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Aktueller Online-Flyer vom 10. Juni 2026  

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Globales
Die etablierten Medien ignorieren jene Menschen, die tatsächlich etwas bewirken
Unzureichend gewürdigte Helden des Jahres 2010
Von Johann Hari

Menschen, die tatsächlich etwas bewirken, bleiben im endlosen Geschnatter der etablierten Medien und bei der Jagd nach dem neuesten bedeutungslosen Nachrichtenschnipsel wie etwa "Lady Gagas Kleid aus Fleisch" auf der Strecke. Richten wir im Neuen Jahr den Blick auf ein paar Leute, die mehr Aufmerksamkeit unsererseits verdient hätten.
 

Die zu wenig gewürdigte Person
Nummer: 1 Bradley Manning
Quelle: wikimedia
Während wir alle wie gebannt auf Julian Assange blickten, blieb die Geschichte des jungen amerikanischen Soldaten, der die geheimen Dokumente an die Öffentlichkeit brachte, beinahe unbemerkt. Wenn Bradley Mannings überhaupt erwähnt wurde, dann wurde er als impulsiver, zorniger Kindskopf beschrieben, der die Dokumente auf eine CD lud und veröffent-lichen ließ, weil er sich unge- recht behandelt fühlte oder einen "Wutanfall“ hatte.
 
In Wirklichkeit geschah Folgendes: Manning ging im Alter von 18 Jahren zur Armee - in dem Glauben, er würde sein Land und die Sache der Freiheit beschützen und verteidigen. Bald fand er sich im Irak wieder, wo ihm befohlen wurde, Iraker zu verhaften und den neuen irakischen Verbündeten der Amerikaner zu übergeben, die sie, wie er selbst sehen konnte, mit elektrischen Bohrmaschinen und anderen Geräten folterten. Das einzige Verbrechen, das viele dieser Leute begangen hatten, war kluge Kritiken der Besatzung oder über die neuen Machthaber zu schreiben. Er wußte, dass Folter nach amerikanischem, irakischem und internationalem Recht ein Verbrechen ist. Also ging er zu seinem Vorgesetzten und legte ihm dar, was hier geschah. Ihm wurde befohlen, den Mund zu halten und sich wieder daran zu machen, Iraker zusammenzutreiben und zu verhaften.
 
Manning mußte wählen, ob er Komplize bei diesen Grausamkeiten sein wollte - oder nicht. Im Alter von 21 Jahren traf er die mutige Wahl, die Sache der Menschenrechte über seine eigenen Interessen zu stellen. Er gelangte an die geheimen Dokumente, die beweisen, daß die USA den Tod von 15.000 Irakern vertuschten und de facto eine Politik betrieben, die den Irakern, die sie an die Macht gebracht hatten, erlaubte zu foltern - und er entschied, daß er die moralische Verpflichtung hatte, sie dem amerikanischen Volk zugänglich zu machen.
 
Um das größere Verbrechen von Folter und Mord an Unschuldigen zu verhindern, beging er das geringere Verbrechen, die Beweise zu veröffentlichen. Er hat die vergangenen sieben Monate in Einzelhaft verbracht - eine Strafe, die viele Gefangene in den Wahnsinn treibt und die die Nationale Kommission der USA für Gefängnisse als "qualvoll“ bezeichnet. Man geht davon aus, daß er mit wenigstens 80 Jahren Haft bestraft werden wird. Die Leute, die Folter erlaubten und zuließen, wurden in keiner Weise bestraft. Mannings Entscheidung war kein "Wutanfall“ - es war eines der am meisten zu bewundernden Bekenntnisse für Gerechtigkeit und Freiheit im Jahr 2010.
 

Die zu wenig gewürdigte Person
Nummer 2: Ellen Johnson-Sirleaf.
Der einzige afrikanische Führer, der es mit einiger Regelmäßigkeit schafft, auf unseren Fernsehbildschirmen zu erscheinen, ist Robert Mugabe, der seine Botschaft von Fehlfunktion und Verzweiflung verbreitet. Wir hören nur selten von seinem Gegenpol.
 
