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Aktueller Online-Flyer vom 26. Mai 2019  

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Kultur und Wissen
GWUP-Auswertung der Wahrsager-„Prognosen“ für 2007 – Teil 1
Totalcrash der Sternendeuter
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

„Eine UFO-Landung am Potomac River in Washington, der Moskauer Kreml in Flammen, die Entdeckung eines Riesenaffen à la „King Kong“ im Dschungel von Costa Rica – nicht nur diese drei Prognosen des kanadischen Mediums Nikki Pezaro erwiesen sich als Flop. Auch andere Astrologen, Wahrsager und Hellseher konnten mit ihren Voraussagen keine Belege ihres Könnens liefern.“ So faßt die Wissenschaftsvereinigung GWUP die „Astrologie-Bilanz“ für 2007 zusammen. Die wäre ein weiterer herber Schlag für die gerade in „Alternativkreisen“ verbreitete Gestirns-Gläubigkeit – der aber erfahrungsgemäß Aufklärung kaum etwas anhaben kann. Unser Autor gibt aber trotzdem nicht auf, sondern einige Sternschnuppen aus dem GWUP-Anti-Horoskop zum besten. – Die Red.

„Astrologie“: den Sternen schnuppe

Orionnebel Carsten Przygoda
Was sagt denn der Orionnebel dazu?!       
Foto: Carsten Przygoda | pixelio.de
Leider wollen sich die „Sterne“ einfach nicht nach den Astrologen richten. Man müßte sie daher zur „höheren“ Ordnung rufen. Das Weltall kümmert sich aber nicht eine Lichtsekunde lang um die Halluzinationen von Horoskop-Dichtern und Kartenlegern, so daß durchschnittlich 95-99 Prozent aller astrologischen Voraussagen und ähnlicher Okkult-Orakeleien fürs jeweils kommende Jahr schneller verglühen als eine Sternschnuppe. All das, was anscheinend, ausnahmsweise auch nur zutrifft, ist hingegen ausschließlich dem Zufall, nicht jedoch den „höheren Mächten“ geschuldet, mit denen die Profi-Propheten direkt zu kommunizieren vorgeben. Aufgrund des insofern unvermeidlich krassen Mißlingens versucht die Wahrsager-Gilde regelmäßig zu jedem Jahresbeginn, den Vorjahresflop mit noch aufgeblasenerer Vorhersagerei fürs nächste Jahr zu übertönen. Die ganz Schlauen freilich verlegen sich darauf, „Prognosen“ zu stellen, die Prognosen im eigentlichen Sinne gar nicht sind.

Mach’s wie Madame Buchela

Eine Meisterin in dieser Kunst war etwa die legendär berüchtigte Bonner Pythia „Madame Buchela“, die angeblich der halben Politprominenz der frühen BRD mit ihren astrologischen Ratschlägen Beihilfe geleistet haben soll. Sie antwortete einmal als „Stargast“ in Robert Lembkes heiterem Beruferaten „Was bin ich“ auf die Frage zu den Aussichten des folgenden Jahres: „Ich sehe so was mit Naturkatastrophe, gelle, und so was mit Kriege.“ Ja, die Altmeisterin hatte den Bogen raus. Man darf halt nur „prognostizieren“, was mit Sicherheit ohnehin eintreffen wird, und zwar so allgemein wie möglich, ohne präzise Angaben über „wo“ und „wann“. Zwar fiel auch Madame Buchela schon mal ins Schwarze Loch der prinzipiellen Unberechenbarkeit alles Zukünftigen. Doch sobald sie sich auf Generalprognosen der zitierten Art beschränkte, lag sie nie mehr fehl und konnte den Leichtgläubigen als Prophetin von großer Weisheit gelten.

buchela Buch
„Vermächtnis" im
Propheten-Jargon     
 
Buchela schwamm also immer oben im rheinischen Bundesdorf Bonn, verkehrte mit Größen wie Kohl, Scheel und ihrem Affen „Charly“, statt in den Potomac abzustürzen und vom nichtexistenten Riesenaffen gelaust zu werden wie die kanadische Dilettantin Nikki Pezaro. Doch sind es ja gerade solche vollkommen abgedrehten und jämmerlich fehlgeschlagenen Weissagungen, die mindestens dem Teil der Menschheit, der noch halbwegs bei Verstand ist, die Abwegigkeit jeglicher Sterndeuterei und ähnlich wahrsagerischer Scharlatanerie zunächst einmal drastisch vor Augen führen sollten.



Engagierte Wissenschaftler gegen Verdummung durch Medienmacht

Man könnte also meinen, die GWUP, die „Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“, habe es wirklich leicht, in ihrer jährlichen Auswertung der Prognosen von Astrologen, „Hellsehern“ und anderen Okkult-Propheten fürs jeweils abgelaufene Jahr mit vollen Kübeln Spott über die Orakelbranche auszugießen. Dennoch: So amüsant diese Art „Astrologen-Evaluation“ im einzelnen auch scheinen mag, so enthält sie doch ein erhebliches Frustrations-Potential. Allein nämlich, daß die GWUP Jahr um Jahr das – man kann schon sagen – Ritual wiederholen muß, die oftmals grotesken „Jahres-Voraussagen“ szenebekannter Sternendeuter und Transzendenz-Visionäre schlußendlich den tatsächlichen Ereignissen entgegenzustellen, deutet die schiere Aussichtslosigkeit solch nervenzerreibender Aufräumarbeit in der Rumpelkammer des Zeitgeistes schon an.

