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Aktueller Online-Flyer vom 25. Mai 2019  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Deutsche Staatsräson für ein freies Palästina! Der "Marsch der Rückkehr" als Mahnung
Von Evelyn Hecht-Galinski

Tausende Palästinenser entlang des Grenzzauns zum "Jüdischen Staat" haben der Staatengemeinschaft gezeigt, was Würde und Widerstand heißt. Es ist erschreckend, wie die deutsche Presse diesen Marsch darstellt und Tatsachen verfälscht. Wenn man die deutschen Leit(d)-medien liest, ist man ja schon vieles an Verdrehungen gewöhnt, aber was diesmal zur Berichterstattung des ersten Jahrestages des großen Marsches der Rückkehr berichtet wurde, überschritt jedes Maß an objektiver Berichterstattung. Viele der Artikel lesen sich so, dass der unbedarfte Leser meinen könnte, dass nicht die zionistischen Besatzer, sondern die Hamas schuld an der Blockade und an dem Elend im Konzentrationslager Gaza sind.

Gedenken an die mörderische Unterdrückung unterstützen

Wäre es nicht für all die, die sich sonst lautstark die Verteidigung der Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben haben, angebracht, die unbewaffneten Demonstranten anlässlich des „Tag des Bodens“ im Gedenken an die mörderische Unterdrückung der palästinensischen Proteste gegen illegale israelische Landbeschlagnahmungen in Galiläa im Jahr 1976 zu unterstützen?

Seit letztem Jahr, Woche für Woche, fordern unbewaffnete Demonstranten ein Ende der jahrzehntelangen illegalen Besatzung Palästinas und der ebenfalls illegalen Blockade des Gazastreifens, sowie ihr legales, vom Völkerrecht verbrieftes Recht auf Rückkehr in ihre angestammten Heimat, was von den zionistisch-jüdischen Besatzern mörderisch und gnadenlos bestraft wird.

Dieser „Zaun des Todes“ zum Konzentrationslager Gaza, die illegale Mauer, die gemäß Urteil des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag aus dem Jahre 2004 dem internationalen Recht widerspricht, muss endlich so fallen wie die Berliner Mauer. Da stellt sich die Frage, warum nicht gerade Deutschland, das doch so den Fall der Berliner Mauer feierte, sich nicht mit ebensolchem Elan für die Einhaltung des Rechts und die Umsetzung des IGH-Urteils, und für ein Ende des zionistischen Besatzungs-Regime einsetzt? (1)

Von "journalistischem Schmutz" befreien

Letzten Freitag, ausgerechnet an diesem 30. März, dem „Tag des Bodens“, lässt die Süddeutsche Zeitung mit Daniel Brössler dem Schmerz des palästinensischen Volkes in einem schmählichen Artikel noch nachtreten, als Inbegriff eines deutschen misslungenen Journalismus. Was Brössler schrieb, war so menschenverachtend und so einseitig den "Jüdischen Staat" unterstützender Lobbyismus, der mich fassungslos machte und ich mir erst einmal die Hände waschen musste, um mich von diesem "journalistischen Schmutz" zu befreien. (2)

Glaubt dieser israelische Interessenvertreter wirklich, dass man das Völkerrecht verteidigen und zugleich zu einem "jüdischen Besatzer-Regime" stehen kann, das seit seiner Staatsgründung das Völkerrecht nie auf der Agenda hatte, sondern brutal seine zionistische Landraub- und Vertreibungs-Ziele verfolgte? Nein, dieses mit Atomwaffen bestückte "Jüdische Besatzer-Regime" verdient keinerlei deutsche Unterstützung und schon gar keine Waffenhilfe, sondern allein das von Amnesty International geforderte Waffen-Embargo! (3)

Tatsächlich muss die deutsche Regierung, ebenso wie deutsche Medien eine neue Art der Politik finden, die eben nicht mehr "balanciert" zwischen Völkerrecht, deutscher Staatsräson für den "Jüdischen Staat" und uneingeschränkte Solidarität. Nicht der "Frust über Trump oder Netanjahu", wie Brössler schreibt, darf Deutschland leiten, sondern die Allgemeinen Menschenrechte und das internationale Recht, und daher die Verletzung des Völkerrechts, der Menschenrechte und die Besatzungspolitik durch Israel mit aller Schärfe verurteilen muss. Es muss endlich auch Schluss sein mit der ewigen israelischen Erpressung wegen „unserer Vergangenheit“.