Im Jahr 2005 packten sich die Frauen von Liberia ihre Kinder auf den Rücken und mobilisierten sich massenhaft, um für Afrikas erste jemals gewählte Präsidentin zu stimmen. Ellen Johnson-Sirleaf war Großmutter, 62 Jahre alt, als sie von den Diktatoren des Landes ins Gefängnis geworfen wurde, nur weil sie Demokratie forderte. Sie verließ das Gefängnis und fand sich in einem Land wieder, das in 14 Jahren Bürgerkrieg verwüstet und von Diktatoren geplündert worden war. Sie erklärte, daß sie letztendlich dafür sorgen würde, daß der liberianische Staat dem Willen seines Volkes gehorcht.
 
Einer riesigen Schar von Zynikern zum Trotz schaffte sie das. Sie stellte die Versorgung mit Elektrizität zum ersten Mal seit 1992 wieder her. Sie erhöhte die Zahl der Kinder, die die Schule besuchen, um 40 Prozent. Sie führte zum ersten Male Gefängnisstrafen für Vergewaltiger ein. Gegenwärtig wirbt sie für ihre Wiederwahl in einer transparenten und freien Wahl. Ich sehe diese Frau an und ich denke an all die Frauen, die ich auf den Straßen Afrikas mit unmöglich schwere Lasten auf dem Rücken gesehen habe - und ich weiß, was sie erreichen werden, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird.
 

Die zu wenig gewürdigte Person
Nummer 3: Senator Bernie Sanders.
Im Jahr 2010 wurde die Übernahme der amerikanischen Demokratie durch Konzerne und Superreiche beinahe vollständig. Kaum ein amerikanischer Politiker bewirbt sich um ein Amt, ohne bei den Reichen um reichliche Spenden für seinen Wahlkampf zu betteln. Wenn sie dann gewählt werden, ist anzunehmen, daß sie sich verpflichtet fühlen, auch den Interessen ihrer Spender zu dienen - und nicht denen von gewöhnlichen Amerikanern.
 
Die Ergebnisse dieses Verfahrens lassen sich überall beobachten. Mitten in der Rezession gab es Steuererleichterungen für Millionäre und Milliardäre - und Steuererhöhungen für die ärmsten Amerikaner. Bill Gates zahlt weniger als eine Familie, die in einer ungeheizten Wohnwagensiedlung lebt. Gleichzeitig macht Obama den Deal mit den Republikanern wasserdicht.
 
Aber ein amerikanischer Politiker bewies mehr als alle anderen, daß es immer noch eine andere, eine demokratische Art und Weise gibt, in Amerika Politik zu machen. Bernie Sanders wurde im Jahr 2006 mit 65 Prozent der Stimmen als unabhängiger sozialistischer Senator von Vermont in einem Wahlkampf gegen den reichsten Mann im Staat gewählt. Er gewann, indem er sich nicht den reichen Geldgebern andiente, sondern stattdessen die normalen Bürger mobilisierte, denen er versicherte, ihre Interessen gegen die Leute zu verteidigen, die die Bürger nur ausnehmen und hintergehen.
 
Er gewann sogar die konservativen Teile des Staates für sein von ihm selbst so bezeichnetes sozialistisches Programm, indem er seinen Wählern sagte: "Konservative Republikaner haben keine Krankenversicherung. Konservative Republikaner können es sich nicht leisten, ihre Kinder auf‘s College zu schicken. Konservative Republikaner werden aus ihren Jobs gefeuert, während unsere gut bezahlten Jobs nach China auswandern. Ihr braucht jemanden, der Euren wirtschaftlichen Wohlstand verteidigt. Schaut her, es ist zwar sicher, daß wir nicht in allen Punkten einer Meinung sein werden. Aber stimmt nicht gegen Eure eigenen Interessen. Es ist mir ziemlich egal, wenn Millionäre gegen mich stimmen. Das werden sie wahrscheinlich auch. Aber wir arbeitenden Leute sollten uns zusammentun.“
 
