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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2019  

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Lokales
Zur Tagung der Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie (GIP) in Köln
"Religion und Philosophie im Widerstreit"
Von Hermann-Josef Scheidgen

Seit 1973 hatte der aus Indien stammende Philosoph Dr. Ram Adhar Mall einmal im Monat Dozenten, Studenten und Oberstufenschüler zu sich nach Hause in Niederkassel eingeladen, um mit den Gästen Fragen der europäischen und der asiatischen Philosophie zu diskutieren. Der Vorteil dieses Arbeitskreises bestand darin, daß man akademisch nicht voneinander abhängig war und daher in einer freien Form miteinander philosophieren konnte. Als Vorbild diente ihm ein Arbeitskreis des Kölner Philosophen Max Scheler (1874-1928), einer der Begründer der modernen Anthropologie.
Im Laufe der Zeit erörterte man in dem Arbeitskreis auch Themen von philosophischen Ansätzen, die aus anderen Kulturräumen, wie z.B. aus Afrika oder aus Lateinamerika stammten. Zwischenzeitlich hatte sich Mall an der Universität Trier mit einer Arbeit über den Geistbegriff im britischen Empirismus habilitiert und wurde schließlich zuerst Professor in Wuppertal, dann in Bremen und schließlich in München. Gastprofessuren hatte er in Heidelberg, Wien und verschiedentlich auch in Indien angenommen.

Im Jahre 1991 entschloss sich der Arbeitskreis dazu, einen entsprechenden Verein zu gründen, um kleinere Tagungen durchzuführen und deren Ergebnisse zu veröffentlichen. Im folgenden Jahr ließen die neun Gründungsmitglieder ihren Verein beim Amtsgericht Köln eintragen. Gründungspräsident wurde Professor Dr. Ram Adhar Mall und erster Vizepräsident sowie Geschäftsführer Dr. Dieter Lohmar, der heute als Philosophieprofessor an der Universität Köln lehrt. Derzeit hat der Verein, der auch allen interessierten Laien offen steht, über dreihundert Mitglieder, wobei ca. ein Drittel aus der "Dritten Welt" stammen. Etwa jedes zweite Jahr führt die Gesellschaft eine große Tagung in Deutschland durch. In den Zwischenzeiten wurden Kongresse im Ausland organisiert, so. z.B. in Österreich, Japan, Indien, Tunesien, Costa Rica und in Mexiko.

Die programmatische Ausrichtung der Gesellschaft, die stark von Professor Mall geprägt wurde, läßt sich wie folgt zusammenfassen: Jeder methodologische Versuch, eine Kultur als bloß geschlossenes Bild im Sinne einer Monade zu untersuchen, muß fehlschlagen. Verstehen wollen und Verstanden werden wollen stellen die zwei Seiten einer interkulturell ausgerichteten Hermeneutik dar. Eine interkulturelle Grundhaltung impliziert demnach sowohl ein Miteinander als auch ein Nebeneinander der Kulturen. Es geht hier nicht um eine Kulturromantik, sondern um eine ernste Auseinandersetzung mit dem Fremden. Die Silbe "inter" in dem Terminus interkulturell impliziert sowohl Ähnlichkeit als auch Differenz zwischen den Kulturen. Mit dieser interkulturellen Einstellung darf nicht die Transkulturalität der formalen, technologischen und naturwissenschaftlichen Begriffsapparate verwechselt werden. Eine Hermeneutik, die auf das Verstehen der Kulturschöpfungen abzielt, zögert vor der Versuchung, alle Arten von kulturellen Phänomenen und Polaritäten auf einen fundamentalen Typ zu reduzieren.

Im Gegensatz zu einer interkulturellen Hermeneutik ist die multikulturelle Perspektive in deskriptiver Hinsicht eine Beschreibung der Kulturen, wie sie nebeneinander existieren. Diese Sichtweise kann dazu führen, daß Parallelgesellschaften entstehen, die gleichgültig nebeneinander existieren. Es sei denn, die beschreibende Ebene würde verlassen und durch eine normative ersetzt.

Seit 2004 ist Professorin Dr. Claudia Bickmann Präsidentin der Gesellschaft. Sie lehrt an der Universität Köln Philosophie. Aufgrund ihrer regen wissenschaftlichen Kontakte zu ausländischen Universitäten, insbesondere mit Frankreich, der Türkei, Tunesien und Ägypten, aus denen sich vor ihrer Berufung an die Universität Köln auch Gastprofessuren ergaben, ist sie für die Übernahme dieses Amtes besonders prädestiniert. Als neue Präsidentin hat sie bereits zwei kleinere Kongresse in Köln organisiert, wobei die nunmehr in Köln durchgeführte Fachtagung, die in Zusammenarbeit mit dem Philosophischen Seminar der Universität zu Köln erfolgte, mit 350 Teilnehmern alle Erwartungen überstieg.

Das Thema "Religion und Philosophie im Widerstreit" hat insofern eine besondere Aktualität, da viele Soziologen von der "Wiederkehr der Religionen" sprechen, wenn diese auch im Gegensatz zu anderen Kontinenten für Europa nur bedingt zutrifft. Aus interkultureller Sicht hat das Thema eine ganz besondere Brisanz, denn immer noch behaupten europäische Philosophen, andere Kulturen besäßen lediglich Religionen und seien zum diskursiven Denken nicht in der Lage. Umgekehrt sehen viele asiatische Philosophen europäische Theologen als Philosophen an. Hier zu differenzieren, hatten sich die 45 Referentinnen und Referenten zum Ziel gemacht. Überwiegend kamen sie dabei zu dem Ergebnis, daß sich Philosophie und Religion gegenseitig befruchten können. Wie die Präsidentin darstellte, wird das Thema Religion heute zunehmend von der Transzendentalphilosophie, der französischen Postmoderne und von Anhängern der Frankfurter Schule thematisiert. Andererseits kann die zeitgenössische Philosophie ein Korrektiv für religiöse Strömungen sein, die im Begriff sind, sich zu einem Fundamentalismus zu entwickeln.

Dr. Axel Köhler, langjähriges Mitglied der GIP und neuer Vorsitzender des Rates der Muslime in Deutschland, rief in seinem Grußwort dazu auf, daß sich die unterschiedlichen Kulturen besser kennen lernen müßten. Dies sei die Grundlage für die gegenseitige Toleranz und die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

Ein Interview mit der GIP-Präsidentin zur Tagung können Sie unter dem Titel Philosophie jenseits kultureller Grenzen auf www.int-gip.de/PRESSE.HTM lesen.

Zum Autor: Dr. Hermann-Josef Scheidgen ist Privatdozent für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Bonn und Lehrbeauftragter an der Universität Köln, Gründungsmitglied der GIP sowie seit 2004 deren Geschäftsführer. Er hat an den Universitäten Bonn, Köln und Wuppertal Katholische Theologie, Philosophie, Geschichte und Pädagogik studiert. Seit Juli 2003 moderiert er einmal im Monat die Matinee "Philosophisches Frühstück" im Kölner Café Libresso





Online-Flyer Nr. 56  vom 08.08.2006



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