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Aktueller Online-Flyer vom 10. Juni 2026  

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Inland
Aus der Mottenkiste?
30 Stunden pro Woche reichen
Von Mohssen Massarrat

Man stelle sich vor, ein Betrieb verzichtet freiwillig auf den Einsatz von einem Viertel aller verfügbaren Maschinen, lässt stattdessen die restlichen drei Viertel der Maschinen rund um die Uhr arbeiten und unterlässt dazu auch noch die erforderlichen Reparaturarbeiten, während gleichzeitig das nicht eingesetzte Viertel an Maschinen verrottet. Der Manager eines solchen Betriebes - menschlichen Verstand und marktwirtschaftliche Rationalität vorausgesetzt - handelt verschwenderisch, irrational und einfach dumm. Der Betrieb wäre in kürzester Zeit ohne Wenn und Aber pleite.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de



Genau diesen Irrsinn eines gesamtgesellschaftlichen Missmanagements leisten wir uns in unseren angeblich ach so modernen Gesellschaften und warten sehenden Auges darauf, dass sie zu Grunde gehen, irgendwann. Denn wenn mehrere zehn Millionen Menschen in Deutschland bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, oft sogar bis 50 oder 60 Stunden in der Woche arbeiten, wenn viele von ihnen aus Angst um den Jobverlust trotz Krankheit nicht zu Hause bleiben, den Arbeitsstress bis zur Arbeitsunfähigkeit in sich hineinfressen, während gleichzeitig das Arbeits- und Kreativitätspotential von mehreren Millionen Menschen brachliegt und durch psychosomatische Erkrankungen, durch Minderwertigkeitsgefühl und andere die Menschenwürde verletzende Grausamkeiten einfach verrottet und weggeworfen wird, dann haben wir es damit zu tun, dass hier ein gesamtgesellschaftliches Missmanagement vorliegt, das seit über dreißig Jahren gesellschaftliche Ressourcen in gigantischem Ausmaß verschleudert.
 
Wie sind wir in dieses Irrsinnssystem hineingeraten? Ganz einfach: wir könnten nicht so weiter leben, hat man uns immer wieder eingeredet, die Globalisierung stelle uns vor neue Herauforderungen, uns drohten von allen Seiten Gefahren, Chinesen, Inder, Brasilianer und andere Schwellenländer schnappten uns die Weltmarktanteile vor der Nase weg, deutsche Betriebe wanderten in Niedriglohnländer ab, wir seien nicht mehr wettbewerbsfähig, der Wirtschaftsstandort Deutschland stünde bald vor dem Untergang etc. In ökonomischer Hinsicht sind derlei Argumente reiner Humbug. Denn Wettbewerbsfähigkeit hängt nicht allein vom Lohnniveau, sondern auch von der Produktivität, somit von den Lohnstückkosten und der Qualität der Produkte ab. Löhne sind nicht nur Kosten, sondern auch Kaufkraft und ein wichtiger Faktor für neue inländische Arbeitsplätze. Auch eine Verlagerung der Betriebe nach China generiert dort neue Kaufkraft und steigert deutsche Exporte nach China, wodurch hier neue Arbeitsplätze entstehen. Trotz der Substanzlosigkeit von derlei Behauptungen funktionierte die Gehirnwäsche perfekt. Die Angststrategie mit Halbwahrheiten und ganzen Lügen hinterließ bei Arbeitnehmern, Gewerkschaften, politischen Parteien tiefe Spuren – sie machten sich die Propaganda der Arbeitgeber, ihrer Ökonomen und Medien zu eigen. Eine Welle von unsäglichen Maßnahmen zur Senkung der Löhne, wie die Senkung der Lohnnebenkosten (sprich Abbau des Sozialstaats), längere Arbeitszeiten mit weniger Lohn und überhaupt ein Systemwechsel hin zu „modernen atmenden Unternehmen“ durch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, wurde losgetreten, damit die Unternehmen in einem Meer von gefügig gemachten Arbeitskräften schwimmen konnten und unter dem Druck von Massenarbeitslosigkeit, Leiharbeitern sowie einem Niedriglohnsektor die besten Voraussetzungen für eine Umverteilung von unten nach oben durchsetzen konnten.
 
Das Ergebnis dieses Missmanagements gesellschaftlicher Ressourcen liegt uns vor Augen: skandalös ungleiche Einkommensverteilung, ein gefährlich aufgeblähter Finanzsektor, eine Exportexpansion, die Südeuropa mit in die Krise stürzte – schlicht, ein auf Lohndumping fußender parasitärer Kapitalismus und dazu noch eine kranke Gesellschaft. Es vergeht keine Woche ohne Hiobsbotschaften der Krankenkassen, die uns mit diversen Studien über Burnout, über wachsenden Stress und über zunehmende psychosomatische Erkrankungen, weil die einen zu viel arbeiten müssen und die andern überhaupt nicht arbeiten dürfen. Wie bei dem Betrieb mit dem Ressourcen-Missmanagement steht auch unsere Gesellschaft im Grund vor einem Kollaps mit dem Unterschied, dass hier der Bankrott schleichend erfolgt und wir dies auf Grund der explosiven Lage in Südeuropa, wo es den Menschen noch dramatisch schlechter geht als bei uns, nicht auf Anhieb erkennen.
 
