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Kultur und Wissen
Über "Die Kinder des Sisyfos", die 68er und die Unentwegten heute
"Eine unbekannte Wirklichkeit erschreiben"
Gespräch von Arnold Schölzel mit Erasmus Schöfer
Erasmus Schöfer (74) lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er war 1970 einer der Mitgründer des "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt". Sein Werkverzeichnis umfasst Schauspiele, Hörspiele, Filme, Bücher, Erzählungen und Übersetzungen. Drei Bände der Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos", deren Handlung zwischen 1968 und 1990 spielt, liegen bisher vor: "Ein Frühling irrer Hoffnung" (2001), "Zwielicht" (2004) und "Sonnenflucht" (2005). Die NRhZ wird im nächsten Flyer mit einer in Köln und dem Rheinland spielenden Serie aus "Zwielicht" beginnen.
Vier Bände haben Sie für "Die Kinder des Sisyfos" geplant - eine Geschichte der Linken in der Bundesrepublik zwischen 1968 und 1990. Sie nennen den Zyklus einen "Zeitroman". Was verstehen Sie darunter?
Es ist ein Roman über die von der jetzt lebenden Generation - mit Ausnahme der jungen Leute - erlebte Zeit, die in ihren vergangenen Aspekten noch gegenwärtig ist. Sie ist nicht vergangen in dem Sinn, dass man keine Erinnerung an sie hat. Auch wenn sie im aktiven Gedächtnis in den Hintergrund getreten ist, wird sie durch einen Roman wieder geweckt. Und so funktioniert es auch, zumindest bei Älteren. Die sagen: Es ist unwahrscheinlich, an wie vieles ich mich wieder erinnere, wenn ich diese Bücher lese.
Steht der Titel "Kinder des Sisyfos" für Scheitern?
Mir geht es bei dem Sisyphos-Mythos nicht um die Vergeblichkeit, sondern um die Beständigkeit in dem Versuch, den Stein auf den Berg zu bringen und sich nicht entmutigen zu lassen. Die Menschen, von denen ich schreibe, das sind diejenigen, die zwar auch oft zweifeln, vielleicht die Hoffnung mal verlieren, aber doch im Grunde wissen, dass sie weitermachen wollen, dass die humanitären Ideale und Einrichtungen, die in der Geschichte unserer abendländischen Gesellschaften erarbeitet wurden, bewahrt, verteidigt und weiter entwickelt werden müssen.
Wenn ich jetzt mal von mir, nicht von meinen geschilderten Romanfiguren sprechen soll, muss ich sagen: Mir scheint die sozialistische Perspektive noch immer die vernünftigste, und nicht mal besonders utopisch. Der wichtigste Punkt für uns ist, dass soziale Gerechtigkeit hergestellt und die Freiheit des Individuums gewährleistet wird. Das ist der Sozialismus, wie wir ihn uns vorstellen. Die Gegenwart ist von so vielen Gefahren und Bedrohungen durchsetzt, dass man schon den Mut verlieren kann. Auf der anderen Seite steht, dass es überall Menschen gibt, die weiter in diesem Sinn arbeiten, unentwegt, die unter Umständen gleich nebenan in kleinen Kommunen sozialistische Lebensweisen ausprobieren und einüben. Oder nehmen Sie Venezuela: Mit einem Mal geht da wieder was. Auch in anderen südamerikanischen Ländern. Immer wieder finden sich Vorgänge und Ereignisse, die Anlass bieten, die Hoffnung dort festzumachen und nicht aufzugeben. Sisyfos und seine Kinder sind die, die nicht entwegt werden, die unentwegt sind.
Woher nehmen die Figuren Ihres Romans ihre Zähigkeit und Hartnäckigkeit?
Sie kennen den berühmten Spruch von Brecht: "Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich." Brecht erklärt nicht, warum es die einen und die anderen gibt. Wir können uns das mit dem Genpool erklären, den einer hat, und mit der Umwelt, in der er lebt. Das reicht trotzdem nicht hin. Ich habe mal an einem Buch mitgearbeitet, das hatte den Titel "Warum wird so einer Kommunist?" Keiner der Autoren hat eine schlüssige Antwort geben können. Brecht hat auch gesagt: Wohl dem Land, das keine Helden nötig hat. Will heißen: Die Schwächeren, Hilflosen, Verzagten sind nicht notwendig schlechtere Menschen, gehören zu uns. Woher diese Kraft der Unentwegten rührt? Ich weiß es nicht. Hätten Sie eine Antwort?

Erasmus Schöfer
Foto: privat
Viele können nicht anders leben, als sich zu wehren.
Aber doch nicht so, dass man besonders streitlustig ist. Ich bin ein verdammt friedlicher Mensch. Daneben aber gibt es wie einen basso continuo ein Gefühl für Gerechtigkeit, also eine Art moralisches Pflichtgefühl, die Ungerechtigkeit, die einem sowohl im Nahbereich wie auch in der Gesellschaft begegnet, nach Möglichkeit zu beheben.
