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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Arbeit und Soziales
Von Köln nach Braunschweig – Interview mit einem Obdachlosen
Rolf auf dem geraden Weg
Von Dr. Maryam Dagmar Schatz

Dieses Interview habe ich für eine mittlerweile eingestellte Zeitschrift gemacht: in der Fußgängerzone von Braunschweig habe ich den obdachlosen gebürtigen Kölner Rolf interviewt, eine Freundin hat die Bilder gemacht. (Leider stand mir nur noch der scan des damaligen Artikels zur Verfügung.) Gegenüber 1997 hat sich die Situation noch verschlimmert. Die Ausgrenzung durch - nicht nur - die Verschärfung von Hartz 4 wird noch mehr Menschen in die Obdachlosigkeit und aus der staatlichen Fürsorge treiben, und sie somit privaten Initiativen überantworten.

Ein Beispiel ist die Arbeit der peruanischen Ärztin Dr. Jenny de la Torre Castro. Über die  habe ich aus besonderem Anlass – der aktiven Unterstützung durch die Pharmafirma MSD – geschrieben habe. Die 1997 schon absehbare Vertreibung aus den Städten wurde mittlerweile nicht nur in Deutschland perfektioniert und – wie der österreichische Globalisierungskritiker Hans Werner-Lobo schreibt – „statt der Armut die Armen bekämpft“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Rolf heute noch lebt – aber es gibt viele wie ihn. Und es werden täglich mehr.


Rolf, der Hund und ich
Fotos: Amina Roswitha Feder

Im „hillige Kölle“ kam Rolf zur Welt, der versucht, sich in der Fußgängerpassage der Braunschweiger Innenstadt durchzuschlagen. Wie es sich für einen echten Kölner gehört, ist er Zeit seines Lebens ein frommer Katholik geblieben, der jeden Abend für sein Hündchen Charlie, seine Wohltäter, seine verstorbene Frau und den Frieden in der Welt betet – und für die Aggressoren, die ihn vor Monaten ausraubten, niederstachen und dabei lebensgefährlich verletzten.
 
„Mein Name ist Rolf, ich wurde 1927 in Köln geboren. Vier Jahre nach meiner Geburt verstarb meine Mutter im Wochenbett und zwei Jahre später hat mein Vater wieder geheiratet. Mit meiner Stiefmutter habe ich mich nie verstanden, und so kam ich 1942 erst mal ins Heim – freiwillige Erziehungshilfe. Von mir aus war das überhaupt nicht freiwillig. Da ich damals ein ganz zarter Junge war, hab‘ ich angefangen, Schneider zu lernen. Am 25. 08. 1944 wurde ich dann noch eingezogen. Ich war Grenadier. Bevor ich Ende 1944 in Gefangenschaft kam, bin ich sogar noch ausgezeichnet worden. 1948 kam ich aus der Gefangenschaft, da hab‘ ich erfahren, dass mein Vater 1945 gefallen war und meine Stiefmutter wart schon wieder mit einem neuen Mann liiert, einem früheren Freund meines Vaters.

Und da bin ich also wiedergekommen, und da hat die Alte doch tatsächlich zu mir gesagt: „Du bist genauso bekloppt wie Dein Vater.“ Daraufhin habe ich mein Bündel geschnappt und bin zu meiner Großmutter nach Köln und habe dort mit meiner Großmutter gelebt. Habe dann meinen Gesellenbrief gemacht und mit 26 Jahren war ich dann Schneidermeister. Dann habe ich am 2. Juli 1953 meine Frau geheiratet. Sie hat an und für sich katholische Schwester werden wollen. Ich bin ja auch katholisch und so haben wir nicht nur standesamtlich sondern auch kirchlich geheiratet. Am 17. Oktober 1978 ist meine Frau leider verstorben. Danach habe ich mich praktisch nicht mehr um weitere Frauen bemüht und auch nicht gekümmert. Ich bin der Meinung, man liebt und lebt im Leben nur einmal.

Dann war ich immer auf Landstraßen – musste umherziehen – hatte kein Zuhause mehr. Und dann habe ich eben seit 14 Jahren einen treuen Begleiter, mein kleines Hündchen Charlie, und ich hoffe, dass ich ihn noch  ein, zwei Jahre habe. Dann bin ich nach hier gekommen, wurde hier im letzten Juli ausgeraubt und niedergestochen. Hier sitze ich mit Genehmigung des Polizeioberkomissariats.“

Auch das Elend ist in Deutschland bürokratisch geregelt. Der ordentliche Obdachlose – und mittlerweile gehört zu diesen auch eine täglich immer größer werdende Anzahl Kinder oder Jugendlicher – hat sich als solcher (an)zu melden beim Ordnungsamt der jeweiligen Stadt . Dann kann er auch beim Sozialamt 17 Mark am Tag empfangen.  Von diesen 17 Mark hat er seine gesamten Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Beabsichtigt er, sich durch Betteln etwas „dazuzuverdienen“, so muss auch dieses angemeldet werden, da genehmigungspflichtig. Die Genehmigung wird erteilt für das stille Sitzen in irgendeiner Ecke, jedoch nicht für das „Schmal-Machen“, das heißt, Passanten ansprechen. Verstöße können mit Platzverweis, gegebenenfalls mit Stadtverbot geahndet werden. – Und das bekommt man dann schriftlich, mit Stempel.

