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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Interview zu dem Buch "Räuberbanden beiderseits des Rheins“
Ein Spiegel der sozialen Verhältnisse um 1804
Von Jukka Tarkka

Vor kurzem ist im Bonner Holos-Verlag der 1804 in Köln erschienene Titel "Geschichte der Räuberbanden an den beiden Ufern des Rheins“ in einer für heutige Leser und Leserinnen verständlichen Sprache und Schrift neu aufgelegt worden. Der Bearbeiter und Herausgeber Wolfgang Guting hat darüber hinaus ein Ortsregister erstellt, das die zahlreichen Ortsnamen den heutigen Städten und Landkreisen zuordnet. Die NRhZ sprach mit Wolfgang Guting, der auch das Vorwort geschrieben hat.
 

Titelbild: J. B. Pflug 1824, Der Einbruch im
Wasenburger Hof
Was hat Sie dazu bewegt, eine über 200 Jahre alte "Schwarte“ in heutiges Deutsch zu bringen, zahlreiche Anmerkungen für ein besseres Verständnis hinzufügen und ein Ortsregister zu erstellen? Eine Arbeit, die sicher nicht an ein paar Wochenenden zu leisten ist? War die Idee "Crime sells“?
 
Die Idee ist einfach beim Lesen gekommen. Ich weiß, dass viele, vor allem junge Menschen, das Lesen von Fraktur scheuen. Daher ergab sich die Notwendigkeit einer Übertragung in unsere heutige Schrift fast von selbst. Weiterhin ist das Buch mit vielen alten Worten und Redewendungen durchsetzt, die für heutige Leser unverständlich sind. Das führte zu den mehr als 400 Anmerkungen. Das ist aber nur die editorische Seite.
 
Das Buch berichtet über die Zeit um 1800. Wir haben es mit einer Gruppe von Menschen zu tun, die auf Grund ihrer sozialen Bedingungen ins gesellschaftliche Abseits geraten waren. Dieser Bodensatz der Gesellschaft wird von anderen Autoren auf 10% bis 15% der Bevölkerung geschätzt. Ursache dafür waren die instabilen wirtschaftlichen Verhältnisse und der gesellschaftliche Umbruch, der durch die französische Revolution von 1789 eingeleitet worden war. Linksrheinisch lag das französisch verwaltete Territorium, rechtsrheinisch finden wir einen Flickenteppich von Fürstentümern und Kleinststaaten, teils noch mit Leibeigenschaft und Frondiensten. Die Schwelle zur Gewalt war durch die fast alltägliche Erfahrung mit kriegerischen Auseinandersetzungen und deren Folgen, z. B. marodierenden Ex-Soldaten, bei den Unterpriveligierten deutlich gesenkt.
 
Die Räuberbanden machten sich diese Verhältnisse zu Nutze. Da ist keine Spur von Sozialromantik oder revolutionärem Geist á la Robin Hood, sondern lediglich der legitime Wunsch, zu überleben.
 
Das Buch berichtet in einer teilweise poetischen und plastischen Sprache über Kriminalfälle, doch der Autor geht oft genug auf die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Räuber ein, um es zu einem lebendigen Stück Sozialgeschichte werden zu lassen. Insgesamt habe ich an der Bearbeitung des Textes etwas über ein Jahr gesessen, wobei die Erstellung des Ortsindexes sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Viele Orte heißen heute anders oder sind nur noch in Straßennahmen zu finden. Ich fand den Index wichtig, weil der Leser damit nachvollziehen kann, dass die Räuberüberfälle nicht irgendwo, sondern in seiner direkten Nachbarschaft stattgefunden haben.
 
Wer waren die Verfasser?
 
Autor des Buches ist ein Johann Nepomuk Becker, der die umfangreichen Akten des Bürgers Anton Keil verarbeitet hat. Beide waren Justizbeamte in Köln. Das Buch ist erstmals 1804 in dem Kölner Verlag des Bürgers Keil erschienen.
 
Keil ging während der französischen Revolution, deren Ideale er teilte, nach Paris. Er wird den Jakobinern zugerechnet. Dort schaffte er es, in immer höhere Funktionen aufzusteigen, ohne seinen Kopf zu verlieren. Zeitgenossen beschreiben ihn als blutrünstig. Bürger Keil war u. a. als Agent Frankreichs unterwegs und schaffte Kunstwerke und Bücher nach Paris in den Louvre. Später wurde ihm die Aufgabe der Zerschlagung der Räuberbanden übertragen und er mit dem Amt des "öffentlichen Anklägers“, einer Art Staatsanwalt, in Köln versehen. In dieser Funktion machte er sich zu seiner ersten Aufgabe, den Schinderhannes zur Strecke zu bringen, doch er kam zu spät – Schinderhannes war gerade inhaftiert worden! So konzentrierte er sich auf die rheinischen Räuberbanden, und das durchaus erfolgreich. Er schaffte es schließlich, den in Neuss geborenen "Fetzer“, bürgerlich Matthias Weber, zu fassen und in Köln unter die Guillotine zu führen. Fetzer war einer der profiliertesten Anführer der rheinischen Räuberbanden.
 