Der Roman ist keine Geschichte des Scheiterns, aber auch kein Bildungsroman im klassischen Sinne. Im dritten Band, der 1980 spielt, gibt es eine fesselnde Diskussion über die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung, in der jemand sagt: "Alle Eure Heldensagen! Alle eure Siege! Worauf seid Ihr eigentlich stolz? Redet doch mal von euren Niederlagen, damit man euch glauben kann!" Das ist nicht das Motiv des Zyklus, aber welches ist es dann?
Das Motiv ist, von Menschen zu reden, die aktiv, lebendig, kritisch bleiben, die nicht oder nur zeitweilig von diesen Niederlagen zu Boden geworfen werden. Das empfinde ich als das Vorbildliche und Ermutigende, dass diese Personen sich wieder aufraffen und weiter kämpfen oder arbeiten. Denn es gibt genug Leute, die völlig umgedreht sind und vergessen oder opportunistisch verdrängt haben, was sie einmal wussten über die zerstörerischen Kräfte unsres vom Profitstreben geleiteten Wirtschaftssystems. Dass wir von Niederlagen, wozu auch unsre eignen Fehler gehören, umgeben sind, gerade die Linken, die Sozialisten, ist Realität. Ich bin sehr entschlossen, ein realistischer Autor zu bleiben, auch wenn ein Teil meiner Hoffnungen sich nicht erfüllt hat.
"Sonnenflucht" entstand in den achtziger Jahren, also vor dem manifesten Zusammenbruch der sozialistischen Staaten. Stammt das Gesamtkonzept der Tetralogie aus der Zeit vor 1989?
Nein. 1990 überlegte ich, was ich als Schriftsteller - immerhin sechzig Jahre alt - noch zu tun habe. Ein halbes Jahr war ich völlig ratlos, es ging mir sehr schlecht. Dann begriff ich , dass ich Lebenserfahrungen gemacht habe, über die wenige westdeutsche Schriftsteller verfügen - Erfahrungen in den Kämpfen, die stattgefunden hatten, Erfahrungen mit den Menschen, die an diesen Kämpfen beteiligt waren und die diese Gesellschaft verändern wollten. Angefangen mit den Achtundsechzigern. Niemand hat wirklich gerecht und umfassend über sie und ihre Absichten geschrieben.
Es gab immer wieder diese ironisch distanzierten oder polemischen Arbeiten über die Achtundsechziger, die aber die Menschen, die damals aufgebrochen waren, nicht in ihrem Selbstverständnis darstellten. Ich dachte, dass es meine Aufgabe sein muss aufzuschreiben, was mein Leben als Bürger und als Schriftsteller beschäftigt hat. Denn ich war in doppelter Funktion an verschiedenen Brennpunkten. Ich bin aus Neugierde hingefahren, weil ich mir sagte: Ich will über Situationen und Vorgänge schreiben, wo die Gesellschaft offen ist, wo die Menschen nach etwas Neuem suchen - die Bürgerbewegung am Kaiserstuhl gegen das Atomkraftwerk, die den Wert von Natur wiederentdeckt, die Arbeiter in der Glashütte von Immenhausen, die sich vorstellen, sie können ihren Betrieb auch selbst leiten, ohne Chefs. Es ging mir nicht primär um Verteidigungskämpfe - das wird mit Rheinhausen im vierten Band auch vorkommen - sondern um Kämpfe, in denen Menschen versuchen, ihre Zukunft zu gestalten. 1990 wurde mir klar, dass meine ganze bisherige schriftstellerische Arbeit eine Sammlung von Skizzen, Entwürfen und Vorarbeiten für das Lebenswerk dieses Gesellschaftsromans war, den ich nun - endlich - verwirklichen müsste.
Ich lese die drei vorliegenden Bände so, dass hier die Geschichte einer Generation ernst genommen wird, eine Geschichte, die offiziell für tot erklärt wird. Wollen Sie zeigen, dass 1968 noch ganz andere Spuren hinterlassen hat als die, welche die Toterklärer sehen?
Nach Lesungen werde ich oft gefragt, was denn nun von den Achtundsechzigern übrig geblieben sei. Ich nenne dann eine ganze Reihe Punkte, von denen ich sagen kann: Wir merken es nur selten noch, aber die Anstöße sind damals gegeben worden. Ob das die Frauenemanzipation war, wie weit sie auch gekommen sein mag, oder das Verhältnis zu den Kindern, das sich total verändert hat. Kinder waren doch bis dahin keine Personen, die ernst genommen wurden. Oder wie geht man heute auf eine Behörde, wenn es nicht gerade das Arbeitsamt ist? Doch nicht mehr devot, quasi als Untertan? Oder der Umgang mit Homosexualität! Es gibt seither Bürgerbewegungen und die Hinwendung zur Natur als einem Lebenselement der Menschen. Anderes ist wieder zurückgedreht worden, an den Universitäten zum Beispiel. Die Professoren sind oft wieder die alten Majestäten. Und die Bildzeitung blüht immer noch an den Kiosken.