Man wird es mithin als Symptom für die unverändert tief verankerte Massenverbreitung mittelalterlichen, obskurantischen Aberglaubens werten müssen, wenn sich ernsthafte WissenschaftlerInnen und JournalistInnen neben ihren Berufen her mit okkulten Hirngespinsten astrologischer Phantasten abgeben. Denn diese Beschäftigung mit an und für sich schlichtweg nichtsnutzigen Gegenständen betreibt das GWUP-Team nicht vorrangig als Zeitvertreib, sondern aus erkannter Notwendigkeit, einer von Boulevard- und Mainstreammedien mit Top-Einschaltquoten und Millionenauflagen profitbringend geförderten abergläubischen Verdummung weiter Konsumentenkreise wenigstens nicht tatenlos zuzusehen. Was um so dringlicher erscheint, als Umfragen und Untersuchungen seit den fünfziger Jahren einen stabil hohen Anteil ausgesprochener Astrologiegläubigkeit aufweisen, den man zwischen einem Viertel und einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung begründet vermuten muß. Und zwar mindestens in diesem Bereich, denn nicht jeder Befragte wird auf einem Fragebogen oder gegenüber einem Interviewer seine Affinität zu Astrologie oder seinen Hang zu Horoskopen offen einräumen.

hexe melanie Karina pixelio
Wahrsagerei hat Hochkonjunktur               
Foto: Karina | Quelle: pixelio.de
Mit betonter Vorsicht schätzt die GWUP, daß in der BRD etwa 6000 AstrologInnen bei dieser potentiellen Klientel einen Jahresumsatz von mindestens 150 Millionen Euro einfahren. Hinzu kommen natürlich astrologische Spezialmagazine auf dem Zeitschriftenmarkt, „Jahrbücher“ wie etwa „Nostradamus 2007“ von Manfred Dimde oder „Huters Astrologischer Kalender“. Nicht zu vergessen Fernsehformate wie den rein esoterischen Sender „Astro-TV“, hinter dem der Esoterik- Medienkonzern „Questico“ steht, oder auch die Kartenlege-Sendung „Tarot heute“ auf Tele 5 und etliche andere „Beratungssendungen“ im Kommerz-TV, die auf Astrologie, aber auch auf „Kartenlegen“ und ähnlichen Verfahren beruhen. Vom Horoskop-Quatsch in den meisten Tageszeitungen und Illustrierten sowie der unvermeidlichen Astrologin im nicht speziell esoterischen Infotainment-TV wie beispielsweise dem Morgenmagazin auf Sat-1 mal ganz abgesehen. Dort waltet Kirsten Hanser, „geprüfte Astrologin beim Deutschen Astrologenverband“, ihres medialen Amtes.

Apropos Sat 1: „Da Neptun jedoch schräge steht, sollten Sie mit Genussgiften äußerst zurückhaltend sein.“ (Aus dem Sat-1-„Jahreshoroskop 2008“ für das Sternzeichen des Autors, „Löwe“)

20 Jahre GWUP – Notdienst für Aufklärung und Vernunft
Viel Arbeit bleibt also noch auf lange Zeit für eine Gesellschaft wie die GWUP, die sich der Verbreitung rationalen, wissenschaftlichen Denkens gewidmet hat. Dabei gibt es kaum ein Thema auf dem Felde der Parawissenschaften und mehr oder minder modischer Okkultströmungen, dessen sich die GWUP nicht annimmt. Das Spektrum, das die GWUP-SpezialistInnen „betreuen“, reicht von der Astrologie über sogenannte alternative Heilweisen bis hin zur Herumdoktorei an psychisch derangierten Menschen mit fragwürdigen Psychokulten von Hellingers autoritär-okkultistischer Familienaufstellung bis hin zur spiritistischen „Rückführung in frühere Leben“, alias „Reinkarnationstherapie“.


Universum
Beim Blick in die Sterne nur nicht den Kopf verlieren!

Dieser gemeinnützigen Tätigkeit, die zwei Jahrhunderte nach der Aufklärungsepoche und über ein halbes Jahrhundert nach Adornos „Thesen gegen den Okkultismus“ heute immer noch und wieder dringend erforderlich erscheint, widmet sich die GWUP seit 1987. Sie hat also im abgelaufenen Jahr auf zwanzig Jahre Sisyphosarbeit zurückblicken können – oder, je nach Perspektive, müssen. Sie wird, jedenfalls von der Sache her gesehen, ohne Zweifel auch noch ihren 40. Jahrestag begehen. Denn in Zeiten der Krise sucht die Seele nach dem Übersinnlichen, wie Musil meinte; man könnte allerdings auch anders akzentuieren: Je trostloser die Zukunft, desto rosiger die Aussichten für Zukunftsdeuter. (CH)


Ihre Sterne stehen gut! Die NRhZ-Redaktion sagt voraus, dass sie in der nächsten Ausgabe die Fortsetzung dieses Artikels lesen können.

Weitere Informationen unter: www.gwup.org








Online-Flyer Nr. 128  vom 09.01.2008



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