Es ist interessant zu lesen, welche Hochachtung Bürger Keil seinem Kontrahenten Fetzer entgegenbrachte. Mehrmals betont er, dass dieser es unter anderen sozialen Bedingungen zu einem hohen Amt im Staate gebracht haben könnte.
 
Was erfährt der Leser über die soziale Zusammensetzung der Räuberbanden?
 
Auffallend ist der große Anteil von Juden an den Räuberbanden, teilweise über 50%. Dies entsprach in keiner Weise dem Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung. Doch die Ursache ist schnell erklärt, wenn man bedenkt, dass den Juden die Ausführung vieler Berufe oder der Grundbesitz verboten war. Manche Städte waren sogar "judenfrei“, d. h. hier durften sich keine Juden niederlassen. Juden besaßen zudem das "Hehlerprivileg“, d. h. sie durften als Einzige mit Waren unbekannter Herkunft handeln. So ist es kein Wunder, dass die meisten "Scherfenspieler“, die Hehler in der Gaunersprache, Juden waren.
 
Viele der Räuber waren Deserteure. Auch das ist nicht weiter verwunderlich, konnte man sich doch bereits mit 14 Jahren sagen wir mal im Ort X in die spanische Armee einschreiben, das Geld fürs Anheuern kassieren, bei Gelegenheit desertieren, ein paar Kilometer nach Y wechseln und sich dort in die österreichische Armee einschreiben. Wenn man so will, rekrutierten sich einige der Räuber aus einer Gruppe, die wir heute als "Kindersoldaten“ bezeichnen würden. Andere stammten aus fahrenden oder "unehrlichen“ Berufen, wie z. B. Scherenschleifer oder Abdecker, d. h. vom äußersten Rand der Gesellschaft.
 
Die Anführer stammten aber nicht selten aus besseren Verhältnissen oder hatten besondere Fähigkeiten. Als Beispiel für die erste Gruppe möchte ich hier Abraham Picard nennen, dessen Herkunft zwar ungeklärt ist, der aber mitunter mit Diener und in einer Kutsche zu den Raubüberfällen anreiste. Oder Damian Hessel, genannt "Studentchen“, der seinen Spitznamen wegen des Besuches einer höheren Schule erhielt. Fetzer hingegen war früh zum Waisen geworden und von daher zu seinen Fähigkeiten unterfordernden Anstellungen, wie z. B. bereits als Kind als Stallknecht, gezwungen.
 
Wie muß man sich die Operationsweise der Banden vorstellen?
 
In der Tat gab es ein Schema, nach dem die Raubüberfälle abgewickelt wurden. Das kann ich hier jedoch nur kurz umreißen.
 
Vorausschicken möchte ich, dass es ca. 250 bekannte Mitglieder der hier behandelten rheinischen Räuberbanden gab, plus einer unbekannten Zahl weiterer. Bis 1804 raubte diese Bande ca. 3,5 Millionen Francs an Bargeld und natürlich noch Sachwerte wie Tuch, Silber usw.
 
Zu den Überfällen wurden sie von einem "Baldowerer“ veranlasst, der meist die Gegend kannte und über die zu erwartende Beute informiert war. Es fanden sich dann einige Anführer bereit, den Raub auszuführen. Über ein eigenes Kommunikationsnetz, dessen Posten aus Huren- und Wirtshäusern sowie sogenannten "kochemer“ Häusern bestanden, das sind "saubere“ Häuser, deren Bewohner Komplizen der Räuber waren, wurden die Beteiligten zusammengerufen. Das konnten schon mal 30 bis 40 Leute sein. Es wurde ein Treffpunkt in der Nähe des Zielobjektes genannt, zu dem man in Gruppen nicht größer als zwei bis drei Mann anreiste. Man traf sich meist erst unmittelbar vor dem Überfall in einem Waldstück, wo die einzelnen Aufgaben verteilt und die Anführer bestimmt wurden. Manchmal wurden noch Helfer aus der Umgebung rekrutiert, sogenannte "Jungens“.
 
