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Lokales
Spannende Telefongespräche von Promis auf dem ersten Kölner Blogger-Kongreß
1. Josef Ackermann und Gerhard Schröder
Von Werner Rügemer

Begeistert waren die Teilnehmer beim ersten Kölner Blogger-Kongreß, als der Publizist, NRhZ-Autor und Kölner Karls-Preis-Träger 2008, Werner Rügemer, ganz ohne Hilfe von WikiLeaks Abschriften von Telefonaten einiger Promis bekommen und - stilistisch leicht bereinigt - dem Publikum im Kunsthaus Rhenania mit Schauspielern vorführte. Das erste dieser Telefongespräche fand zwischen Josef Ackermann, Deutsche Bank, und Gerhard Schröder, Bundeskanzler (SPD), am 8. Februar 2003 statt - viereinhalb Jahre vor dem öffentlichen Ausbruch der Finanzkrise. Danach wurden zwei Bad Banks gegründet: Hypo Real Estate (sie nahm die faulen Immobilienkredite der Hypovereinsbank auf) und die Eurohypo (faule Immobilienkredite der Commerzbank und der Dresdner Bank). – Die Redaktion


Gerhard Schröder
Alle Fotos: Herbert Sauerwein
 
Ackermann
Guten Tag, Herr Bundeskanzler, hier Ackermann, Deutsche Bank. Schön, dass ich Ihre direkte Durchwahl habe. Es geht um eine dringende Angelegenheit.
 
Schröder
Hallo Herr Ackermann. Was kann es denn so Dringendes geben, Sie haben doch alles im Griff? Genauso wie ich (lacht kumpelhaft) Aber schön, mal wieder von Ihnen zu hören. Wie gehts denn so?
 
Ackermann
Ich hoffe, ich störe nicht?


Josef Ackermann und Gerhard Schröder auf dem Blogger-Kongreß
 
Schröder
Ach was (lacht). Ich sitze hier im Kanzleramt, alles läuft wie von selbst. Die Agenda 2010 ist beschlossen, der Peter Hartz hat mit seiner Kommission fertig, die ersten Hartz-Gesetze laufen an, die Arbeitslosigkeit wird demnächst halbiert, Deutschland ist im Aufschwung, und der Deutschen Bank gehts auch gut, wie ich höre. Tolle Gewinne, herzlichen Glückwunsch! (lacht) Also alles ok, oder nicht?
 
Ackermann
Der Deutschen Bank geht es gut, danke. Aber ich glaube, wir brauchen eine Kanzlerrunde, möglichst bald. Einige Banken brauchen Hilfe, dringend. Das sollten wir aber nicht an die große Glocke hängen, gerade jetzt, wo es aufwärts geht.


Josef Ackermann
 
Schröder
Was ist denn los bei euch Bankern? (lacht) Wir haben euch doch hier jetzt fast alles erlaubt, was ihr in London und New York auch tun dürft. Ihr könnt doch jetzt richtig loslegen! (lacht kumpelhaft) Was wollt ihr denn noch mehr?
 
Ackermann
Herr Bundeskanzler, ich spreche nicht für die Deutsche Bank. Aber einige deutsche Banken haben Probleme. Sie haben in den letzten Jahren Immobilien in aller Welt finanziert, auch in Ostdeutschland, Bürohochhäuser, Eigentumswohnungen in Spanien, Shopping Malls in den USA. Aber der Immobilienmarkt schwächelt, teilweise ist er eingebrochen. Viele Kredite werden nicht zurückgezahlt.
 
Schröder
Na sowas. Da habt ihr wohl nicht gut aufgepasst, was? (lacht) Sowas kommt im Kapitalismus doch schon mal vor, Herr Ackermann. Das hab ich doch von Ihnen gelernt. (lacht)
 
Ackermann
Diesmal ist es kein business as usual. Es bahnt sich möglicherweise eine Krise des ganzen Finanzsystems an. Es geht jetzt insbesondere um die Hypovereinsbank, aber auch um die Dresdner Bank und die Commerzbank. Die haben schon notleidende Kredite in zweistelliger Milliardenhöhe an andere Banken und Großinvestoren weiterverkauft und so aus der Bilanz hinausgeschafft. Aber diese Lösung ist an eine Grenze gekommen. Da sind noch weitere notleidende Kredite im Busch, eine dreistellige Milliardenzahl ist es bestimmt.
 
Schröder
Also mein Finanzminister, der Eichel, hat doch seine regelmäßigen Gespräche mit Euch Bankern und den Versicherungen. Der hat mir noch vor ein paar Tagen gesagt: „Kein Gefährdungspotential für den Finanzplatz Deutschland“.
 
