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Lokales
Als Archivalienspüler im zerstörten Historischen Archiv der Stadt Köln
Subunternehmer mit cleverem Vertrag
Von einem der Zeitarbeiter

Am Dienstag, dem 3. März 2009, ist das Gebäude des Historischen Archivs der Stadt Köln durch Pfusch beim Bau der U-Bahn in der Severinstraße eingestürzt. Beim gleichzeitigen Einsturz von benachbarten Wohngebäuden kamen zwei Menschen ums Leben. Laut Berliner Morgenpost dokumentierte die Ausstellung "Köln in Berlin" im März 2010, wie Restauratoren versuchen, die Exponate wieder in ihren früheren Zustand zu bringen. Unter was für Bedingungen Zeitarbeiter den erfolgreichen Restauratoren zur Hand gehen müssen, interessiert die üblichen Medien natürlich wenig. Hier der Bericht eines Betroffenen. – Die Redaktion


Einst Kölner Stadtarchiv – jetzt Arbeitsplatz für Zeitarbeiter
Fotos: Hans-Dieter Hey
Ich schreibe über das, was aus meiner Sicht alles bei der Kölner Stadtarchivbaustelle schlecht läuft, bei der ich über die Zeitarbeitsfirma Enviro als Archivalienspüler zurzeit tätig bin. Es fängt an mit der miserablen Bezahlung von 7,60 € brutto. Ich denke, es ist nicht fair, dass dieses Projekt, Milliarden verschlingen wird, und wir für ein paar Kröten die historischen Dokumente retten, wenngleich ich dazu sagen muss, dass ich mich von mir aus dort beworben habe und schon im Bewerbungsgespräch klar wurde, wie es mit der Bezahlung bestellt ist.
 
Die aktuelle Bergungsphase begann am 24.11.2010 und seitdem bin ich auch dabei. Es wurde dann aber nicht nur verlangt, dort Archivalien zu spülen, sondern auch zu schaufeln, Eis vom Boden abzuschlagen, Schnee zu schippen, bis zu ca. 20 kg schwere Kisten mit Archivalien, Matsch und Steinen den Berg hoch zu schleppen, Zelt abzumontieren usw....
 
Klare Ausnutzung von Billigkräften!!!
 
Nach häufigen Beschwerden meinerseits, heißt es heute, dass diese Aufgaben nur noch Freiwillige machen sollen und es zuvor auch freiwillig gewesen sei, was aber bei der Aufgabenverteilung durch die Mitarbeiter der Stadt Köln keineswegs so klang. Nun ist es im Dezember schon mal dazu gekommen, das die Grube, aus der die Archivalien gebaggert werden, ein wenig überflutet war, da das Grundwasser gestiegen war und wir drei Tage nicht arbeiten konnten, aber trotzdem bezahlt wurden.
 
Da das Grundwasser viel zu hoch war, konnte vom 10.1.2011 bis zum 22.1.dort nicht gearbeitet werden und wir bekamen für den Zeitraum Kurzarbeitergeld, weil die Zeitarbeitsfirma für den Zeitraum kein Geld mehr für uns bekam. Wir mussten für die Kurzarbeit einen Zettel unterschreiben, damit die Arge 67% des bisherigen Gehalts übernahm. Wer soll denn davon leben? Wer soll schon von 7,60 € leben?


Stadtarchiv unter dem Grundwasserspiegel
 
Wir haben sehr viel in Kauf genommen. Wir kommen mit unserer privaten Kleidung auf die Baustelle und bekommen nur einen Einweg-Anzug, welcher fast durchsichtig ist und durch den man jedesmal bis auf die Haut durchnässt wird, wenn man sich nicht früh genug eine gute Schürze organisiert.
 
Ansonsten bekommt man Einwegschürzen, die nach einer gewissen Zeit nichts mehr abwehren können. Es waren schon Kollegen bis auf die Haut komplett voll mit der schwarzen Pilz- und Bakterienbrühe, die sich aus dem Archivmaterial im Grundwasser gebildet hatte. Für die Hände gibt es Spülhandschuhe vom Aldi. Bei der Austeilung durch Mowa-Mitarbeiter (zu Mowa komme ich gleich) hieß es, nur kaputte Handschuhe würden gegen neue ausgetauscht, man jedoch Pech gehabt hätte, wenn man sie verlöre oder wenn sie einem gestohlen würden. So zog ich des öfteren mehrfach benutzte Spülhandschuhe an, in denen unter anderem Hautreste vom Vorgänger drin klebten (die Hände werden trotz dieser Billighandschuhe häufig nass und die Haut weicht auf und verliert wohl Hautpartikel im Handschuh). Es gibt aber auch so genannte Arzthandschuhe, die man drunter anziehen kann. Die werden zum Glück nicht geteilt. Allerdings muss man Glück haben, dass die richtige Größe dabei ist.
 
Eigene Arbeitsstiefel bekamen wir so Mitte Dezember. Vorher mussten wir uns die auch teilen, d.h. man zog die noch körperwarmen, verschwitzten Schuhe von der Vorschicht an (Drei-Schichten System). Es kam auch dazu, dass einige in Stiefeln verschiedener Größen arbeiteten, weil irgendwann einzelne Schuhe fehlten. Die Helme und die Warnwesten teilen wir uns nach wie vor, haben aber wenigstens Desinfektionsspray für die Helme.
Das Zelt, in dem wir nun die Dokumente säubern (Bis Ende Dezember waren wir in einem Feuerwehrzelt direkt neben der Grube),  ist ungefähr so groß wie ein Schützenzelt (Kann ich gar nicht abschätzen). Es würden, wenn es leer wäre, bestimmt 20 Autos rein passen und es ist trotz irgendwelcher sinnloser Heizungen (2 Stück) immer eiskalt.


