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Aktueller Online-Flyer vom 22. September 2020  

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Globales
Interview mit Professor Mohamad Roble, der aus Somalia fliehen mußte
Schulen, ein Beitrag zum Frieden
Von Heinrich Frei

„Wenn man Mädchen bildet, bildet man eine ganze Nation“, sagte Professor Mohamad Roble in Zürich in der Generalversammlung des Fördervereins “Neue Wege in Somalia“. Ende 2008 war er in der Hafenstadt Merka angeschossen worden und verlor dabei ein Auge. Jetzt lebt er in Holland im Asyl. Es ist sein Verdienst, daß heute nach wie vor in Merka eine Primar- und Sekundarschule besteht, mit insgesamt etwa 1.000 Schülern, dazu ein Ambulatorium, eine Stadtreinigung und ein Sanitätsposten im Dorf Ambe Banaan. Die Hebamme Vre Karrer hatte 1992 diese Einrichtungen Schritt für Schritt aufgebaut und den Förderverein in Zürich gegründet. Sie kam 2002 in Merka ums Leben.
 

Professor Mohamad Roble
Alle Fotos: www.nw-merka.ch
Heinrich Frei: Herr Professor Roble, sie haben New Ways vom März 2002 bis November 2008 in Merka geleitet. Zur Sekunda-rschule schrieb uns Abdullahi, der heutige Leiter in Merka von New Ways: „Seit der Eröffnung dieser Schule im Januar 2001 haben hunderte von Studenten ein Examen abgelegt. 80 arbeiten nun als Lehrer in verschiedenen Schulen der Region des Lower Shabelle, nachdem sie von UNICEF und UNESCO noch ein Lehrertraining erhalten haben. Die Schulen spielen im Süden von Somalia, wo Gewalt vorherrscht, eine grosse Rolle, weil sie die männlichen Jugendlichen daran hindern können, sich einer kriegführenden Gruppe anzu- schliessen. Dies ist auch der Grund, weshalb viele Eltern ihre Kinder zur Schule schicken. So kann man sagen, dass den Kindern durch den Schulbesuch Friedenserziehung geboten wird. Im Laufe des Semesters haben 62 Studenten Somalia verlassen, weil ihre Eltern befürchteten, ihre Kinder könnten sich einer kriegführenden Gruppe anschliessen. Die Jugendlichen wurden nach Südafrika, Jemen oder Libyen geschickt oder auch in Flüchtlingslager im Nordosten von Kenia.“
 
Prof. Roble: Mit der Sekundarschule wurde Bemerkenswertes erreicht. Im Lehrplan der Schule sind pro Woche zwei Lektionen dem Thema Frieden gewidmet. Nach dem Bürgerkrieg sahen wir, dass solche Lektionen nötig sind. Diese Kurse beinhalten auch sportliche Aktivitäten, welche mithelfen können, die Jugendlichen zu integrieren, weil im Sport Regeln und Vorschriften beachtet und eingehalten werden müssen.


Die Primarschule von New Ways begann 1994 mit 125 Schülern.
 
H. Frei: Zur Primarschule schrieb uns Abdullahi im April dieses Jahres: „Die 528 Kinder der Primarschule kommen aus ganz armen Familien. Es wird in einer Morgen- und einer Nachmittagsschicht unterrichtet. Im Jahr 2008 und einem Teil des Jahres 2009 lieferte das Welternährungsprogramm (WFP) Trockennahrung und New Ways lieferte Früchte und Gemüse, so dass die Kinder eine warme Mahlzeit zu sich nehmen konnten. Diese Mahlzeiten förderten die Einschreibungen in 2008 sehr. Nach dem Ausscheren des Welternährungsprogramms fehlten den Kindern die warmen Mahlzeiten. New Ways konnte nur noch Mahlzeiten für die allerärmsten 240 Kinder zur Verfügung stellen. Dies hatte zur Folge, dass die Einschreibungen 2009 stark zurückgingen. Vor allem die Mütter der Schulkinder bringen am Morgen Brennholz auf den Markt, damit sie ihren Kindern wenigstens eine Mahlzeit geben können. In den unteren Klassen besuchen immer noch mehr Mädchen als Buben die Schule.“
Wie sehen sie die Entwicklung der Primarschulbildung in Merka? War es früher besser?
 
