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Aktueller Online-Flyer vom 28. August 2016  

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Arbeit und Soziales
Können wir etwas tun gegen die Gefährdungen durch Arbeitslosigkeit?
Der Fluchtweg „Freitod“ aus Hartz-IV
Von Holdger Platta

Verwundern kann es eigentlich nicht: Der Tod ist immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft, deshalb ist der sogenannte „Freitod“ von Menschen, der einem noch grauenerregender erscheint als der „natürliche“ Tod, noch stärker von einer Schweigemauer umgeben. Drei Tatsachen zeigen das mit aller Deutlichkeit: Bei statistischen Landesämtern sowie beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden werden zwar die Selbsttötungsfälle rein rechnerisch erfasst - veröffentlicht werden sie aber in aller Regel nicht. Und: Über die Ursachen dieser Suizide (soweit sie feststellbar sind) schweigen sich diese Statistiken vollkommen aus.


Das Erwerbslosen Forum Deutschland wirft der ARGE Rhein-Sieg menschenverachtenden Umgang in Zusammenhang mit dem Freitod eines Hartz IV-Beziehers vor.
Quelle: www.ausgehartzt.de/
 
 
Im Prinzip berichten die Medien nicht über Selbsttötungsfälle – es sei denn, das betreffende Opfer ist sehr prominent gewesen. In diesem Fall können sich die Medien auf ein sogenanntes „öffentliches Interesse“ berufen. Ansonsten existiert im Ehrenkodex der deutschen Medienbetreiber eine Art von Selbstverpflichtung, über Suizide nicht zu berichten.
 
Sogar die WissenschaftlerInnen, die sich mit dem Thema Selbsttötung befassen, haben deshalb mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, an wichtige Informationen zu diesem Problembereich heranzukommen: aktuelles und vollständiges Faktenmaterial liegt ihnen nicht vor.
 
Gleichwohl gibt es eine Forschung zu dieser Thematik (oft nur einzelfallbezogen), gleichwohl auch statistische Schätzungen, was die Ursachen für Suizide betrifft. Und diesen Studien und Annahmen zufolge können wohl die folgenden Tatsachen als einigermaßen gesichert gelten:
 
Hauptursache für Selbsttötungen ist demnach vor allem eine vorausgegangene Depressionserkrankung der betreffenden Menschen; je niedriger der Sozialstatus der betreffenden Bevölkerungsgruppe, desto höher die Selbsttötungsrate in dieser Gruppe.
 
Und damit sind wir auch bei einem der furchtbarsten Ursache-Wirkungsverhältnisse in diesem Zusammenhang: beim Zusammenhang von Armut/Arbeitslosigkeit und Suizid.
 
Hartz-IV ist Suizidbeförderungspolitik
 
Einer Schätzung der deutschen „Gesellschaft für Suizidprävention“ zufolge liegt die Selbsttötungsrate bei Arbeitslosen um das Zwanzigfache höher als bei der erwerbstätigen Bevölkerung. Suizidforscher Prof. Dr. med. Volker Faust spricht deshalb von einem erheblichen Selbsttötungsrisiko bei Langzeitarbeitslosigkeit. Und „Panorama“, das Politik-Magazin des NDR (das ansonsten, was soziale Themen betrifft, seit langem eher durch sehr fragwürdige Berichterstattung auffällt), konstatierte in einem Beitrag dazu vom 11. September 2006: „Selbstmord“ ist kein „individuelles Thema, sondern ein Gesellschaftsproblem“. Mit ähnlichem Tenor „Plusminus“ vom Saarländischen Rundfunk am 23. Oktober 2007: „Wer arm ist, wird schneller depressiv“, mit der Folge der „Selbstmordgefahr“ (so der Vorsitzende der „Armutskonferenz“, Egbert Ulrich, in diesem Fernsehbeitrag).
 
Dies alles aber läßt nur einen Schluß zu: Wer, wie die Hartz-IV-Parteien, seit nunmehr gut sechs Jahren (Vorbereitungszeit eingeschlossen) systematisch die Zwangsverelendung von Menschen betreibt statt mit energischen Konjunkturprogrammen gutbezahlte Arbeitsplätze zu schaffen, der betreibt – ob er’s weiß oder nicht, ob er’s wahrhaben will oder nicht – durch Handeln oder Unterlassen Suizidbeförderungspolitik.
 
