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Lokales
Alfred Neven DuMont über das Kind eines Nazis aus Köln am Rhein
„Jahrgang 1926/27“
Von Peter Kleinert

„Ein Nazi-Kind aus Wietstock an der Nuthe erinnert sich“ heißt einer von 27 Beiträgen in dem Buch „Jahrgang 1926/27 – Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz“. Geschrieben hat ihn die Schauspielerin, Friedens- und Umweltaktivistin Barbara Rütting. „Wie war es damals wirklich?“ hatte Herausgeber Alfred Neven DuMont laut Vorwort seine prominenten AutorInnen gefragt. Seiner eigenen Antwort auf diese Frage gab der Kölner Verleger die Überschrift „Ein Englein ist vorbeigekommen“. Angemessener wäre wohl gewesen: „Das Kind eines Nazis aus Köln am Rhein mag sich nicht erinnern“.

Alfred Neven DuMont
Foto: NRhZ-Archiv

Vorbemerkung
 
Nachdem ich mir in der NRhZ vom 31.Oktober 2007 aufgrund einiger werbewirksamer Artikel über dieses Buch und seinen Herausgeber in diversen DuMont-Zeitungen ein paar Gedanken gemacht hatte, erließ die 28. Zivilkammer des Kölner Landgerichts am 12. November 2007 „in dem einstweiligen Verfügungsverfahren des Herrn Professor Alfred Neven DuMont“ mal wieder einen Beschluss, der mir „unter Androhung eines Ordnungsgeldes bis zu 250.000 Euro“ einiges über unseren Kölner Ehrenbürger und seine Familie zu schreiben verboten hat. Da ich aufgrund früherer Erfahrungen damit rechnen musste, hatte ich vorsichtshalber beim DuMont-Verlag ein Rezensionsexemplar bestellt und bekam gleich zwei per Post geschickt. Hier das Ergebnis meiner Lektüre: 


Barbara Rütting
Quelle: www.tierrechte.de
 
Barbara Rütting - so ungeheuerlich betrogen“
 
„Vater war ein wunderbarer Lehrer, ist aber Nationalsozialist gewesen“, erinnert sich Barbara Rütting an ihre Zeit in der Zwergschule des kleinen Dorfes Wietstock in Brandenburg. Sie selbst, die „voller Stolz die Uniform der Hitlerjugend“ trug, ging von dort als 17jährige mit Hans Rütting, einem Antifaschisten, gegen Ende des Krieges nach Dänemark, wo sie von ihm die Wahrheit über Deutschland erfuhr. Ergebnis: „Ich kam mir so ungeheuerlich betrogen vor. Ist es möglich, dass Vater von allem nichts gewusst hat, nichts von den KZs, nicht von Judenverfolgungen? (...) Ich habe nicht mehr mit ihm über diesen seinen katastrophalen und verhängnisvollen Irrtum sprechen können, der ihn schließlich das Leben gekostet hat.“ Er wurde Ende Mai 1945 „mit anderen Lehrern zu einem ‚Umschulungskurs’ abgeholt“, von dem er „nicht zurückgekommen“ ist.
 
Der kleine Alfred und Vaters Sorgenfalten
 

Kurt Neven DuMont
Foto: KAOS-Archiv
Auch Alfred Neven DuMont erinnert sich am Anfang seines Beitrags „Ein Englein ist vorbeigekommen“ an den Vater: „Es ist der Tag des 30. Januar, der Tag, an dem Adolf Hitler Reichskanzler wird“. Die Köchin und Haushälterin der Familie, Frau Bröhl, ist begeistert und sagt zu Alfred und seiner Schwester Silvia: „’Wir sollten alle glücklich sein, alle…!’ Ein kritischer, kurzer Blick schweift über die Ältere der beiden. Sie weiß, wer gemeint ist: der Vater, dessen Sorgenfalten zwischen den Augenbrauen nicht mehr weichen wollen aus dem blassen Gesicht. Die Nachspeise isst er auch nicht mehr an der gemeinsamen Mittagstafel.“
 
Der damals Sechsjährige und seine Schwester mögen ja der falschen Einschätzung ihres Vaters durch Frau Bröhl aus der Eifel, „einem Armenhaus Deutschlands“,  geglaubt haben. Aber irgendwann zwischen 1933 und 2007 dürfte der Sohn erfahren haben, dass die Kölnische Zeitung von Kurt Neven DuMont schon in ihrer Neujahrsausgabe vom 1. Januar 1933 unter der Schlagzeile „Auf Hitler kommt es an!“ den Nazi-Führer aufgefordert hatte, nicht „vor den Toren der Politik stehen (zu) bleiben“, sondern „die Verantwortung zu tragen“ und „die positiven Kräfte seiner Bewegung in die Waagschale der praktischen Politik zu werfen“. 
 

