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Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2017  

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Lokales
Ausstellung in Köln-Mülheim: Für ein Europa ohne Jugendgefängnisse
„Menschen statt Mauern“
Von Peter Bach

Eine Haftzelle mitten im Foyer des Mülheimer Bezirksrathauses. Kein Pranger für Steuerhinterzieher, nein, es wird ein Ort vorgestellt, an dem Jugendliche nach Verstößen gegen das Strafrecht dazu erzogen werden sollen, „künftig einen rechtschaffenen und verantwortungsvollen Lebenswandel zu führen“ (§ 91 JGG). Dass an der Umsetzung dieser Absicht Zweifel begründet sind, ergibt sich schon aus der Rückfallquote von 77,8 Prozent bei zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilten Jugendlichen.

Andrea Pohlmann-Jochheim und Mülheims BM Norbert Fuchs

15 Jahre Arbeit des „Kölner Appell“
 
Fast 100 an diesem Thema Interessierte hatten sich in der Vorhalle des Mülheimer Bezirksrathauses zur Ausstellungseröffnung eingefunden. Das von der Organisatorin Andrea Pohlmann-Jochheim vorgestellte Programm ließ schon vermuten, dass es nicht nur um eine Eröffnung, sondern um die erste abendfüllende Veranstaltung zum Thema ging. Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs stellt in seiner Ansprache denn auch klar, dass diese Ausstellung keinem Modetrend folgt, der durch die Wahlkampagne von Roland Koch im Landtagswahlkampf in Hessen ausgelöst wurde. Das Konzept der Ausstellung entstammt einer 15-jährigen Arbeit des „Kölner Appell“ mit Jugendlichen, die in der Haftanstalt Köln- Ossendorf in Untersuchungshaft sitzend und findet nun in Mülheim bereits seine 4. Station.
Sinn der Ausstellung ist, sich mit der Situation der Jugendlichen genauer auseinanderzusetzen und unzulässig vereinfachenden Meinungen und Vorurteilen entgegenzuwirken.
 
Auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum, heute Rechtsanwalt, wendet sich gegen die Haltung von Politikern, ein Thema mal eben schnell aufzugreifen, einige öffentlichkeitswirksame Statements zu Erziehungscamps und Warnschussarrest abzugeben und das Thema dann ad acta zu legen. „Härte macht roh“, erklärt Baum. Es gehe darum Perspektiven zu eröffnen und mit den Jugendlichen realistische Ziele zu finden.
 
Täter-Opfer-Ausgleich
 
Klaus Jünschke, ehemaliger RAF-Gefangener, hat die Ausstellung zusammen mit Jörg Hauenstein und Christiane Ensslin konzipiert. Er betont, dass man mit der öffentlichen Ausstellung einer Haftzelle nicht abschrecken wolle. Ihm und seinen Unterstützern gehe es darum, einen Entwicklungsprozess anzuregen, der wegführe von Gefängnissen für Jugendliche in ganz Europa. Eine Verminderung der hohen Rückfallquote nütze nicht nur den betroffenen Jugendlichen, sondern diene gleichzeitig dazu, potentielle Opfer zu vermeiden.
Die außergerichtliche Regelung einer Jugendstraftat durch einen Täter-Opfer-Ausgleich finde zurzeit nur in einem Prozent der Fälle statt. 20 Prozent wären nach der Aussage von Fachleuten und den Erfahrungen in anderen europäischen Ländern schon heute möglich. Das würde für 20 Prozent der Jugendlichen die Haft vermeiden und ihnen eine Chance bieten, soziale Verantwortung zu stärken. Außerdem würde nach Ansicht des ehemaligen Leiters der JVA Köln eine „an Leidverminderung orientierte Drogenpolitik“ die Zahl der Häftlinge um 30 Prozent senken.