Die Frage ist, was aus diesen guten Entwicklungen tatsächlich wird. Angesichts des herrschenden Neoliberalismus, der gerade von Vertretern der Achtundsechziger Generation wie Schröder und Fischer politisch durchgesetzt wurde, ließe sich aus meiner Sicht auch sagen, dass die Bundesrepublik stets konservativ dominiert war. Ein Rezensent des zweiten Bandes schrieb wohl aus dieser Perspektive, Schöfers Roman wirke "einerseits wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit, andererseits aber auch als ein unvermutet reichhaltiges Archiv, eine vielstimmige Erinnerung an gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die ältere Bundesbürger doch noch miterlebt, aber inzwischen verdrängt haben". Geht es nur um Antiquarisches?
Was bewirkt denn die Erinnerung an diese verdrängten oder vergessenen Erlebnisse? Auch für Leute, die gar nicht selbst dabei waren, ist das doch ermutigend und inspirierend zu erfahren, wie die Menschen sich tatsächlich gewehrt haben. Selbst wenn sie gescheitert sind - Literatur wirkt da auch dialektisch, wird nicht eins zu eins in die Gemüter der Lesenden aufgenommen. Es können Grundverhaltensweisen wie solidarisches Handeln erinnert werden, von denen man nicht mehr so viel wissen will, die weg geschoben werden zugunsten von Leistung, Egoismus und Ellbogen. Aber ich muss jetzt auch mal deutlich sagen: Ich habe keine Handbücher für politischen Widerstand geschrieben! Wir sprechen von Romanen, deren handelnde Personen neben ihrem individuellen Gefühlsleben auch ein politisches Bewusstsein haben und deren gesellschaftlicher Hintergrund den Lesern nicht verschwiegen wird.

Bei der Irak-Demo vor dem Amerikahaus
Foto: Arbeiterfotografie
In den drei Bänden spielt der Historiker Viktor Bliss eine entscheidende Rolle. Der erste Band "Ein Frühling irrer Hoffnung", der von 1968 handelt, beschreibt, wie Bliss zur Linken stößt. Er war vor dem Attentat auf Rudi Dutschke und den Aktionen gegen Springer sozusagen auf dem Weg, erfährt der Leser. Wie war das bei Ihnen?
Bei mir war das anders, fing 1945 mit den Bildern der Leichenberge aus Bergen-Belsen an. Dann kam ich wieder nach Westberlin. Da passierte es, dass in der DDR ein Oberschüler in meinem Alter wegen Flugblattverteilens zum Tode verurteilt wurde. Da war meine Haltung eindeutig, aus dem Gefühl für Gerechtigkeit heraus: Es kann nicht sein, dass jemand, noch dazu mit 18 Jahren, für das bloße Verteilen von Flugblättern, so bestraft wird. Ich war also sehr kritisch gegen die Zustände in der DDR. Erst allmählich habe ich angefangen, die Zusammenhänge der Vorgänge in Ost- und Westdeutschland zu begreifen. Als Ende der fünfziger Jahre der Plan des polnischen Außenministers Adam Rapacki für eine atomwaffenfreie Zone in Europa vorgelegt wurde, erlebte ich an der Universität in einer großen Philosophievorlesung, wie sich der Professor darüber verbreitete, dass man das nicht akzeptieren könne. Da bin ich aufgestanden und habe gesagt, dass ich eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa für sehr sinnvoll hielte und Adenauer unbedingt darüber verhandeln müsste. Das war eine Mutprobe für mich. Denn das war zu einer Zeit, als kein Student sonst in so einer großen Vorlesung etwas gegen den Professor gesagt hätte.
Ich bewunderte die Franzosen, denn ich wollte von den Deutschen nach dem "Dritten Reich" nichts wissen. Aber dann bekam ich mit - ich studierte auch in Paris -, wie brutal die Franzosen den Freiheitskampf in Algerien unterdrückten. Kuba - die Revolution fand ich toll. Ich chauffierte damals ein freundliches amerikanisches Ehepaar 500 Kilometer durch die Bundesrepublik, schwärmte wohl mal für Fidel Castro und bekam die bitterböse Antwort, dass die beiden seine Revolution schleunigst beseitigt haben wollten. Dann Vietnam - die Amerikaner, die 1945 mit Freiheit und Demokratie zu uns gekommen waren, die ich als Befreier erlebt hatte, die wollten nun die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Vietnamesen in die Steinzeit zurückbomben. Und unsre Regierung unterstützte diese Politik! Da kannte ich meine Gegner.
Der eigentliche Sprung war in München. Ich war im "Kommaklub" aktiv, habe ihn geleitet. Dorthin kamen auch DDR-Autoren, ich bekam Kontakt zu alten Genossen, die zu mir sagten: Kommunist wirst Du in der Partei, nicht vorher. Ich war mehrere Jahre illegal in der verbotenen KPD. Es war ein langer Weg.