Der Vorschlag 30-Stundenwoche als Orientierungsmarke ist ein wichtiger Schritt, um vom ökonomisch ineffizienten Konzept „atmende Unternehmen“ zu einem humanen Konzept „atmende Menschen“ umzukehren, und um die Fundamente einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft erst wieder herzustellen, die das gegenwärtige System krass ausgehebelt und die doppelte Ressourcenverschwendung in Form von Überbelastung der einen und von Beschäftigungslosigkeit der andern hervorgerufen hat. Erst dadurch kann ein ökonomisch rationales Ressourcenmanagement und eine Gesellschaft mit Vollbeschäftigung durch faire Teilung der Arbeit überhaupt wieder möglich werden. Erst dann kann auch sämtlichen menschenverachtenden und moralisch inakzeptablen Auswüchsen, wie Lohndumping, diskriminierendem Leiharbeitersystem, Umverteilung von unten nach oben, Altersarmut und vielen anderen Gemeinheiten, ein wirksamer Riegel vorgeschoben werden. In diesem Modell ist es grundsätzlich möglich, den individuellen Bedürfnissen der einzelnen wie aber auch der Betriebe Rechnung zu tragen und so allen Seiten Vorteile zu verschaffen, z.B. durch die Einführung der Viertagewoche, Einführung von Zeitkonten einschließlich der Möglichkeit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Einführung von Sabatticals, Verlängerung der Erziehungszeit und vielen anderen Formen der Arbeitszeitverkürzung, die branchen- oder gar betriebsspezifisch zwischen Unternehmern und Betriebsräten bzw. Gewerkschaften ausgehandelt werden können. Zum Gegenstand der Aushandlungen gehört bei jeder Arbeitszeitverkürzung u. a. auch der Personalausgleich, um eine Arbeitsverdichtung, wie sie im Zusammenhang mit der 35-Stundenwoche in den 1980er Jahren stattfand, auszuschließen.
 
Die 30-Stundenwoche ist im Gegensatz zu anders lautenden Behauptungen auch bei vollem Lohnausgleich möglich. Eine Arbeitszeitverkürzung entsprechend der Höhe der Produktivitätsrate ist bei vollem Lohnausgleich zuzüglich der Inflationsrate unbestritten verteilungs- und wettbewerbsneutral. Schwieriger ist allerdings der volle Lohnausgleich bei einer Arbeitszeitreduzierung um durchschnittlich 10 Wochenstunden. Die drastische Arbeitszeitreduzierung ist aber nötig, um den in den letzten 20 Jahren aufgestauten Berg von Arbeitslosen wieder abzutragen, der als Folge der jährlichen Produktivitätssteigerung von ca. 2 Prozent freigesetzter Arbeitskräfte entstanden ist. Möglich wird der volle Lohnausgleich, wie wir es in unserem Modell gerechnet haben, dennoch auch hier, wenn die 30-Stundenwoche innerhalb von 5 Jahren anvisiert und ferner die gegenwärtigen Kosten der Arbeitslosigkeit von ca. 50 Milliarden Dollar Zug um Zug, beispielsweise in Form von Steuerentlastungen, den mittelständischen Betrieben zugeführt würden. Zu berücksichtigen sind hier auch Produktivitätseffekte mit zusätzlichen Einkommenseffekten, weil bei kürzeren Arbeitszeiten bekanntlich die Kreativität aller Beteiligten ansteigt.
 
Mit diesem 30-Stundenwochen-Modell endet allerdings der bequeme Weg der Profitmaximierung zu Lasten der Menschen - die Wettbewerbsfähigkeit erfordert fortan mehr Fleiß und Anstrengung für technologische Innovationen auf der Unternehmerseite. Es erlaubt eine gerechtere Verteilung, stoppt den Kapitalfluss in den Finanzsektor und erhöht die Binnennachfrage. Endlich gewinnen auch die Gewerkschaften ihre alte Verhandlungsmacht zurück und können sozialpolitische Reformen anstoßen und die Demokratie stärken. Kein Wunder, dass die Protagonisten des jetzigen parasitären Kapitalismus quasi reflexartig auf die 30-Stundenwoche reagieren und diese als eine Idee „aus der Mottenkiste“, als „ökonomischen Unsinn“ (Wolfgang Franz, Vorsitzender des Sachverständigenrates) diskreditieren oder als „falschen Weg“ (Peter Bofinger) zurückweisen. Als scheinbare Sachargumente gegen die 30-Stundenwoche werden dabei zum einen „Fachkräftemangel“ und zum andern „fehlende Qualifikation“ der Arbeitslosen, somit Probleme angeführt, die gerade der parasitäre Kapitalismus durch die Niedriglohnpolitik und die sträflich vernachlässigte Berufsausbildung selbst hervorgerufen hat. Durch Verknappung der Arbeit funktionieren wieder die Arbeitsmärkte, der branchenspezifische Fachkräftemangel würde verschwinden, sobald die Löhne steigen. Auch die Unternehmer fangen endlich wieder an, in die Ausbildung ihrer Belegschaften, statt in die Finanzmärkte zu investieren, beides also zusätzliche Argumente für die 30-Stundenwoche. (PK)
 
 

Prof. Dr. Mohssen Massarrat, Universität Osnabrück, gehörte im Februar zu den Unterzeichnenden eines Offenen Briefes, in dem RepräsentantInnen der Gewerkschaften, der demokratischen Parteien, der Sozial- und Umweltverbände der Kirchenaufgefordert wurden,  dem Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit höchste wirtschaftliche und politische, soziale und humanitäre Priorität einzuräumen. Siehe http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18754



Online-Flyer Nr. 396  vom 06.03.2013



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