Harte Arbeitsbedingen bei Minusgraden
 
Das Wasser, mit dem wir spülen, ist zu 90% eiskalt (Etwa alle zwanzig Minuten kommt für ca. eine Minute warmes Wasser aus der Leitung.), so dass sich neulich, als es minus 6 Grad war, einige Mitarbeiter schwer erkälteten. Ich selber nicht, weil ich mit 6 anderen Mitarbeitern vor lauter kältebedingter Schmerzen nach der halben Schicht die Baustelle verließ. Man hat ja nur seine Privatkleidung an (ohne Jacke) und den sinnlosen Einweganzug drüber.
 
In diesem Zelt erreicht einen auch ständige Baggeraktivität, welche wegen der Abgase das Atmen manchmal fast unmöglich macht. Trotz Ohrenstöpsel erzeugen die Bagger im Minutentakt ohrenbetäubenden Lärm, verursacht durch das Kratzen der Baggerschaufel auf dem Betonboden. Man ist permanent im Stress.
Der Umgang der meisten Mitarbeiter der Stadt Köln (Einige sind wirklich korrekt) lässt auch sehr zu wünschen übrig: Manche von ihnen stehen die ganzen Stunden wie Ordner im Fußballstadium mit verschränkten Armen um unsere Spülstation und beobachten uns, als ob eine Dokumentation über uns läuft. Wenn man die Spülstation verlässt, um aufs WC zu gehen, muss man sich beim Schichtleiter abmelden. Dies wird auch immer getan, trotzdem wird man fast jedes Mal förmlich verfolgt und hinterher ausgequetscht, was man denn in diesen 2 bis 3 Minuten getan hätte. Man würde ja schließlich für die Arbeit bezahlt. Ich persönlich und andere Kollegen haben uns angewöhnt zu sagen: „Ich geh oder war scheißen“.


Überwachungskamera auf der Baustelle
 
Des Weiteren kam es in unseren Containern zu Diebstählen von privaten Sachen wie Handy, Butterbrot und dergleichen. Spinde sind zwar vor Ort müssen aber bei Schichtwechsel getauscht werden, wenn man denn überhaupt ein eigenes Schloss hat. Was natürlich auch nicht viel bringt, weil die Spinde für die nächste Schicht geöffnet sein müssen. Die neuen Leute ziehen sich in den Containern um, während die vorherige Schicht unten im Zelt warten muss bis es genau 14 Uhr ist (Frühschicht). Dann geht man praktisch aneinander vorbei und gibt denen auf die schnelle Helm und Warnweste.
 
Die Firma Enviro ist - soweit ich das verstanden habe - dort der Subunternehmer der Firma Mowa Gmbh - Hersteller von Reinigungsanlagen für Speiseresttonnen, Biotonnen und kommerzielle Mülltonnen - Dienstleistung zur Reinigung von Containern etc. Mit Mowa selbst habe ich aber nichts zu tun.


Sortiertes Archivgut
 
Ich war bei der Gewerkschaft ver.di, um mir bezüglich der Unterschrift, die ich abgeben sollte, Rat zu holen. Die nette Kollegin meinte, dass es wohl leider rechtens ist mit dieser Kurzarbeit. Sie sagte mir aber auch nach der Durchsicht meines Vertrages, dass die Firma Enviro auf sie unseriös wirke. Es wäre ein von Seiten Enviro cleverer Vertrag. Sie meinte auch, wegen des Tarifvertrags hätten die wohl zu ihren Gunsten getrickst. Aber ich kenne mich da leider gar nicht so gut aus und habe das auch nicht richtig verstanden. Soweit ich es verstanden habe, haben die Tarife mit seltsamen "Gewerkschaften“ abgeschlossen.
 
Inzwischen sind mehrere Mitarbeiter krank geworden. Unter anderem gab es Lungenentzündung und Hexenschuss. Einen Erste-Hilfe-Kasten gibt es nicht. (PK)
 
Hier ein Ausschnitt aus der freundlichen Stellenausschreibung, auf die hin unser Autor sich erfolgreich beworben hatte:
 
AUFGABEN:
Archivierung und Säuberung von Büchern und Dokumenten für
das Stadtarchiv-Köln
Wir bieten:
-umfangreiche Sicherheit
-übertarifliches Einkommen
-gute Weiterbildungsmöglichkeiten
-individuelle Beratung
-Prämien bei der erfolgreichen Werbung neuer Mitarbeiter
Wir sind:
ENVIRO ist ein professioneller Dienstleister für flexible
Personallösungen. Ob Arbeitnehmerüberlassung oder
Personalvermittlung, wir verknüpfen die Interessen von
Arbeitgebern und Arbeitnehmern miteinander. ENVIRO bietet
Ihnen einen festen Arbeitsplatz im Rahmen der
Arbeitnehmerüberlassung.
 
DIE ZUFRIEDENHEIT UNSERER MITARBEITER LIEGT UNS AM HERZEN!


Online-Flyer Nr. 288  vom 09.02.2011



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