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Aktueller Online-Flyer vom 13. August 2020  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
NIE WIEDER, und das gilt nicht nur für Auschwitz
Von Evelyn Hecht-Galinski

Wenn sich am 27. Januar 2020 die Staatsoberhäupter dieser Welt anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zur Reise nach Jerusalem aufmachen werden, dann ist eines gewiss: sie werden Teil einer Inszenierung des jüdisch-zionistischen Besatzungsregimes werden, die ihresgleichen sucht. Wie Haaretz berichtete, lud „passend“ zum Event, der Bürgermeister von Jerusalem, Moshe Leon, die Teilnehmer des Welt-Holocaust-Forums, das diese Woche in Jerusalem stattfindet, zu einer „einzigartigen“ Veranstaltung mit Live-Musik und DJ in eine Höhle unter der Altstadt ein. Diese Zedekah-Höhle, die auch als „Salomon-Steinbrüche bekannt ist, wird von der staatlichen East Jerusalem Development Company (einer Jerusalemer „Judaisierungs“-Behörde) betrieben. Als dieser Entwurf der Einladung ungeplant durchgesickert war, versuchte man die Party als Veranstaltung für die Presse herunterzuspielen. Bei der Einladung habe es sich „nur“ um einen Entwurf gehandelt, der den Medien zugespielt worden sei, während in der offiziellen Fassung kein DJ oder „After-Party“ erwähnt werde. (1)

Auschwitz als Synonym

Vier Tage vor diesem Jahrestag wird eine Gedenkveranstaltung in Yad Vashem stattfinden, die Auschwitz als Synonym für eine Einmaligkeit in Erinnerung halten will. Tatsächlich ist Auschwitz und die Fabrik-mäßige Ausrottung und Judenverfolgung in Nazi-Deutschland einmalig, aber dennoch auch vergleichbar mit späteren Verbrechen und Völkermorden. Es geht keinesfalls um Aufrechnung, wenn wir Vergleiche - wohl bemerkt keine Gleichsetzung - zwischen Judenverfolgung und der andauernden Vertreibung und Besatzung in Palästina ziehen. Das muss erlaubt sein 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Mehr als fragwürdiges Gedenken

Wenn heute vollmundig darauf hingewiesen wird, dass zum 75. Jahrestag die Vertreter der alliierten Staaten der Siegermächte ihre Reden halten werden, welche die Welt vom Holocaust befreit haben, zusammen mit Deutschland als Täter, das die Schuld anerkannt hat“, zusammen mit Israel dem Vertreter der „jüdischen Nation“, dann ist dieses Gedenken, mehr als fragwürdig .

Türken Bashing und israelischer Staatsterror

Nur wenige Staaten und Personen boten Juden Schutz vor der Verfolgung, beherbergten sie und bewahrten sie vor der Vernichtung. Explizit möchte ich auf die Türkei hinweisen, die vielen Juden Unterschlupf bot und sie vor der Verfolgung rettete. Nicht zu vergessen ist, dass aktuell die Türkei etwa 3,8 Millionen syrische Flüchtlinge aufnahm. Das sollte auch das Netanjahu-Regime nicht vergessen, wenn es die türkische Regierung angreift, die unter Erdogan eine der wenigen ist, die immer wieder die Verbrechen der illegalen Besatzung und deren Folgen kritisiert. Tatsächlich hat Erdogan recht, wenn er das Konzentrationslager Gaza mit dem Holocaust vergleicht und den israelischen „Staatsterror“ angreift. Schließlich werden an die Türkei strengste Maßstäbe gelegt, und die Medien überbieten sich an Erdogan-Kritik und Türken-Bashing, während Israel und Juden auf ein Podest gestellt werden und als „Kostbarkeiten“ geschützt werden. Deutschland, das selbst so viele Flüchtlinge aufnahm, sollte die Türkei in ihrem Streben nach einem EU-Beitritt unterstützen, anstatt es abzulehnen. Muslime haben einen ganz schlechten Stand in der Gesellschaft, werden ausgegrenzt, diffamiert und angegriffen. Während der Antisemitismus maßlos übertrieben wird und die Antisemitismusbeauftragten fast aller Bundesländer am Hauptproblem, vorbei reden wird stattdessen die berechtigte Kritik an der Politik Israels mit allen Mitteln als Antisemitismus gebrandmarkt, um sie für immer verstummen zu lassen. Im gleichen Zusammenhang werden Muslime als neue Antisemiten dämonisiert, weil sie die für alle sichtbaren Besatzungsverbrechen im „jüdischen Staat“ nicht mehr schweigend hinnehmen wollen. Der Islam-Hass hat sich längst etabliert in Deutschland und dagegen müssen wir uns wehren. Die Muslime als neue Juden? Gerade die Erinnerung an Auschwitz gebietet, gegen die herrschende Islamophobie zu kämpfen und sich mit den Muslimen zu solidarisieren, anstatt mit jüdischen Völkerrechtsverbrechen. (2)(3)(4)(5)(6)

