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Globales
Margaretta D Arcy am 23. November 2025 gestorben
Zum Tod einer Kämpferin
Von Markus Heizmann (Bündnis gegen Krieg, Basel)

Geboren wurde Margaretta D'Arcy am 14. Juni 1934 in London. Ihre Mutter war Russin, ihr Vater war Ire. Schon bald nach ihrer Geburt zogen sie zurück nach Irland. Bereits im Alter von fünfzehn Jahren trat sie in Kleintheatern in Dublin auf. So verwundert es nicht, dass sie als erwachsene Frau Schauspielerin wurde. 1957 heiratete sie den englischen Dramatiker und Autor John Arden. (1) Margaretta und John waren nicht nur verheiratet, sie arbeiteten auch häufig zusammen. In Galway gründeten sie 1976 gemeinsam den Galway Theatre Workshop. Margaretta D'Arcy war jedoch nicht nur eine Künstlerin sondern auch auf verschiedenen Feldern eine politische Aktivistin.


Margaretta D'Arcy

Politische Aktivitäten


Das «Committee of 100» war eine britische Anti-Kriegs-Gruppe. Es wurde 1960 von Bertrand Russell, Ralph Schoenman, Michael Scott und anderen mit hundert öffentlichen UnterzeichnernInnen gegründet. Margaretta D'Arcy war eine 100 Unterzeichnerinnen. Die Mitglieder des Komitees setzten sich mit massivem gewaltfreiem Widerstand und zivilem Ungehorsam für ihre Ziele ein. Das Komitee wurde zur treibenden Kraft der Massenbewegung gegen Atomwaffen in den Jahren 1961-1963. 

Sie führte Regie bei dem Film «Yellow Gate Woman» einer Dokumentation des Protestes gegen die Stationierung von Atomwaffen der Royal Air Force (RAF) in Greenham Common, 70 km von London entfernt. Der Film schildert das Friedenscamp welches Frauen rund um den Stützpunkt im Jahr 1983 errichtet haben. (2) Ab 1987 protestierte sie gegen die Zensur, indem sie ein Privatradio aus ihrer Küche in Galway betrieb.

Zur Legende wurde sie, als sie im Oktober 2012 gemeinsam mit Niall Farell über den Zaun des Shannon Airports kletterte und auf der Piste des Flugfeldes gegen die (illegale) Nutzung des Flughafens als Zwischenstopp für US Militärflüge protestierte.

Die sogenannten «Zwischenstopps der US Air Force am Shannon Airport» in Irland begannen im Jahr 2001. Dies geschah im Kontext der US Angriffe gegen den Irak. Im Verlauf der Jahre hat der Flughafen eine bedeutende Rolle als wichtiger Militärstützpunkt und Zwischenstopp für US-Truppen und Militärflugzeuge gespielt. Diese «Zwischenstopps» verletzen nicht nur die Neutralität Irlands auf eklatante Art und Weise. Durch diese Truppenbewegungen werden Menschen in der arabischen Welt und an anderen Orten, an denen die USA – meist völkerrechtswidrig – eingreifen ermordet.

Weil Margaretta D'Arcy dagegen protestierte, wurde sie verhaftet und wegen «Landfriedensbruch» zu einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten verurteilt. Sie musste die Strafe antreten, weil sie sich weigerte, eine Verpflichtung zu unterzeichnen, dass sie nie mehr in den nicht-öffentlichen Bereich des Flughafens eindringen würde.

2024 kandidierte sei im Alter von 89 Jahren als Parteilose für das Amt einer Stadträtin von Galway, wurde jedoch nicht gewählt. Später setzte sie sich für  Catherine Connolly bei den irischen Präsidentschaftswahlen 2025 ein. Präsidentin Connolly besuchte Margaretta D'Arcy zwei Wochen vor ihrem Tod im Krankenhaus.

Guantanamo Granny

Margaretta war eine Kämpferin. Ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit, ihr Einsatz für die Sache der Frau, vor allem aber ihr lebenslanger Einsatz für Frieden in Gerechtigkeit machten sie weit über Irland hinaus bekannt. Ihr Einsatz für Frieden war durchwegs ein politischer Einsatz, der sehr wohl zwischen Tätern und Opfern, zwischen Angreifern und Angegriffenen zu unterscheiden wusste. So weigerte sie sich zum Beispiel im Jahr 2011 während einer Veranstaltung anlässlich einer Schweigeminute im Gedenken an einen von militanten Republikanern getöteten Polizisten aufzustehen. Vor den Medien erklärte sie danach, dass sie sich nicht erhoben habe, sei eine bewusste Entscheidung gewesen. Dies trug ihr heftige Kritik, zum Teil auch aus den eigenen Reihen ein, weil sie sich niemals vom bewaffneten republikanischen Widerstand in Nordirland distanzierte.

Den Namen «Guantanamo Granny» erhielt Margaretta weil sie sich vor Gericht und nach ihrer Verurteilung stets in einem orangen Overall zeigte, so wie ihn die Häftlinge des Folterknastes in Guantanamo tragen müssen.

2015 veröffentlichte  Margaretta D'Arcy ihre Autobiografie unter dem Titel «Ireland`s Guantanamo Granny». (3)

Geschichte von unten

Die Veröffentlichungen von Margaretta D'Arcy, seien es Druckwerke oder Filme,  sind Zeitdokumente, die unbedingt bewahrt werden müssen. Geschichte wird von den Siegern geschrieben und ganz im Sinn von George Orwell wird Geschichte von den Herrschenden täglich neu umformuliert, bzw. gemäß den Bedürfnissen der Herrschenden immer wieder neu zurecht gelogen.