Klaus Jünschke beim Vortrag. Links im Bild: Gerhart Baum 

Klaus Jünschke beendet seinen Vortrag mit dem Hinweis, es komme entscheidend darauf an, dass man bei den Ursachen sozialer Konflikter ansetzen müsse, die Jugendliche in Haft bringen. Dazu gehöre vor allem die partielle oder gänzliche Verweigerung des Zugangs zum Arbeitsmarkt, zu sozialstaatlichen Leistungen für ihre berufliche Qualifikation und der sozialen Sicherung.
 
Beispiel Schweizer Arxhof
 
Wie man anders als üblicherweise in Deutschland mit jugendlichen Straftätern umgehen kann, berichtete die Diplomkriminologin Angelika Förster am Beispiel des Schweizer Arxhofes.  Der Arxhof ist eine sozialtherapeutische Einrichtung des Straf- und Massnahmenvollzugs. Wie man seiner Internetseite entnehmen kann, verfügt er über 46 Plätze für straffällige, süchtige und gewalttätige junge Männer zwischen 17 und 25 Jahren, die auf Grund eines Gerichtsurteils dort eingewiesen werden. „Voraussetzung ist, dass sie sich persönlich weiter entwickeln wollen. Sozialpädagogik, Psychotherapie und Berufsbildung formen zusammen ein ganzheitliches Angebot. Jeder Bewohner macht während seines Aufenthalts eine Ausbildung in einem unserer Betriebe und besucht die interne Berufsfachschule. In den Wohngruppen fördern Sozialpädagoginnen und -pädagogen die Sozialkompetenz der jungen Männer und ihre praktischen Fähigkeiten im Alltag. Die Psychotherapie hilft ihnen, destruktive Verhaltensmuster zu verändern und den Umgang zu ihrem Gefühlsleben wieder zu finden.“
 
Weiter erfährt man auf der homepage http://www.baselland.ch: Der Arxhof ist eine vollständig offene Anstalt. Wir verzichten in der Regel auf jede Form des Einschließens. Für Bewohner mit einem zu hohen Fluchtrisiko zu Beginn ihres Aufenthalts steht ein speziell gesichertes Zimmer zur Verfügung. Wir setzen aber grundsätzlich auf ein komplexes System von Beziehungen, die den Bewohner an die Gemeinschaft binden sollen. Von Anfang an muss jeder Verantwortung übernehmen für sich, seine Kollegen und die gemeinsamen Ziele. Diese Verantwortung wird im Laufe des Aufenthalts immer größer. Unser Leitgedanke - Hilfe zur Selbsthilfe - bleibt keine Worthülse. Eigenverantwortung ist der Schlüssel dazu.“


Angelika Förster stellt das Schweizer Projekt Arxhof vor
Fotos: Peter Bach

Dem Gedanken folgend, dass jemand der eine Straftat begeht, oft mit sich und seiner Umwelt größere Probleme hat als viele andere, bietet der Arxhof eine ganze Palette von sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Unterstützungen an: In einer Atmosphäre, die geprägt ist von Respekt, Würde und Geborgenheit, hat Mensch die Möglichkeit, einen von 21 Lernberufen zu erlernen. Vor der Entlassung findet routinemäßig eine Schuldnerberatung statt, und in einem Stufenkonzept wird in Zusammenarbeit mit Familienmitgliedern und Partnern auf das Leben „danach“ vorbereitet. Die Rückfallquote beträgt statt 77,8  zur Zeit nur noch 45 Prozent und damit weniger Inhaftierte und entsprechend weniger Opfer von Straftaten.
 