Waren es nicht auch Alliierte, die sich weigerten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, und waren sie nicht blind gegenüber den Judenverfolgungen? Durch wen konnte Hitler so stark werden und wer unterstützte ihn und sein Nazi-Regime finanziell und auch ideologisch? Der Brite Chamberlain und die Petain-Vichy Regierung in Frankreich, Mussolini und Franco als Verbündete trugen viel zu der Stärke, Kampfkraft und Kriegsmöglichkeit bei. US-Großkonzerne, sowie internationale, z.T. bekennende Antisemiten, waren Feuer und Flamme für Hitler und seine Schergen. (7)(8)(9)(10)

Antisemitismus in Philosemitismus verwandelt

Die deutsche Industrie und Banken, die heute infamer Weise israelkritischen Juden und Organisationen die Konten kündigen, damit einen neuen Antisemitismus zelebrieren und die sich in ihrer Freundschaft zum „Jüdischen Staat“ überbieten, sind das Beispiel dafür, wie sich Antisemitismus in Philosemitismus verwandelt hat.

Mythos vom „jüdischen Volk“

Während das jüdisch-zionistische Establishment, von links bis rechts, bis heute die Katastrophe des palästinensischen Volkes, die Nakba, bei Staatsgründung Israels 1948 leugnet, und nicht anerkennen will, dass dieses einheimische palästinensische Volk vertrieben und enteignet wurde, mit dem Vorsatz, diesem Volk seine Identität abzusprechen, erfand man den Mythos vom „jüdischen Volk“ und die „Erfindung des jüdischen Volks“ war geboren. Das Judentum ist eine Religion wie jede andere und keinesfalls ein „Volk“, wie Schlomo Sand in seinem Buch eindrucksvoll darlegte. Aber nur mit diesen Mythen konnte das zionistische Regime die Anerkennung der Existenz eines „jüdischen Staates“ vorantreiben, mit der steten Judaisierung Palästinas als Staatsräson. (11)

Keine „Deutsche Staatsräson“ für den „jüdischen Staat“

Wie kann man also 75 Jahre nach Auschwitz einen jüdischen Apartheidstaat anerkennen, der mithilfe eines Nakba-Gesetzes, das den Kultur- und Bildungseinrichtungen, die an die israelischen Gräuel erinnern, die die Palästinenser erleiden mussten, die staatlichen Mittel verweigert, und schäbige Versuche unternimmt, Teile der Geschichte neu zu schreiben, zu vertuschen und zu leugnen? Dergleichen ist das Nationalstaaten-Gesetz, ein völlig einseitiges und diskriminierendes Gesetz, das bewusst Minderheiten ausgrenzt und die jüdische Bevölkerung einseitig bevorzugt. Mit diesem „Rasse-Gesetz“ und Apartheid-Vorbild ist der „jüdische Staat“ endgültig zur Ethnokratie nur für Juden geworden, den die Bundeskanzlerin zur „Deutschen Staatsräson“ erklärt hat und dessen falsche Forderung nach „Existenzrecht“ die Deutschen anzuerkennen haben. (12)

Der „jüdische Staat“ versucht uns alle zum Schweigen zu bringen

Haben Juden den Holocaust vergessen, wenn sie als Nachfahren der Opfer Palästinenser verfolgen, Menschenrechtsaktivisten und BDS-Anhänger verfolgen und die heuchlerische Staatengemeinschaft lässt aus falscher Vergangenheitsbewältigung diese Verbrechen auch noch zu. Nein, wir alle sind verpflichtet, den Palästinensern zu helfen, ihre Freiheit zu erlangen, weil wir es nicht zulassen dürfen, dass sie die letzten Leidtragenden/Opfer des Holocaust bleiben, und das völlig schuldlos. Der „jüdische Staat“ versucht uns alle zum Schweigen zu bringen, um zu vertuschen und in Ruhe weiter die Verbrechen zu begehen, jetzt noch gestärkter durch die USA und die Trump-Regierung als willige Helfer.

Angeekelt durch diesen Lobbyismus

Warum wohl finanziert das israelische Ministerium für Strategische Angelegenheiten, das die internationale Schmierenkampagne gegen die immer erfolgreich werdende gewaltlose BDS-Bewegung leitet, ihre Anti-BDS-Propaganda in den wichtigsten Nachrichtenagenturen und kauft Platz in israelischen Mainstream-Zeitungen, um seine Botschaften unter dem Deckmantel von Objektivität in diesen bezahlten Artikeln zu verbreiten. Auch in deutschen Leit(d)-Medien finden wir diese Einflussnahme der Israel-Lobby immer häufiger. Das zionistische Regime und ihre Lobbyisten versuchen immer mehr, diese Meinungsmache zu verbreiten, aber die Leser und Medien-Konsumenten werden immer wacher und angeekelt durch diesen Lobbyismus, und informieren sich in seriösen Internet-Medien. Und gerade das ist den Lobbyisten ein Dorn im Auge, wissen sie doch um die Gefahr dieser Konkurrenz. Die Medien, Politik und Lobby sollten nicht zu dumm sein und denken, dass wir nicht sehr gut unterscheiden können, was im Internet so angeboten wird. Wir merken sehr schnell, wenn wir Hasbara-Propaganda vorgesetzt bekommen, auch immer öfter nach vom israelischen Außenministerium bezahlten Journalisten-Reisen. Das Ministerium kann noch so stolz darauf sein, ein „Netzwerk“ von nationalen und internationalen Organisationen zur Umsetzung seiner Politik geschaffen zu haben. Das macht diesen Apartheid-Staat aber nicht demokratischer, auch wenn man uns das immer wieder eintrichtert. Letzten Endes wird es ihnen nicht nützen, sondern nur schaden und sie als ewige illegale Besatzer Palästinas entlarven. (13)

