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Lokales
Gedanken über die Idee von Gemeinschaft bei den Emmaus-Brüdern
Raus aus der Perspektivlosigkeit!
Von Brigitte Hoßfeld

Ist inzwischen derjenige privilegiert, der sich einen vollen Kühlschrank leisten kann, der in der Lage ist, seine Medikamente selbst zu zahlen, ohne schlechtes Gewissen Geld für den Kino- oder Theaterbesuch zur Verfügung hat? Solche Fragen - die sich eigentlich alle stellen sollten - stellt Brigitte Hoßfeld von den Emmaus-Brüdern aus Köln. Sie verweisen auf die Ursachen eines gesellschaftlichen Desasters, aus dem die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn entsteht. Und sie haben ihr eigenes Überlebensmodell. Die Redaktion.

Während die Eröffnungen der Vergnügungs- und Einkaufspaläste mit viel Pomp für ausgesucht betuchte Menschen zelebriert werden, haben immer mehr Menschen Mangel am Lebensnotwendigen. Wie kann es sein, dass eine Gesellschaft mit immer mehr Millionären einerseits (fast 10.000 allein in Köln) und immer mehr Armen (mindestens 90.000 in Köln) derart auseinander klafft? Wie kann es sein, dass - neben dem Verlust der Arbeit - der Umstand, mehrere Kinder zu haben, fast schon den sicheren Weg in die Verarmung  bedeutet? Welches Menschenbild bildet sich heraus, wenn wir hinnehmen, dass immer mehr Menschen – selbst wenn sie Arbeit haben – nicht von ihrem Einkommen leben können?


Brigitte Hoßfeld: Lernen, sich einzumischen
Wie können wir hinnehmen, dass Menschen ohne Arbeit als nutzlose, kriminelle, gerade noch geduldete Elemente, als Kostenfaktoren in unserer Gesellschaft betrachtet werden? Eine Gesellschaft, die so sehr das Interesse an den Ausgegrenzten verloren hat, wie die westlichen Zivilisationen, muss sich nicht wundern, wenn der soziale Friede bereits nachhaltig gestört ist.

Müssen wir immer nur von Arbeitgeberverbänden – den eigentlichen Machthabern in unserer Gesellschaft – zur Kenntnis gebracht bekommen, dass Jugendliche bessere Bildung und Kenntnisse für ihr zukünftiges Arbeitsleben brauchen? Denken sie dabei auch an ein selbstbewusstes, möglichst selbstbestimmtes Leben der arbeitenden Bevölkerung, an ein Mindestmass an Standards für ein menschenwürdiges Leben?

Wir befürchten dass uns auf diese und andere Fragen die Entscheidungsträger in der Politik auch weiterhin die Antwort schuldig bleiben werden. Wir denken, dass bei einer auseinandergebrochenen Gesellschaft die Solidarisierung der Ausgegrenzten von unten her der einzige Weg zu einem menschenwürdigen Leben sein wird, dass die Ausgegrenzten selbst die Antworten suchen müssen und auch finden werden.

Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft im Übergang, in der Auflösung, und es sind deshalb unsichere Zeiten für immer mehr Menschen, vor allem für die an den Rand Gedrängten. Aber auch der bisher gesättigte und gesicherte Mittelstand ist bereits gefährdet. Wie oft hören wir bei unseren Aktivitäten in der Obdachlosenszene oder während des Verkaufs in unserem Secondhand-Markt Geschichten von Menschen, die vormals alle Kriterien des „Bürgerstatus“ erfüllten und nun durch Arbeitslosigkeit, Überschuldung und persönliche Krisen alles verloren haben, auch ihr Gesicht, ihre Würde, ihr Menschsein.

Denn Menschsein und Bürgerstatus definieren sich heutzutage über den beruflichen und persönlichen Erfolg, über die Fähigkeit, sich flexibel und permanent dem Gewinnmaximierungsmodell unterzuordnen. Angesagt sind heutzutage absolut gespitzte Ellenbogen, um die eigenen und eben nur die eigenen Interessen durchzusetzen, Profitdenken ausschließlich zum eigenen und sofortigen Vorteil, ohne die Interessen des anderen zu beachten. Und wozu das Ganze?


