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Aktueller Online-Flyer vom 28. November 2020  

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Globales
"Die Russen raus, die Amerikaner rein und die Deutschen unten"
Versailles – das schwere Erbe der EU
Von Wolfgang Effenberger

Nachdem der 100. Jahrestag der Pariser Vorort-Friedensverträge von Versailles (Deutschland), Saint-Germain (Österreich), Neuilly-sur-Seine (Bulgarien), Trianon (Ungarn) und Sèvres (Türkei) schamvoll übergangen wurde, muss die Äußerung des französischen Präsidenten Macron gegenüber der Süddeutschen Zeitung vom 18. April 2020 als große Überraschung gelten. (1) Für Willy Wimmer hat Macron mit seiner Aussage zum Ende des Ersten Weltkriegs die Säulen der westlichen Politik gegenüber Deutschland umgestürzt: „Das, was er in diesem Gespräch über die Zukunft Europas sagte, legte die westliche Verantwortung für das Schicksal Deutschlands offen und spannte den Bogen von 'Versailles 1919' über Adolf Hitler bis zum deutschen Krieg gegen Polen und die Ausdehnung dieses Krieges durch Frankreich und England auf die Ebene eines Weltkrieges. Ja, so ließ sich der französische Präsident vernehmen, es sei die Politik Frankreichs gegenüber Deutschland gewesen, über die Bestrafung Deutschlands in Versailles den Boden für den Aufstieg des Nationalsozialismus zu bereiten.“ (2)


Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Spiegelsaal am 28. Juni 1919 (Foto: aus den US National Archives, gemeinfrei)

Eine ähnliche historische Einordnung von "Versailles" in die geschichtlichen Abläufe des vergangenen Jahrhunderts hatte unmittelbar vor Weihnacht 2019 der russische Präsident Putin in St. Petersburg vorgenommen. Und damit dem französischen Präsidenten Macron geradezu den Weg dafür bereitet, „im Kartell der damaligen Friedensfeinde der historischen Wahrheit eine Bresche zu schlagen“ (3).

Für Willy Wimmer verströmen heute sowohl NATO als auch EU aus allen Poren den Geist von Versailles. Dazu erinnert er an das Bekenntnis des ersten Generalsekretärs der NATO, Herr Ismay aus England, der sich zur Aufgabe der NATO geäußert hatte: "die Russen raus, die Amerikaner rein und die Deutschen unten". Und Willy Wimmer folgert daraus: „Das war nicht nur das britische Denken zu Versailles oder das Postulat von Herrn Churchill in den dreißiger Jahren zu einem wirtschaftlich nicht mehr am Boden liegenden Deutschland. Es war der reinste Ausdruck britischer Kriegsplanung gegen das kaiserliche Deutschland seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts.“ (4)

Was mag die geschichtsvergessene Haltung der deutschen Staatsspitze im vergangenen Jahr zur Verweigerung des Gedenkens an Versailles veranlasst haben? Überall sind in den letzten Jahren die Verwerfungslinien des Ersten Weltkriegs wieder aufgebrochen: auf dem Balkan, in Nordafrika und in der Ukraine. Lösungen, nachhaltige Versöhnung und vielleicht Heilung wird es nur geben können, bei einer wahrhaftigen Aufarbeitung des leidvollen und für viele schmerzhaften Themas.

Die Ukraine kämpfte im Ersten Weltkrieg auf beiden Seiten der Front, im Zweiten noch einmal und durch eine von EU und NATO mitverschuldeter Politik kämpfen Ukrainer wieder auf zwei Seiten. Dabei könnte die Ukraine aufgrund ihrer Geschichte einen idealen Brückenkopf zwischen West und Ost spielen. Das scheint aber nicht gewollt zu sein.

