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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Medien
WELT online-Lesern wurde die Hetze von Daniel Pipes zu viel
Rote Karte wegen „Aufstacheln zum Angriffskrieg“
Von Dr. Maryam Dagmar Schatz

Mehr Pipes war nie, ich hatte es ja vorausgesagt. Huib Riethof und ich bemühen uns gerade, die Sensibilität für Daniel Pipes und sein Hetzkartell zu erhöhen, um ihm - nicht nur in Deutschland - die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihm unserer Meinung nach gebührt. Das Gleiche versucht Springers WELT in ihrer Onlineausgabe, doch mit etwas anderer Zielsetzung. Nun wurde das ihren Lesern zu viel, was sie im Kommentarbereich deutlich zum Ausdruck brachten. Der Vorwurf: „Aufstacheln zum Angriffskrieg“.


Die Angriffslegitimation: “No, you can’t”
Quelle: The Nation

Der Artikel ist – wie lange weiß man nicht – nur noch im google-cache abrufbar, und so habe ich ihn mit der ersten Kommentarseite gesichert. Daß Pipes den Iran lieber heute als morgen bombardiert sähe, ist nicht neu. Daß seine Lieblings-Oppositionsgruppe der erst unlängst -  nach mehreren Gerichtsverfahren - von der Terrorliste der EU gestrichene „Nationale Widerstandsrat“, die im Iran völlig isolierten Volksmujaheddin sind, die – sicher nicht völlig zu Unrecht – von der iranischen Regierung für Anschläge während der Unruhen nach der Präsidentenwahl verantwortlich  gemacht wurden, ist auch nicht neu und wird vom getreuen Knappen Herbert Eiteneier, einem christlichen Fundamentalisten und Grundschullehrer aus Leverkusen, übersetzt und häufig von der WELT im Bereich „Debatte“ übernommen. Mit dem neuesten Artikel hatte die WELT jedoch überzogen: Am 3. Februar erschien der Artikel: „Barack Obama sollte den Iran bombardieren“.

Hier: Welt-Seite Oberteil mit der Zeile WELT-online bis runter Oberkante Foto

Pipes gab sich nicht einmal mehr die Mühe, das aufzutischen, was da als Zweck sonst immer aufgetischt wird: Atomprogramm, Steinigungen, Frauenbefreiung. Nein: der Zweck des von  Obama zu befehlenden Angriffs sollte ganz allein die Verbesserung der aktuellen Umfragewerte sein: „Eine dramatische Geste ist nötig, um die öffentliche Wahrnehmung zu ändern. Er muss Befehl geben, die iranischen Atomwaffen zu zerstören.“ Waffen, die noch niemand  gesehen hat, aber das macht nichts. Zerstört man den Iran, werden die schon irgendwie dabei sein. Der Text ist eine einzige Obszönität – nach dem Motto “Junge, Du kannst es nicht, aber.“ Wörtlich heißt es da: „Er braucht eine dramatische Geste, um seine öffentliche Wahrnehmung als Leichtgewicht, Stümper, Ideologe zu verändern, vorzugsweise in einer Arena, wo der Einsatz hoch ist, wo er die Führung übernehmen und wo er die Erwartungen übertreffen kann… So, wie 9/11 die Wähler das Umherirren der ersten Monate George W. Bushs vergessen ließ, würde ein Schlag gegen die iranischen Anlagen Obamas schwaches erstes Jahr in der Versenkung verschwinden lassen und die innenpolitische Szene umgestalten. Es würde die Gesundheitsreform zur Seite schieben...“

Kommentare von WELT-LeserInnen

Erstaunlich offen, nicht wahr? Denn es gibt „günstige Umstände für einen Angriff“. Damit hat man zwei Botschaften übermittelt: Erstens -  Bomb Iran. Zweitens: No, he can’t. Doch das war selbst den Lesern  der WELT zu viel. In den paar Kommentaren, die ich noch aus dem Cache fischen konnte, liest sich das recht eindeutig:

„vera11“ fragt:  „ein Land bombardieren, nur um die Umfragewerte des Präsidenten der USA zu verbessern?  Mit Verlaub, aber haben Sie sie noch alle?“ User „infacto“ hält den Artikel für einen ziemlich blöden Faschingsscherz aber „Horst vom Forst“ und „orcool“ bringen es auf den Punkt: „Aufstacheln zum Angriffskrieg!“ Insgesamt wohl elf Kommentarseiten - da wird schon auch Zustimmendes dabei gewesen sein…

Jedenfalls bekam die Redaktion sehr schnell kalte Füße und löschte den Artikel, auf der deutschen Pipes-Seite ist er jedoch noch abrufbar und mittlerweile wurde er von einer Reihe Bloggern ebenfalls gespiegelt.

Bloggerin beschwert sich beim Presserat

Ich finde, darauf haben Pipes und die WELT eine Antwort verdient: Die Bloggerin Friederike Beck hat einen Brief (1) an den Presserat geschrieben, Auszug: „der Pressekodex gilt seit dem 1.1.2009 auch für Online-Medien. Daher möchte ich Ihnen den o.g. WELT-Online-Artikel zu Kenntnis bringen, der meiner Ansicht nach in keiner Weise mit den ethischen Grundsätzen des Pressekodex vereinbar ist. Ebenso wenig ist er mit denen des deutschen Grundgesetzes vereinbar. Der Pressekodex beruft sich in seiner Präambel ausdrücklich auf dasselbe und erklärt diese Präambel gleichzeitig zu seinem Bestandteil… Angriffskriege sind nach geltendem Völkerrecht illegal und sind weltweit geächtet.

Dass die WELT tatsächlich zu einem illegalen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg aufruft, machen nachfolgende Zwischenüberschriften deutlich:


„Günstige Umstände für einen Angriff“ und
„Viele Amerikaner würden einen Angriff unterstützen.“

So wird aus dem weiteren Kontext des WELT-Online-Artikels deutlich, dass dieser Aufruf zu einem illegalen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran aus einem besonders niederen Beweggrund angeraten wird: Durch den illegalen und völkerrechtswidrigen Angriff/ die Bombardierung des Iran sollen die Umfragewerte (!) des amerikanischen Präsidenten verbessert werden…“

Aufruf

Ich werde selbst einen Brief an den Presserat schreiben und rufe hiermit auf, es mir gleich zu tun. Zu einer Strafverfolgung wird es weder für Pipes noch für die verantwortlichen Redakteure der WELT kommen. Aber ein deutliches „Bis-hier-hin-und-nicht-weiter“ im Sinne einer medienwirksamen Verurteilung sollte erreichbar sein. Spread the word! (PK)

(1) http://www.becklog.zeitgeist-online.de/2010/02/06/die-welt-lasst-bomben-auf-den-iran-artikel-verschwinden/

Aus disziplinarrechtlichen Gründen muss ich darauf hinweisen, dass ich hier ausschließlich meine Privatmeinung vertrete.

Dr. med. Dagmar Schatz ist gebürtige Kölnerin, seit 21 Jahren Muslimin - islamischer Name "Maryam" - und seit 20 Jahren Sanitätsoffizier bei der Bundeswehr, jetzt mit Dienstgrad Oberfeldarzt. Im Internet hat sie unter ihrem nom de plume "bigberta", einige Bekanntheit erlangt, schreibt aber jetzt nur noch unter ihrem "Klarnamen".


Online-Flyer Nr. 236  vom 10.02.2010



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