herausgeber zum Thema machen
Was wird im Buch nach dem einleitenden Artikel von Wolfgang Bittner in Sachen Neutralität dargelegt? Nehmen wir zunächst die Herausgeber. Jens Fischer-Rodrian fragt, warum Deutschland neutral werden soll und antwortet: "weil alles andere nicht funktioniert hat." Er betont: "Deutschland Neutral darf nicht heißen, keine Haltung zu zeigen." Es müsse darum gehen, eine klare Sprache zu sprechen – z.B. Israels Genozid als solchen zu verurteilen.
Uli Gellermann betrachtet den Freundschafts- und Neutralitätsvertrag, der 1926 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion abgeschlossen wurde und sieht ihn als Beleg dafür, dass so etwas auch heute möglich sein muss. Und er weist darauf hin, dass Österreich sich 1955 per Verfassungsgesetz für neutral erklärt hat und schließt daraus: "Wir müssen bei den Österreichern für Deutschland nur noch abschreiben."
Mit dem Kabarettisten Arnulf Rating kommen wir ins Grübeln. Was wäre, wenn wir uns an Schweiz und Österreich ein Beispiel nähmen: "Deutschland ohne NATO? Neutral? Deutschland nicht eingebunden? Das macht den Nachbarn und der ganzen Welt Angst." Die Schweiz als Vorbild? Sie wurde "mit großem Profit zu einem ebenso beliebten wie sicheren Endlager der erbeuteten Reichtümer von Kriegsgewinnlern, Oligarchen und Diktatoren. Eine einträgliche Friedensdividende." Trotzdem schlägt er den Anschluss der deutschen Bundesländer an die Schweiz vor. "Motto: Kommt die Neutralität nicht zu uns, gehen wir zu ihr! ... Wir müssen nur noch ein bisschen Jodeln üben..."
Oskar Lafontaine (BSW) und Albrecht Müller (SPD)
Betrachten wir als nächstes Mitglieder zweier Parteien. Oskar Lafontaine (BSW) schreibt, Deutschland sei bei den Kriegen im geopolitischen Interesse der USA "schon seit Jahrzehnten – Mittäter. Dies zu beenden liegt in unserem Interesse, im Interesse unserer Kinder. Ein neutrales Deutschland könnte hierfür einen wichtigen Impuls geben." Es folgt nach der kurzen Einleitung, in der dies ausgesagt wird, dann ein Auszug aus Lafontaines Buch "Ami, it's time to go!" – allerdings ohne dass darin explizit von Neutralität die Rede ist.
Albrecht Müller (SPD) blickt zurück auf die Bundestagswahl von 1953. In deren Vorfeld gab es nach seiner Erinnerung "die einzige ernsthafte Debatte darüber, ob Deutschland nicht besser neutral bliebe, als den Beitritt zur westlichen militärischen Allianz, der NATO, anzustreben." Müller erinnert an die von Gustav Heinemann gegründete Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP), die "wollte, dass Deutschland neutral bliebe..."
Weitere Beispiele
Mathias Bröckers formuliert es eingangs so: "Ich würde mir wünschen, dass morgen im Bundestag der Beschluss gefasst wird: Ab sofort ist Deutschland neutral. Wir treten aus der NATO aus und bilden mit den Österreichern und den Schweizern einen neuen Verbund der blockfreien Staaten." Gegen Ende seiner Ausführungen plädiert er in Anbetracht des "blutigen Spiels um die Weltherrschaft" für die Neutralität nicht nur Deutschlands sondern – wie Ulrike Guérot – auch der anderen Nationen der EU. "Sie verlassen die obsolete NATO und schließen Friedens-, Freundschafts- und Handelsverträge mit den USA, Russland und China."
Wolfgang Effenberger sieht in Neutralität einen "Weg, den eskalierenden destruktiven Dynamiken zwischen kontinentalen und maritimen Hegemonialbestrebungen zu entkommen". Eine neutrale Außenpolitik sei kein Verfassungsbruch, sondern die konsequente Umsetzung der Präambel des Grundgesetzes. "Neutralität ist kein Rückzug, sie ist die Wiederentdeckung unserer Souveränität... Neutralität ist kein Traum von gestern – sie ist die Überlebensbedingung von morgen."
