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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Lokales
Zusammentreffen mit NPD-Plakaten in Oberhausen
Gunter Demnigs "Stolpersteine"
Von Karl-Heinz Bendorf

Das Leben bringt immer wieder zufällig Umstände ans Licht, die seltsam berühren. Mich beschäftigt seit der Verlegung eines "Stolpersteins" des Kölner Künstlers Gunter Demnig am 7. April in Oberhausen das Schicksal des Ehepaares Emmi und Franz Rüger aus der Paul-Reusch-Straße 46. Das brachte mich dazu, diesen Artikel zu schreiben: über ein Familienschicksal, einen "Stolperstein"(1), einen Straßennamen, eine Staatsanwaltschaft, die aus der Vergangenheit offenbar nichts gelernt hat, und ein Gedicht, das eigentlich das Lernen erleichtern sollte.
 

"Stolpersteine" zum Gedenken an verfolgte
Oberhausener
http://www.oberhausen.de
Er war Zahnarzt mit eigener Praxis in Oberhausen, sie Inhaberin eines Korsettgeschäftes. Er ein "reinrassiger“ Deutscher, sie eine Jüdin. Es waren Oberhausener Nazis, die den Mann massiv bedrängten, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. „Ich habe ihr bei der Trauung geschworen, sie zu ehren und zu lieben, in guten und in schlechten Zeiten“, war seine ständige Antwort. Diese Haltung wurde in der Oberhausener Progromnacht 1938 schlimm belohnt. Nicht nur das Geschäft seiner Frau wurde zerstört, sondern auch seine Praxis. Alles wurde ihnen genommen, das Leben aber mussten sie sich selbst nehmen, nachdem sie in nächtelangen Gesprächen voller Verzweiflung keinen Ausweg mehr sahen. Sie nahmen Gift. Franz Rüger starb, Emmi überlebte und wurde im Januar 1939 aus dem Krankenhaus voller Verzweiflung entlassen. Doch welche Chance hatte sie als Jüdin? Keine, wie wir wissen. Emmi Rüger entkam der Gaskammer. Sie ging noch im Januar in die eiskalte Ruhr und ertrank.


Verlegt seit Jahren "Stolpersteine":
Gunter Demnig und Oberhausens OB
Klaus Wehling (SPD)
www.oberhausen.de
Gunter Demnig erinnert seit vielen Jahren an die jüdischen Opfer der Nazis, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenksteine aus Messing ins Trottoir einlässt . "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt der Kölner Künstler. Mit den Steinen vor den Häusern hält er die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Das hat er inzwischen in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas getan. Die Stadt Oberhausen versteht sich, wie sie auf ihrer Webseite mitteilt, als Multiplikator für die Aktion "Stolpersteine", um möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen und Institutionen Information und Hilfestellung bei der Übernahme einer Patenschaft zu bieten, um die "Stolpersteine" schließlich dauerhaft ins Stadtbild einzufügen. Die Koordination einer Patenschaft läuft über die Gedenkhalle Oberhausen für die Opfer des Nationalsozialismus, deren Leiter der Kunsthistoriker Clemens Heinrichs ist.

Das ist die eine Seite. Die andere stand vier Tage später, am 11. April, im Amtsgericht Oberhausen an. Angeklagt war der Leiter der Gedenkhalle. Ein Mensch, der in seiner täglichen Arbeit über die Verbrechen der Nazis aufklären muss, damit solches nie wieder geschieht. Ich war Zuhörer der Verhandlung vor der Einzelrichterin. Clemens Heinrichs wurde beschuldigt, anlässlich der Bundestagswahl 2009 in einer E-Mail die Standorte von NPD-Plakaten benannt zu haben, die "entsorgt“ werden sollten. Die Pressestelle der Oberhausener Polizei hatte irrtümlich neben vielen anderen Adressen auch eine solche Mail erhalten und diese zur Strafverfolgung an die Staatsanwaltschaft weitergegeben. Ungeklärt ist bisher, ob der nun deshalb Beschuldigte selbst die Mail verschickte, denn zu seinem Rechner im Büro der Gedenkhalle hätten weitere Mitarbeiter von Gedenkhalle und Bunkermuseum Zugang, argumentiert die Verteidigung. Man könne Heinrichs letztlich nicht nachweisen, die Email geschrieben zu haben. Der junge Staatsanwalt aber zeigte keine Einsicht. Schon gar nicht nahmen er und die Polizei eine Güter-Abwägung vor. Er beantragte vielmehr, weitere Zeugen zu vernehmen. Am 2. Mai soll gegen Clemens Heinrichs weiter verhandelt und entschieden werden.


Clemens Heinrichs (links) bei einem Besuch der Grünen Ratsfraktion vor der Gedenkhalle | www.gruene-ratsfraktion-oberhausen.de

Für die Verbrechen an dem Ehepaar Rüger dagegen gab es nie eine Anklage. Tausende von Menschen in solchen "Mischehen“ wurden damals unter brutalen Druck gesetzt. Selbst schuld, wer eine Jüdin heiratet! Bekannt ist, dass Heinz Rühmann sich scheiden ließ. Doch für mich als 79-jährigen Gewerkschafter stehen hier zwei dem Rassenwahn geopferte Menschen gegen ein paar Papierseiten mit Nazi-Parolen. Was sagt dazu die Göttin Justitia mit den verbundenen Augen? Was ist mit der ständigen Aufforderung der Politik, sich gegen die Anfänge der braunen Propaganda zu wehren? Was ist mit "Gesicht zeigen“? Alles schon ein paar Jahre her.
 

