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Globales
Wie wahrscheinlich ist der strategische Krieg der USA gegen Iran?
Sie wollen, aber sie können nicht
Von Yoash Saldabad

Die Drohung der USA und ihrer Verbündeten den Iran anzugreifen ist nicht neu. Der Angriffsplan stand schon auf der Agenda der amerikanischen Regierung, als die USA im Jahr 2001 Afghanistan und im Jahr 2003 Irak angegriffen haben. Direkt nach dem terroristischen Anschlag vom 11. September wurden von George W. Bush Afghanistan, Irak, Iran, Syrien und Nordkorea als „Achse des Bösen“ und als potentielle Ziele militärischer Operation ausgerufen. Die Gefahr eines weiteren Angriffskrieges nach dem Irak- und Afghanistan-Krieg ist eine ständige Option für den US-Imperialismus geblieben; zu manchen Zeiten war die Gefahr geringer, manchmal war sie höher.
 

Schon Irans fünfter Präsident Mohammad
Khatami bot den Stop des Atomprogramms an
Die Frage, ob die USA tatsächlich angreifen werden oder nur weitere Droh- kulissen aufbauen, hat nichts mit der aktuellen Situation in der Iranischen Regierung zu tun. Selbst wenn sie heute ihre Politik USA-freundlicher gestalten würde, z.B. von der Unter-stützung islamisch-funda-mentalistischer Kräfte in der Region ablassen, oder sogar auf das Atomprogramm verzichten würden, würde das nicht dazu führen, die Kriegsdrohungen zu beenden. Die Haltung der USA, ihre neo-kolonialen Interessen durch ein Diktat durchzusetzen, wird von der Iranischen Regierung nicht akzeptiert, obwohl sie eine islamisch-faschistische Regierung und der Iran ein Teil des internationalen kapitalistischen Weltsystems ist. Die iranische Regierung will ein Machtfaktor in der Region bleiben und das ist für den Anspruch des US-Imperialismus nach absoluter Dominanz nicht zu akzeptieren.
 
Iranische Regierungen haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, die Konflikte mit den USA zu lösen, indem sie mit den US-Weltherrschafts-
ansprüchen nachgiebiger und kompromissbereiter umgingen. Als Mohamed Khatami iranischer Präsident war, hat er verschiedene Versuche unternommen, ein besseres Verhältnis zu den USA herzustellen, z.B. hat er zu einer „Freundschaft der Kulturen“ aufgerufen und sogar den Stop des Atom- programms angeboten. Außerdem gab es einen Geheimbrief von ihm an die amerikanische Regierung mit vielen konstruktiven Vorschlägen für eine Zusammenarbeit zwischen den Ländern. Die USA haben diesen Brief nicht beantwortet, sondern lediglich die Geheimdiplomatie Khatamis bloßgestellt. Ein Vorschlag in diesem Brief lief darauf hinaus, den Konflikt zwischen Israel und Iran aufzuheben. Doch der Anspruch der USA auf Herrschaft ließ keine Kompromisse zu.
 
Mit ihrem Widerstand gegen die Herrschaftsansprüche der USA im Orient ist die iranische Regierung keinesfalls Kapitalismus-kritisch. Der Iran ist integraler Bestandteil des globalisierten Kapitalismus, die Regierung tut alles, um sich den drei Haupt-Institutionen des internationalen Kapitals, der Weltbank, dem IWF und der Welt-Handels-Organisation unterzuordnen. Aus diesen Gründen sind die Kriegsdrohungen der USA gegen den Iran nur erklärbar unter Berücksichtigung der globalen US-Strategie nach Weltherrschaft. Es handelt sich dabei um eine grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen kapitalistischen Blöcken innerhalb des kapitalistischen Weltsystems, um die Kontrolle über Energiequellen, billige Arbeitskräfte und große Absatzmärkte zu gewinnen.
 
Innerhalb der Strategie der USA, die Welt zu dominieren, haben die militärischen Operationen absolute Priorität. Diese Strategie wird von den USA seit 1893 verfolgt, als die Hawaiianische Regierung durch amerikanische Gewalt abgesetzt und die Inselgruppe einfach annektiert wurde. Nach der Annektion von Hawaii analysierte der amerikanische Historiker Friedrich Jackson Turner, dass die Entwicklung der US-Gesellschaft eine Ausnahme sei, da „Amerika keine Grenzen kenne“. Als Konsequenz aus dieser Auffassung hat die US-Regierung 1907 unter Theodore Roosevelt ein weltweites Flotten-Manöver durchgeführt ("The Great White Fleet“), um den übrigen Seemächten vor Augen zu führen, dass Washington nun eine schlagkräftige Flotte mit globaler Reichweite besitzt. Die USA wollten damals schon den übrigen aufstrebenden Großmächten und potentiellen Konkurrenten ihren Anspruch auf weltweite Dominanz demonstrieren.
 