Anstelle des vorgetäuschten Populismus der Tea-Party hatte er echte Volksnähe zu bieten. Im Amt hielt er Wort. Er hat eine Krankenversicherung gefordert, die den Namen auch verdient, er hat versucht, die Kriege dieses Landes zu beenden, die nur neue Djihad-Krieger auf den Plan rufen, und er hat die Amerikaner inspiriert, indem er neun Stunden im Senat stand und versuchte, Obamas Ausverkauf seiner Prinzipien und seines eigenen Volkes zu verzögern. So sieht Demokratie aus.
 

An vierter Stelle der
Liste: die Frauen
Saudi-Arabiens.
Eine von ihnen ist
Wajiha al-Huwaider
Zu den zu wenig gewürdigten Personen gehören auch die Frauen Saudi Arabiens, die sich zur Wehr setzen. Frauen wie Wajiha al-Huwaider kämpfen gegen eine Tyrannei, die sie daran hindert, Auto zu fahren, ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen oder auch nur medizinische Behandlung zu erhalten, ohne daß ihr männlicher Hüter sein Einverständnis dazu erklärt. Die Straßen werden von schwarz gekleideten Männern überwacht, die dem Gesetz der Scharia Geltung verschaffen und Frauen, die ihren freien Willen in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringen, auspeitschen.
 
Saudische Frauen werden ebenso entsetzlich schlecht behandelt wie die Frauen im Iran - aber weil ihre Unterdrücker die Verbündeten unserer Regierung sind und nicht ihre Feinde, hört man so gut wie nichts über sie. Huwaider weist darauf hin, daß ihre Schwestern sich wehren und dafür geschlagen und ausgepeitscht werden, und sie fragt: "Warum bleibt der Aufschrei dieser Millionen Frauen ungehört, und warum antwortet niemand in der ganzen Welt darauf?“
 

Das Volk der N'avider Kalahandi kämpft
für seine Rechte
An fünfter Stelle dieser Liste sind die N‘avi zu nennen. Die Men- schen von Kalahandi in Indien sahen den Science-Fiction-Film des Regisseurs James Cameron "Avatar" und erkannten ihre eige- ne Geschich- te darin wieder: Das Land, in dem sie seit Jahrtausen- den friedlich gelebt hatten - und das ihnen heilig ist - wurde vor ihren Augen von einem westlichen Bergbauunternehmen na- mens Vedanta zerstört und verwüstet, das dort Bauxit abbaut und dessen Hauptanteilseigner in Mayfair lebt.
 
Sie protestierten vor Ort und appellierten an die internationale Solidarität. In der Folge wurden Versammlungen von Vedanta in London von Leuten belagert, die sich als N‘avi verkleidet hatten. Schließlich reagierte die indische Regierung auf den international koordinierten demokratischen Druck und stimmte der Feststellung zu, daß der Konzern "unter völliger Mißachtung der geltenden Gesetze" agiert habe. So gewannen die echten N‘avi ihren Kampf und retteten ihr Land.
 
Im Jahr 2011 könnten wir alle etwas gewinnen, indem wir das schrill und hohl tönende Infotainment-Geschepper abstellen und stattdessen mehr echte Nachrichten über Menschen wie die oben beschriebenen hören. Vielleicht würden wir uns dann dafür entscheiden, ein wenig mehr so wie sie zu sein… (PK)
 
 
Diesen Beitrag haben wir mit Dank von der Webseite von Johann Hari http://www.johannhari.com/2010/12/24/lets-hear-it-for-the-under-appreciated-heroes-of-2010 übernommen. Die Übersetzung erschien auf  http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=3296 Die hat Hergen Matussik gemacht.


Online-Flyer Nr. 284  vom 12.01.2011



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