Holocaust mahnt: nie wieder unmenschliche Vertreibungs- und Besatzungspolitik

So kann man es nur immer wiederholen, der Holocaust legitimiert Deutschland nicht dazu, die jüdische Politik mit allen Mitteln zu unterstützen, sondern sollte uns daran erinnern, nie wieder eine unmenschliche Vertreibungs- und Besatzungspolitik zu verteidigen und zu ermöglichen. Wenn deutsche Jugendliche in deutsche KZ`s geschickt werden, aber das größte Konzentrationslager Gaza nicht besuchen können, dann läuft etwas schief. Es kann doch nicht sein, dass junge Deutsche ihre wichtige historische Aufklärung über die Nazi-Zeit und den Holocaust erhalten, und noch dazu im regen „verklärten“ Austausch mit dem „Jüdischen Staat“ in philosemitischer Einseitigkeit geprägt werden, die von der Nakba, der Katastrophe der gewaltsamen Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat, nichts erfahren sollen! Dies scheint mir vergleichbar mit einer diktatorischen Staatsdoktrin, denn mit dem Verschweigen von zur Meinungsbildung wichtigen Tatsachen lässt sich nicht wiedergutzumachen, was den Holocaustopfern angetan wurde. Ganz im Gegenteil, es ist kontraproduktiv, ein Unrecht gegen ein neues Unrecht zu verrechnen.

Junge Deutsche haben keinerlei Schuld an der Vergangenheit, aber deutsche Funktionsträger und Journalisten haben die Pflicht, diese Objektivität zu vermitteln, an der es mangelt. Wenn Juden heute Unrecht und Verbrechen begehen, dann ist es vor allem journalistische Pflicht, das zu benennen. Man kann die Raketen der Hamas nicht vergleichen mit der hochgerüsteten jüdischen Besatzungsarmee. Man kann Besatzer und Besetzte nicht ständig gleichsetzen. Immer wieder muss daran erinnert werden, dass die Wurzel allen Übels die Gründung des "Jüdischen Staats" 1948 ist, aufgebaut auf der jüdischen Staatsräson der Vertreibung der einheimischen palästinensischen Bevölkerung und die Besatzung ganz Palästinas. Deutsche Staatsräson für die Freiheit Palästinas und kein Existenzrecht für einen "Jüdischen Staat"auf geraubtem palästinensischem Land!

Es scheint ganz offensichtlich, dass die jahrzehntelange Gehirnwäsche der Israel-Lobby, in Gestalt ihrer deutschen Vertreter, so erfolgreich ihr Werk verrichtet hat, dass sich dieses philosemitische Trauma in den Köpfen und Gehirnen verinnerlicht hat, bis in alle Ewigkeit.

Wut steigt auf, wenn Menschen in ihrem Hunger nach Würde und Freiheit allein gelassen werden

Es lässt einem die Wut aufsteigen, wie hier eingeschlossene, in ihrem Hunger nach Würde und Freiheit drängende Menschen vor allem von der so genannten „Wertegemeinschaft“ allein gelassen werden. Schamesröte müsste allen ins Gesicht fahren angesichts der Bilder aus dem Gazastreifen. Und menschenverachtend ist es, von einem "ruhigen Verlauf" des Marsches und der "ungewöhnlichen Beherrschung" der Hamas zu sprechen, bei dem immerhin vier junge Palästinenser, von denen drei gerade einmal 17 Jahre alt werden durften, die von jüdischen Snipern einer auf Angriff spezialisierten "Verteidigungs-“Armee ermordet wurden, mehr als 316 verwundet wurden, darunter 86 Kinder, 29 Frauen, drei Sanitäter und sieben Journalisten. Außerdem wurde dabei eine neue Waffe erprobt, die speziell von der Besatzungsarmee extra für diese Art der Demonstrationen entwickelt wurde und darauf zielt, die Menge auseinander zu treiben.