Für Gabriele Gysi stellt sich in Zusammenhang mit Neutralität die Frage, ob man den Partner, Gegner, Feind verstanden hat, ob man weiß, worum es geht, was der Andere möchte und wollen könnte. Neutralität sei "keine Schwäche, sondern fordere die Fähigkeit zum Kompromiss". Sie sei die "Voraussetzung, der Wunsch, Antworten und Möglichkeiten für alle Seiten zu finden." Gabriele Gysi wünscht sich "Entscheidungen ohne Sieger und Verlierer". Auch fragt sie sich, warum Menschen, die wie Jacques Baud eine neutrale Position einnehmen – mit dem Ekkehard Sieker im Juli 2023 das im Buch wiedergegebene Gespräch geführt hat – von der EU sanktioniert werden. Schließlich stellt sie fest: "Alle Kriege, von Deutschland ausgehend, weisen in eine Richtung: Deutschland als neutrales Land zu denken und zu fordern."
Werner Rügemer bietet einen tief blickenden Streifzug durch die bundesdeutsche Geschichte. U.a. sieht er, dass die USA ein wiedervereinigtes, neutrales Deutschland ablehnten, "denn sie wollten weiter gegen ihren wichtigsten Feind kämpfen, die 'bolschewistische Gefahr'". Und er merkt an: "Adenauers Regierung bekämpfte... die breite Bewegung für ein neutrales Deutschland, auch mithilfe geheimdienstlicher Überwachung." Schließlich stellt er fest: "Die friedliche, demokratische, wohlständige Neutralität und Souveränität Deutschlands müssen von uns Bürgern zusammen mit den Menschen der anderen europäischen NATO-Staaten erst noch erkämpft werden."
Frieden stiftende Neutralität: alternativlos!
Die AutorInnen, die im Buch versammelt sind, sind Wolfgang Bittner, Mathias Bröckers, Dietrich Brüggemann, Diether Dehm, Roberto De Lapuente, Wolfgang Effenberger, Tino Eisbrenner, Jens Fischer Rodrian, Lisa Fitz, Jürgen Fliege, Uli Gellermann, Rolf Gössner, Ulrike Guérot, Gabriele Gysi, Madita Hampe, Oskar Lafontaine, Albrecht Müller, Hermann Ploppa, Dirk Pohlmann, Arnulf Rating, Nicolas Riedl, Hauke Ritz, Alexa Rodrian, Walter van Rossum, Werner Rügemer, Michael Sailer, Wolfgang Schwarz, Ekkehard Sieker, SIERA, Kayvan Soufi-Siavash, Uwe Soukup, Markus Stockhausen, Gwendolin Walter-Kirchhoff und Flavio von Witzleben. In der Summe machen sie deutlich: der deutsche Weg muss in die militärisch-staatliche, Frieden stiftende Neutralität führen. Dazu gibt es keine Alternative.
Ulrich Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian: Deutschland NEUTRAL! Mit Sicherheit für Frieden

Westend-Verlag, Frankfurt 2026, ISBN 9783987913679, 224 Seiten, 24 Euro
Siehe auch:
Kampagne für ein neutrales Deutschland
https://deutschlandneutral.de
Angesichts der Weltlage: Da gibt es nur eins: Deutschland NEUTRAL!
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29738
Der große Aufbruch in die aktive Neutralität
Die "Kampagne für ein neutrales Deutschland" zum Jahrestag ihres Wirkens
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29712
Wie steht es um die Neutralität in Deutschland?
Vortrag von Andreas Neumann (Kampagne für ein neutrales Deutschland)
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29614
Neutralität auf dem Vormarsch
Wichtige friedenspolitische Impulse – darunter vom Gründungskongress des BSW-Jugendverbands
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29559
Online-Flyer Nr. 859 vom 23.03.2026
Ulrich Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian: "Deutschland NEUTRAL! Mit Sicherheit für Frieden"
Das richtige Buch zur richtigen Zeit
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