In dem Roman spielen die DDR, der reale Sozialismus und die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung immer wieder eine Rolle, aber eher am Rande. Welche Bedeutung hatte die Entwicklung in der DDR und den anderen sozialistischen Ländern für Sie als Linker in der Bundesrepublik?
Für mich war sie zweifellos wichtig, für andere weniger. Ich hatte als Schriftsteller Kontakt zu Kollegen, zum Funk, zu Redaktionen in der DDR, war Mitglied von Kulturdelegationen, nahm als westdeutscher Gast an einem Parteitag teil. Wir hatten endlose Diskussionen und ich habe mich mit großen Hoffnungen, aber auch konkreter Kritik dabei engagiert. Ich dachte, SED-Genossen müsste interessieren, wie westdeutsche Linke die Situation in der DDR sahen. Das war ziemlich naiv und übrigens ein Hauptgrund, weshalb meine Texte, die Zustände in der DDR zum Gegenstand hatten, dort nicht veröffentlicht wurden. Es hat mich schon verstört, dass formale Ausflüchte benutzt wurden um zu begründen, weshalb meine Arbeiten nicht gedruckt oder gesendet wurden, es sei denn, sie beschäftigten sich kritisch mit der Bundesrepublik. Also für mich war der frühsozialistische deutsche Staat und seine Entwicklung eine wichtige Bezugsgröße meines politischen und emotionalen Lebens.
Nach meiner Vorstellung kommt der verbrannte Viktor Bliss im vierten Band - an dem ich jetzt arbeite - zur Operation in die Ostberliner Charité, trifft dort mit einem kranken DDR-Autor zusammen, dessen Kritik an seinem Land und seiner Partei, der SED, den Optimisten Bliss schwer erschüttert. Aber insgesamt steht die kommunistische Bewegung tatsächlich nicht im Mittelpunkt des Romanzyklus. Klar für mich, dass sie nicht ausgeblendet wird - als eine der großen Triebkräfte der Geschichte.
In allen Bänden wird heftig geliebt. Nach meinem Eindruck sind die Männer Sensibelchen, die Frauen sehr selbstbewußt, sexuell sehr frei, geben dem Lauf der Dinge im Roman entscheidende Wendungen. Welche Rolle spielt die Erotik?
Sie ist schon sehr wichtig. Wenn ich sagen soll, was ich an Neuerung in die Literatur einzubringen versuche, dann ist es dies: Dass Politik vorkommt, dass Arbeit vorkommt und dass körperliche Liebe nicht ausgeblendet wird. Liebe ist ein uraltes literarisches Thema, gewiss, aber sie wird fast nie sichtbar als körperliche Liebe. Zweitausend Jahre christliche Morallehre haben verhindert, sie als etwas Natürliches und Schönes im Leben der Menschen zu sehen und sie in ihrer Vielfalt zu beschreiben, ohne den Ausweg eines wissenschaftlichen Jargons oder der Pornographie zu beschreiten. Im Kommerzfernsehen und in den entsprechenden Printmedien wird dieses Bedürfnis in zynischer Weise ausgebeutet. Dafür eine ehrliche literarische Sprache im Rahmen eines realistischen Gesellschaftsromans zu finden, halte ich für eine genau so schwierige Aufgabe wie für die Bereiche der Politik und der modernen Arbeitsverhältnisse.
So machten wir auch im "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" in den 70er Jahren die Erfahrung, dass wir mit unseren Büchern, die in hohen Auflagen in Taschenbüchern verbreitet wurden, eher das Interesse von Studenten, Lehrern, Gewerkschaftsfunktionären fanden. So etwas wie der "Rote 1-Mark-Roman" in den 20er Jahren, der an jedem Kiosk verkauft wurde, gelang uns nicht. Das war aber unsere Absicht. Aktive Arbeiter, Betriebsräte haben das schon gelesen, aber nicht mit Lust. Über industrielle Arbeit interessant und unterhaltsam zu schreiben, ist verdammt harte Literaturarbeit.
Ähnlich verhält es sich mit dem politischen Leben, in dem wir uns alle mehr oder weniger intensiv bewegen. Die belletristische Literatur umschifft diesen Lebensbereich, weil die dazugehörige Sprache durch die Vernutzung in den Medien hohl und phrasenhaft geworden ist. Das war mir bei meiner literarischen Aufgabe nicht möglich. Ob es mir gelungen ist, schon eine einleuchtende Lösung dieses Problems in meinem Romanzyklus zu finden, müssen die Leserinnen und Kritiker beurteilen. An dieser Aufgabe müssen sicher noch viele Autorinnen und Autoren arbeiten.
Arnold Schölzel ist Chefredakteur der "jungen Welt". wo es im Oktober veröffentlicht wurde.