Schriftsteller Walter Bauer – erhielt 1933
Schreibverbot | www.fh-merseburg.de/
Der Schriftsteller Walter Bauer, der als kritischer Humanist ohne Parteibindung bekannt war, erhielt 1933 nach der Machtergreifung Hitlers Schreibverbot. Seine vorher geschriebenen Bücher waren "unerwünscht". Er sagte in einem Gedicht: „Eines Tages werden wir aufwachen und wissen, dass wir zu wenig getan haben oder das Falsche…" Hier das ganze Gedicht:





Eines Tages werden wir aufwachen und wissen
Von Walter Bauer (geb. 1904)

Eines Tages werden wir aufwachen und wissen,
dass wir zuwenig getan haben oder das Falsche.
Wir werden uns sagen,
 dass wir mehr hätten tun sollen.
Aber was? Werden wir fragen.
Und wann hätten wir es tun sollen?
Hatten wir jemals Zeit, uns zu entscheiden?

Und dann werden wir wissen,
dass über uns entschieden wurde,
 von Anfang an, weil wir es so wollten.
Keine Ausrede mehr: die Zeit ist vertan.
Keine Beschönigung mehr.
Auf unseren Händen liegt Asche.
Bei jedem Schritt stäubt sie auf.
Asche. Asche.

Wir werden uns dann eines Glanzes erinnern,
der uns blendete vor vielen Jahren,
so, dass wir erschauerten.
Eines Windhauches werden wir dann gedenken,
der uns traf, uns aufriss und dann zerfloss.
Wir werden dann fragen: Wann war das?
Wann der Blitz des Lichtes?
Der Windhauch: wann? -
Wir werden uns erinnern,
das da etwas war voller Verheißung,
aber kaum noch sagen können, was es war
und dass es Aussichten gab für uns.
Pfade, für uns allein gemacht. –

Nur: das da etwas war,
dem wir nicht folgten –
Und hinzufügen:
das wir keine Zeit hatten, leider –
Weil wir die Zeit vergeudeten,
in kleiner, abgegriffener Münze.
Und von dem Aufblitzen des Lichts
und dem Windhauch blieb nichts.
Nur Asche.

Unsere Asche!



Walter Bauer wurde laut Wikipedia am 4.November 1904 in Merseburg als Sohn eines Fuhrmanns geboren. Nach dem Besuch einer Volksschule absolvierte er von 1919 bis 1925 eine Lehrerausbildung in Merseburg. Nach seiner Heirat im Jahre 1930 übersiedelte er nach Halle (Saale). Ab Ende der 1920er Jahre erschienen Bauers erste literarische Arbeiten, die ihn bereits als kritischen Humanisten ohne Parteibindung auswiesen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahre 1933 wurde Bauer zeitweise ein Schreibverbot auferlegt. Seine vor 1933 erschienen Bücher galten als unerwünscht und wurden nicht mehr gedruckt; 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und in Frankreich, der Sowjetunion, Griechenland und Italien eingesetzt. In Italien geriet er in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 nach München entlassen wurde.
 
1952 beschloss er aufgrund seiner tiefen Enttäuschung über die gesellschaftliche Entwicklung der jungen Bundesrepublik, Deutschland zu verlassen. Er wanderte nach Kanada aus. Dort schrieb Bauer weiter in deutscher Sprache; seine Werke erschienen in westdeutschen Verlagen. Von 1959 bis 1976 war der Autor Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Toronto und wurde Professor.
 
Walter Bauers umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Biografien, Kinderbücher, Essays und Hörspiele. Walter Bauer war korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. 1956 wurde er mit dem Albert-Schweitzer-Buchpreis ausgezeichnet. Seit 1994 wird zu seinem Andenken der Literaturpreis Walter-Bauer-Preis verliehen. Walter Bauer starb am 23. Dezember 1976 in Toronto. (PK)

 
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=1122
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16232
 
Karl-Heinz Bendorf ist seit 1951 Mitglied der IG Metall, war 23 Jahre Rechtsschutzsekretär, des DGB in Krefeld und Gladbeck und später bei der IGM in Duisburg, von 1987 bis 2009 Erster IGM-Bevollmächtigter in Unna. 2009 erschien zum 1. Mai im Eigenverlag sein Buch: "Dicht hinter Hagen ward es Nacht"-Erinnerungen eines Gewerkschafters". Er ist Mitglied der Oberhausener Friedensinitiative, des Kommunalen Bündnisses gegen Rechts und leitet seit zehn Jahren eine Schreibgruppe des Kath. Bildungswerks in Oberhausen

Online-Flyer Nr. 298  vom 20.04.2011



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