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Aktueller Online-Flyer vom 28. Mai 2016  

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Medien
„Das Erste“ – mit Broder und Partner dort angekommen, wo es hingehört
Der öffentlich-rechtliche Güllekarren
Von Volker Bräutigam

Die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten behaupten sich im Wettbewerb um das mieseste Programm erfolgreich gegen die kommerzielle Konkurrenz („Unterschichten-TV“). ARD und ZDF senden seit langem ebenfalls ungeniert auch auf unterstem Niveau. Derzeit prostituiert sich „Das Erste“ für die Einschaltquoten, indem es sonntagabends das Autoren-Duo Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad drüberlässt. Die Beiden zeigen Eindrücke von einer „Deutschland-Safari“ in einer fünfteiligen Serie vorgeblicher Reportagen, für die sich das Pärchen in einer anzüglich-kitschig zurecht geputzten Karre (Hauptsache: auffallen, und sei es mit Peinlichem) kreuz und quer durch Deutschland pornographiert hat. Humor ist, wenn es trotzdem kracht...


Trotz Playmobil nur 5,4-prozentig - Abdel-Samad und Broder vor dem Brandenburger Tor
Quelle: www.daserste.de/unterhaltung
 
Inzwischen liegt glücklicherweise schon Folge 4 hinter uns. Nur 635 000 Zuschauer haben sie gesehen, was einen Marktanteil von gerade einmal 5,4 Prozent (Einschaltquote) ausmacht; 94,6 Prozent der um diese Zeit noch Wachen guckten also andere Sender. Die GfK, die Gesellschaft für Konsumforschung, von der die im Videotext veröffentlichten Einschaltquoten stammen, bezieht ihre Datenangaben auf den Beginn der Sendung um 23.30 Uhr. Abschaltzahlen während der Sendung sind der Statistik nicht zu entnehmen. Zu Beginn der Folgesendung kurz nach Mitternacht waren an diesem 2. Adventsonntag nur noch 460 000 Unverbesserliche „drangeblieben“. Das heißt, dass am (bzw. bis zum) Ende der Broder-Darbietung mindestens 175 000 Zuschauer die Schnauze voll hatten.
 
Ein potentielles Millionenpublikum hat darauf verzichtet, das ARD-Stück journalistische Scheiße anzufassen. Wer tags darauf via Internet mit einem Blick ins ARD-Archiv prüfen wollte, wie richtig und nötig diese Verweigerung war, stieß unter dem Link www.daserste.de//unterhaltung/allround_dyn~uid,di3qh82jy9vvyipy~cm.asp allerdings nicht auf eine Sendekopie, sondern, unter dem Hinweis „Aus rechtlichen Gründen kann die Serie leider nicht als Video in der Mediathek angeboten werden“, nur auf einen zusammenfassenden Text:
„Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad sind kreuz und quer durch Deutschland gefahren, mit einem bunten Playmobil, das extra für sie angefertigt wurde. Sie haben Arier und Vegetarier, Fundis und Realos, Friedensfreunde und Kriegsgewinnler besucht und gesprochen. 30.000 Kilometer haben Henryk und Hamed für die fünf Folgen ihrer Deutschland-Safari zurückgelegt, mit Jesus, Mohammed und Moses im Gepäck und Foxterrier Wilma auf dem Rücksitz. ...“
 
Diesem Beispiel begnadeter ARD-Prosa folgen ein Foto mit der Unterzeile: Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad mit ihrem bunten "Playmobil" vor dem Brandenburger Tor und dann die Zusammenfassung des Inhalts der vorletzten Sendung:
„Nie wieder Krieg!, ist eine ehrenwerte Parole. Aber muss es nicht eher heißen: nie wieder Unfreiheit!? Diese Frage stellen sich Henryk und Hamed. Wie sehr sorgt sich die deutsche Friedensindustrie wirklich um Menschenrechte? Hupen für den Frieden, Lachen für den Frieden, Radfahren für den Frieden. Singen für den Weltfrieden.
Henryk und Hamed treffen auf Hobby-Peaceniks und Friedensprofis, auf Friedensgewinnler und Friedenstreiber. Die sammeln sich auf dem Schlachtfeld von Verdun, halten sich an den Händen und singen für den Weltfrieden, denn mit nichts weniger wollen sie sich zufrieden geben.“
 