Noch jeder von uns aus den Sozialbewegungen – mich eingeschlossen – wurde in den letzten dreieinhalb Jahren in seiner eigenen Umgebung mit Suizidfällen wegen Hartz-IV konfrontiert. Um aus der Misere der ALG-II-Verhältnisse herauszukommen – aus dieser Situation von Ausweglosigkeit, Perspektivlosigkeit, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit –, sahen diese Menschen keinen anderen Weg mehr als den sogenannten „Freitod“. Aber: Welche Freiheit ist das?! – Jene, auf die angeblich unser Staatswesen gründet? Jene, die gemeint ist in der Menschenrechts-Charta der UNO und bereits gemeint war bei der Französischen Revolution? Ganz sicher nicht! Im Gegenteil: Dieser „Ausweg“ ist nichts anderes mehr als „Befreiung“ von Unfreiheit schlechthin: Rettung vor einer Welt, die keinen Ausweg mehr zu zeigen scheint.
 
Was die Sprache sagt und wie das Zuhören hilft
 
Übrigens deckt die Bedeutungsgeschichte der oben kursiv gesetzten „-losigkeitswörter“, die ich allesamt bei meiner Recherche für diesen Artikel in Berichten von Suizidforschern über das Empfinden der späteren Selbsttötungsopfer fand, einen fast schon unheimlich zu nennenden Zusammenhang auf: Eine der Ursprungsbedeutungen, die dieser Hauptwortendung „-losigkeit“ zugrundeliegt, lautet: „für nichtig erklären“. Ja, ich denke, so ist es: Mit Suizid erklärt der Betreffende seine eigene Existenz für „nichtig“. Er macht sich, in der Selbsttötung, das Nichtigkeitsurteil zu eigen, das die Gesellschaft vorher über ihn ausgesprochen hat. Und nichts anderes als die Anmaßung eines Nichtigkeitsurteils über Menschen ist Hartz-IV – sei es als düstere Drohung für die noch arbeitenden Menschen oder sei es als verdunkelte Realität für jene Menschen, die bereits arbeitslos geworden sind.
 
Können wir anderen dagegen gar nichts tun? Doch, wir können! Nicht nur dadurch, dass wir diese menschenfeindliche Politik bekämpfen – das tun wir ja eh schon! Sondern vor allem auch dadurch, dass wir den gefährdeten Menschen Hilfe geben und Stütze. Übereinstimmend teilen uns Präventionsforscher mit, dass oft schon dieses ganz entscheidend zu helfen vermag: Bereit und fähig zu sein, diesen Menschen mit Einfühlung und Offenheit zuzuhören. Genau! Zuzuhören! Nicht sie voll zu quatschen (mit unseren guten Ideen, guten Plänen, Strategien, politischen Anschauungen undundund), nicht ihnen „gut zuzureden“ (und damit sie wirklich zuzureden!), sondern uns einzulassen auf das, was sie uns zu sagen haben, für wichtig und für wertvoll zu halten, was sie uns mitteilen. Zum erstenmal womöglich, nach langer Zeit, kehrt in die Betroffenen damit vielleicht das Empfinden zurück, selber noch wichtig und etwas wert zu sein!
 
Darf ich – ohne dass mir dieses als Angeberei oder Eitelkeit ausgelegt wird – am Schluß mitteilen, dass ich selber, als Helfer mit anderen zusammen, diese positive Erfahrung innerhalb der letzten drei Jahre bereits mehrfach machen durfte? Dass derartiges Zuhören geholfen hat. – Übrigens mit bleibend guten Ergebnissen! (PK)

Holdger Platta ist Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist Jahrgang 1944; Studium der Germanistik, Geschichte, Pädagogik und Politologie; zahlreiche Rundfunk-Features zu sozialpsychologischen Themen; fachwissenschaftliche Veröffentlichungen in „Psyche“, „Neue Sammlung“, „psychosozial“, „Psychologie heute“, „Abraxas“, „Skeptiker“; Buchveröffentlichungen: „New-Age-Therapien. Pro und contra“. Beltz-Verlag Weinheim 1994; „New-Age-Therapien. Rebirthing, Reinkarnation, Transpersonale Psychologie. pro und contra“. Rowohlt-Verlag Reinbek 1997; „Identitäts-Ideen. Zur gesellschaftlichen Vernichtung unseres Selbstbewußtseins“. Psychosozial-Verlag Gießen 1998. Seit 2005 - vor allem im Internet - zahlreiche Beiträge gegen Hartz-IV und gegen Neoliberalismus-Propaganda.


Online-Flyer Nr. 268  vom 22.09.2010



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