Online-Flyer Nr. 19 vom 23.11.2005
Über "Die Kinder des Sisyfos", die 68er und die Unentwegten heute
"Eine unbekannte Wirklichkeit erschreiben"
Gespräch von Arnold Schölzel mit Erasmus Schöfer
Erasmus Schöfer (74) lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er war 1970 einer der Mitgründer des "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt". Sein Werkverzeichnis umfasst Schauspiele, Hörspiele, Filme, Bücher, Erzählungen und Übersetzungen. Drei Bände der Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos", deren Handlung zwischen 1968 und 1990 spielt, liegen bisher vor: "Ein Frühling irrer Hoffnung" (2001), "Zwielicht" (2004) und "Sonnenflucht" (2005). Die NRhZ wird im nächsten Flyer mit einer in Köln und dem Rheinland spielenden Serie aus "Zwielicht" beginnen.
Vier Bände haben Sie für "Die Kinder des Sisyfos" geplant - eine Geschichte der Linken in der Bundesrepublik zwischen 1968 und 1990. Sie nennen den Zyklus einen "Zeitroman". Was verstehen Sie darunter?
Es ist ein Roman über die von der jetzt lebenden Generation - mit Ausnahme der jungen Leute - erlebte Zeit, die in ihren vergangenen Aspekten noch gegenwärtig ist. Sie ist nicht vergangen in dem Sinn, dass man keine Erinnerung an sie hat. Auch wenn sie im aktiven Gedächtnis in den Hintergrund getreten ist, wird sie durch einen Roman wieder geweckt. Und so funktioniert es auch, zumindest bei Älteren. Die sagen: Es ist unwahrscheinlich, an wie vieles ich mich wieder erinnere, wenn ich diese Bücher lese.
Steht der Titel "Kinder des Sisyfos" für Scheitern?
Mir geht es bei dem Sisyphos-Mythos nicht um die Vergeblichkeit, sondern um die Beständigkeit in dem Versuch, den Stein auf den Berg zu bringen und sich nicht entmutigen zu lassen. Die Menschen, von denen ich schreibe, das sind diejenigen, die zwar auch oft zweifeln, vielleicht die Hoffnung mal verlieren, aber doch im Grunde wissen, dass sie weitermachen wollen, dass die humanitären Ideale und Einrichtungen, die in der Geschichte unserer abendländischen Gesellschaften erarbeitet wurden, bewahrt, verteidigt und weiter entwickelt werden müssen.
Wenn ich jetzt mal von mir, nicht von meinen geschilderten Romanfiguren sprechen soll, muss ich sagen: Mir scheint die sozialistische Perspektive noch immer die vernünftigste, und nicht mal besonders utopisch. Der wichtigste Punkt für uns ist, dass soziale Gerechtigkeit hergestellt und die Freiheit des Individuums gewährleistet wird. Das ist der Sozialismus, wie wir ihn uns vorstellen. Die Gegenwart ist von so vielen Gefahren und Bedrohungen durchsetzt, dass man schon den Mut verlieren kann. Auf der anderen Seite steht, dass es überall Menschen gibt, die weiter in diesem Sinn arbeiten, unentwegt, die unter Umständen gleich nebenan in kleinen Kommunen sozialistische Lebensweisen ausprobieren und einüben. Oder nehmen Sie Venezuela: Mit einem Mal geht da wieder was. Auch in anderen südamerikanischen Ländern. Immer wieder finden sich Vorgänge und Ereignisse, die Anlass bieten, die Hoffnung dort festzumachen und nicht aufzugeben. Sisyfos und seine Kinder sind die, die nicht entwegt werden, die unentwegt sind.
Woher nehmen die Figuren Ihres Romans ihre Zähigkeit und Hartnäckigkeit?
Sie kennen den berühmten Spruch von Brecht: "Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich." Brecht erklärt nicht, warum es die einen und die anderen gibt. Wir können uns das mit dem Genpool erklären, den einer hat, und mit der Umwelt, in der er lebt. Das reicht trotzdem nicht hin. Ich habe mal an einem Buch mitgearbeitet, das hatte den Titel "Warum wird so einer Kommunist?" Keiner der Autoren hat eine schlüssige Antwort geben können. Brecht hat auch gesagt: Wohl dem Land, das keine Helden nötig hat. Will heißen: Die Schwächeren, Hilflosen, Verzagten sind nicht notwendig schlechtere Menschen, gehören zu uns. Woher diese Kraft der Unentwegten rührt? Ich weiß es nicht. Hätten Sie eine Antwort?

Erasmus Schöfer
Foto: privat
Viele können nicht anders leben, als sich zu wehren.
Aber doch nicht so, dass man besonders streitlustig ist. Ich bin ein verdammt friedlicher Mensch. Daneben aber gibt es wie einen basso continuo ein Gefühl für Gerechtigkeit, also eine Art moralisches Pflichtgefühl, die Ungerechtigkeit, die einem sowohl im Nahbereich wie auch in der Gesellschaft begegnet, nach Möglichkeit zu beheben.
