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Kommentar
Warum Deutschland im PISA-Vergleich abrutscht
Bildungskrise ist Krise des Kapitalismus
Von Christopher Dömges

Deutschland blickt mit wachsender Nervosität auf seine Schulen. Sinkende Leistungen, überforderte Lehrkräfte, frustrierte Eltern und Jugendliche, die sich immer schwerer konzentrieren können: Die Bildungskrise ist längst keine Randnotiz mehr, sondern eine der zentralen Zukunftsfragen des Landes. Doch wer nur auf Unterrichtsausfall, Lehrermangel oder marode Schulgebäude zeigt, greift zu kurz. Die tiefere Ursache liegt in einem System, das Bildung immer stärker den Regeln von Verwertung, Marktlogik und permanenter Reizüberflutung unterordnet. Anders gesagt: Die Bildungskrise ist auch eine Krise des Kapitalismus.

Über Jahre wurde Schule in Deutschland vor allem unter dem Gesichtspunkt der Effizienz betrachtet. Bildung sollte "fit machen" für den Arbeitsmarkt, Kompetenzen sollten messbar, vergleichbar und wirtschaftlich verwertbar sein. Damit wurde der Sinn von Bildung schleichend verengt. Statt Persönlichkeitsbildung, kritischem Denken und gesellschaftlicher Orientierung rückten Output, Standards, Tests und Verwertbarkeit in den Vordergrund. Das zeigt sich auch im Umgang mit internationalen Vergleichsstudien wie PISA. Schlechte Ergebnisse werden meist wie Bilanzzahlen gelesen: Wo ist die Produktivität zu niedrig, an welcher Stelle stimmt die Rendite nicht? Der Mensch als lernendes, suchendes, zweifelndes Wesen gerät dabei aus dem Blick.

Dass Deutschland im PISA-Vergleich schlecht dasteht, hat deshalb nicht nur mit einzelnen Fehlern im Schulsystem zu tun, sondern mit einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Kinder und Jugendliche unter einen doppelten Druck setzt. Einerseits sollen sie früh funktionieren, Leistung bringen, flexibel sein und sich möglichst effizient selbst optimieren. Andererseits leben sie in einer Umwelt, in der sie mit Angeboten geradezu zugeballert werden: Plattformen, Apps, Werbung, Konsumversprechen, kurze Videoclips, permanente Erreichbarkeit, Gaming-Anreize, algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeitsschleifen. Alles konkurriert um ihren Blick, ihre Zeit, ihre Nerven.

Schule steht damit in einem ungleichen Wettbewerb. Während Unterricht Konzentration, Ausdauer, Frustrationstoleranz und vertieftes Denken verlangt, arbeitet die digitale Konsumwelt mit maximaler Beschleunigung. Sie belohnt Impulse statt Geduld, Ablenkung statt Vertiefung, Erregung statt Reflexion. Jugendliche wachsen in einem Umfeld auf, in dem Aufmerksamkeit zur Ware geworden ist. Große Technologiekonzerne und digitale Plattformen verdienen daran, dass Menschen möglichst lange klicken, scrollen, reagieren. Wer unter diesen Bedingungen lernt, hat es schwerer, sich auf längere Texte, mathematische Probleme oder komplexe Zusammenhänge einzulassen.

Das ist kein moralischer Vorwurf an junge Menschen. Im Gegenteil: Viele Jugendliche versuchen, sich in einer Welt zu orientieren, die ihnen gleichzeitig unendlich viele Möglichkeiten verspricht und sie doch permanent unter Spannung hält. Sie sollen individuell, kreativ und erfolgreich sein, aber auch konsumieren, sich darstellen, erreichbar bleiben und Trends nicht verpassen. Aus dieser Logik entsteht ein Zustand ständiger Überforderung. Schule bekommt die Folgen zu spüren: sinkende Konzentrationsfähigkeit, wachsende psychische Belastungen, weniger Lesefreude und oft auch eine geringere Bindung an Lernprozesse, die nicht sofort einen Kick auslösen.

