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Aktueller Online-Flyer vom 17. Juni 2026  

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Lokales
„Reclaim the streets" – holt Euch die Straße zurück!
„Irre Randale auf den Ringen“
Von Lena Buderath

„Unser Stadt soll sauber sein“, Menschen sollen doch am besten zuhause bleiben, im Fernsehn die Welt sehn“, wenn sie raus gehen blind, taub und am Liebsten auch noch stumm durch die Straßen hetzen. Wenn sie das tun, nicht nach links, nicht nach rechts sehen – vielleicht auf den Boden schauen, bunter Leuchtreklame folgend konsumieren, keine Fragen stellen, alles hinnehmen, kaufen und brav sein, ein gesittetes Leben führen, arbeiten und dann heimgehen: schlafen…

Es ist nicht gern gesehen, dass Leute sich auf der Straße treffen, dass sie womöglich dort leben, dass sie sich frei fühlen und es anders machen als das gemeine Gutbürgertum. Nein, ein Leben soll sich doch bitte innerhalb von vier Mauern abspielen, es sei denn es kommt dem kapitalistischen, profitgeilen Sinne von Stadt und Staat zugute. Kultur gibt es in gut situierten, ausgewählten Räumen, für TouristInnen und Menschen „gehobener Klasse“. Einige StraßenkünstlerInnen werden geduldet, wenn sie die shoppenden, sight-seenden PassantInnen unterhalten – das zeugt davon, wie offen und bunt es hier in Köln ist.

Doch längst nicht jeder Mensch lässt sich von Gesetzen und festgefahrenen gesellschaftlichen Regeln einschüchtern und einschränken. Am letzten Samstag bewiesen weit mehr als 1.000 KölnerInnen, aber auch MitstreiterInnen aus der Umgebung, dass ihr Zuhause über die eigenen vier Wände hinausgeht, dass es in einem Leben ohne permanente Lenkung so viel mehr zu entdecken gibt und dass man genau für diese Wünsche nach Freiheit und Selbstbestimmtheit laut werden muss.




Ja, es war laut! „Reclaim the streets!“ – gemeinsam die Straße zurückerobern – war das Ziel der riesigen, bewusst unangemeldeten, sozialkritischen Straßenparty, die auf dem Ring zwischen Rudolph- und Friesenplatz stieg. „Reclaim the streets!“ ist ein Phänomen des Widerstands, das schon seit vielen Jahren an verschiedensten Orten, aus unterschiedlichen Anliegen heraus, „stadtfindet“. Unter diesem Leitfaden versammeln sich immer wieder aktive Menschen mit linker und kritischer Gesinnung, die ihre Überzeugungen in aller Öffentlichkeit kundtun. Es geht darum, sich den ökonomischen und gesellschaftlichen Regeln, die das Individuum einschränken und es unmöglich machen, sich frei zu entfalten, zu widersetzen. Der einengende Rahmen soll gesprengt werden, in Köln passierte das in Form einer bombastischen Party, an der sich jedes Individuum aktiv und kreativ beteiligen konnte.



Die Feierwütigen schafften sich ihren Freiraum, indem sie den Ring blockierten, das heißt ihr Wohnzimmer auf die Straße stellten, Bälle auspackten und spielten, es wurden mächtig laute Soundsystems mitgebracht und wild getanzt, performt. Die einen grillten, die anderen spannten Seile über die Kreuzung am Rudolfplatz, um irre Seiltänze aufzuführen. Mancher Jongleur und Feuerspucker tingelte durch die bunt gemischte Meute, auch eine Draht-Esel-Crew mit extrem lautem Drum’n’Bass im Gepäck schlängelte sich immer wieder durch die Menge, radelte aber auch außerhalb der Party durch die Straßen.

Auch eine wilde Truppe der Clowns-Armee war unterwegs und mischte kräftig mit. Die Fahrbahn und Gegenstände des städtischen Raums wurden mit politischen Stickern beklebt, mit bunten Blümchen bepflanzt, mit Kreide – aber auch mit nicht abwaschbaren Farben – bemalt sowie mit Parolen und Botschaften beschrieben. So wurden graue Fassaden verschönert – hoffentlich bleibt der eine oder andere Blick dran kleben. Vielleicht hält ja ein gestresster Manager oder ein besoffener Touri inne und denkt einmal drüber nach?