Im Hinblick auf den 100. Jahrestag von Versailles hat der Autor Vorträge zum Thema "Drehscheibe Versailles: Ursachen und Folgen imperialistischer Europapolitik".


links: Am 12. April 2019 vor Bautzener Bürgern (Youtube eingeSCHENKT.tv) (5)
rechts: Demonstration gegen den Versailler Vertrag auf dem Münchner Odeonsplatz am 6. Januar 1921

Im Vortrag wurde der Weg in die machtpolitische "Neuordnung" Europas aufgezeigt und die Bedeutung für die heutige Zeit beleuchtet.


Ankündigungsplakat im Immenstaat für den 8. Mai 2019 im Bürgersaal

Ende April 2019 war auch schon das Rohmanuskript für das Buch "Europas Verhängnis 14/18 – Revolution, Rätewirren und Versailles" (6) fertiggestellt.
Zum 100. Jahrestag erschienen dann im Zeitgeist-Verlag zwei Bücher zum gleichen Thema:



Zur Erinnerung: Am 28. Juni 1919 wurde in Versailles mehr als 7 Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Friedensvertrag mit Deutschland unterschrieben, der Deutschland die alleinige Schuld am Krieg gab. Die Unterschrift der Deutschen wurde durch die Fortsetzung der Seeblockade quasi erzwungen. Es folgten die weiteren Pariser Vorort-Friedensverträge von Saint-Germain (Österreich), Neuilly-sur-Seine (Bulgarien), Trianon (Ungarn) und Sèvres (Türkei).

Beschämend für die "westliche Wertegemeinschaft" ist das Übergehen des 100. Jahrestages von Versailles und aller anderen Verträge. Offensichtlich sollten die näheren Umstände dieses Friedensvertrages und seine Folgen nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden.

Und so geben die Äußerungen von Putin und Macron hinsichtlich Versailles ein hoffnungsvolles Zeichen für eine dem Frieden und der Versöhnung dienende Geschichtsaufarbeitung.

Der Wahrheit wird man sich zwar immer nur annähern können, und Geschichte bleibt eine Frage der jeweiligen Interpretation von Fakten und ihrem Zusammenhang, doch das bewusste Weglassen von Fakten und das Zementieren bloßer Vermutungen und Fiktionen muss man einfach als Täuschung bezeichnen. Und wenn schon die Vergangenheit dermaßen manipuliert wird, wie wahrhaftig geht man dann mit den Zielsetzungen um? Werden wir da nicht auch massiv getäuscht? Eine auf universellen humanitären Werten beruhende europäische Gemeinschaft, wie sie immer wieder blumig beschworen wird, werden wir nur mit absoluter Wahrhaftigkeit verwirklichen können. Ohne Wahrhaftigkeit gibt es weder Frieden noch Freiheit, wie es der Philosoph Karl Jaspers formuliert hat:

„Friede ist nur durch Freiheit, Freiheit nur durch Wahrheit möglich. Daher ist die Unwahrheit das eigentlich Böse, jeden Frieden Vernichtende: die Unwahrheit von der Verschleierung bis zur blinden Lässigkeit, von der Lüge bis zur inneren Verlogenheit, von der Gedankenlosigkeit bis zum doktrinären Wahrheitsfanatismus, von der Unwahrhaftigkeit des einzelnen bis zur Unwahrhaftigkeit des öffentlichen Zustandes.“ (7)


Anmerkungen

1 "Europas Moment der Wahrheit", Süddeutsche Zeitung vom 18.4.2020, S.8
2 Willy Wimmer: Trump muß weg und wenn es über Corona ist vom 22.4.2020
https://www.world-economy.eu/nachrichten/detail/trump-muss-weg-und-wenn-es-ueber-corona-ist/
3 Ebenda
4 Ebenda
5 Wolfgang Effenberger: Drehscheibe Versailles, eingeSCHENKT.TV vom 12.4.2019
https://www.youtube.com/watch?v=Bgz36G5aNj0
6 Wolfgang Effenberger: Europas Verhängnis – Revolution, rätewirren und Versailles
7 Karl Jaspers: Die Voraussetzung des Friedens (1958)
https://www.zitate.eu/autor/karl-jaspers-zitate/134363

Online-Flyer Nr. 742  vom 29.04.2020



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