Der Roman ist keine Geschichte des Scheiterns, aber auch kein Bildungsroman im klassischen Sinne. Im dritten Band, der 1980 spielt, gibt es eine fesselnde Diskussion über die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung, in der jemand sagt: "Alle Eure Heldensagen! Alle eure Siege! Worauf seid Ihr eigentlich stolz? Redet doch mal von euren Niederlagen, damit man euch glauben kann!" Das ist nicht das Motiv des Zyklus, aber welches ist es dann?
Das Motiv ist, von Menschen zu reden, die aktiv, lebendig, kritisch bleiben, die nicht oder nur zeitweilig von diesen Niederlagen zu Boden geworfen werden. Das empfinde ich als das Vorbildliche und Ermutigende, dass diese Personen sich wieder aufraffen und weiter kämpfen oder arbeiten. Denn es gibt genug Leute, die völlig umgedreht sind und vergessen oder opportunistisch verdrängt haben, was sie einmal wussten über die zerstörerischen Kräfte unsres vom Profitstreben geleiteten Wirtschaftssystems. Dass wir von Niederlagen, wozu auch unsre eignen Fehler gehören, umgeben sind, gerade die Linken, die Sozialisten, ist Realität. Ich bin sehr entschlossen, ein realistischer Autor zu bleiben, auch wenn ein Teil meiner Hoffnungen sich nicht erfüllt hat.
"Sonnenflucht" entstand in den achtziger Jahren, also vor dem manifesten Zusammenbruch der sozialistischen Staaten. Stammt das Gesamtkonzept der Tetralogie aus der Zeit vor 1989?
Nein. 1990 überlegte ich, was ich als Schriftsteller - immerhin sechzig Jahre alt - noch zu tun habe. Ein halbes Jahr war ich völlig ratlos, es ging mir sehr schlecht. Dann begriff ich , dass ich Lebenserfahrungen gemacht habe, über die wenige westdeutsche Schriftsteller verfügen - Erfahrungen in den Kämpfen, die stattgefunden hatten, Erfahrungen mit den Menschen, die an diesen Kämpfen beteiligt waren und die diese Gesellschaft verändern wollten. Angefangen mit den Achtundsechzigern. Niemand hat wirklich gerecht und umfassend über sie und ihre Absichten geschrieben.
Es gab immer wieder diese ironisch distanzierten oder polemischen Arbeiten über die Achtundsechziger, die aber die Menschen, die damals aufgebrochen waren, nicht in ihrem Selbstverständnis darstellten. Ich dachte, dass es meine Aufgabe sein muss aufzuschreiben, was mein Leben als Bürger und als Schriftsteller beschäftigt hat. Denn ich war in doppelter Funktion an verschiedenen Brennpunkten. Ich bin aus Neugierde hingefahren, weil ich mir sagte: Ich will über Situationen und Vorgänge schreiben, wo die Gesellschaft offen ist, wo die Menschen nach etwas Neuem suchen - die Bürgerbewegung am Kaiserstuhl gegen das Atomkraftwerk, die den Wert von Natur wiederentdeckt, die Arbeiter in der Glashütte von Immenhausen, die sich vorstellen, sie können ihren Betrieb auch selbst leiten, ohne Chefs. Es ging mir nicht primär um Verteidigungskämpfe - das wird mit Rheinhausen im vierten Band auch vorkommen - sondern um Kämpfe, in denen Menschen versuchen, ihre Zukunft zu gestalten. 1990 wurde mir klar, dass meine ganze bisherige schriftstellerische Arbeit eine Sammlung von Skizzen, Entwürfen und Vorarbeiten für das Lebenswerk dieses Gesellschaftsromans war, den ich nun - endlich - verwirklichen müsste.
Ich lese die drei vorliegenden Bände so, dass hier die Geschichte einer Generation ernst genommen wird, eine Geschichte, die offiziell für tot erklärt wird. Wollen Sie zeigen, dass 1968 noch ganz andere Spuren hinterlassen hat als die, welche die Toterklärer sehen?
Nach Lesungen werde ich oft gefragt, was denn nun von den Achtundsechzigern übrig geblieben sei. Ich nenne dann eine ganze Reihe Punkte, von denen ich sagen kann: Wir merken es nur selten noch, aber die Anstöße sind damals gegeben worden. Ob das die Frauenemanzipation war, wie weit sie auch gekommen sein mag, oder das Verhältnis zu den Kindern, das sich total verändert hat. Kinder waren doch bis dahin keine Personen, die ernst genommen wurden. Oder wie geht man heute auf eine Behörde, wenn es nicht gerade das Arbeitsamt ist? Doch nicht mehr devot, quasi als Untertan? Oder der Umgang mit Homosexualität! Es gibt seither Bürgerbewegungen und die Hinwendung zur Natur als einem Lebenselement der Menschen. Anderes ist wieder zurückgedreht worden, an den Universitäten zum Beispiel. Die Professoren sind oft wieder die alten Majestäten. Und die Bildzeitung blüht immer noch an den Kiosken.