Es ist ein bemerkenswertes Buch, das im Westend-Verlag erschienen ist und in dem mehr als 30 Autorinnen und Autoren versammelt sind – 15 davon Erstunterzeichner der am 15. Februar 2025 von der "AG Frieden dieBasis Köln" initiierten lagerübergreifenden "Kampagne für ein neutrales Deutschland" (deutschlandNEUTRAL.de), die am 17. Februar 2026 Gründungsmitglied der in der Schweiz ins Leben gerufenen „International Federation for Neutrality Organizations“ geworden ist. Gleich der erste Satz des ersten Artikels lautet: "Jüngst ist der Ruf nach einer Neutralität Deutschlands aufgekommen." Der Schriftsteller, Publizist und Jurist Wolfgang Bittner bezieht sich damit auf den in der Neuen Rheinischen Zeitung veröffentlichten Artikel "Neutralität auf dem Vormarsch". Und am Ende seiner Ausführungen verweist er auf die website der "Kampagne für ein neutrales Deutschland" (deutschlandNEUTRAL.de) mit den Worten: "Trotz nahezu unüberwindlich erscheinender Hürden sollte das Ziel der Souveränität und Neutralität Deutschlands nicht aus den Augen verloren werden. In dieser Hinsicht gibt es verdienstvolle, zu unterstützende Ansätze." Damit bewirbt er die Kampagne, deren Erstunterzeichner auch er ist.Wolfgang Bittner macht zudem deutlich, was möglich ist. Er verschweigt nicht, dass der Truppenstationierungsvertrag kündbar ist, und damit das, was der BSW-Politiker Oskar Lafontaine ausruft – "Ami, it's time to go!" – Wirklichkeit werden kann. Markus Stockhausen nennt in Zusammenhang mit der Vernetzungsinitiative "Zusammen für Frieden – Jetzt!", deren Initiatorin, Michaele Kundermann, ebenfalls Erstunterzeichnerin der "Kampagne für ein neutrales Deutschland" ist, neben der inoffiziellen auch die offizielle Bezeichnung des so genannten Truppenstationierungsvertrags: "Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland". Stockhausen gibt die zehn zentralen Forderungen der Initiative wieder, deren zweite lautet: "Für ein neutrales, friedenstiftendes Deutschland: Kündigung des 'Vertrages über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland' und Austritt aus der NATO. Stattdessen Aufbau einer neuen Entwicklungs- und Sicherheitsarchitektur in einem geeinten Europa souveräner Nationalstaaten – unter Einbeziehung Russlands."
Wolfgang Bittner schreibt, dass die im 2+4-Vertrag vom 12. September 1990 zugestandene Souveränität Deutschlands durch "Zusatzverträge" zum 2+4-Vertrag wie den Truppenstationierungsvertrag von 1954 relativiert würde. Das stimmt zwar, solange er gültig ist. Da er aber mit Zwei-Jahresfrist kündbar ist, ist das vielmehr ein Beleg für die Souveränität Deutschlands. Wolfgang Bittner oder einer der anderen AutorInnen im Buch hätte aus den im Gefolge des 2+4-Vertrags am 25. September 1990 zwischen Deutschland, USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Niederlande und Belgien ausgetauschten diplomatischen Noten zitieren können: "Die Bundesrepublik Deutschland kann den Aufenthaltsvertrag in bezug auf eine oder mehrere Vertragsparteien durch Anzeige an die Vertragsparteien unter Einhaltung einer Frist von zwei Jahren beenden."
Was gerne verschwiegen wird
Mit Darstellung der Wirkmächtigkeit der Kündigung des Aufenthaltsvertrags würde deutlich werden, warum dies gerne verschwiegen wird. Die Kündigung würde nämlich bedeuten: Schließung der US-Kriegsdrehscheibe Ramstein, der US-Kommandozentralen AFRICOM und EUCOM bei Stuttgart, der NATO-Bastion in Kalkar und auch Abzug aller Atomwaffen. Und: das im November 2021 reaktivierte 56. Feldartillerie-Kommando der USA im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel – u.a. zuständig für das (mobile) Dark-Eagle-Raketensystem, mit dem Moskau in wenigen Minuten "enthauptet" werden kann – müsste geschlossen werden. Frei würde militärisch genutztes Areal so groß wie ein Streifen von ein Kilometer Breite von Hamburg bis München – mit Stationierungsorten in Ansbach-Katterbach, Baumholder, Bielefeld, Böblingen, Dülmen, Geilenkirchen, Germersheim, Grafenwöhr, Griesheim, Gütersloh, Hohenfels, Illesheim, Kaiserslautern, Kalkar, Landstuhl, Mainz, Mannheim, Miesau, Mönchengladbach, Oberammergau, Paderborn, Pirmasens, Ramstein, Rostock, Spangdahlem, Stuttgart, Vilseck, Uedem, Ulm, Wackernheim, Wiesbaden und Wulfen. Das zu betrachten, würde vor Augen führen, dass allein damit ein riesiger Schritt Richtung Entmilitarisierung und Schaffung eines neutralen, friedenstiftenden Deutschlands vollzogen würde.
Was bietet die deutsche Parteienlandschaft?