Bereits aus diesem albernen, die aufrichtig friedliebenden Mitmenschen verächtlich machenden Exposé ist zu ersehen, wie tief die ARD inzwischen die Latte für Programmqualität legt. Unter dem Zwischentitel Frankreich eine Diktatur? geht es weiter so im Text:
„Staunend erfahren Henryk und Hamed, dass Frankreich eine Diktatur ist, die Opposition in Deutschland nichts zu sagen hat und man schon bis nach Weißrussland fahren muss, um ein sozialistisches Musterland zu finden. Spielverderber Henryk und Hamed halten hartnäckig daran fest, dass Frieden und Menschenrechte nicht voneinander zu trennen sind und versauen mit dieser Meinung die ganze schöne Friedensstimmung. ... “
 
Hier allerdings irrt der ARD-Lohnschreiber: Die beiden Schweinigel versauten dem Zuschauer nicht mit speziell dieser Meinung die „schöne Friedensstimmung“, sondern vielmehr insgesamt die Laune mit ihrem TV-Auftritt.
 
Weiter im ARD-Text unter Zivilcourage in Deutschland: „Zurück in Berlin: Der Regisseur und Exil-Iraner Daryush Shokof findet drastische Bilder und Worte für friedliches Nichtstun im Angesicht der Folter.“
Falsch: Broder und sein Kumpan boten bloß einem anti-iranischen Protagonisten und schillernden Aufschneider Gelegenheit, schäumende Hasstiraden abzusetzen. Broder, der angebliche „Reporter“, unternahm keine Gegenrecherche, bot keinen einzigen Beleg für die Richtigkeit der wüsten Behauptungen (z.B. über Steinigungen im Iran) und fragte auch seinen Gesprächspartner nicht danach.
 
Den ekligen Gesamteindruck, den diese Sendung hinterließ, konnte selbst ihr Schluss nicht mildern, den der ARD-Schreiberling so positiv darstellt:
„’Polit-Putze’ Irmela Mensah-Schramm fackelt nicht lange herum, sondern handelt – nach dem Prinzip: ‚Search and Destroy’. Henryk und Hamed begleiten die Dame auf ihrem Feldzug gegen Hassparolen: Über 85.000 Nazi-Schmierereien hat sie unter Lebensgefahr bereits übersprayt – Zivilcourage in Deutschland. Henryk und Hamed finden, es braucht mehr davon.“
 
Dieser Schlussteil konnte freilich nicht vergessen machen, wieviel Brechreiz die Sendung zuvor verursachte. Frau Mensah-Schramm erwies sich und ihrer guten Sache damit keinen Gefallen, dass sie sich vor Broders und Abdel-Sameds TV-Güllekarren spannen ließ. Gleiches lässt sich dem Juristen und pensionierten Abgeordneten der Linkspartei, Norman Paech, vorhalten. Der machte sich lächerlich, indem er sich mit Broder-Fragen zum Nahost-Konflikt foppen ließ – vermutlich, weil Alterstorheit ihn sogleich zum Pfauenradschlag verleitet, wenn er eine Kamera in seiner Nähe vermutet.
 
Die Sendung „Entweder - Broder“ fällt auf ARD-Programmdirektor Volker Herres zurück; Qualitätsfragen stören diesen Polit-Karrieristen bei seinen Entscheidungen ersichtlich ebenso wenig, wie den Igelmann die Stacheln beim Geschlechtsverkehr. (PK)
 
Volker Bräutigam schreibt auch für die politische Zeitschrift Ossietzky


Online-Flyer Nr. 279  vom 08.12.2010



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