Prof. Roble: Vor dem Bürgerkrieg gab es in Somalia Primarschulen. Als der Bürgerkrieg begann, wurden die meisten Schulen zerstört. Das Volk meinte, die Schulen gehören zum Besitz von Siad Barre, dem letzten Präsidenten. sie seien sein persönlicher Besitz, nicht öffentliches Eigentum. Deshalb machten sie alles kaputt. 1993, als die UNO-Truppen, mit ihren Operationen in Somalia begannen, wurden Schulen mit Hilfe von westlichen Nichtregierungsorganisationen wieder aufgebaut, so dass in Merka wieder mehr als 4.000 bis 6.000 Kinder in die Primarschule gehen konnten. Die Primarschule von New Ways begann 1994 mit 125 Schülern.


Die Primarschule des Fördervereins wird von 264 Mädchen und 264 Knaben besucht. Sie werden von16 Lehrkräften unterrichtet.
 
2005 stellten wir in einer Untersuchung mit UNICEF fest, dass über 10.000 Kinder im Schulalter keine Schule besuchten, weil sie meist für die Familie arbeiten mussten, weil sie in der Stadt irgendeiner Arbeit nachgingen, etwas verkauften, von Haus zu Haus gehend Kehricht einsammelten und entsorgten, als Schuhputzer arbeiteten. Mit anderen Organisationen nahmen wir mit dem Welternährungsprogramm (WFP) Kontakt auf. Mit dem Programm des WFP, "Helping mothers", wurden Alphabetisierungskurse organisiert bei denen die Mütter, die den Unterricht besuchten, am Ende des Monats eine Familien-Essensration vom WFP erhielten. Auch eine Schulspeisung wurde eingeführt, so dass die Kinder zwei warme Mahlzeiten pro Tag erhielten. Das WFP sorgte für die Bereitstellung der trockenen Lebensmittel. Das Gemüse und die anderen Lebensmittel wurden von New Ways beschafft. Dies half, dass mehr Kinder die Schule besuchten. Es wurden nun statt 125 600 Schüler registriert. Mit Hilfe des WFP gelang es auch, die Einschulungsquote der Mädchen zu erhöhen. Sie erhielten für den Schulbesuch pro Monat vier Liter Öl.
 
Einen Monat bevor ich angeschossen wurde, versuchten wir mit der UNICEF die Einschulungsquote um 40 Prozent zu erhöhen. 22 Schultrainer besuchten jede Schule, jede Klasse, um so die Lehrkräfte zu unterstützen und zu überprüfen. Das Projekt war erfolgreich, auch wenn wir das Ziel nicht erreichten, das wir uns gesetzt hatten. Die Einschreibungen stiegen um 28 Prozent.


Prüfung in der Sekundarschule New Ways in Merka. An der Sekundarschule werden heute 134 Mädchen und 256 Knaben von 15 Lehrern betreut.
 
Viele denken, dieses Projekt sei einer der Gründe gewesen, warum ich angegriffen wurde, man wollte das Projekt stoppen. UNICEF Mitarbeiter haben mich in Nairobi im Spital besucht, noch bevor ich operiert wurde. Zum Glück war ich bei vollem Bewusstsein. Ich bat sie, die Einschulungskampagne weiterzuführen. Sie stoppten es nicht, sie gaben die Gelder frei und führten das Projekt weiter.
 
H. Frei: Können ihre Frau und ihre Tochter, die 14-jährig ist, aus Nairobi nach Holland kommen?
 
Prof. Roble: Das möchte ich vor allem, aber ich habe meine Zweifel ob es gelingen wird. Einige Somalier erzählen Geschichten: Einer, ein Mann von 22 Jahren, sagte, er sei Vater von sieben, acht Kindern. Das war ja klar, dass dies nicht stimmen konnte. So gab es negative Entscheide zu Familiennachzügen. Deshalb mache ich mir auch Sorgen, dass ich eine negative Antwort bekommen könnte. Sie könnten meinen, auch meine Geschichte sei nicht wahr. Aber ich denke, ich werde Erfolg haben. Das ist das einzige, wovon ich schon immer geträumt habe: Meine Tochter soll eine gute Ausbildung bekommen.
 
