NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. September 2026  

Fenster schließen

Aktuelles
Fragezeichen
Die späte Rache der Deutschen
Rudolph Bauer – interviewt von ProMosaik

Das Interview schlägt einen Bogen von Karl Marx zur Frage, wie die militaristische Entwicklung zu stoppen ist. "Ich bin überzeugt, dass die deutsche Regierung und der deutsche Staat in ihrer gegenwärtigen militaristisch-totalitären Verfasstheit nicht bereit und in der Lage sind, den Weg zum Frieden einzuschlagen. Diesen steinigen Weg zu gehen, ist eine große Herausforderung an die Menschen in Deutschland und in den europäischen Nachbarländern. Sie müssen Widerstand leisten. Erst wenn die Deutschen und die anderen Europäer sich ihrer Lage bewusst werden und die Verhältnisse zu ändern bereit sind, ist ein Ende der Militarisierung und des Kriegswahns vorstellbar." Das ist Teil der Antwort auf die Frage "Wie schafft Deutschland einen Weg hin zu Frieden?"

Wie sehr ist heute Marx aktuell, wenn es um die Interaktion zwischen Wirtschaft und Krieg geht?

Marx ist tot. Seit 1883. Seine Methode der Analyse aber ist es wert, lebendig erhalten und auch in der Gegenwart angewendet zu werden. Das stößt zwar auf viele Vorbehalte. Einerseits deswegen, weil die meisten derjenigen, die sich auf Marx berufen, seine Schriften als Steinbruch für ihre dogmatischen Glaubenssätze missbraucht haben. Und andererseits deshalb, weil die marxistische Analyse das kapitalistische Wirtschaftssystem und die Rolle der herrschenden Machtelite seziert und entlarvt. Was das Verhältnis zwischen Wirtschaft, sprich: kapitalistischer Wirtschaft, und Kriegen, sprich: imperialistischen Kriegen, betrifft, so ermöglicht die von Marx entwickelte und auf die gegenwärtigen Verhältnisse anwendbare Analyse eine Reihe von wichtigen Erkenntnissen. Erstens erkennen wir, dass das kapitalistische System der Profitwirtschaft regelmäßig scheitert und dramatische Krisen zur Folge hat. Zweitens lösen die ökonomischen Krisen politische und gesellschaftliche Verwerfungen aus. Drittens: Kriege sind der Ausweg aus dem kapitalistischen Krisen-Dilemma. Das zeigt die historisch-materialistische Analyse von Marx auf. Keine andere theoretische Heransgehensweise vermag die Kriege der Gegenwart und ihr Zustandekommen treffender zu erklären. 

Welche sind Ihrer Meinung nach die Hauptschritte hin zum heutigen Deutschland als Land der Kriegstreiberei?

Das „heutige Deutschland“ hat eine militaristische Vorgeschichte, beginnend im preußischen Militärstaat. Nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg fand diese Tradition ihre Fortsetzung mit der Wiederbewaffnung der westdeutschen Bundesrepublik in den 1950er Jahren. Es folgte die Einbindung in den Nordatlantikpakt und die Nato. Weitere Etappen der Militarisierung waren nach dem 1989 erfolgten Anschluss der ehemaligen DDR: der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr in Jugoslawien 1999 und die deutsche „Verteidigung am Hindukusch“ 2002. Das aktuelle Programm militärischer Aggression lautet auf Kriegstüchtigkeit und ist gegen die Russische Föderation gerichtet.

Warum sind Kriege heute nicht mehr ideologisch bedingt? Oder waren sie dies nie in der Geschichte?

Es gilt zu unterscheiden zwischen ökonomischer Bedingung und ideologischer Begründung von Kriegen. Kriege sind nicht ideologisch, sondern ökonomisch bedingt. Im 20. Jahrhundert waren sie – und nach wie vor sind sie – eine Art Ausweg und Rettungsversuch des kapitalistischen Systems aus dem Krisen-Dilemma. Allerdings brauchen Kriege eine ideologische Begründung, um die wahren Beweggründe zu tarnen. Die politisch Herrschenden und ihre Propaganda-Agenturen, nicht zuletzt die Medien, aber auch die Ideologieproduzenten Schulen, Universitäten, Kirchen, Stiftungen usw. schüren den Kriegswahn. Sie betäuben die Bevölkerung, indem sie diese in Angst und Schrecken versetzen. Sie schwadronieren von der „westlichen Freiheit“, die es gegen „den Terror“ oder “die Autokraten“ zu verteidigen gelte. Sie bedienen die ideologische Klaviatur als Begleitmusik der Militarisierung und Kriegsvorbereitung.

Was verstehen Sie unter der "krisenbedingten Hinwendung zur Kriegswirtschaft"?