„Schmal“ macht während unseres Gespräches gerade eine Gruppe Punks, die uns stellenweise auch aufmerksam beobachten. Eines der weiblichen Gruppenmitglieder setzt sich auch, als die ersten Passanten anfangen, die Szene zu kommentieren, demonstrativ zu uns, sozusagen als Schutz und Solidaritätsbekundung. Ihren Namen nennen oder sich am Gespräch beteiligen will sie allerdings nicht. Und auch eine Gruppe Musliminnen gehrt mehrfach an uns vorbei – angewiderter Gesichtsausdruck unter korrekt sitzendem Kopftuch…Als die Punkerin uns verlässt, äußert Rolf noch Mitgefühl für diese „Kinder“ und Unverständnis für eine Gesellschaft, die ihre Jugend so verkommen lässt. Doch dann wenden wir uns wieder seiner speziellen Situation zu.

„Im Sommer geht es ja einigermaßen, aber ich habe auch schon bei 15, 17, 18 Grad Kälte im Schlafsack draußen übernachten müssen. Ich gebe zu, dass manche Leute auch dafür kein Verständnis haben. Wie Du ja weißt, sitze ich sonst ja immer in der Tiefpassage. Da kommt doch heute der Besitzer des XY-Ladens und will mich  wegscheuchen. „Ich hole die Polizei!“ hat er gesagt. „Alles klar“, sage ich, „holen sie mal die Polizei.“ Schließlich habe ich ja eine Genehmigung, nicht wahr? Aber dann habe ich mir gedacht, ich will keinen Krach, und dann bin ich nach hier oben gegangen. Auch die Besitzerin des Geschäfts, wo wir jetzt sitzen, ist heute schon zweimal rausgekommen. Aber wie ich ihr gesagt habe, dass meine Genehmigung sowieso nur bis 14 Uhr geht, hat sie Ruhe gegeben.
 
Es gibt allerdings auch welche, die mir was schenken, worüber ich mich sehr freue. Und ich bete jeden Abend zu Gott, dass bald Frieden in der Welt ist, ich bete auch für die Leute, die leider Abschied nehmen müssen, aber da oben ist ganz bestimmt Frieden. Ich hoffe, dass meine Frau diesen Frieden gefunden hat. Was meine Gesundheit anbelangt, nun, nach dem Überfall lag ich erst mal auf der Intensivstation im Koma, wie lange, weiß ich nicht. Jetzt bin ich wieder einigermaßen fit, obwohl der Professor gesagt hat, der Schock dauert regulär ein Jahr. Aber mein Hündchen tröstet mich – immer wieder.“
Wir kommen auf die Religion, denn er hatte mir ja schon vorher erzählt, dass er immer noch ein frommer Katholik sei. Ich frage ihn, ob es nicht Momente gegeben hat, in denen er bei seinem Schicksal an Gott verzweifelt sei. Ich will wissen, wie sein Verhältnis zu Gott jetzt ist. „Ich will nicht sagen, ich bin nicht streng gläubig erzogen worden – auch im Heim…ich habe immer den denselben  Frieden zu Gott, auch wenn ich manchmal mit dem Schicksal hadere. Ich frage mich immer wieder: “Warum stellt Gott an mich so viel Prüfungen?“

Bislang bin ich immer einen geraden Weg gegangen, das soll auch so bleiben, aber es ist nicht einfach für mich. Ich glaube fest daran, dass wir alle uns einmal woanders verantworten müssen, ob wir immer ehrlich durchs Leben gekommen sind, oder so. Für mich glaube ich, dass ich vor weiteren Schicksalsschlägen bewahrt bleibe, aber man kann es ja nicht voraussehen oder vorausahnen, was da alles auf einen zukommt. Ich bete für den Frieden, ich bete für Leute, die hungern müssen, ich bete auch selbst für die Obdachlosen, für die Alkoholiker und die Drogenabhängigen.
 
Aber was wird denn wirklich für solche Leute getan? Ich selbst kann mit meinem kleinen Hündchen in keine Herberge rein, weil da steht. „Verboten“. Na gut, dann eben nicht; ich bleibe trotzdem so, wie ich bin, immer auf dem geraden Weg, dem rechten Weg.

Ich mach‘ nix Krummes, und das wird auch so bleiben. Und für mich wird auch mal wieder die Sonne scheinen, ich hoffe es wenigstens. Der Glaube allein macht mich sehr stark. Und wenn man mal traurig ist, muss man sich an Gott halten – und ich halte mich an Ihn. Bislang hat Er mich hart geprüft aber mit meinem Glauben habe ich bisher alle Prüfungen überstanden.“ Nur haben sein Glaube und der liebe Gott den armen Rolf nicht davor bewahrt, daß er auf der Straße gelandet ist. (HDH)

Online-Flyer Nr. 264  vom 25.08.2010



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