Deutschland braucht den Mindestlohn...

Der auf das Gemeinwohl der Bürger verpflichtete Nationalstaat scheint in der Auflösung, ist Spielball der multinationalen Konzerne, ist in den letzten Jahren vom Garanten für eine soziale Marktwirtschaft hin zum Propagandisten einer Freien Marktwirtschaft mutiert. Und natürlich erliegen unsere Entscheidungsträger immer mehr den sogenannten „Sachzwängen“ dieser Ökonomie.

Doch was hat dies alles mit uns Emmaus-Leuten zu tun?

Wir sind eine internationale Bewegung und haben bei unseren internationalen Treffen diese Trends schon vor 10 bis 15 Jahren vorausgesehen und neben der gesellschaftspolitischen Einflussnahme für die Interessen der sogenannten „untersten Schichten“ auch das „Prinzip Gemeinschaft“ weiterentwickelt. Vor allem haben wir dies von unseren Freunden aus der „Dritten-Welt“ gelernt, denn dort hat sich ein Staatswesen noch nie für die Belange der Armen interessiert, geschweige eingesetzt. Selbsthilfe von unten her war und ist dort schon immer keine politisch-philosophische Attitüde sondern Mittel zum menschenwürdigen Leben gewesen.

Für uns, die wir weitgehend auch die konsequente Selbsthilfe im Programm haben, zeigt sich seit ein paar Jahren folgendes: Wenn wir vielleicht am Anfang unserer Arbeit belächelt wurden als Menschen. die mit Altmaterial handeln, die auch noch als Sozialromantiker in „Kommunen“ leben, so wissen wir heute, dass unser Modell Gemeinschaft eine sozialpolitische Antwort mit Zukunft sein kann. Auch und gerade Menschen am Rande der Gesellschaft müssen wieder lernen, sich einzumischen. Inzwischen müssen wir auch hier wie in der „Dritten-Welt“ schmerzhaft lernen, unser Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Denn wer sollte sich schon um die Menschen am Rande wirklich kümmern, wenn nicht sie selbst? Unser Leben und unsere Arbeit führen immer wieder zu Überlegungen, welchen „gesellschaftspolitischen“ Nutzen denn unsere Idee von Gemeinschaft hat.


...zur Verhinderung weiterer Armut.
Fotos: arbeiterfotografie


Unser „Prinzip Gemeinschaft“ bedeutet eine weitgehende und selbstgewollte wirtschaftliche Autonomie, mit Verantwortung für sich selbst und immer auch für den Anderen, die Einmischung auf allen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Ebenen mit dem Ziel, eine menschenwürdige Existenz und ein bewusstes Kontrastprogramm in der individualistischen Gesellschaft zu ermöglichen. Hier handelt es sich vor allem um Menschen, die sich nicht angewidert zurückziehen, sondern zeigen und erklären: „Wir sind eine Gemeinschaft, in der wir anders miteinander umgehen“. Die Achtung und der Respekt vor Mitmenschen haben nichts zu tun mit Naivität, sondern vielmehr mit Mut und Tapferkeit in einer Welt von Macht, Gewalt, Desorientierung und Auflösung.

Mit dem Zitat eines Ausgegrenzten, für die Gesellschaft nutzlos Gewordenen aus dem deutschen Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ möchte ich diesen Text schließen: „Ei was“, sagte der Esel „zieh lieber mit uns fort, etwas Besseres als den Tod findest du überall, du hast eine gute Stimme, und wenn wir etwas gemeinsam musizieren, so muss es schon eine Art haben“. Nach Bremen zu ziehen oder in der Musik sein Auskommen zu finden, scheint in der jetzigen gesellschaftlichen Situation natürlich nicht das Allheilmittel zu sein, scheint aber die Sinne zu schärfen für gemeinsame Anstrengungen von unten her. Auszugehen von den Verarmten, von den in der Gesellschaft Nutzlosen, wird in Zukunft ein Weg aus der Perspektivlosigkeit sein. (PK)

 



Online-Flyer Nr. 149  vom 05.06.2008



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