Aus dem argumentativen Zusammenhang gelöst, klingt die Formulierung von der „krisenbedingten Hinwendung zur Kriegswirtschaft“ banal und verharmlosend. Im Grunde genommen fehlen uns die treffenden Worte. Denn von einer schlichten „Hinwendung“ kann keine Rede sein. Das politisch-ökonomische System sowie seine Administratoren sehen sich infolge der ökonomisch bedingten Widersprüche vor die Wahl gestellt, unterzugehen oder die im Niedergang befindliche Industrie kriegswirtschaftlich anzukurbeln, Das wiederum macht die Etablierung eines polizei- und militärstaatlichen Unterdrückungs-Regimes erforderlich, damit die Rebellion im Keim erstickt wird, wenn die Bevölkerung Widerstand leistet. Die Herrschenden sehen keinen anderen  Ausweg aus der krisenbedingt drohenden Massenarbeitslosigkeit und Massenverelendung als den, die Jugend zum Kriegsdienst zu zwingen und an der Front zu verheizen, den „Heldentod“ der „Gefallenen“ zu feiern und die Bevölkerungszahl durch mörderische Kriegseinwirkungen, Hunger und Krankheiten zu verringern. Sie müssen zerstören, um das Land und seine Infrastruktur wieder aufzubauen. Das heißt, um beim Wiederaufbau die Werktätigen erneut gewinnmaximierend auszubeuten. Die Alternative zum Krieg wäre eine nicht-kapitalistische Wirtschaftsordnung. Das aber würde das Ende von Ausbeutung und Repression bedeuten, das Ende  des Superreichtums der Wenigen und Schluss mit der lügenbasierten Staatsmacht.

Was ist an der Kriegstreiberei heute typisch deutsch und was stammt aus dem US-Imperialismus?

Den US-Imperialismus ist – kurz gesagt – die treibende Kraft des hegemonial motivierten Kriegs- und Vernichtungswahnsinns. Als treibende Kraft bestimmt der US-Imperialismus weltweit sowohl die Kriegsvorbereitungen als auch das brutale Kriegsgeschehen. Der US-Imperialismus war gleichfalls ausschlaggebend bei der Wiederbewaffnung Westdeutschlands und im Kalten Krieg. Er ist aktuell die treibende Kraft bei den Kriegen gegen die Russische Föderation, gegen die Bevölkerungen Palästinas, der Länder Westasiens, nicht zuletzt des Iran. Die USA sind politisch und ökonomisch richtungsbestimmend in der Nato, in der EU und somit auch in Deutschland – ungeachtet der vordergründigen Differenzen der Europäer mit dem derzeitigen US-amerikanischen Präsidenten. „Typisch deutsch“ ist an der Kriegstreiberei hierzulande die Wiederauflage der arroganten Hetze gegen den „russischen Untermenschen“. Wie im Zweiten Weltkrieg wuchert auf ekelhafte Weise ein hasserfüllter und blinder Größenwahn. Die deutsche Pseudo-Elite zelebriert waffenstrotzende Rüstungs-(Verkaufs-)Messen, genehmigt Waffenlieferungen in alle Welt. Sie leugnet überheblich und geschichtsvergessen die 27 Millionen Weltkriegs-Toten auf russischem Boden, als ausgemergelte Gefangene und Fremdarbeiter. Das alles scheint vergessen zu sein. Oder erleben wir jetzt die späte Rache der Deutschen nach der Kapitulation von 1945?

Wie sehr beeinflusst die Position Deutschlands zu Israel die fehlende Friedenspolitik der BRD heute?

Deutschlands Politik gegenüber Israel ist heute einerseits geprägt von der falschen, verlogenen Merkel’schen Staaträson. In ähnlicher Weise, wie die Volksgemeinschaft des Nazistaats durch Gestapo-Gewalt und den arischen Antisemitismus zusammengenietet wurde, bezieht die  Gesellschaft der Bundesrepublik ihre kollektive Identität aus dem Schuldkomplex der verbrecherischen Nazi-Schergen und der Verlogenheit des zionistischen Philosemitismus. Andererseits nützt die Kritiklosigkeit gegenüber der faschistischen Militär- und Besatzungspolitik des Staates Israel auf nicht bewusste, verdrängte Weise der Selbstreinigung der Nachfolgerregierungen Nazi-Deutschlands von jeglicher Kriegs-und Verbrechensschuld. Israel liefert den vermeintlichen Beweis, dass Militäreinsätze und Besatzung als Ausweis staatlicher Macht „normal“ seien. Vor diesem Hintergrund ist es erklärbar, dass Friedenspolitik kein Anliegen deutscher Politik ist. Wer sich auf Seiten eines Staates der Vertreibung und des Genozids, der Okkupation und des faschistischen Auserwähltseins positioniert, wie soll der sich friedenspolitisch dort engagieren, wo sich eine Armee angeblich in bloßer Selbstverteidigung wehrt?

Wie schafft Deutschland einen Weg hin zu Frieden?

Ich bin überzeugt, dass die deutsche Regierung und der deutsche Staat in ihrer gegenwärtigen militaristisch-totalitären Verfasstheit nicht bereit und in der Lage sind, den Weg zum Frieden einzuschlagen. Diesen steinigen Weg zu gehen, ist eine große Herausforderung an die Menschen in Deutschland und in den europäischen Nachbarländern. Sie müssen Widerstand leisten. Erst wenn die Deutschen und die anderen Europäer sich ihrer Lage bewusst werden und die Verhältnisse zu ändern bereit sind, ist ein Ende der Militarisierung und des Kriegswahns vorstellbar. Ob dies auf dem Wege der Vernunft und der Erkenntnis, gegen die Kriegshetze und die Feindbildpropaganda möglich ist, das bleibt zu bezweifeln. Aber muss wirklich erst wieder eine militärische Niederlage erfolgen? Oder ist die völlige Zerstörung der Länder und die Vernichtung der Menschen Deutschlands und Europas in einem Atomkrieg angesagt?

Online-Flyer Nr. 868  vom 07.09.2026



Startseite           nach oben