Berichte, Filme und Lebenserinnerungen wie die von Margaretta steuern dieser Entwicklung entgegen. Geschichte wird so dargestellt wie sie von einer Aktivistin innerhalb der Bewegung gesehen wird. Dies widerspricht – wie so oft – dem herrschenden Narrativ diametral. Menschen wie  Margaretta D'Arcy machen die Welt in der wir leben ein klein wenig zu einem besseren Ort. Ihr Aktivismus, ihre Taten wirken über den Tod hinaus, ja mehr noch, sie leiten uns an, ebenso wie sie aufzustehen und zu protestieren gegen Militarismus und gegen jede Form von Ungerechtigkeit. Solange es Ungerechtigkeit gibt wird es auch den Widerstand dagegen geben und Menschen wie Margaretta D'Arcy sind für uns alle ein leuchtendes Beispiel wie dieser Widerstand geleistet werden kann.


Wie Margaretta von ihren Freuden und Genossen gewürdigt wird
Von der Galway Alliance against war (Übersetzung: Markus Heizmann)
  
Wir trauern um unsere Genossin Margaretta D’Arcy. Margarettas tiefes, aktives Engagement für Frieden und soziale Gerechtigkeit war das Werk ihres Lebens. Als junge Frau war sie seit der Gründung der Campaign for Nuclear Disarmament (CND) im Jahr 1958 Teil der britischen Friedensbewegung, zusammen mit ihrem Ehemann John Arden, dem renommierten Dramatiker und Romanautor. Sie waren nicht nur Unterstützer, sondern wichtige Mitstreiter, die ihre Kunst als Werkzeug für die Sache einsetzten.

Dieses Engagement drückte sich auch in furchtlosen direkten Aktionen aus. 1961 wurde sie wegen ihrer Beteiligung an einer Sitzblockade vor dem Londoner Verteidigungsministerium, die von der radikalen Friedensbewegung „Committee of 100” organisiert worden war, verhaftet und inhaftiert. Ihr Engagement setzte sich bis in die 1980er Jahre fort, als sie sich solidarisch mit den Frauen im Greenham Common Peace Camp zeigte, die gegen die Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern in Großbritannien protestierten.

In späteren Jahren brachte sie diesen unerschütterlichen Geist nach Irland. Im Oktober 2012 und September 2013 blockierten sie und Niall Farrell von der Galway Alliance Against War die Landebahn des Flughafens Shannon, um gegen dessen jahrzehntelange Nutzung durch das US-Militär für Kriegszwecke zu protestieren. Dafür wurde sie erneut verhaftet und inhaftiert. Diese über fünfzig Jahre andauernden Aktionen zeugen von einer überwältigenden Beständigkeit und einem beeindruckenden Mut in ihrem Streben nach Frieden.

Bis zum letzten Monat war Margaretta regelmäßig bei der monatlichen Shannonwatch-Friedensmahnwache am Flughafeneingang dabei. Noch vor wenigen Wochen saß sie auf der Headford Road in Galway und verteilte Flugblätter zugunsten des Triple Lock. (4) Sie wusste, dass imperialistische Kriege und Bedrohungen der irischen Neutralität unabhängig von Alter oder Status bekämpft werden müssen. Als Künstlerin glaubte sie daran, mit Kreativität die politische Propaganda zu durchbrechen, die Kriege rechtfertigt – eine Aufgabe, die sie mit immenser Energie erfüllte.

Wir von der Galway Alliance Against War fühlen uns privilegiert, Margaretta so viele Jahre lang in unseren Reihen gehabt zu haben. Sie ist ein herausragendes Beispiel für ein erfülltes und zielgerichtetes Leben, das sich einer Zukunft ohne Kriege um Profit und Macht und einer Welt verschrieben hat, die alle ihre Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen wertschätzt.

Die Worte von Nikolai Ostrowski sind ein passendes Nachwort für ihr bemerkenswertes Leben: „Unser kostbarster Besitz ist das Leben. Es wird uns nur einmal gegeben, und wir müssen es so leben, dass wir keine quälenden Reuegefühle wegen verschwendeter Jahre empfinden, niemals die brennende Scham einer gemeinen und kleinlichen Vergangenheit kennenlernen; so leben, dass wir beim Sterben sagen können: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich der edelsten Sache der Welt gewidmet – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit.“

Margarettas Tod ist ein großer Verlust für unsere Bewegung. Unser tiefstes Mitgefühl gilt ihrem Sohn Finn und ihrer gesamten Familie und ihren Freunden.


Fußnoten:

1 John Arden (26. Oktober 1930 – 28. März 2012) war ein englischer Dramatiker, der bei seinem Tod als „einer der bedeutendsten britischen Dramatiker der späten 1950er und frühen 1960er Jahre” gepriesen wurde. Seine Arbeit war von Bertolt Brecht und dem epischen Theater beeinflusst.
2 https://www.concordmedia.org.uk/products/yellow-gate-women-602/ (Beschreibung des Films) https://www.youtube.com/watch?v=vDd-Qg4x5gE Trailer des Films. (Zugriff jeweils November 2025)
3 Margaretta D'Arcy, Ireland`s Guantanamo Granny, 2015, Womans Pirate Press, Galway
4 Seit 65 Jahren bestimmt das "Triple Lock", wann irische Soldaten ins Ausland geschickt werden, aber neue Gesetze könnten die Funktionsweise ändern. Siehe dazu auch: https://www.rte.ie/brainstorm/2025/0522/1514313-ireland-triple-lock-explainer-legislation-defence-forces-peacekeeping/ (Letzter Zugriff November 2025)

Online-Flyer Nr. 856  vom 31.12.2025



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