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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2019  

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Globales
Friedensveranstaltung in der Alten Feuerwache Köln
Unbekannte Geschichten aus Zypern
Von Dorothee Pilavas

Auf Einladung des Deutsch-Zyprischen Forums waren am 25. Juni zwei Publizisten aus Zypern nach Köln gekommen, um über weitgehend unbekannte Schicksale zypriotischer Familien während der Kriegs- und Bürgerkriegszeiten zu berichten. Die türkisch-zyprische Journalistin Sevgül Uludag und der griechisch-zyprische Filmemacher Panikos Chrysanthou haben Menschen aus beiden Inselteilen auf ihrem Weg in eine schmerzvolle Vergangenheit begleitet, die nach der Öffnung der Grenze im Jahr 2003 für viele plötzlich wieder ganz nahe gerückt ist.
"Muscheln, die ihre Perlen verloren" war die Friedensveranstaltung überschrieben - nach dem gleichnamigen Buch von Sevgül Uludag, das die Autorin in einer Bildpräsentation vorstellte. Außerdem wurden Filmausschnitte von Panikos Chrysanthou gezeigt. Rund 50 Besucher waren in die Alte Feuerwache Köln gekommen, darunter auch die Kölner Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, die ein Grußwort an die Gäste aus Zypern richtete. Die Präsentation fand im Rahmen der Zypernkulturtage des Vereins "Orient Okzident Kunst Kultur Dialog Köln" statt.

Podiumt
Auf dem Podium von links nach rechts: Christoph Ramm (DZF), Sevgül Uludag, Diana Siebert (DZF), Lale Akgün, MdB
Foto: DZForum


Ungeklärte Schicksale

Das neue EU-Mitglied Zypern hat eine dunkle Vergangenheit, die noch gar nicht so lange zurück liegt. In den 50er, 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sind bei kriegerischen Auseinandersetzungen tausende von Menschen getötet und vertrieben worden. Die Folgen sind heute noch sichtbar: Eine stacheldrahtbewehrte Grenze durchzieht die Insel von West nach Ost und teilt sie in einen türkisch-zyprischen Norden und einen griechisch-zyprischen Süden. Was nicht sichtbar ist, sind die Wunden, die Krieg und Vertreibung den Menschen zugefügt haben. Und der Schmerz, den viele Angehörige von Vermissten bis heute spüren, und über den sie meist schweigen.

Das Schicksal von rund 2.000 Menschen in Zypern (1.500 griechischen und 500 türkischen Zyprioten) ist bis heute ungeklärt. Sie gelten als vermisst. Dass sie noch leben, glaubt heute niemand mehr. Doch ihre Ehefrauen und -männer, Söhne und Töchter wollen zumindest wissen, wo sie begraben sind. Ganz langsam beginnen nun die Verwaltungen in beiden Inselteilen mit den Nachforschungen. Massengräber werden geöffnet, Daten ausgetauscht. Trotzdem sind die Vermissten in Zypern bis heute ein Tabuthema.

Die fehlenden Teile des Puzzles

Autorin Sevgül Uludag
Licht ins traurige Dunkel - Autorin Sevgül Uludag
Foto: DZForum


Eine Frau, die sich auf die Suche nach den "fehlenden Teilen des Puzzles" begeben hat, ist Sevgül Uludag. Die türkisch-zyprische Journalistin und Buchautorin hat in den letzten Jahren zahlreiche Interviews mit Angehörigen der Vermissten geführt, die Fälle veröffentlicht und so Licht in das traurige Dunkel gebracht. Viele ihrer Interviewpartner haben dabei zum ersten Mal über dieses Tabu gesprochen. Kein Wunder, dass ihre Bücher einen Schock in der Bevölkerung ausgelöst haben. Doch dieser schmerzvolle Weg in die Vergangenheit ist in den Augen der Journalistin, die für Zeitungen beider Inselteile schreibt, der einzige Weg, der in eine friedliche Zukunft Zyperns führt. "Ich stehe auf der Seite aller Zyprioten", sagt Uludag. "Ich möchte, dass beide Volksgruppen sich im Spiegel betrachten und dabei nicht nur den eigenen Schmerz, sondern auch den Schmerz der anderen sehen."

Parallele Erfahrungen beider Volksgruppen

Filmemacher Panikos ChrysanthouBrücken der Versöhnung - Filmemacher Panikos Chrysanthou
Foto: DZForum


Auch Panikos Chrysanthou hat Menschen in ihrem Schmerz über den Verlust ihrer Angehörigen und ihrer Heimat begleitet. Der griechisch-zyprische Filmemacher lässt in seinem im Jahr 2004 gedrehten Film "Parallel Trips" Augenzeugen des Krieges von 1974 über ihre Erlebnisse berichten. Sein türkisch-zyprischer Koproduzent Dervis Zaim hat entsprechende Aufnahmen von seinen Landsleuten im Inselnorden gedreht. Zusammengefügt ergeben sie das Bild der parallelen Erfahrungen beider Volksgruppen.

Doch Chrysanthou belässt es nicht bei den Erinnerungen. Er verfolgt die Lebensgeschichten seiner Protagonisten weiter und zeigt, dass viele von ihnen einen Weg gefunden haben, den Schmerz zu überwinden und heute sogar Brücken der Versöhnung zur jeweils anderen Volksgruppe zu bauen. In noch unbearbeitetem Rohmaterial für einen neuen Film zeigt Chrysanthou die Erlebnisse griechischer und türkischer Zyprioten, die nach der Grenzöffnung im April 2003 zum ersten Mal seit fast 30 Jahren wieder in den anderen Inselteil fahren, dort ihre Häuser besuchen und Nachbarn von früher treffen - eindrucksvolle Momentaufnahmen dieser ergreifenden Begegnungen.

Bikommunale Zusammenarbeit fördern

Das Deutsch-Zyprische Forum, das die beiden Publizisten nach Köln eingeladen hat, fördert seit mehr als sieben Jahren den Dialog zwischen griechischen und türkischen Zyprioten und unterstützt eine friedliche Lösung des Zypernproblems. Weitere Informationen: http://www.dzforum.de



Online-Flyer Nr. 51  vom 04.07.2006



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