Die Frage ist, was aus diesen guten Entwicklungen tatsächlich wird. Angesichts des herrschenden Neoliberalismus, der gerade von Vertretern der Achtundsechziger Generation wie Schröder und Fischer politisch durchgesetzt wurde, ließe sich aus meiner Sicht auch sagen, dass die Bundesrepublik stets konservativ dominiert war. Ein Rezensent des zweiten Bandes schrieb wohl aus dieser Perspektive, Schöfers Roman wirke "einerseits wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit, andererseits aber auch als ein unvermutet reichhaltiges Archiv, eine vielstimmige Erinnerung an gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die ältere Bundesbürger doch noch miterlebt, aber inzwischen verdrängt haben". Geht es nur um Antiquarisches?
Was bewirkt denn die Erinnerung an diese verdrängten oder vergessenen Erlebnisse? Auch für Leute, die gar nicht selbst dabei waren, ist das doch ermutigend und inspirierend zu erfahren, wie die Menschen sich tatsächlich gewehrt haben. Selbst wenn sie gescheitert sind - Literatur wirkt da auch dialektisch, wird nicht eins zu eins in die Gemüter der Lesenden aufgenommen. Es können Grundverhaltensweisen wie solidarisches Handeln erinnert werden, von denen man nicht mehr so viel wissen will, die weg geschoben werden zugunsten von Leistung, Egoismus und Ellbogen. Aber ich muss jetzt auch mal deutlich sagen: Ich habe keine Handbücher für politischen Widerstand geschrieben! Wir sprechen von Romanen, deren handelnde Personen neben ihrem individuellen Gefühlsleben auch ein politisches Bewusstsein haben und deren gesellschaftlicher Hintergrund den Lesern nicht verschwiegen wird.

Bei der Irak-Demo vor dem Amerikahaus
Foto: Arbeiterfotografie
In den drei Bänden spielt der Historiker Viktor Bliss eine entscheidende Rolle. Der erste Band "Ein Frühling irrer Hoffnung", der von 1968 handelt, beschreibt, wie Bliss zur Linken stößt. Er war vor dem Attentat auf Rudi Dutschke und den Aktionen gegen Springer sozusagen auf dem Weg, erfährt der Leser. Wie war das bei Ihnen?
Bei mir war das anders, fing 1945 mit den Bildern der Leichenberge aus Bergen-Belsen an. Dann kam ich wieder nach Westberlin. Da passierte es, dass in der DDR ein Oberschüler in meinem Alter wegen Flugblattverteilens zum Tode verurteilt wurde. Da war meine Haltung eindeutig, aus dem Gefühl für Gerechtigkeit heraus: Es kann nicht sein, dass jemand, noch dazu mit 18 Jahren, für das bloße Verteilen von Flugblättern, so bestraft wird. Ich war also sehr kritisch gegen die Zustände in der DDR. Erst allmählich habe ich angefangen, die Zusammenhänge der Vorgänge in Ost- und Westdeutschland zu begreifen. Als Ende der fünfziger Jahre der Plan des polnischen Außenministers Adam Rapacki für eine atomwaffenfreie Zone in Europa vorgelegt wurde, erlebte ich an der Universität in einer großen Philosophievorlesung, wie sich der Professor darüber verbreitete, dass man das nicht akzeptieren könne. Da bin ich aufgestanden und habe gesagt, dass ich eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa für sehr sinnvoll hielte und Adenauer unbedingt darüber verhandeln müsste. Das war eine Mutprobe für mich. Denn das war zu einer Zeit, als kein Student sonst in so einer großen Vorlesung etwas gegen den Professor gesagt hätte.
Ich bewunderte die Franzosen, denn ich wollte von den Deutschen nach dem "Dritten Reich" nichts wissen. Aber dann bekam ich mit - ich studierte auch in Paris -, wie brutal die Franzosen den Freiheitskampf in Algerien unterdrückten. Kuba - die Revolution fand ich toll. Ich chauffierte damals ein freundliches amerikanisches Ehepaar 500 Kilometer durch die Bundesrepublik, schwärmte wohl mal für Fidel Castro und bekam die bitterböse Antwort, dass die beiden seine Revolution schleunigst beseitigt haben wollten. Dann Vietnam - die Amerikaner, die 1945 mit Freiheit und Demokratie zu uns gekommen waren, die ich als Befreier erlebt hatte, die wollten nun die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Vietnamesen in die Steinzeit zurückbomben. Und unsre Regierung unterstützte diese Politik! Da kannte ich meine Gegner.
Der eigentliche Sprung war in München. Ich war im "Kommaklub" aktiv, habe ihn geleitet. Dorthin kamen auch DDR-Autoren, ich bekam Kontakt zu alten Genossen, die zu mir sagten: Kommunist wirst Du in der Partei, nicht vorher. Ich war mehrere Jahre illegal in der verbotenen KPD. Es war ein langer Weg.
