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Aktueller Online-Flyer vom 15. Februar 2026  

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Literatur
Vorwort zu "Vierzehn Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung im bürgerlichen Deutschland"
Vergangene Welten
Von Wilma Ruth Albrecht

Mit dem Begriff „Vergangene Welten“ verbindet sich die Vorstellung von untergegangenen Hochkulturen weltweit und von antiken Orten in Europa. Im vorliegenden Bändchen geht es jedoch um die deutsche Arbeiterbewegung: auch sie ist eine untergegangene soziale Hochkultur. In deren eingezäuntem Ruinenfeld tummeln sich jetzt nur noch schnatternde Gänse, blökende Schafe und meckernde Ziegen. Dabei gäbe es viel zu entdecken und neu aufzurichten. Dies wird im vorliegenden kleinen Buch mit seinen 14 Beiträgen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in verständlicher Sprache und ästhetisch ansprechender Gestaltung unternommen.

Es werden in ausführlichen Buchbesprechungen und thematischen Aufsätzen als Nachdrucke einige der bedeutenden Protagonisten der Arbeiterbewegung im bürgerliche Deutschland vorgestellt: Bei Karl Marx geht es um seine Studienjahre in Bonn und Berlin sowie seine Promotion von 1841, bei Ferdinand Lassalle um seine politische Agitation 1862-1864, die Umstände, die zur Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 führten und seinen „Staatssozialismus“, bei Rosa Luxemburg, Eduard Fuchs, Susanne Leonhard und Erwin Eckert wesentlich um ihr persönliches gesellschaftlich-politisches Engagement für Frieden und sozialen Fortschritt.

Eingegangen wird auch auf die zugrundeliegende philosophisch verankerte Weltanschauung exponierter Protagonisten der deutschen Arbeiterbewegung. So gründet Marxens historisch-dialektischer Materialismus großteils auf Ludwig Feuerbachs sensualistischem Materialismus und seiner Religionskritik, wie im Feuerbachaufsatz nachgewiesen wird, während Lassalles Vorstellungswelt von Johann Gottlieb Fichtes Idealismus geprägt ist. Und beide Vertreter beeinflussten die Ideologie der Parteien KPD und SPD und damit der deutschen Arbeiterbewegung.

Diese war wie jede andere bedeutende sozial-historische Erscheinung auch eine kulturelle Bewegung, die in ihrer Kunst und mit ihren Künstlern deutlich Partei ergriff, wie am Beispiel des Düsseldorfer  Grafikers, Malers und Widerstandskämpfers Hanns Kralik aufgezeigt wird. Zwei weitere Aufsätze behandeln auch die theoretisch-ästhetischen Debatten um bildende Kunst und Literatur. So ging es in der sog. „Sickingen-Debatte“ zwischen Marx, Engels und Lassalle  darum, wie historische Ereignisse - etwa der Bauernkrieg im 16. Jahrhundert – dramatisch realistisch zu behandeln seien.  Eher verdeckt zwischen Rosa Luxemburg und Eduard Fuchs wird die Auseinandersetzung um moderne impressionistische Malerei in der Arbeiterbewegung geführt und damit thematisiert, wie sich visuelle Wahrnehmung gestaltend auf der Höhe der Zeit widerspiegeln lässt.

Zur Arbeiterbewegung gehört auch Erinnerungskultur, die zeittypische gesellschaftliche Auseinandersetzungen als „unsere Geschichte“ mit Erfolgen und Niederlagen ehrlich und empathisch, erzählt. Diese „große Erzählung der Arbeiter-, Friedens- und Widerstandsbewegung“ in deutschen Landen im 20. Jahrhundert haben Willi Bredel mit seiner Romantriologie „Verwandte und Bekannte“ und Erasmus Schöfer mit seiner Tetralogie „Die Kinder des Sisyfos“ vorgelegt. Und es lohnt die erneute Lektüre als Gegenmittel zum medialen Großschwindel der Gegenwart.

Dieser Erinnerungskultur fühlt sich das vorliegendes Bändchen auch verpflichtet.


Wilma Ruth Albrecht: Vergangene Welten. Vierzehn Beiträge zur Geschichte der Abeiterbewegung im bürgerlichen Deutschland



Berlin (trafo) 1934, 197 Seiten

Online-Flyer Nr. 858  vom 14.02.2026



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