Theodore Roosevelt – US-Präsident 1901 bis 1909
Im weiteren Verlauf der Geschichte verkündete der Amerikanische Präsident Harry Truman 1947 vor dem Kongress, dass die USA die Rolle einer globalen Ordnungs- macht einnehmen wollten und dass dies mit einem langfristigen Krieg durchgesetzt werden solle. Dieser Anspruch und diese Ansicht sind bekannt geworden als "Truman-Doktrin“. Diese Doktrin richtete sich in erste Linie gegen die weltweit stärker werdende kommunistische und Arbeiter-Bewegung und insbesondere gegen die Existenz der Sowjetunion ("kalter Krieg“). Der Weltherrschaftsanspruch der USA wurde mit dieser Doktrin noch einmal unterstrichen.
 
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist diese US-amerikanischen Strategie die Weltherrschaft zu erringen in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichen Taktiken durchgesetzt worden. In der Zeit des "kalten Kriegse“ ist diese Strategie durch Putsche, durch die Einsetzung von Marionetten-Regierungen und durch Annektionen durchgesetzt worden. Beispiele sind 1953 der Putsch in Iran gegen die demokratische Bewegung, ein Jahr später wieder ein Putsch in Guatemala, 1960 im Kongo, 1964 in Brasilien, ein Jahr später in Indonesien, 1973 in Chile und so weiter.
 
Seit dem Sturz der UdSSR im Jahr 1989 veränderte sich die Taktik der USA. Es gab keinen System-Konkurrenten mehr. Ein paar Wochen nach dem Beginn des 1. Irak Kriegs 1991 verkündete George Bush Senior als Oberbefehlshaber der US-Armee und als Präsident der USA in einer Rede an die Weltöffentlichkeit eine neue Taktik. Er rief eine „Neue Weltordnung“ aus und diese Weltordnung sollte aus den Ruinen der Berliner Mauer und der zusammenbrechenden Sowjetunion aufgebaut werden. In dieser Rede sprach Bush sen. davon, dass die USA jetzt eine phantastische Möglichkeit hätten, ihren Anspruch auf Weltherrschaft durchzusetzen. Obwohl er gegenüber der Weltöffentlichkeit über friedliche internationale Zusammenarbeit sprach, baute er im Hintergrund das amerikanische Militär weiter aus. Die neue Taktik in dieser Phase der Neuen Weltordnung besteht spätestens seit dem angeblichen terroristischen Anschlag vom 11.9.2001 darin, die Länder militärisch offensiv zu besetzen wie in Afghanistan und Irak.

Nato-General Klaus Naumann 1993
Quelle: http://en.wikipedia.org
 
Ein wichtiges Element der veränderten Taktik der USA besteht darin, andere verbündete, imperiale Länder mit einzubeziehen. Deutlichstes Beispiel ist das Verhalten der deutschen Regierung als Mitglied der Nato. Unter Verteidigungsminister Volker Rühe und dem deutschen Nato-General Klaus Naumann, wurde Anfang 1991 die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu einer schlagkräftigen Angriffsarmee umgewandelt. Seitdem können deutsche Interessen auch am Persischen Golf verteidigt werden.
 
Aufgrund dieser Strategie der USA und seiner Verbündeten bleibt der Iran wegen seiner geostrategischen Bedeutung und aufgrund seines relativen Reichtums an Ressourcen aller Art, insbesondere Öl und Gas, im Visier der US-Außenpolitik. Iran hat die drittgrößten Öl-Vor-kommen und die zweitgrößten Gasfelder der Welt. Andere aufstrebende Weltmächte, z.B. China und Russland, haben auch ein vitales Interesse an Irans Rohstoffen und seiner geo- strategischen Bedeutung und machen dieses Land heute so wichtig. Besonders China ist abhängig von Irans Rohstoffen. China ist der Hauptabnehmer des Iranischen Öls und ist gleichzeitig ein großer Lieferant für Benzin.
 
Alle emanzipatorischen und revolutionären Bewegungen im Iran sollten diese Realitäten bei ihren Bemühungen berücksichtigen. Sinnvoll wäre es auch, sich mit den internationalen revolutionären Kräften, wie z.B. der ICOR (Internationale Koordinierung revolutionärer Organisationen und Parteien, siehe www.info.icor) als ein wichtiges internationales Instrument gegen imperialistische und reaktionäre Kräfte zu verbünden und durch eine Zusammenarbeit diese Kriegsgefahr zu stoppen. Das geht natürlich nicht ohne die Menschen im Iran zu mobilisieren und zu organisieren. Das Gleiche gilt für die sozialen und revolutionären Bewegungen weltweit.
 
