NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 25. August 2019  

Fenster schließen

Kommentar
Was bringt uns die Zukunft?
Die Ohnmacht der Moral
Von Jochen Mitschka

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mir geht es regelmäßig schlecht, wenn ich die Nachrichten lese. Nein, ich meine nicht die Narrative, die uns das deutsche Establishment erzählt, sondern die Realität, rein gelassen über weltweite Kontakte und Berichte in allen möglichen Sprachen. Naja, mein Vater hatte immer gesagt „Geld regiert die Welt“, wenn ich mich über Ungerechtigkeiten erregte. Aber ich habe das bis heute nicht gelernt, einfach mit den Schultern zu zucken. Aber vielleicht verstehen Sie ja nicht, was ich meine. Lassen Sie es mich erklären:

Da lese ich heute, wie saudi-arabische Jets nach der fast vollkommenen Zerstörung der Infrastruktur des Jemens, nun nicht nur zivile Ziele bombardieren, sondern ganz gezielt auch versuchen die spärlichen Lebensmittelgrundlagen auch noch zu zerstören, um das Land durch eine noch größere Hungersnot zu unterwerfen. Nachdem Saudi-Arabien mit der Hilfe der USA und von Großbritannien also 100.000 Menschen im Jemen tötete, wird nun ein (!) saudischer Bürger vermisst, der zuletzt in einem türkischen Konsulat gesehen wurde. Man vermutet: er wurde getötet und zerstückelt. Was einen größeren Aufschrei auslöst als der Tod von 100.000 Menschen im Jemen. Aber natürlich, der US-Präsident Trump erklärt es deutlich, das würde nicht die Waffengeschäfte von über 110 Milliarden Dollar in Frage stellen. Irgendwie würde Saudi-Arabien bestraft werden, sollte der Mord sich als wahr herausstellen, meinte er. Aber nicht auf Kosten der Profite. War demnach der Hauptfehler Gaddafis, dass er nicht genug Waffen in den USA gekauft hatte, möchte man denken.

Apartheid, Vertreibung und schleichender Völkermord unter dem Banner des jüdischen Glaubens

Ich blättere weiter und lese, dass wieder mehrere Demonstranten am Grenzzaun zu Gaza von israelischen Besatzungssoldaten erschossen wurden, hunderte verletzt wurden, einige davon mit Munition, die zu einer Amputation führen muss. Gleichzeitig lese ich von kolonialen Siedlern, die eine Mutter in ihrem Auto steinigten, einfach weil sie Palästinenserin war. Und auf israelischen Seiten lese ich Berichte über einen Leasingvertrag mit Deutschland für ein Drohnenprojekt, der eine Milliarde Euro ins Land spülen wird, aber noch viel wichtiger, der Welt demonstriert, dass Deutschland auch das neue Nationalitätengesetz akzeptiert, das von dem Teil der Welt, der nicht zum Establishment gehört, als Apartheidgesetz angesehen wird. Und ich frage mich, ob die Lehre, die das deutsche Establishment aus dem Holocaust an sechs Millionen Juden zog die war, dass Apartheid, Vertreibung und schleichender Völkermord OK sind, wenn sie unter dem Banner des jüdischen Glaubens realisiert werden. Dass es richtig ist, dass das palästinensische Volk für die Verbrechen Nazi-Deutschlands bezahlen muss.

Dann taucht eine Statistik auf, die zeigt, dass Deutschland Lohn- und Rentendumping begangen hatte, so zum Exportweltmeister wurde, und die anderen EU-Länder in die Knie zwang, weil die lieber gute Qualität zu günstigem Preis in Deutschland kauften und sich dafür verschuldeten, statt selbst zu produzieren. Nun redete aber niemand, dass dieser Lohn- und Rentenverzicht aufgeholt werden sollte, sondern vielmehr werden die anderen EU-Länder aufgefordert, doch gefälligst ihre Sozialleistungen, Löhne, Gehälter und Renten, zu senken. Und in Deutschland beobachtete man eine PR-Kampagne im Vorfeld der Abstimmung über das „Rentenpaket“, dass dieses die Renten zwar stabil halten soll (nicht einem erhöhten EU-Niveau anpassen wohlgemerkt) aber verantwortlich ist für die schlechte Infrastruktur, für die schlechte Bildung, und für demnächst angeblich notwendigerweise zu erhöhende Steuern. Während niemand in den Qualitätsmedien die Finanzierung der geplanten Verdopplung der Rüstungsausgaben oder die Kosten der illegalen Migration für Steuererhöhungen ins Gespräch bringt. Im Gegenteil, man müsse sich ja an eingegangene Verpflichtungen (2 Prozent vom BIP für Rüstung) halten. Nur konnte mir niemand aufzeigen, dass Deutschland außer einer widerrufbaren Zusage eine entsprechende völkerrechtliche Bindung eingegangen war. Offensichtlich sieht das deutsche Establishment eine Höhe von Rüstungsausgaben, die an die Ausgaben des Atomstaates Russland heranreichen, trotz NATO-Mitgliedschaft für notwendig an. Die Frage, warum wir dann die NATO brauchen, wird nicht gestellt.

Am gleichen Tag dann die Nachricht, dass das Regierungsterminal des seit Jahren verzögerten Flughafens in Berlin sich wohl um 50 Millionen Euro verteuern werde. Also das waren dann wohl eher Peanuts.