Wichtig wäre auch zu studieren, inwieweit die deutsche Parteienlandschaft für derartige Gedanken aufgeschlossen ist. Zwei Beispiele: im Bundestagswahlprogramm 2025 der Basisdemokratischen Partei Deutschland (dieBasis) heißt es: "Die Partei dieBasis setzt sich dafür ein, dass Deutschland neutral wird. Deshalb befürwortet sie die Forderung nach Kündigung des Vertrags über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland (auch Truppenstationierungsvertrag genannt) und den Austritt Deutschlands und der anderen NATO-Mitglieder in Europa aus der NATO." Das Grundsatzprogramm der AfD bietet immerhin Anknüpfungspunkte. Die AfD setzt sich demnach "für den Abzug aller noch auf deutschem Boden stationierten alliierten Truppen und insbesondere deren Atomwaffen ein." Und es wird dort auch die NATO-Mitgliedschaft relativiert: "Die Mitgliedschaft in der Nato entspricht den außen- und sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands, soweit sich die Nato auf ihre Aufgabe als Verteidigungsbündnis beschränkt." In den Programmen anderer Parteien – insbesondere derer im Bundestag – ist die Thematik nicht vergleichbar angesprochen – auch in denen des BSW nicht. Einen Lichtblick bietet das Jugendbündnis dieser Partei, das JSW, das im August 2025 unterstützende Organisation der "Kampagne für ein neutrales Deutschland" geworden ist.
Was die Herausgeber zum Thema machen
Was wird im Buch nach dem einleitenden Artikel von Wolfgang Bittner in Sachen Neutralität dargelegt? Nehmen wir zunächst die Herausgeber. Jens Fischer-Rodrian fragt, warum Deutschland neutral werden soll und antwortet: "weil alles andere nicht funktioniert hat." Er betont: "Deutschland Neutral darf nicht heißen, keine Haltung zu zeigen." Es müsse darum gehen, eine klare Sprache zu sprechen – z.B. Israels Genozid als solchen zu verurteilen.
Uli Gellermann betrachtet den Freundschafts- und Neutralitätsvertrag, der 1926 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion abgeschlossen wurde und sieht ihn als Beleg dafür, dass so etwas auch heute möglich sein muss. Und er weist darauf hin, dass Österreich sich 1955 per Verfassungsgesetz für neutral erklärt hat und schließt daraus: "Wir müssen bei den Österreichern für Deutschland nur noch abschreiben."
Mit dem Kabarettisten Arnulf Rating kommen wir ins Grübeln. Was wäre, wenn wir uns an Schweiz und Österreich ein Beispiel nähmen: "Deutschland ohne NATO? Neutral? Deutschland nicht eingebunden? Das macht den Nachbarn und der ganzen Welt Angst." Die Schweiz als Vorbild? Sie wurde "mit großem Profit zu einem ebenso beliebten wie sicheren Endlager der erbeuteten Reichtümer von Kriegsgewinnlern, Oligarchen und Diktatoren. Eine einträgliche Friedensdividende." Trotzdem schlägt er den Anschluss der deutschen Bundesländer an die Schweiz vor. "Motto: Kommt die Neutralität nicht zu uns, gehen wir zu ihr! ... Wir müssen nur noch ein bisschen Jodeln üben..."
Oskar Lafontaine (BSW) und Albrecht Müller (SPD)
Betrachten wir als nächstes Mitglieder zweier Parteien. Oskar Lafontaine (BSW) schreibt, Deutschland sei bei den Kriegen im geopolitischen Interesse der USA "schon seit Jahrzehnten – Mittäter. Dies zu beenden liegt in unserem Interesse, im Interesse unserer Kinder. Ein neutrales Deutschland könnte hierfür einen wichtigen Impuls geben." Es folgt nach der kurzen Einleitung, in der dies ausgesagt wird, dann ein Auszug aus Lafontaines Buch "Ami, it's time to go!" – allerdings ohne dass darin explizit von Neutralität die Rede ist.
Albrecht Müller (SPD) blickt zurück auf die Bundestagswahl von 1953. In deren Vorfeld gab es nach seiner Erinnerung "die einzige ernsthafte Debatte darüber, ob Deutschland nicht besser neutral bliebe, als den Beitritt zur westlichen militärischen Allianz, der NATO, anzustreben." Müller erinnert an die von Gustav Heinemann gegründete Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP), die "wollte, dass Deutschland neutral bliebe..."
Weitere Beispiele
Mathias Bröckers formuliert es eingangs so: "Ich würde mir wünschen, dass morgen im Bundestag der Beschluss gefasst wird: Ab sofort ist Deutschland neutral. Wir treten aus der NATO aus und bilden mit den Österreichern und den Schweizern einen neuen Verbund der blockfreien Staaten." Gegen Ende seiner Ausführungen plädiert er in Anbetracht des "blutigen Spiels um die Weltherrschaft" für die Neutralität nicht nur Deutschlands sondern – wie Ulrike Guérot – auch der anderen Nationen der EU. "Sie verlassen die obsolete NATO und schließen Friedens-, Freundschafts- und Handelsverträge mit den USA, Russland und China."