Doch wieso ist es bislang nie zu einem Krieg gegen den Iran gekommen?
 
1. Die USA haben in der gegenwärtigen Situation nicht genügend politische Unterstützung. Die amerikanische, europäische und die iranische Bevölkerung wollen keinen Krieg. Auch die Meinung der diversen Menschenrechtsorganisationen erlauben es den USA im Moment nicht, einen Krieg gegen den Iran zu beginnen.
2. Auch die wirtschaftliche Situation der USA und seiner Verbündeten ist so beschaffen, dass die USA und ihre Nato-Hilfstruppen einen weiteren Krieg gegen einen ernsthaften militärischen Gegner nicht finanzieren können. Im Vergleich zu den Angriffen auf Afghanistan, Irak und Libyen, die militärisch jeweils sehr schwach waren, hat der Iran eine große Bevölkerungszahl (ca.75 Millionen), eine große Fläche und ein starkes Militär, so dass ein Angriff für die USA unbezahlbar wäre.
3. Die anderen imperialen Konkurrenten der USA, vor allem China und Russland, werden einem Angriff auf den Iran nicht tatenlos zusehen und werden nicht neutral bleiben. Aus diesem Grund würde ein Angriff auf den Iran nicht nur die ganze Region ins Chaos stürzen, es könnte auch zu einem Weltkrieg führen. Es besteht sogar die Gefahr eines thermo-nuklearen Kriegs mit allerneuesten Waffensystemen.
4. Die bereits durchgeführten Angriffskriege der USA und ihrer Verbündeten auf Afghanistan und Irak sind nicht wirklich von Erfolg gekrönt gewesen, dauern viel zu lange und haben die Stimmung des Militärs gedämpft. Beispielsweise ist der oberste General des US-Militärs in der Region Afghanistan, Stanley McChrystal, als "Run-away-General“ bekannt geworden. Bei den Soldaten und den Offizieren der US-Armee und der Nato ist die Stimmung auch nicht viel besser. Wenn die USA und ihre Marionetten-Regime in der Region (wie z.B. Saudi Arabien) und ihrem wichtigsten Werkzeug Israel, den Iran angreifen würden, würde dass zu einem Massenmord führen. Bei den Angriffsplänen der USA gibt es einen großen Unterschied zwischen Wollen und Können.
 
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass die USA bei ihren Kriegsbemühungen zwei verschiedene Möglichkeiten haben. Die erste Möglichkeit besteht darin, von den militärischen Stützpunkten aus, die sie rund um den Iran aufgebaut haben (Flugzeugträger, Israel, Stützpunkte im Irak und in Saudi Arabien), strategische Ziele im Iran zu bombardieren, um sich danach wieder zurückzuziehen.
 
Die zweite Möglichkeit besteht darin, in die angegriffenen Länder einzumarschieren und sie zu besetzen, wie sie es in Afghanistan und dem Irak bereits gemacht haben. Beide Möglichkeiten würden einerseits zu vielen Toten unter der Zivilbevölkerung führen, und es würde andererseits auch zu keinem Sieg der Angriffsarmee führen.
 
Bei der Bombardierung des Iran würden die USA große Schwierigkeiten haben, in erreichbarer Nähe genügend sichere Flugplätze und Landebahnen zu nutzen. Um den Iran zu bombardieren, bräuchte man Hunderte von Flugzeugen. Doch in Anbetracht der Größe des Landes, (z.B. die Entfernung von der Straße von Hormos bis Teheran beträgt ca. 1000 km Luftlinine) und da die Flugzeuge bestenfalls Sprit für 1500 km haben, gibt es das Problem, die Flugzeuge sicher ins Ziel und wieder zurück zu bringen. Tanken in der Luft, über dem Hoheitsgebiet des Iran, würde nicht funktionieren, da der Iran - anders als Irak, Afghanistan oder Libyen - über eine starke militärische Luftabwehr verfügt.
 
Bei der zweiten Option, den Iran zu besetzten, genau wie die USA vorher Afghanistan oder den Irak besetzt haben, würde es zu noch größere Problemen kommen. Bereits die Versorgung der 150.000 Soldaten für den Afghanistan-Einsatz hat den USA große logistische und ökonomische Probleme bereitet. Die beste Möglichkeit, die Soldaten dort zu versorgen, läuft über das Nachbarland Pakistan. Doch die pakistanische Regierung ist sich zunehmend unschlüssig, die USA bei ihren Kriegsbemühungen zu unterstützen. Momentan hat sie den USA untersagt, Militärkonvois mit Materialien für die Afghanistan-Besetzung über ihr Land zu führen.
 