H. Frei: Wie ist ihre Lage in Holland? Können Sie dort als Mathematiker arbeiten?
 
Prof. Roble: Ich hoffe, dass ich unterrichten kann. Aber zuerst muss ich gründlich Holländisch lernen. In der Zwischenzeit hat sich für mich ein kleines Fenster aufgetan. Ich konnte mit den Behörden der Stadt Bergen op Zoom sprechen, wo ich mich niederlassen möchte. Dort wohnen viele somalische Flüchtlinge, welche viele Kinder haben, die zur Schule gehen. Im Moment bin ich in einem Flüchtlingslager in Middelburg.
 
H. Frei: Wie schätzen sie die Lage in Somalia ein? Wir haben den Eindruck, die Unterstützung der Übergangsregierung in Mogadiscio durch die UNO, durch die Europäische Union, die USA usw. ist fehlgeschlagen. Wir hörten, Waffen seien in die Hände der Al Shabaab gefallen und Soldaten der Übergangsregierung seien zur Al Shabaab und anderen islamistischen Gruppierungen übergelaufen.
 
Prof. Roble: Die Übergangsregierung wird unterstützt, aber diese Regierung ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Die Unterstützung, die sie bekommt, verwendet sie für ihre persönlichen Interessen. Sie bezahlten ihre Soldaten nie. So war nichts anderes zu erwarten, als dass diese unbezahlten Soldaten desertierten. Bei den anderen Gruppen wird bezahlt. Das ist die Realität dort. Die militanten Islamisten sind diszipliniert, aber die Übergangsregierung nicht. Die Islamisten haben ein Programm. In der Regierung sitzen zwar viele namhafte Persönlichkeiten, aber sie haben keine gemeinsame Vision. Eigentlich hätte die Regierung die Unterstützung der Öffentlichkeit. Aber ich zweifle ob sie dies weiß. Das Volk kann seine Stimme nicht erheben, sonst riskieren sie getötet zu werden.
 
Auf der einen Seite bin ich heute weit weg von Somalia, aber manchmal bin ich trotzdem mit Somalia verbunden. Ich lebe jetzt in Sicherheit, aber ich bin nicht glücklich, weil mein Volk nicht glücklich ist. Ich kann mich über die Sicherheit nicht freuen, die ich hier habe. Ich kann nicht glücklich sein, denn meine Mutter ist dort.
 
H. Frei: Ist die Unterstützung dieser Regierung durch UNO Soldaten überhaupt sinnvoll, oder sollte man die Somalier in Ruhe lassen, ihre Angelegenheiten selber lösen lassen?
 
Prof. Roble: Ja und Nein. Die Somalis sollten ihre Angelegenheiten lösen. Aber sie können es nicht, dass ist die Wahrheit. Sie können ihre Probleme nicht lösen. Sie brauchen Hilfe, und sie werden diese Hilfe brauchen, bis sie wieder den verlorenen Frieden gefunden haben.
 
H. Frei: Was kann Europa für den Frieden in Somalia tun? Schulen unterstützen, wie die Schulen von New Ways in Merka?
 
Prof. Roble: Die beste Unterstützung ist Bildung und nochmals Bildung. Bildung ist der Samen, der später aufgeht. Vor allem ist die Bildung der Mädchen wichtig. Wenn man Mädchen bildet, bildet man eine ganze Nation, weil Mädchen später Mütter werden und Kinder erziehen. Deshalb ist es so wichtig, dass vor allem die Mädchen zur Schule gehen können. (PK)
 
Heinrich Frei ist Vizepräsident des Fördervereins “Neue Wege in Somalia“. Affolternstrasse 171, 8050 Zürich, Email: heinrich-frei@bluewin.ch. Spendenkonto: “Förderverein Neue Wege in Somalia“ Postcheckkonto: 80–53042–7, Zürich Weitere Infos über den „Förderverein Neue Wege in Somalia“ finden Sie auf der Homepage: www.nw-merka.ch


Online-Flyer Nr. 252  vom 02.06.2010



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