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Aktueller Online-Flyer vom 06. Mai 2026  

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Kommentar
Öffentlichen Personenverkehr global kostenlos für alle freigeben - kontra Schwarzfahrer-Kriminalisierung
Mobilität ist ein Menschenrecht
Von Christopher Dömges

Es gibt Sätze, die so selbstverständlich klingen, dass man sich fragt, warum ihre Umsetzung noch immer wie eine radikale Forderung behandelt wird. Einer davon lautet: Mobilität ist ein Menschenrecht. Wer arbeiten will, wer zur Schule muss, wer Angehörige pflegt, wer zum Arzt fährt oder einfach am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchte, braucht die Möglichkeit, sich zu bewegen. Nicht irgendwann, nicht vielleicht, nicht nur dann, wenn das Portemonnaie es gerade zulässt. Mobilität ist die Voraussetzung dafür, dass Freiheit nicht bloß ein Wort bleibt. Und genau deshalb gehört der öffentliche Personenverkehr nicht an die Kasse, sondern in die Grundversorgung.

Die Debatte über kostenlose Busse und Bahnen wird oft so geführt, als handele es sich um eine utopische Spielerei für idealistische Sonntagsreden. Tatsächlich ist sie eine nüchterne Antwort auf ein reales Problem: Der Zugang zu Mobilität ist in vielen Städten und Regionen ungleich verteilt. Wer genug Geld hat, kauft sich Unabhängigkeit. Wer wenig hat, rechnet Wege, Zeiten und Tickets gegeneinander auf. Am Ende entscheidet nicht der Bedarf, sondern der Preis. Das ist sozial ungerecht, ökologisch kurzsichtig und politisch gefährlich.

VERTEILUNGSSYSTEM

Denn der Verkehr ist nicht nur ein logistisches System. Er ist ein Verteilungssystem für Chancen. Wer den Bus verpasst, verpasst oft mehr als nur eine Verbindung. Wer sich die Monatskarte nicht leisten kann, bleibt außen vor. Wer in Randlagen wohnt, ist besonders abhängig von funktionierendem Nahverkehr. Und wer in Schichtarbeit, Ausbildung oder prekären Beschäftigungsverhältnissen steckt, kennt die tägliche Rechnung zwischen Mobilität und Mangel. Ein kostenloser öffentlicher Verkehr würde diese Rechnung nicht für alle Probleme lösen, aber er würde eine der härtesten Barrieren beseitigen.

Natürlich kommt sofort das Gegenargument: Wer soll das bezahlen? Diese Frage ist berechtigt, aber sie wird meist so gestellt, als sei der Status quo kostenlos. Ist er nicht. Staus, Luftverschmutzung, Lärm, Unfälle, Flächenverbrauch, Klimafolgen, Verwaltungskosten, Kontrollen, Fahrscheinautomaten, Ticketing, Inkasso, Gerichtsverfahren – all das kostet bereits heute Milliarden. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob der öffentliche Verkehr Geld kostet. Die Frage lautet, wo dieses Geld am sinnvollsten eingesetzt wird. Ein System, das Menschen bewegt, statt sie zu bestrafen, ist volkswirtschaftlich oft vernünftiger als eines, das vor allem kontrolliert.

FAHREN OHNE TICKET

Besonders deutlich wird das beim Thema Schwarzfahren. Schon der Begriff ist problematisch. Er kriminalisiert Menschen, bevor man ihre Lage überhaupt verstanden hat. Nicht jeder, der ohne gültigen Fahrschein fährt, ist ein Betrüger. Manche haben kein Geld. Manche sind überfordert. Manche haben ein Ticketproblem, ein App-Problem, ein Automatenproblem, ein Tarifzonenproblem. Natürlich gibt es auch bewussten Missbrauch. Aber die pauschale Logik der Strafverfolgung trifft vor allem jene, die ohnehin am Rand stehen. Wer arm ist, wird nicht nur kontrolliert, sondern oft doppelt bestraft: erst mit dem erhöhten Beförderungsentgelt, dann mit Mahnungen, Inkasso, Gericht, im schlimmsten Fall mit Ersatzfreiheitsstrafen.

Genau hier zeigt sich die Härte eines Systems, das soziale Realität mit moralischem Versagen verwechselt. Ein Mensch, der sich die Fahrt nicht leisten kann, ist nicht automatisch ein Krimineller. Ihn mit den Mitteln des Strafrechts zu behandeln, ist ein politisches Armutszeugnis. Es sagt mehr über die Prioritäten des Systems aus als über die Person, die erwischt wurde. Wer Mobilität als Recht ernst nimmt, darf Armut nicht in Delikte übersetzen.