Absurde Kollaboration der deutschen Elite mit den USA

Und in einer US-Seite lese ich, dass demnächst modernisierte Kernwaffen der USA den Freunden in Deutschland zur Verfügung gestellt werden würden, damit die sich sicherer fühlen. Ist das nicht nett? Nur dass der Bundestag bereits einmal mit deutlicher Mehrheit darum gebeten hatte, US-Kernwaffen aus Deutschland abzuziehen. Aber das deutsche Politikestablishment ignorierte den Wunsch der Volksvertreter und unterwarf sich dem Wunsch der USA, vorgeschobene Atomwaffen in Deutschland zu stationieren, die erwartungsgemäß in einem Atomkrieg wohl als Erstes zum Ziel von Präventiv- oder Gegenschlägen Russlands werden würden. Die USA sind bereit, bis zum letzten Deutschen den aggressiven Russen Einhalt zu gebieten. Das kann man verstehen. Aber die Kollaboration der deutschen Elite ist absurd. Da schaffen wir Atomenergie ab, sehen aber zu, Kernwaffen im Land zu behalten. Das ist zwar nicht logisch, dient aber sicher der Karriere.

Dann sehe ich Fotos von einer Demonstration unter dem Titel #Unteilbar mit Fotos eines großen Grundgesetzes. Und, ich traue meinen Augen nicht, behaupten jene, die den Geist des Grundgesetzes längst neu interpretiert haben, um es vornehm auszudrücken, wie wichtig ihnen das Grundgesetz wäre. Nein, wir bereiten natürlich keine Angriffskriege vor, weder taten wir das gegen Jugoslawien, noch gegen Syrien. Sonst hätte doch sicher der Herr Generalbundesanwalt etwas unternommen. Oder auch nicht, musste ich feststellen (1). Und was bedeutet schon ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Gutachten können so lange erstellt werden, bis das passende herauskommt, darf man vermuten.

Schließlich lese ich in Science (2), dass eine angesehen Forschergruppe ernsthaft die Forschung der USA als mögliche Entwicklung von Biowaffen bezeichnet, ohne dass ein zeitgleich bekannt gewordener Fernsehbericht in einem arabischen Land und die Internetseite einer investigativen Journalistin ernsthaft in deutschen Medien thematisiert wird, ohne dass Forderungen nach einem Zusatz der Biowaffenkonvention laut werden, internationale Kontrollmöglichkeiten festzulegen.

Ich könnte nun noch eine Weile fortfahren, aber ich denke, inzwischen verstehen Sie, was ich eingangs meinte. Wenn ich diese Meldungen sehe, kommt mir seltsamerweise die Dekadenz des römischen Reiches in seinem Niedergang und die weltliche Lebensart, um es druckbar zu sagen, ganzer Generationen von Päpsten in den Sinn. Und mir graut davor, was auf diese Zivilisation wohl demnächst zukommen wird. Jetzt da offensichtlich auch die letzte Zurückhaltung des westlichen Establishments verschwunden ist, Moral und Ethik auch nur noch ansatzweise für ihre Handlungen heran zu ziehen. Ganz entgegen der immer wieder behaupteten Lippenbekenntnisse.

Dann frage ich mich, wie konnte es in einer „Demokratie“ dazu kommen? Mir fällt spontan ein Zitat ein, das Churchill zugeschrieben wird: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Aber dann fällt mir ein, dass Churchill aus der Hocharistokratie stammte, und selbst einer der zynischsten und machtbesessensten Menschen war. Deshalb muss man die Aussage wohl so verstehen, dass Demokratie die beste aller Regierungsformen für das herrschende Establishment ist. Denn durch die Illusion der Verantwortung der Massen, der Wähler, werden ihre Taten immer straffrei bleiben. Wenn es nun keinen Unterschied im Verhalten der die Macht ausübenden Politiker in einer Diktatur zu denen in einer Demokratie gibt, dann versteht man auch, wie es dazu kommen konnte, dass ca. 25 Millionen Menschen in Kriegen starben, die von den USA nach dem 2. Weltkrieg betrieben wurden, dann versteht man, warum es eine Verbrüderung der Golfdiktaturen mit den Spitzen der britischen und US-Politik gibt, und warum deutsche Politiker versuchen, Brosamen von diesem Kuchen abzubekommen, der vom imperialistischen Tisch herunterfällt.

Mit perfektionierten Techniken der Manipulation sind Zeiten der echten Revolutionen vorbei

Die nächste Frage die sich aufdrängt ist die, ob sich das jemals ändern wird. Hatte ich früher daran geglaubt, habe ich diesen Glauben inzwischen verloren. Gab es noch eine französische Revolution, eine kommunistische Revolution, so sind die Zeiten der echten Revolutionen vorbei. Die Techniken der Manipulation (3), im Zweifel die der Überwachung und Unterdrückung wurden in den letzten Jahrzehnten so perfektioniert, dass wir meiner Meinung nach nur hoffen können, eines Tages von einer wohlwollenden Oligarchie beherrscht zu werden. Statt von einer kriegsgeilen Kaste von Narzissten und von Macht Besessenen. Aber seien Sie beruhigt … Wahlen haben den geringsten Einfluss darauf.


Fußnoten:

1 https://jomenschenfreund.blogspot.com/2016/08/verrat-am-geist-des-grundgesetzes.html
2 https://www.heise.de/tp/features/Insect-Allies-Das-Pentagon-scheint-biologische-Waffen-zu-entwickeln-4188194.html?seite=all
3 https://www.theblogcat.de/uebersetzungen/vltchek-04-10-2018/

Online-Flyer Nr. 678  vom 17.10.2018



Startseite           nach oben