KIZ-Titelbild aus dem Verlag MDS
„Auf der Marienburg, dem noblem Villenvorort von Köln“ - so Alfred Neven DuMont weiter in seinem Text - lebt man „genauso behaglich wie zuvor, nichts ändert sich - aus Kindersicht. Nur der Freund in dem großen Nachbarhaus verschwindet fast über Nacht mit seiner Familie im nächsten Jahr… Erst später erfährt der kleine Alfred, dass sein Freund und Schulkamerad aus einer jüdischen Familie stammt.“ Kein Wort hingegen schreibt er darüber, dass Vater Kurt NSDAP-Mitglied wird und Mutter Gabriele am 10. Oktober 1941 ein Nachbargrundsstück in der Leyboldstraße 19 kauft, das dem rechtzeitig ausgewanderten jüdischen Unternehmer Ottenheimer gehörte. Während er den Lesern diese Peinlichkeit erspart, lässt Alfred Neven DuMont seine Anwälte im Prozess gegen einen NRhZ-Artikel zu diesem Kauf als seinen heutigen Standpunkt vortragen, es habe sich doch nur um ein normales Geschäft gehandelt, weil ein adäquater Kaufpreis für das Grundstück gezahlt worden sei.
 
Ein Jahr später, 1942, wird „für den Fünfzehnjährigen…der Schatten, den die Nazis über das Land geworfen haben, deutlicher“. Er lebt inzwischen zeitweise in München und berichtet: „Einmal sehe ich auf der anderen Straßenseite eine alte Dame mit dem Judenstern. Ich bin erzogen, ältere Menschen über die Straße zu geleiten. Die Frau blickt mich erstaunt an, lässt mich dann, leicht lächelnd, gewähren.“ 
 
Der große Alfred: „Ich log wie noch nie in meinem Leben“
 
Im Februar 1943 wird Alfred „mit den meisten Schülern meiner Klasse zur Flak nach Obermenzing abkommandiert“, dort aber ein paar Monate später „für einige Tage beurlaubt“. Der Grund: „In Köln war das alte Verlagshaus der Familie an der Breitestraße schwer getroffen worden und ich sollte bei der ersten Beseitigung der gröbsten Schäden helfen.“ Dass auch dieses Grundstück inzwischen durch Kauf von Mutter Gabriele um drei benachbarte ehemals jüdische Grundstücke der Kommanditgesellschaft Brandenstein und Rose arrondiert worden ist, hat er als 16jähriger, der bereits erfolgreich sein „Debüt als Schauspieler“ gegeben hat, nicht erfahren. Verborgen geblieben ist ihm auch, dass Fritz Brandenstein 1938 ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden ist. Jedenfalls erfahren Alfred Neven DuMonts Leser auch dazu nichts, obwohl er es spätestens seit dem Prozess gegen die NRhZ weiß, den er im Frühjahr 2006 mit einer einstweiligen Verfügung begann - wegen eines Berichts über einen Vortrag des Kölner Historikers Ingo Niebel, wie diese Grundstücke, die heute zum DuMont-Carré gehören, in den Besitz Familie gelangten. 
 
Stattdessen erfahren seine Leser, dass er sich 1944 als „Melder“ im „Lager Lechfeld“ während eines nächtlichen Bombenangriffs „über das hell erleuchtete Lager der Jüdinnen“ empörte, „die auch am Militärflughafen arbeiten mussten“. „Es war als Bombenfang gedacht - der Fliegerhorst war in Dunkel gehüllt.“ Am nächsten Morgen verkündete sein Kommandant, „ich stünde unter dem Verdacht des Defätismus und des Volksverrats… Mein Schauspielunterricht kam mir zu Hilfe. Ich log wie noch nie in meinem Leben und der Kompanieführer zeigte für mich Verständnis. Mit zittrigen Knien verließ ich die Baracke. Ein Englein ist vorbeigekommen, sagte meine Mutter später, während mein Vater mich immer wieder zur Vorsicht ermahnte…“.
 
Auftrag an einen „unabhängigen Historiker“ 
 

Professor Manfred Pohl
www.prof-pohl.de
Dass Vater Kurt im selben Jahr von Goebbels´ Reichspropagandaministerium mit dem "Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse mit Schwertern" ausgezeichnet wurde, das auch der Obersturmbannführer Adolf Eichmann für seine Verdienste am Holocaust erhielt, müsste die von Alfred Neven DuMont im Mai 2006 angekündigte „differenzierte Aufarbeitung dieses Teils der Verlagsgeschichte“ durch den „unabhängigen renommierten Historiker“ und Frankfurter Honorarprofessor Dr. Manfred Pohl bestätigen. Bis Ende 2007 sollte - so heißt es bei wikipedia - „der ehemalige Leiter des historischen Instituts der Deutschen Bank seine Forschungsergebnisse vorgelegt haben“.
 