Am Ende wird die Wahrheit siegen

Mögen noch so viele propagandistische Artikel, Leserbriefe und Drohungen gegen uns veröffentlicht werden, am Ende wird die Wahrheit siegen, die sich nicht auf Dauer vertuschen lässt.

75 Jahre nach der Befreiung Auschwitz‘ ist es an der Zeit für eine Allee, um die Menschen, die Juden unter Lebensgefahr versteckten und ihnen halfen, zu ehren. Es braucht keine Stehlen, keine Denkmäler, sondern die Erinnerung an die Gerechten in Deutschland. Als Mahnung für ein NIE WIEDER, auch ein NIE WIEDER, wenn Palästinenser und Muslime betroffen sind. Deshalb möchte ich wieder an das Vermächtnis meines Vaters Heinz Galinski erinnern. „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen“.

Nicht schweigen, wenn der „jüdische Staat“ Unrecht begeht

Daran sollten auch die Befreier von Auschwitz denken, wenn sie diese Woche in Yad Vashem zum Gedenken zusammenkommen, und nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht, auch und gerade dann nicht, wenn der jüdische Staat Unrecht begeht. Niemals wieder; und das gilt nicht nur für Auschwitz


Das Bittere (von Erich Fried)


Du willst mich nicht hören
denn du willst dir nicht rauben lassen
das von dem ich dir sage
es ist ein Unrecht.
Glaubst du ich sage es leichthin
und ohne Zögern?

Glaubst du es macht mir Spaß
gegen Menschen zu sprechen
von denen viele nur
durch Verfolgung und Verzweiflung
auf den Irrweg getrieben wurden
auf dem sie verrannt sind?

Glaubst du es ist sehr leicht
zu rufen in alle vier Winde
daß einige meiner Verwandten
die der S.S. entgingen
das Tun ihrer Mörder
zu ihrem Vorbild nahmen?
Ich sage das fast so ungern
wie du es hörst

Glaubst du es läßt mich kalt
einen Brief zu bekommen
von einer alten Mutter
deren drei Söhne
in Auschwitz vergast worden sind
und die mich fragt
wie könne ich sprechen gegen meine eigenen Leute
da schon so viel Blut vergossen wurde
von unserem Blut?

Zwar weiß ich daß ich nicht wirklich
gegen die Juden spreche
sondern nur gegen den Irrweg
jener Juden
die glauben auf Verbrechen
gegen die Palästinenser
läßt sich ein Land
und eine Zukunft bauen

Zwar weiß ich daß ich versuche
die Juden in Israel und
ihre Kinder retten zu helfen
indem ich beizeiten
Klage erhebe
gegen jene Verbrechen
begangen in ihrem Namen
die sonst ihr Untergang werden

Doch vor dem Brief
der Frau mit den toten Söhnen
ist es kein Trost
daß ich es besser weiß


Fußnoten


(1) https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-j-lem-mayor-invites-holocaust-forum-attendees-to-cocktail-party-complete-with-dj-1.8414774
(2) https://www.timesofisrael.com/israel-angrily-rejects-holocaust-gaza-comparison-from-turkeys-erdogan/
(3) https://ahvalnews.com/turkey-israel/turkey-opposed-anyone-stands-israel-says-erdogan
(4) https://www.globalresearch.ca/secret-history-the-u-s-supported-and-inspired-the-nazis/5439236
(5) https://time.com/5684506/munich-appeasement/
(6) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-10/islamophobie-mitte-afd-medien-islam-3-02/komplettansicht
(7) https://www.tagesspiegel.de/politik/rassismus-und-antisemitismus-in-deutschland-muslime-sind-die-neuen-juden/10669820.html
(8) https://www.sueddeutsche.de/leben/historie-hitlers-handlanger-1.2495825
(9) https://www.sueddeutsche.de/politik/spanien-buergerkrieg-als-hitler-fuer-franco-morden-liess-1.1120733
(10) http://sauber.50webs.com/kapital/
(11) https://www.fr.de/kultur/literatur/gibt-kein-juedisches-volk-11684648.html
(12) https://www.deutschlandfunk.de/nationalstaatsgesetz-in-israel-demokratie-nur-fuer-die.799.de.html?dram:article_id=424663
(13) https://www.972mag.com/anti-bds-propaganda-ministry-media/


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.


Online-Flyer Nr. 733  vom 29.01.2020



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