Das Prinzip der Aktion, dass JedeR sich den Freiraum für seine oder ihre Anliegen und Bedürfnisse nimmt, hat natürlich zur Folge, dass unterschiedlichste Menschen für ihre persönlichen Ziele – die oft so unterschiedlich aussehen – kämpfen. Das stiftet Verwirrung. Während „normale“ Demos von BürgerInnen, der Politik und den Medien kaum noch wahrgenommen werden, irritiert diese Form von Protest die Beobachtenden – das ist wohl positiv zu bewerten – dem Ganzen wurde immerhin eine Menge Aufmerksamkeit geschenkt. Doch so ganz wusste niemand, was „da überhaupt passiert“, „was die wollen“ und „warum“. Weder die Passanten noch die Polizei hatte einen blassen Schimmer.


Ein junger Mann kann es sich nicht verkneifen mit einem Lächeln auf den Lippen die Polizei zu verhöhnen. Ääähh – zu beschallen – Verzeihung...

Trotz der Flyer, der Kommunikation übers Internet und der Mund zu Mund Propaganda, trotz vieler Plakate, die in der ganzen Stadt aushingen, waren die „Freunde und Helfer“ nicht auf das Geschehen vorbereitet. Nachdem nachmittags gegen 18 Uhr die ersten AktivistInnen den Ring dicht gemacht hatten, rückten einige Streifen – wahrscheinlich von besorgten Anwohnern bestellt – an. Es folgten Hundertschaften, denn auch die ausgelassen feiernden Freigeister wurden mehr und mehr. Grün-Weiß griff nicht ein, in Ketten aufgereiht oder patrouillierend ließen sie die friedliche Masse gewähren.

Zwischenfälle gab es kaum. Ein junger Mann wurde festgenommen – laut eigener Aussage ohne jeglichen Grund. Es gab mehrere Verwarnungen, die sich an einzelne AktivistInnen richteten, Personalien wurden aufgenommen. Als am späten Abend ein kleines Lagerfeuer entfacht wurde, versuchte zunächst die Polizei mit Feuerlöschern dagegen vorzugehen. Als sie ihr Vorhaben nicht durchsetzen konnte, da das Feuer immer wieder angezündet wurde und die Feuerlöscher bis auf eine riesige stinkende Rauchwolke nichts ausrichteten, riefen sie die Feuerwehr zur Hilfe. Es stellten sich einige Menschen in den Weg und es kam zu Rangeleien. Die Feuerwehr-Männchen spülten Aufmüpfige samt Lagerfeuer von der Straße. So wurde dann nach einigen Anlaufschwierigkeiten der Wille der Staatsgewalt doch noch durchgesetzt und Recht und Ordnung wieder hergestellt.



Die Polit-Party zog sich bis nach 1 Uhr morgens hin. Es wurde ausgelassen gefeiert, dann gab die Polizei irgendwann auf, machte die Straße frei und sammelte sich vor der „Klapsmühle“. Für die AktivistInnen fühlte sich das nach „gewonnen“ an, doch war der Polizei sicherlich klar, dass sich das Treiben erst auflösen wird, wenn sie gehen. So geschah es dann auch, nach und nach zerstreute sich die Ansammlung in alle Richtungen.

 
Alle Fotos: Paul Pack
Im Nachhinein wird gegen alle Beteiligten ein Strafverfahren wegen „Landfriedensbruch und dem Verstoß gegen das Versammlungs- gesetz“ eingeleitet. Doch das dient wohl mehr der Außenwirkung und zur Beruhigung der aufgebrachten Bürger. Es soll noch einmal verdeutlicht werden „dass man sich nicht auf der Nase rumtanzen lässt“.

Die Medien-Berichte fielen sehr unterschiedlich aus. „Irre Randale auf den Ringen“ hieß es zum Beispiel im Express, andere schienen jedoch mit den „Irren“ zu sympathisieren. Dann bleibt nur noch die Frage, ob man überhaupt will, dass die BeobachterInnen – die wohl nichts bis wenig verstanden haben – sich über die „friedlich für den Weltfrieden feiernde Jugend“ freut. (CH)

  


Online-Flyer Nr. 143  vom 23.04.2008



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