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Inland
"Friedensarbeit ist schwerer als Krieg – Frauenarbeit für den Frieden"
Sumaya Farhat-Naser zu Besuch in Bremen
Von Hartmut Drewes

"Beide Völker, das israelische wie das palästinensische Volk, haben ein Recht auf Existenz und Leben." So begann die palästinensische Christin und Bremer Solidaritätspreisträgerin Prof. Dr. Sumaya Farhat-Naser (64) aus dem Westjordanland ihre Rede, als sie im Bremer DGB-Haus auf Einladung mehrerer Organisationen und Initiativen anlässlich des Internationalen Frauentages sprach. Das Völkerrecht garantiere dieses Recht beiden Völkern. Eine Berufung auf die "biblische Verheißung" könne aber dafür nicht beansprucht werden, auch nicht religiös.

Sumaya Farhat-Naser
Alle Fotos: Hartmut Drewes
 
Man könne in dieser Frage nicht "neutral" sein. Neutral sein heiße, auch für Unrecht einzutreten. Die Bezeichnung "jüdischer Staat Israel" sei eine Provokation, deren Befürworter den Prozentsatz der palästinensischen Bevölkerung Israels bei 20 Prozent belassen wollten. Israels Außenminister Avigdor Lieberman akzeptiere nicht einmal ein einziges Prozent. In Wirklichkeit sei das Verhältnis 50 zu 50 Prozent.
 
International habe sich durch die jüngste UNO-Entscheidung für Palästina einiges zum Positiven geändert. Einrichtungen wie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hätten sich für die Anerkennung Palästinas eingesetzt. Auch der Dirigent Daniel Barenboim. Solche Leute hätten für ihren Mut Lob verdient, und dass Deutschland sich bei der Abstimmung enthalten und nicht dagegen gestimmt habe, sei ein großer Fortschritt.
 
Sumaya Farhat-Naser vor dem Arbeitskreis Frauen im Bremer Friedensforum, Frauen des DGB, der Zentralstelle für die Gleichstellung der Frau, der Stiftung Die Schwelle, des Lidice-Haus, des AK Nahost, von amnesty international und dem Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung
 

Internationaler Frauentag im Bremer DGB-Haus

Am Beispiel Wasser werde das Unrecht, das den Palästinensern in den besetzten Gebieten zugemutet werde, besonders deutlich: Einem Palästinenser stehen dort täglich 280 Liter zu, einem israelischen Siedler aber 350 Liter. 40 Prozent der palästinensischen Bevölkerung verfügen über keinen Wasseranschluss. Manche Palästinenserinnen müssten 11 bis 12 Kilometer laufen, um Wasser für ihre Familien zu bekommen. 56 palästinensische Wasserquellen wurden von Israel konfisziert, so Sumaja Farhat-Naser. "Neue Brunnen dürfen Palästinenser nicht ohne Genehmigung bauen. Sie erhalten aber auch keine Genehmigung. Das alles ist von Israel so gewollt." Das alles sei aber nicht nur ein Problem des persönlichen Trinkwassers, sondern auch eins für die Landwirtschaft. Als ein weiteres Problem der Besatzung nannte Sumaja Farhat-Naser die Tatsache, dass die besten palästinensischen Politiker in israelischen Gefängnissen sitzen. 
 
Zum Umgang mit diesen Problemen der Besatzung trat Sumaya Farhat-Naser für strikte Gewaltlosigkeit ein: "Wir brauchen neue Menschen, die anders denken." Deshalb hat die Autorin und Friedensaktivistin ihren Schwerpunkt auf Fortbildung und Friedenserziehung von Jugendlichen und Frauen verlegt. Sie nennt diese Schulungen "Lernen zu überleben." Die Menschen sollen gewaltfreies Denken, Fühlen und Handeln lernen, und zwar nicht nur im politischen Raum, sondern auch in der Familie. In diesem Sinne führt sie Kurse durch und initiiert Projekte, z.B. Orte neu zu gestalten, um deren Lebensqualität zu erhöhen, sowie Festivals mit Kulturbeiträgen. Bei dieser Arbeit legt sie nach eigenen Worten großen Wert auf "die Erfahrung von Freude, die unter den harten Besatzungsbedingungen eine wichtige Rolle spielt".

"Wir brauchen neue Menschen, die anders denken."
 
In ihrer Rede wies Sumaya Farhat-Naser auf mehr als 56 Menschenrechtsgruppierungen in Israel hin. Diese seien sehr wichtig, zumal die Palästinenser vor allem unter den Aktivitäten der israelischen Siedler leiden. Sie nannte dazu beispielhaft die Gruppe "Breaking the Silence". Eine große Bedeutung misst sie auch Internet-Kontakten zu, durch die sich vor allem israelische und palästinensische Jugendliche kennen lernen. Kontakte, die mit gegenseitigen Beschimpfungen begännen, führten oft zu Diskussionen, die auf beiden Seiten Verständnis herbeiführen. Sie erwähnte auch Hotline-Gruppen, die sofort zu Orten kommen, wo israelische Siedler aggressiv werden. Diese Gruppen wirkten nicht nur durch ihre Präsenz, sondern auch dadurch, dass sie Filme von solchen Vorfällen ins Internet stellen.
 
Für die zukünftige Entwicklung hält Sumaya Farhat.Naser sowohl eine Zweistaatenbildung wie auch einen gemeinsamen Staat für möglich. Letzterer dürfe natürlich kein "jüdischer Staat" sein, sondern müsse ein Staat sein, in dem alle Bürger gleiche Rechte haben. (PK)
 
 
Hartmut Drewes, 1939 in Hildesheim geboren, dort aufgewachsen und Gymnasium besucht. Danach in Tübingen, Berlin und Göttingen Theologie studiert, ab 1967 als Pastor in Nordholz und Bremen tätig, ab 2000 im Ruhestand, ab 1970 in der Christlichen Friedenskonferenz mitgewirkt, jetzt u.a. Sprecher des Bremer Friedensforums. 
 


Online-Flyer Nr. 397  vom 13.03.2013



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