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Aktueller Online-Flyer vom 03. Mai 2026  

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Globales
Afrika muss sich nicht belehren lassen
Demokratie lässt sich nicht exportieren oder importieren
Von Georges Hallermayer

Jetzt geifern bürgerliche Schreiberlinge. Nach Deutscher Welle habe der Präsident von Burkina Faso in seiner Rede zum ersten Jahrestag der Progressiven Volksrevolution „der Demokratie abgeschworen“. Auch Jeune Afrique macht mit aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen  Stimmung: „Die Demokratie ist nicht für uns.“ DIE Demokratie, die im Kalten Krieg gegen „kommunistische Einparteien-Diktaturen“ propagiert, im Zuge von „Entwicklungshilfe“ anempfohlen und mit Kreditkonditionen nachdrücklich in Verfassungen eingeführt wurde - und wie im Falle Libyen mit Krieg durchgesetzt: ein parlamentarisches Mehrparteien-System nach europäischem Muster und die Regel,  ein Präsident dürfe nur zweimal kandidieren. Also,  wird gegen Präsident Ibrahim Traore die gleiche Propagandaschlacht eröffnet wie sie gegen Libyens Präsidenten Mouammar Ghaddafi erfolgreich geführt wurde?

Doch diese neokolonial aufgepfropfte Demokratie lehnt nicht nur Ibrahim Traore ab, sondern die Mehrheit der Afrikaner. Die südafrikanische Ichitzkowitz-Familienstiftung  hatte im Jahr 2022  4.507 junge Leute von 18-24 Jahren (40 % Studenten) in fünfzehn zentral- und ostafrikanischen Ländern  befragt, u.a. wie sie es mit der Demokratie halten: die Mehrheit (53 %) meinte  „Demokratie nach westlichem Muster ist nicht brauchbar für afrikanische Verhältnisse, die afrikanischen Länder müssen ihre eigenen demokratischen Strukturen und Systeme finden, um erfolgreich zu sein.“ (Western style democracy is not suitable for the African context, African countries will need to find their own democratic structures and systems to be successful.) Die 100seitige Studie („African Youth Survey 2022, S. 35“) fasst zusammen: „Der Wunsch nach Demokratie ist groß, insbesondere nach einer Demokratie nach afrikanischem Vorbild, anstatt das westliche Demokratiemodell nachzuahmen.“ In Somalia zum Beispiel wurde Präsident Hassan Sheikh Mohamud von einem Clan-Parlament gewählt wie auch die Parteienvielfalt in Ländern wie Mali  konkurrierende Clans spiegelt.  In vielen afrikanischen Parlamenten haben traditionelle Führer gesetzte Plätze.

Und die Gesetzgebende Versammlung in Burkina Faso wurde auch gewählt, aus den Reihen des Militärs, den traditionellen Autoritäten und religiösen Führern, aus der Zivilgesellschaft wie den Bauern, Arbeitern, Frauen, Unternehmer und Kooperativen. Und vergessen wir nicht,  die unterdrückten Klassen und Schichten müssen ihre Rechte erkämpfen… Pascal Boniface, Gründer und Direktor des französischen geopolitischen Think-tanks IRIS kommt aus diesen Erfahrungen zu dem Ergebnis: „Demokratie ist ein rein nationaler Prozess, der weder importiert noch exportiert werden kann. Jede Nation hat ihre eigene DNA und ihre tiefen Wurzeln. Jeder Versuch von außen, eine politische Vorgehensweise vorzuschreiben, ist nichts anderes als eine Rückkehr zum Konzept der zivilisatorischen Mission“ d.h. kolonialer Dominanz.

Wahlen haben zu dieser Zeit keine Priorität, sagte Präsident Ibrahim Traore, sondern der Krieg gegen die dhihadistischen Terrorgruppen, aber die Burkinabe, die „Aufrechten“ so nennen sich die Frauen und Männer, leben ihre Demokratie, auch wenn die Deutsche Welle was anderes behauptet: Das Das Volk sei an der Progressiven Volksrevolution nicht beteiligt. Dabei dürfte bekannt sein, dass Hundertausende die Revolution unterstützen: Freiwillige riskieren ihr Leben und schützen im Verein mit der Armee ihre Dörfer, oder in der Initiative „Faso Mebo“ formen Tausende von Freiwilligen einfache Beton-Ziegel  und pflastern Plätze oder mauern damit einfache Krankenstationen.

Afrika muss sich nicht belehren lassen. Im Gegenteil, 300 Jahre Sklaverei und 200 Jahren Kolonialismus können ihre Geschichte nicht auslöschen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Wo die Menschenrechte lange vor den 1689 «Bill of Rights» (1689) und 1793 der «Deklaration der Menschenrechte» (1793) in einer Charta niedergelegt waren :  im «Eid der Jäger» aus Manderen, dem in Mali von 1212-1222 bestehenden Königreich: dass, «ein Leben einem anderen Leben nicht überlegen ist", dass "jeder über das Land seiner Väter wacht, das muss man auch und vor allem Männer hören“, dass „Hunger keine gute Sache ist, die Sklaverei auch nicht; es gibt kein schlimmeres Unheil als diese beiden. Hier auf Erden wird, solange wir Köcher und Bogen besitzen, der Hunger niemanden in Manden töten, wenn unerwarteterweise eine Hungersnot wüten sollte. Der Krieg wird niemals mehr Dörfer in Manden zerstören, um Sklaven auszuheben. das heißt, niemand wird jetzt die Kandare in den Mund von Seinesgleichen stecken, um ihn zu verkaufen, niemand wird mehr geschlagen, vor allem weil er der Sohn eines Sklaven ist.“

Oder die 1776 im Senegal verfassten Prinzipien der guten Regierungsführung des Thierno Suleymane Baal zur „Good Governance: „Der Sieg beginnt in der Ausdauer. Ich empfehle Ihnen jedoch: 1. Für die Aufgaben eines Almani suchen Sie einen desinteressierten Mann, der die Güter dieser Welt weder für sich noch für seine Verwandten erstrebt 2. Wenn Sie sehen, dass er sich bereichert, entlassen Sie ihn aus dem Amt und beschlagnahmen Sie das Eigentum, das er erworben hat. 3. Wenn er den Rücktritt ablehnt, wird er mit Gewalt seines Amtes enthoben und verbannt. 4. Ersetzen Sie ihn durch einen kompetenten Mann, unabhängig von seiner Abstammung. 5. Stellen Sie sicher, dass das Almaniyat niemals erblich ist. 6. Stellen Sie nur eine verdiente Person ein, egal aus welchem Stamm.“

Online-Flyer Nr. 861  vom 29.04.2026



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