SOZIALPOLITISCHER VORSCHLAG

Die Forderung nach kostenlosem Nah- und Fernverkehr ist deshalb mehr als ein sozialpolitischer Vorschlag. Sie ist ein demokratisches Projekt. Denn öffentliche Räume sind nur dann wirklich öffentlich, wenn man sie erreichen kann. Eine Stadt, die ihre Bewohnerinnen und Bewohner nur gegen Bezahlung zirkulieren lässt, produziert Ausschlüsse. Eine Gesellschaft, die Mobilität an Einkommen koppelt, akzeptiert stille Grenzen mitten im Alltag. Und ein Staat, der Menschen für das Fahren ohne Ticket kriminalisiert, verteidigt am Ende nicht Ordnung, sondern Ungleichheit.

Die ökologische Dimension ist dabei nicht zu unterschätzen. Wer ernsthaft will, dass mehr Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen, muss den öffentlichen Verkehr nicht nur verbessern, sondern attraktiv und zugänglich machen. Taktung, Zuverlässigkeit, Sicherheit und Netzabdeckung sind entscheidend. Aber der Preis ist ein ebenso mächtiger Hebel. Für viele Menschen ist nicht die Abneigung gegen den ÖPNV das Problem, sondern die Summe aus Kosten, Komplexität und Unsicherheit. Nulltarif würde diese Hürde radikal senken. Er wäre kein Allheilmittel, aber ein starkes Signal: Die Gesellschaft investiert lieber in gemeinsame Infrastruktur als in individuelle Ausweichlösungen.

NULLTARIFGEGNER

Gegner des Nulltarifs warnen gern vor Überfüllung, Missbrauch und Qualitätsverlust. Diese Einwände sind nicht aus der Luft gegriffen. Ein kostenloses System braucht Investitionen, mehr Fahrzeuge, mehr Personal, bessere Planung und klare Finanzierung. Aber das ist kein Gegenargument gegen das Ziel, sondern eine Beschreibung der Aufgabe. Wer ein Recht ernst nimmt, muss es organisieren. Niemand würde auf die Idee kommen, das Recht auf Bildung abzuschaffen, nur weil Schulen Geld kosten. Warum also sollte Mobilität anders behandelt werden?

Auch die Debatte über Schwarzfahren müsste neu geführt werden. Statt Straflogik braucht es soziale Logik. Statt Repression braucht es Zugänglichkeit. Statt Abschreckung braucht es ein System, das Menschen mitnimmt. Das kann bedeuten: einfache Tarife, unbürokratische Sozialtickets, automatische Freifahrten für Bedürftige, Entkriminalisierung von Fahrlässigkeit, Verzicht auf Ersatzfreiheitsstrafen. Vor allem aber bedeutet es: Der Staat sollte nicht zuerst fragen, wie er Menschen beim Fahren erwischt, sondern wie er sie überhaupt erst mobil macht.

POLITISCHE ENTSCHEIDUNG

Am Ende steht eine einfache politische Entscheidung. Entweder man betrachtet Bus und Bahn als Marktprodukt, das sich möglichst selbst tragen soll. Oder man begreift sie als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, als Infrastruktur der Teilhabe, als Voraussetzung für Freiheit im Alltag. Wer sich für Letzteres entscheidet, muss konsequent sein: Mobilität darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Und niemand sollte wegen eines fehlenden Tickets wie ein Verbrecher behandelt werden.

Eine Gesellschaft, die sich Freiheit auf die Fahnen schreibt, sollte sie nicht an Schranken enden lassen. Der Weg zu mehr Gerechtigkeit beginnt manchmal ganz wörtlich dort, wo Menschen einsteigen, um anzukommen. Der öffentliche Verkehr gehört allen. Also muss er auch allen offenstehen.

SOZIALISMUS

Luxemburg und Malta beweisen es bereits – der Personenverkehr kann für die Bevölkerung kostenlos sein. Das geht auch weltweit; auch im echten Sozialismus, wenn die Ländergrenzen weitgehend aufgehoben sind. KeineR braucht sich dann zu sorgen, wie er/sie etwa von Köln nach Wien kommt. Der Transport wäre in jedem Fall ohne Ticketkauf gesichert. Klingt verlockend, oder?

Online-Flyer Nr. 861  vom 29.04.2026



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