Erfahrungen aus Siegburg
 
Als wollte er dieses positive Beispiel aus der Schweiz konterkarieren, berichtete Miguel, ein Jugendlicher aus der JVA Siegburg, über seine Erfahrungen: Haftanstalt Siegburg, 100 Jahre alt, 750 jugendliche Häftlinge, nur 60 Prozent haben eine Arbeitsmöglichkeit. Das heißt: 300 von ihnen sitzen 21 bis 23 Stunden in der Zelle, je nachdem ob sie Umschluss haben oder nicht. Je 10 (!) Jugendliche können eine Ausbildung in zwei Berufen bekommen – als  Maler/Anstreicher und Kfz-Mechaniker. Auf 60 Häftlinge kommt ein Sozialarbeiter. Viele kennen diesen überhaupt nicht oder allenfalls vom Ausfüllen ihrer Antragsformulare. Miguels Abschlussworten ist nichts hinzuzufügen: „Am Problem wird im Endeffekt nichts getan. Es macht keinen Sinn, jemanden einfach nur in den Knast zu stecken.“ (PK)

Wie wir am Freitag erfuhren, mußte auf Wunsch der Feuerpolizei am Morgen die Zelle im Bezirksrathaus abgebaut werden, weil sie brandgefährlich sei. Die Ausstellungstafeln wurden an der Wand zum Vortragssaal der VHS angebracht. Mehr dazu unter www.jugendliche-in-haft.de 
 
Weiterführende Weblinks: http://www.koelnerappell.de http://www.jugendliche-in-haft.de
http://www.baselland.ch/docs/jpd/arxhof
http://www.kriminologie.uni-hamburg.de
http://wp1074368.wp107.webpack.hosteurope.de/sprachegegengewalt
 
 
Ausstellungsdauer: 26. Februar – 27. April 2008, Öffnungszeiten: Mo. – Fr., 9.00 – 20.00 Uhr
VHS-Foyer im Bezirksrathaus Mülheim, Wiener Platz
 
Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:
 
Montag, 31. März, 19.30 Uhr, entgeltfrei:
Gibt es Möglichkeiten „Kriminelle Karrieren“, die zur Inhaftierung führen können zu unterbrechen, und welche Angebote der Haftvermeidung sind vorhanden?
Die Leiterin der Jugendgerichtshilfe des Jugendamtes Köln, Gisela Strauff, stellt die ambulanten Maßnahmen zur Vermeidung von Rückfall und Wiederholung vor. Im Gespräch vorgestellt werden: Sozialdienst in betreuter Form und Betreuungsweisung (Brücke Köln), Sozialer Trainingskurs, Anti-Aggressivitäts-Training, Täter-Opfer-Ausgleich. Zudem wird über die im Jugendgerichtsgesetz vorgesehenen Haftentscheidungs- und
Haftvermeidungshilfen referiert.
 
Montag, 7. April, 19.30 Uhr, entgeltfrei:
„Das Leben im Knast“ - Gezeigt werden zunächst einige Sequenzen aus dem Film „Knast – Ich – Nie!“ Die Leiterin der Jugendabteilung und der Untersuchungshaft der JVA Köln, Frau Wotzlaw, berichtet über den Alltag in der Kölner JVA. Im Gespräch mit inhaftierten Jugendlichen und ehrenamtlich Helfenden werden Möglichkeiten und Grenzen des Jugendstrafvollzugs diskutiert.
 
Montag, 14. April, 19.30 Uhr, entgeltfrei:
Das Leben nach dem Knast - Die finanziellen und personellen Mittel sind in den letzten Jahren immer weiter eingeschränkt worden, und wegweisende Projekte, die Jugendlichen nach Verlassen des Knasts Orientierungshilfen gaben, wurden reduziert oder eingestellt.
Welche Ausgangsvoraussetzungen müssen geschaffen werden, um Jugendlichen die Rückkehr in das „bürgerliche“ Leben nachhaltig zu ermöglichen? Im Gespräch: Vertreter und Vertreterinnen des Sozialdienstes Katholischer Frauen, des Maßstab e.V., der Bewährungshilfe, der Justiz und zwei ehemals inhaftierte Jugendliche.


 
Das Buch zur Ausstellung:
Pop Shop – Gespräche mit Jugendlichen in Haft
Konkret Literatur Verlag, ISBN 978-3-89458-254-8

Online-Flyer Nr. 136  vom 05.03.2008



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