Tatsächlich ist es der Hamas zu danken, dass trotz der hohen Beteiligung von mehr als 40.000 Demonstranten und der vorangegangenen zionistischen Gewaltandrohung, es mit vielen freiwilligen Helfern gelang, viele Menschenleben zu retten und nicht von den schon lauernden jüdischen Scharfschützen heimtückisch abknallen zu lassen, indem sie davon abgehalten wurden auch noch zu demonstrieren. Das Recht auf friedliche Demonstration wird dank der illegalen jüdischen Besatzung auch noch verhindert. Sie brüsteten sich noch damit, dass nur die israelischen Luftangriffe, auch auf das Büro von Hamas-Chef Ismail Haniyeh zur "relativen Ruhe des Tages" beitrug, wie die Times of Israel zynisch berichtete. Genau das ist die zionistische Denkweise des regierenden Regimes, die sich auch nie ändern wird, egal wie die Wahlen am 9. April ausgehen werden. Sie beruht nur auf harter Besatzungshand und ständiger Erweiterung des Landraubs auf Kosten der Palästinenser.

So war die Ankündigung von "Erleichterungen", wie die Öffnung der Grenzübergänge, Erleichterung beim Grenzverkehr, Erweiterung der Fischereizone und Genehmigung an Qatar, höhere Summen von Hilfsgeldern in den Gazastreifen zu senden, ganz nach besatzerischer Gutsherrenart und zionistischer Launen jederzeit wieder änderbar. Ohne das Beenden der illegalen Blockade und Besatzung, denn das führt ja nicht zur ewigen Judaisierung in einem "Groß-Israel"!

Palästinenser nicht ihrem traurigen Schicksal überlassen!

Wir sollten uns also endlich die Frage stellen, wie lange wir diese Art der völkerrechtswidrigen Besatzungspolitik des zionistischen Regimes noch, tatkräftig mit finanzieller und Waffenhilfe, unterstützen wollen? Wie lange kann die internationale heuchlerische Staatengemeinschaft noch die Augen verschließen vor dieser mörderischen zionistischen Gewalt gegen friedliche palästinensische Demonstranten, und vor den Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Wann wird diese schreckliche Diskrepanz der Darstellung und Berufung auf „Werte“ und Menschenrechte in Deutschland und der EU dazu führen, endlich allen moralischen und rechtlichen Verpflichtungen gegenüber Palästina nachzukommen und endlich Sanktionen gegen Israel verhängen und die dringend nötige BDS-Bewegung unterstützen?  Wir sind verpflichtet, die Palästinenser, die ihre verzweifelte Entschlossenheit wöchentlich in Gaza zeigen, in ihrem Kampf um Freiheit zu unterstützen. Wir sollten alles daran setzen, dass sie sich nicht von aller Welt vergessen fühlen und sie nicht ihrem traurigen Schicksal überlassen. Deshalb endlich die deutsche Staatsräson für  ein freies Palästina und die Solidarität mit dem Marsch der Rückkehr!


Fußnoten:

(1) http://bds-kampagne.de/2004/07/09/gutachten-des-internationalen-gerichtshof-igh/
(2) https://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-nahostpolitik-balanceakt-1.4386673
(3) https://palaestina-nachrichten.de/2019/03/31/gaza-jahrestag-protest-israel-lobt-ungewoehnliche-beherrschung-von-hamas-und-erschiesst-trotzdem-drei-17jaehrige-palaestinensische-jugendliche/


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Online-Flyer Nr. 699  vom 03.04.2019



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