Warum man über die Ergebnisse von Pohls Archivarbeit bei DuMont Schauberg noch nichts weiß, ist unbekannt. Ich habe bei ihm angefragt, aber keine Antwort erhalten. Vielleicht ist er ja über frühere Veröffentlichungen im Kölner Stadt-Anzeiger zur Geschichte des „goldenen Hüüs’chens“ gestolpert. Dort gab es nämlich jahrelang Artikel des mit der Verlagsgeschichte betrauten (ehemaligen) Lokalchefs Klaus Zöller. Zum Beispiel am 25. Januar 1996: "Stadt-Anzeiger und Kölnische Zeitung bekämpften die Nationalsozialisten bis zu deren Machtübernahme. Und die wehrten sich." Und gelegentlich auch von Zöllers Chef persönlich, der den Verlag 1953 von Vater Kurt übernahm. In der Jubiläumsausgabe 2002 zu dessen 200jährigem Bestehen erinnert Alfred Neven DuMont sich so an seine Kinderzeit: "Nach 1933 probten die braunen Machthaber die Übernahme. Gezielte Pressionen trafen das Haus." Das sei nur gut gegangen, weil "sich ein nicht unerheblicher Teil der Belegschaft bei den Angriffen des NS-Regimes mannhaft um den Verleger scharte".
 
Historiker Pohl dürfte inzwischen herausgefunden haben, dass die Belegschaft gleichzeitig damit beschäftigt war, die Kölnische Zeitung dank guter Verbindungen des Verlags zum Oberkommando der Wehrmacht über deren Propagandaabteilung an deutsche "Frontsoldaten" zu versenden. Und dass Vater Kurt 1941 trotz der von Sohn Alfred behaupteten „gezielten Pressionen“ gegen den eigenen Verlag die Abonnenten der von den Nazis verbotenen Konkurrenz Kölnische Volkszeitung zu einem Preis von 23 Reichsmark pro Kunde übernehmen durfte, wird der Professor auch entdeckt haben. Vater Kurts Konkurrent Dr. Reinhold Heinen musste nach der Schließung der Kölnischen Volkszeitung für vier Jahre ins Konzentrationslager.
 
Avi Primor: Einer meiner besten Freunde
 
Von alledem wusste Avi Primor, 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland, wohl nichts, als er Alfred Neven DuMont zum 80sten Geburtstag gratulierte: „Kurz nach meiner Ankunft in Bonn als Botschafter Israels war es für mich ein Erlebnis, eine Rede von ihm zu hören, die er vor einem höchstkarätigen Publikum hielt. Er sprach darin mit der größten Offenheit von der deutschen Nazivergangenheit, sprach von der moralischen Verantwortung der heutigen Deutschen angesichts dieser Vergangenheit…Ich bin stolz darauf, Alfred Neven DuMont zu meinen besten Freunden in Deutschland zählen zu dürfen.“
Und so half der ehemalige Botschafter dem Verlag M.DuMont Schauberg beim Kapitaleinstieg in die liberale israelische Zeitung Ha’aretz, die dem Verleger Amos Schocken gehört. Dessen Großvater Salman Schocken hatte die 1919 von jüdischen Palästina-Einwanderern gegründete "Ha'aretz" im Jahr 1935 gekauft. Der prominente Zionist und Geschäftsmann war gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Arisierungen aus Nazi-Deutschland, wo ihm bis dahin eine Warenhauskette und ein Verlag gehört hatten, nach Palästina emigriert. 


Wird sicher auch begeistert sein - Benedikt VI
Quelle: wikipedia 

Gratulieren wird Alfred Neven DuMont zu seinem Buch und seiner „Offenheit“ in Sachen Nazivergangenheit nach Uri Avneri im Neuen Jahr wohl auch Papst Benedikt XI. Nach einem Besuch in Köln habe es ihm nämlich - wie der Kölner Stadt-Anzeiger am 28. Dezember stolz berichtet - „Josef Clemens, Kurienbischof und langjähriger Privatsekretär Ratzingers in dessen Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation“ nach Rom gebracht. Mitgegeben hat es ihm Prälat Erich Läufer, „langjähriger Chefredakteur der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln“, der das Buch „in einem Atemzug“ gelesen hat. Der Grund für das Geschenk: „Mehrere Male hat Läufer mit dem späteren Kardinal Joseph Ratzinger und noch beim Weltjugendtag in Köln mit dem damals frisch gewählten Kirchenoberhaupt über die gemeinsamen Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs gesprochen, erzählt Prälat Läufer. Und aus diesem Grund, ist der Geistliche überzeugt, könnte das Buch auch für Benedikt XVI. von großem Interesse sein.“ - Und damit wohl bald Pflichtlektüre für alle Katholiken… (PK)


 

Online-Flyer Nr. 127  vom 02.01.2008



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