Ackermann
Aus solchen Gesprächen kann immer was nach außen dringen. Deswegen können wir da nicht offen reden. Wir brauchen ein Geheimtreffen, mit Ihnen, Herr Bundeskanzler.
 
Schröder
Dann scheint es ja was Ernstes zu sein. Und was sollen wir da bereden?
 
Ackermann
Wir brauchen neue Lösungen. Erstens mal, das ist zumindest mein Vorschlag, muss auch der deutsche Staat Zweckgesellschaften zulassen, die Kredite in großem Stil aufkaufen können und von der Gewerbesteuer befreit sind. Und die...
 
Schröder (unterbricht)
Halt mal. Was sind Zweckgesellschaften oder wie heißt das?
 
Ackermann
Ja, Zweckgesellschaft. Im englischen heißt das Special Purpose Entity oder Special Purpose Vehicle. Das gibts in den USA und in England und auf den Bahamas und den Cayman Islands schon lange. Juristische Konstrukte, die aus den Bilanzen ausgelagert sind. Sowas haben deutsche Banken auch schon seit Jahren.
 
Schröder
Soso, ihr Schlingel, diese Tricks habt ihr auch schon reingeholt, ohne uns zu fragen, was? (lacht)
 
Ackermann
Herr Bundeskanzler, das haben wir bisher natürlich nur im Ausland gemacht, wo es erlaubt ist, ganz legal. Die deutsche Regierung muss die Zweckgesellschaften jetzt nur noch in Deutschland zulassen.
 
Schröder
Fragt den Eichel, der macht das passende Gesetz für euch, wie ich den kenne. Dazu braucht ihr doch nicht mich und eine extra geheime Kanzlerrunde.
 
Ackermann
Doch, es muß in aller Stille vorbereitet werden. Es soll keine Panik entstehen. Und es geht vor allem um eine solche Zweckgesellschaft im großen Stil. Eine Auffanggesellschaft für die vielen notleidenden Kredite. Wir müssen eine große Auffanggesellschaft gründen, auch auf Vorrat, wenn es noch dicker kommt. Die Amerikaner und Engländer nennen das eine Bad Bank.
 
Schröder
Aha, Bad Bank. Auf deutsch Schlechte Bank. Das verstehe sogar ich. (lacht) Und wofür braucht ihr diese Schlechte Bank? Und vor allem: was habe ich damit zu tun?
 
Ackermann
In die Bad Bank werden alle notleidenden Kredite der richtigen Banken ausgelagert. Dann sind die Bilanzen sauber, die richtigen Banken können in aller Ruhe weiterarbeiten. Der Staat muss allerdings die Garantie für die ausgelagerten Kredite übernehmen, sonst hätten sie ja gar keinen Wert mehr.
 
Schröder
Ach so, ich dachte mir schon, dass die Sache einen Haken hat. Das habt ihr euch ja schön ausgedacht. (Pause)
 
Ackermann
Ich möchte Ihnen noch diejenigen vorschlagen, die Sie bitte zu dem Treffen einladen. Ein kleiner Kreis: Ihr Wirtschaftsminister Clement, Finanzminister Eichel, die Chefs der Hypovereinsbank, Dresdner Bank und der Commerzbank, der Westdeutschen Landesbank, der DZ-Bank und der Allianz. Und ich natürlich. Und noch der Chef Ihrer staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW, Herr Reich, der hat vor allem von der Hypovereinsbank schon einige Milliarden an notleidenden Krediten aufgekauft und an Investoren weitervermittelt, mehr kriegt er aber nicht mehr unter. Dreizehn Personen. Keine Referenten, keine Sekretärin, kein Dienstpersonal.
 
Schröder
Wie ich Sie kenne, haben Sie auch schon einen Terminvorschlag.
 
Ackermann
Ja. 16. Februar, ein Sonntag, 14 Uhr, am besten nicht im Kanzleramt, das wäre zu auffällig, sondern im Wirtschaftsministerium, Eingang Scharnhorststraße.
 
Schröder
Leute, Leute, Ihr macht mir Sorgen...
 
Ackermann
Ich danke Ihnen, Herr Bundeskanzler, für Ihr Verständnis. Bis zum 16.
 
 
Ein weiteres Telefongespräch von Herrn Ackermann mit Frau Merkel folgt in der nächsten NRhZ-Ausgabe (PK)


Online-Flyer Nr. 291  vom 02.03.2011



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