Bei Dunkelheit zog man dann unter großem Lärm gegen das Zielobjekt, machte eventuelle Schildwachen unschädlich und verbarrikadierte den Kirchturm, damit nicht über das Läuten der Glocke Hilfe herbeigerufen werden konnte. Es wurden Posten aufgeteilt, von denen einige auch die Aufgabe hatten, das aus dem überfallenem Haus herausgeschleppte Diebesgut zu sammeln. Die Haustür des Zielobjektes wurde mittels eines Rammbocks eingerannt. Die Bewohner wurden meist gefesselt und es wurden ihnen die Augen verdeckt. Zum Teil wurden die Bewohner auch gefoltert, wenn man die Verstecke der erwarteten Beute nicht fand. Dann zog man wiederum unter großem Lärm ab. Man traf sich wieder in dem Wald, wo die Beute verteilt wurde, und zerstreute sich wiederum in kleine Gruppen, um zu entkommen. Wenn neben Bargeld Diebesgut vorhanden war, was die Regel war, wurde dieses sofort zu einem Hehler gebracht. Diese Darstellung ist allerdings sehr gerafft, zeigt aber die Strategie auf. Übrigens unterschied die ausgefeilte Strategie der Überfälle die rheinischen Räuberbanden von den restlichen im heutigen Deutschland.
 
Die Beute wurde gemäß der Aufgabe des Betreffenden beim Überfall verteilt. Dabei erhielten die "Baldowerer" den Anteil eines Anführers. Mit den Hehlern gab es fast immer Ärger, da sie oft nicht das zahlten, was die Räuber erwarteten. Trotz der mitunter immensen Beute konnten die Räuber kein Kapital ansammeln. Sie verjubelten das Geld meist ziemlich unmittelbar nach den Überfällen in Wirts- und Hurenhäusern. Fast alle Räuber hatten übrigens Geschlechtskrankheiten und waren von ihnen gezeichnet.
 
Welche Mittel hatten die staatlichen Behörden?
 
Hier muss man zwischen der rechtsrheinischen und der linksrheinischen, französischen Seite unterscheiden. Rechtsrheinisch gab es halt die vielen kleinen Fürstentümer mit eigener Gerichtsbarkeit und Strafverfolgung. Konkret hieß das, dass man oft mit der Überquerung eines Baches vor der Verfolgung sicher war. Linksrheinisch waren die Franzosen, allerdings griff ihr System der Strafverfolgung noch nicht effektiv. Ein Umstand, der von Bürger Keil entscheidend verbessert wurde. Er war es auch, der bei der Verfolgung der Räuberbanden Kooperationen zwischen links- und rechtsrheinischer Justiz initiierte. Bis dahin konnten sich die Räuber bei einem Überfall mit dem Rückzug auf die andere Rheinseite der Verfolgung entziehen.
 
Unter anderem wurde von den Franzosen das gesamte Rechtssystem umgekrempelt. Die Folter wurde abgeschafft. Es wurden Geschworenengerichte eingeführt und das Recht auf Berufung usw. Ein Meilenstein in der Rechtsgeschichte. Die Räuber wurden zwar nicht selten gefasst, konnten aber oft nicht identifiziert werden und kamen frei. Auch waren Ausbrüche aus den Gefängnissen an der Tagesordnung. Es fiel den Räubern oft nicht schwer, die unterbezahlten Gefängniswärter, die diesen Beruf nicht selten neben anderen wie Brückenwächter ausübten, mit einem Obulus auf ihre Seite zu ziehen. Hier spielten auch die Frauen der Räuber eine große Rolle. Sie verschafften den Inhaftierten Anwälte und sorgten für die Kommunikation und oft auch für den Ausbruch.
 
Bürger Keil, der wie gesagt für eine Systematisierung der Strafverfolgung sorgte, veranlasste u. a. die Einführung von Steckbriefen, anhand derer die Räuber identifiziert werden konnten. Die Strafen waren in der Regel drakonisch. Den meisten drohte der Strick oder die Guillotine. Andere wurden oft zu zwanzig Jahren Galeere verurteilt und wieder andere wurden nach Sibirien verfrachtet, was das eine Reise ohne Wiederkehr bedeutete.
 
Banden in der beschriebenen Form waren in Deutschland noch bis ca. 1815 aktiv. Die Räuber sahen sich jedoch einer immer effektiver arbeitenden Strafverfolgung gegenüber. In Köln, Mainz, Trier und Koblenz wurden Spezialgerichte eingerichtet, die über umfassende Kompetenzen verfügten und die diese auch zu nutzen verstanden. (PK)
 
 
"Räuberbanden beiderseits des Rheins“, B. Becker:
328 S., 17 Abb., gebunden, 24,90 €, Holos-Verlag, ISBN 978-3-86097-050-8.
Bezug und für Vorträge Kontakt zum Herausgeber info@holos-verlag.de


Online-Flyer Nr. 332  vom 14.12.2011



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