In dem Roman spielen die DDR, der reale Sozialismus und die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung immer wieder eine Rolle, aber eher am Rande. Welche Bedeutung hatte die Entwicklung in der DDR und den anderen sozialistischen Ländern für Sie als Linker in der Bundesrepublik?
Für mich war sie zweifellos wichtig, für andere weniger. Ich hatte als Schriftsteller Kontakt zu Kollegen, zum Funk, zu Redaktionen in der DDR, war Mitglied von Kulturdelegationen, nahm als westdeutscher Gast an einem Parteitag teil. Wir hatten endlose Diskussionen und ich habe mich mit großen Hoffnungen, aber auch konkreter Kritik dabei engagiert. Ich dachte, SED-Genossen müsste interessieren, wie westdeutsche Linke die Situation in der DDR sahen. Das war ziemlich naiv und übrigens ein Hauptgrund, weshalb meine Texte, die Zustände in der DDR zum Gegenstand hatten, dort nicht veröffentlicht wurden. Es hat mich schon verstört, dass formale Ausflüchte benutzt wurden um zu begründen, weshalb meine Arbeiten nicht gedruckt oder gesendet wurden, es sei denn, sie beschäftigten sich kritisch mit der Bundesrepublik. Also für mich war der frühsozialistische deutsche Staat und seine Entwicklung eine wichtige Bezugsgröße meines politischen und emotionalen Lebens.
Nach meiner Vorstellung kommt der verbrannte Viktor Bliss im vierten Band - an dem ich jetzt arbeite - zur Operation in die Ostberliner Charité, trifft dort mit einem kranken DDR-Autor zusammen, dessen Kritik an seinem Land und seiner Partei, der SED, den Optimisten Bliss schwer erschüttert. Aber insgesamt steht die kommunistische Bewegung tatsächlich nicht im Mittelpunkt des Romanzyklus. Klar für mich, dass sie nicht ausgeblendet wird - als eine der großen Triebkräfte der Geschichte.
In allen Bänden wird heftig geliebt. Nach meinem Eindruck sind die Männer Sensibelchen, die Frauen sehr selbstbewußt, sexuell sehr frei, geben dem Lauf der Dinge im Roman entscheidende Wendungen. Welche Rolle spielt die Erotik?
Sie ist schon sehr wichtig. Wenn ich sagen soll, was ich an Neuerung in die Literatur einzubringen versuche, dann ist es dies: Dass Politik vorkommt, dass Arbeit vorkommt und dass körperliche Liebe nicht ausgeblendet wird. Liebe ist ein uraltes literarisches Thema, gewiss, aber sie wird fast nie sichtbar als körperliche Liebe. Zweitausend Jahre christliche Morallehre haben verhindert, sie als etwas Natürliches und Schönes im Leben der Menschen zu sehen und sie in ihrer Vielfalt zu beschreiben, ohne den Ausweg eines wissenschaftlichen Jargons oder der Pornographie zu beschreiten. Im Kommerzfernsehen und in den entsprechenden Printmedien wird dieses Bedürfnis in zynischer Weise ausgebeutet. Dafür eine ehrliche literarische Sprache im Rahmen eines realistischen Gesellschaftsromans zu finden, halte ich für eine genau so schwierige Aufgabe wie für die Bereiche der Politik und der modernen Arbeitsverhältnisse.
So machten wir auch im "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" in den 70er Jahren die Erfahrung, dass wir mit unseren Büchern, die in hohen Auflagen in Taschenbüchern verbreitet wurden, eher das Interesse von Studenten, Lehrern, Gewerkschaftsfunktionären fanden. So etwas wie der "Rote 1-Mark-Roman" in den 20er Jahren, der an jedem Kiosk verkauft wurde, gelang uns nicht. Das war aber unsere Absicht. Aktive Arbeiter, Betriebsräte haben das schon gelesen, aber nicht mit Lust. Über industrielle Arbeit interessant und unterhaltsam zu schreiben, ist verdammt harte Literaturarbeit.
Ähnlich verhält es sich mit dem politischen Leben, in dem wir uns alle mehr oder weniger intensiv bewegen. Die belletristische Literatur umschifft diesen Lebensbereich, weil die dazugehörige Sprache durch die Vernutzung in den Medien hohl und phrasenhaft geworden ist. Das war mir bei meiner literarischen Aufgabe nicht möglich. Ob es mir gelungen ist, schon eine einleuchtende Lösung dieses Problems in meinem Romanzyklus zu finden, müssen die Leserinnen und Kritiker beurteilen. An dieser Aufgabe müssen sicher noch viele Autorinnen und Autoren arbeiten.
Arnold Schölzel ist Chefredakteur der "jungen Welt". wo es im Oktober veröffentlicht wurde.
Online-Flyer Nr. 19 vom 23.11.2005