Um den Iran zu besetzen, müssten die USA im Vergleich zu dem Aufwand, den sie in Afghanistan betreiben, schätzungsweise siebenmal mehr Soldaten aufstellen, als es in Afghanistan der Fall ist, denn das Land ist sehr viel kleiner und hat viel weniger Bevölkerung als der Iran. Die Versorgung von ca. einer Million Soldaten zu gewährleisten, um den Iran zu besetzen, dazu ist die USA heute nicht in der Lage.
 
Es bliebe nur die Möglichkeit eines Blind-Kampfes, den Iran mit Langstrecken-Raketen zu beschießen. Doch auch darauf können die Iraner mit entsprechenden Raketen antworten und die ganze Region in Flammen setzen. Es ist also ein großer Unterschied zwischen dem was man kann und dem was man will, das betrifft besonders die USA. Sie wollen angreifen, doch sie können nicht.
 

Mahmud Ahmadinedschad seit 2005 der sechste
Präsident der Islamischen Republik Iran
NRhZ-Archiv
Andererseits käme ein Krieg der islamisch-faschistischen Regie- rung in Teheran ent- gegen. Sie hat poli- tisch, wirtschaftlich und kulturell abgewirt-schaftet und wird von der Bevölkerung gehasst, insbesondere von der Arbeiterklasse, sieht aber in einem Krieg möglicherweise die Chance, ein paar weitere Jahre im Amt zu bleiben. Nichtsdestotrotz gibt es auch in dieser faschistischen Regierung eine Opposition, die gegen einen Krieg ist. Das Haltbarkeitsdatum dieser Regierung ist längst zu Ende, nur weil es keine Alternative im Land gibt, sitzt diese Regierung noch immer fest im Sattel. Dass die USA Demokratie in den Iran bringen wollen, glaubt im Iran nach den Erfahrungen mit den USA, besonders in den letzten 60 Jahren, niemand mehr.
 
Die augenblickliche Regierung im Iran hatte während der Revolution von 1979 die Macht mit Hilfe des imperialen Weltsystems (besonders der USA) an sich gerissen. Diese Regierung, die im Wesentlichen eine militärische Regierung ist, hat sich, weil sie ohne Rechte und ohne Legitimation ins Amt gekommen ist, zu ihrem eigenen Schutz ein starkes Militär aufgebaut. Und das Militär schützt die Regierung vor der Bevölkerung und natürlich auch gegen Angriffe von Außen.
 
Trotz Preissteigerung, Armut, Korruption, Prostitution, Drogenabhängigkeit und brutaler Unterdrückung gibt es einen täglichen demokratischen Widerstand besonders innerhalb der arbeitenden Bevölkerung. Arbeiter, Frauen, Jugendliche, Studenten, Lehrer, Krankenpfleger und andere gesellschaftlichen Schichten: Alle finden für sich eine Art täglichen Kampf gegen die Regierung und gegen die von ihr geschaffenen Verhältnisse und schränken diese aber auch ein, so dass die Regierung schon lange in einer Krise steckt. Diese starken revolutionären Bewegungen könnten bei entsprechender Führung die Regierung sofort wegfegen. Das weiß auch die Regierung und daher wollen die Fundamentalisten in der Regierung ihre Krise und Illegitimität mit einem Krieg bewältigen.
 
Dieser Krieg würde aber nicht ein Krieg gegen den Iran, sondern ein Krieg zwischen den imperialen Supermächten USA, EU, Russland, China. So ein Krieg könnte morgen auch woanders stattfinden. Will man solche Kriege vermeiden, muss man ihre Ursachen bekämpfen. Die Ursache sind die auf Profit gegründeten kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Die Grundlage dieses Profitsystems ist und war immer die Ausübung von Gewalt. Daher ist es notwendig sozialistische Alternativen zu diesem System erdenken und zu erschaffen. Jedes Land hat dabei seinen eigenen Weg. (PK)
 
 
Diesen Beitrag haben wir von Ottmar Lattorf erhalten, der ihn für einen iranischen Kollegen und Veteran der Revolution von 1979 übersetzt und aufgeschrieben hat und als Flugblatt verteilt. Der Autorenname über dem Artikel ist ein Pseudonym. Bestellen kann man das Flugblatt bei Ottmar Lattorf in der Mannsfelder Str. 17, 50968 Köln
Internetseite und mehr Infos: www.was-die-massenmedien-verschweigen.de


Online-Flyer Nr. 340  vom 08.02.2012



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