Wolfgang Effenberger sieht in Neutralität einen "Weg, den eskalierenden destruktiven Dynamiken zwischen kontinentalen und maritimen Hegemonialbestrebungen zu entkommen". Eine neutrale Außenpolitik sei kein Verfassungsbruch, sondern die konsequente Umsetzung der Präambel des Grundgesetzes. "Neutralität ist kein Rückzug, sie ist die Wiederentdeckung unserer Souveränität... Neutralität ist kein Traum von gestern – sie ist die Überlebensbedingung von morgen."
Für Gabriele Gysi stellt sich in Zusammenhang mit Neutralität die Frage, ob man den Partner, Gegner, Feind verstanden hat, ob man weiß, worum es geht, was der Andere möchte und wollen könnte. Neutralität sei "keine Schwäche, sondern fordere die Fähigkeit zum Kompromiss". Sie sei die "Voraussetzung, der Wunsch, Antworten und Möglichkeiten für alle Seiten zu finden." Gabriele Gysi wünscht sich "Entscheidungen ohne Sieger und Verlierer". Auch fragt sie sich, warum Menschen, die wie Jacques Baud eine neutrale Position einnehmen – mit dem Ekkehard Sieker im Juli 2023 das im Buch wiedergegebene Gespräch geführt hat – von der EU sanktioniert werden. Schließlich stellt sie fest: "Alle Kriege, von Deutschland ausgehend, weisen in eine Richtung: Deutschland als neutrales Land zu denken und zu fordern."
Werner Rügemer bietet einen tief blickenden Streifzug durch die bundesdeutsche Geschichte. U.a. sieht er, dass die USA ein wiedervereinigtes, neutrales Deutschland ablehnten, "denn sie wollten weiter gegen ihren wichtigsten Feind kämpfen, die 'bolschewistische Gefahr'". Und er merkt an: "Adenauers Regierung bekämpfte... die breite Bewegung für ein neutrales Deutschland, auch mithilfe geheimdienstlicher Überwachung." Schließlich stellt er fest: "Die friedliche, demokratische, wohlständige Neutralität und Souveränität Deutschlands müssen von uns Bürgern zusammen mit den Menschen der anderen europäischen NATO-Staaten erst noch erkämpft werden."
Frieden stiftende Neutralität: alternativlos!
Die AutorInnen, die im Buch versammelt sind, sind Wolfgang Bittner, Mathias Bröckers, Dietrich Brüggemann, Diether Dehm, Roberto De Lapuente, Wolfgang Effenberger, Tino Eisbrenner, Jens Fischer Rodrian, Lisa Fitz, Jürgen Fliege, Uli Gellermann, Rolf Gössner, Ulrike Guérot, Gabriele Gysi, Madita Hampe, Oskar Lafontaine, Albrecht Müller, Hermann Ploppa, Dirk Pohlmann, Arnulf Rating, Nicolas Riedl, Hauke Ritz, Alexa Rodrian, Walter van Rossum, Werner Rügemer, Michael Sailer, Wolfgang Schwarz, Ekkehard Sieker, SIERA, Kayvan Soufi-Siavash, Uwe Soukup, Markus Stockhausen, Gwendolin Walter-Kirchhoff und Flavio von Witzleben. In der Summe machen sie deutlich: der deutsche Weg muss in die militärisch-staatliche, Frieden stiftende Neutralität führen. Dazu gibt es keine Alternative.
Ulrich Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian: Deutschland NEUTRAL! Mit Sicherheit für Frieden

Westend-Verlag, Frankfurt 2026, ISBN 9783987913679, 224 Seiten, 24 Euro
Siehe auch:
Kampagne für ein neutrales Deutschland
https://deutschlandneutral.de
Angesichts der Weltlage: Da gibt es nur eins: Deutschland NEUTRAL!
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29738
Der große Aufbruch in die aktive Neutralität
Die "Kampagne für ein neutrales Deutschland" zum Jahrestag ihres Wirkens
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29712
Wie steht es um die Neutralität in Deutschland?
Vortrag von Andreas Neumann (Kampagne für ein neutrales Deutschland)
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29614
Neutralität auf dem Vormarsch
Wichtige friedenspolitische Impulse – darunter vom Gründungskongress des BSW-Jugendverbands
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29559
Online-Flyer Nr. 859 vom 23.03.2026