Hinzu kommt die soziale Dimension. Der Kapitalismus produziert nicht nur Konsumdruck, sondern auch Ungleichheit. Gerade in Deutschland hängt Bildungserfolg noch immer stark vom Elternhaus ab. Wer in materiell sicheren Verhältnissen aufwächst, Nachhilfe bekommt, ein ruhiges Zimmer hat und von Eltern begleitet wird, startet mit einem deutlichen Vorteil. Wer dagegen in prekären Verhältnissen lebt, mehrere Sprachen gleichzeitig bewältigen muss, wenig Unterstützung erhält oder in einer belasteten Umgebung aufwächst, hat es erheblich schwerer. PISA zeigt immer wieder, dass Deutschland soziale Herkunft besonders schlecht ausgleicht. Das ist kein Naturgesetz, sondern Ausdruck politischer Entscheidungen.

Wenn der Staat Schulen über Jahre unterfinanziert, Personal fehlt, Klassen zu groß sind und Bildungspolitik zwischen Symbolreformen und Bürokratie pendelt, dann verschärft sich diese Ungleichheit. Auch das ist Teil der Krise: Öffentliche Daseinsvorsorge wird geschwächt, während private Lösungen boomen. Wer es sich leisten kann, kompensiert staatliche Defizite. Wer das nicht kann, fällt zurück. Bildung wird so schleichend von einem sozialen Recht zu einem Feld ungleicher Chancen.

Besonders problematisch ist, dass selbst die Antwort auf die Bildungskrise oft wieder marktförmig ausfällt. Noch mehr Tests, noch mehr Kontrolle, noch mehr Vergleichbarkeit, noch mehr Kompetenzraster. Doch was fehlt, ist nicht nur Steuerung, sondern ein neuer Begriff von Bildung. Junge Menschen brauchen Räume, in denen sie lesen, denken, diskutieren und scheitern dürfen, ohne sofort ökonomisch bewertet zu werden. Sie brauchen Schulen, die nicht bloß auf Arbeitsmarkttauglichkeit trimmen, sondern demokratische Urteilskraft, kulturelle Tiefe und soziale Stabilität fördern.

Die schlechte PISA-Leistung Deutschlands ist deshalb ein Warnsignal, das weit über die Schule hinausweist. Sie zeigt, dass eine Gesellschaft, die Aufmerksamkeit kommerzialisiert, Ungleichheit hinnimmt und Bildung vor allem nach Nützlichkeit bewertet, am Ende ihre eigenen Grundlagen untergräbt. Denn wirtschaftliche Stärke, demokratische Stabilität und sozialer Zusammenhalt hängen langfristig davon ab, ob Kinder und Jugendliche mehr lernen als bloß zu funktionieren.

Wer die Bildungskrise ernsthaft bekämpfen will, muss also mehr tun, als Lehrpläne zu reformieren. Es geht um die Frage, in welcher Gesellschaft junge Menschen aufwachsen sollen. Wollen wir eine Ordnung, in der alles um Verwertung, Konkurrenz und Reizmaximierung kreist? Oder eine, in der Bildung als öffentliches Gut geschützt wird – gegen die Zumutungen eines Systems, das selbst in die Köpfe der Jüngsten eindringt?

Deutschland steht im PISA-Vergleich nicht nur deshalb schlecht da, weil in den Schulen etwas schiefläuft. Deutschland steht schlecht da, weil die Schule die Widersprüche einer Gesellschaft spiegelt, die ihre Zukunft zwar beschwört, aber ihre Kinder oft mit genau den Kräften allein lässt, die konzentriertes Lernen am schwersten machen. Die Bildungskrise ist darum nicht nur eine Schulkrise. Sie ist ein Spiegel der Gegenwart – und ein Urteil über ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das ausgerechnet dort spart, überfordert und ablenkt, wo eigentlich gesammelt, gefördert und geschützt werden müsste.

Der echte Sozialismus macht idealerweise Bildung zur Chefsache. Hier fällt keiner 'hinten runter' oder wird aus sozialen oder ethnischen Gründen benachteiligt. Es gilt das Motto JEDER NACH SEINEN FÄHIGKEITEN; JEDER NACH SEINEN BEDÜRFNISSEN – und das international. Zensuren werden im Sozialismus als veraltetes Bewertungssystem abgeschafft. Es gilt das Modell NUR WER FÜRS LEBEN LERNT, LERNT IN DER SCHULE. Für eine machtvolle Arbeiterklasse der nächsten Generation. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!!

Online-Flyer Nr. 869  vom 23.09.2026



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