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Arbeit und Soziales
Armut und soziale Ausgrenzung
Ungleichheit höchst erfreulich?
Von Hans-Dieter Hey
Dieser Satz stammt vom erzliberalen und marktradikalen Hardliner F. A. von Hayek (1899-1992), auf den sich nicht nur Liberale beziehen. Und das hört sich deutlich anders an, als sich das die Erfinder der „Sozialen Marktwirtschaft" noch gewünscht hatten. Einer von ihnen, Alfred Müller-Armack (1901-1978): „Ohne Zweifel führt die marktwirtschaftliche Einkommensbildung zu Einkommensverschiedenheiten, die uns sozial unerwünscht scheinen." Er sollte heute Recht bekommen. Längst schon ist Schluss mit der von Ludwig Erhard (1898-1977) propagierten Idee vom „Wohlstand für alle".
Gewinne zu Lasten der werktätigen Menschen
Die sozialen Verwerfungen durch zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und der Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts haben diese Erz-Liberalen, zu denen auch Milton Friedman und andere danach gehören, bis heute ignoriert – sicher nicht ohne Eigeninteresse. Wir alle haben immerhin seit 25 Jahren die Erfahrung machen müssen, dass hohe Gewinne nicht unbedingt zu Arbeitsplätzen führen, sondern dass sie erst durch ihre Abschaffung, durch Arbeitsverdichtung oder durch die Zunahme von Hungerlöhnen angehäuft wurden. Und wenn Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) vor den Neuwahlen im Jahr 2009 von Vollbeschäftigung träumen, kann dies nur noch auf der Basis von Hungerlöhnen entstehen. Und Versprechen dieser Art halten überdies erfahrungsgemäß nur bis kurz nach der Wahl.
Wir sehen auch, dass die von den Werktätigen erwirtschafteten Gewinne als vagabundierendes Kapital sinnlos im undurchdringlichen Finanzdickicht der Globalisierung verschwindet, ohne nur den geringsten Beitrag für die Entwicklung eines Landes zu leisten und ausschließlich zum Füllen der Portefeuilles weniger Reicher.
Spaltung in der Gesellschaft nimmt zu
Und wir wissen zudem, dass deshalb überall in der Welt die Spaltung der Gesellschaften zunimmt. Alles Tatsachen, die der Neoliberalismus bisher völlig leugnet. Joseph Stiglitz, ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank und sozialistischer Umtriebe völlig unverdächtig, musste unlängst zugeben, dass „ im Gegensatz zu den euphorischen Versprechen der Freihandelsdenker die entsprechende Deregulierung und Marktöffnung nicht zu mehr Wohlstand geführt hat." Inzwischen gibt es an verschiedenen Orten der Welt Hungerrevolten.
In Deutschland wurde die massive soziale Spaltung besonders durch die damalige rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer als „Agenda 2010" und „Hartz IV" in Gang gesetzt und anschließend durch Schwarz-Rot fortgesetzt. Die Einführung deutlich zu niedriger Regelsätze beim Arbeitslosengeld II wurde damals und wird noch heute damit begründet, dass „nur so ein Gewöhnungsprozess an Sozialleistungen verhindert werden könne." Doch dass diese Argumentation weder wissenschaftlich noch empirisch bestätigt ist, interessiert weder Politik noch Mainstream-Medien oder BILD-Zeitung.
Nach wie vor sinken die Löhne, Teilzeitsektor und Zeitarbeit nehmen weiter zu. Vom ehemaligen Recht auf eine kulturell-soziale Unterstützung sinken wir immer mehr hin zur Existenzsicherung auf allerniedrigstem Niveau – unter Aufgabe der angeblich so unantastbaren Menschenwürde im Grundgesetz.
Dass die Politik ganz offensichtlich trotz der Probleme keinen Handlungsbedarf hat, weist auf eine politisch gewollte Spaltung der Gesellschaft hin – im Sinne des Kapitals. Unbeirrt dürfte deshalb weiter gemacht und die abhängigen Menschen ohne nennenswerten Widerstand zur Schlachtbank geführt werden.
Veränderung, aber wie?
Die zunehmende Schieflage in der Gesellschaft wird umfangreich in einem neuen Buch mit dem bemerkenswerten Titel „Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung" beschrieben. Zitate in dieser Kommentierung entstammen sämtlich aus diesem Buch. Gern wird zugegeben, dass Zitierweise und
Bewertung eine persönliche des Rezensenten ist und keine Rückschlüsse auf den Tenor des Buches zuläßt.
Das Handbuch will deutlich machen, dass Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung im gesellschaftlichen Kontext entstanden und dass sie deshalb politisch und gesellschaftlich veränderbar sind. Dabei beinhaltet es nicht nur die materielle Verteilung in unserer Gesellschaft, sondern will die gesamte Dimension menschlicher Lebenslagen in Deutschland mit einbeziehen.
Ob aber dieser erforderliche Wandel innerhalb eines neoliberalen Wirtschaftssystems überhaupt möglich ist, indem sich Marktradikalismus und Sozialstaat so diametral widersprechen, beantwortet das Buch indessen unzureichend. (HDH)
Huster/Boeckh/Mogge - Grothjahn (Hrsg.): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, VS-Verlag Wiesbaden, 1. Auflage 2008, 623 Seiten, 49,90 Euro
Inhalt:
- Armut und soziale Ausgrenzung
- Theorien der Armut
- Geschichte der Armut und sozialen Ausgrenzung
- Armut und soziale Ausgrenzung: Gesellschaftliche Prozesse und Lebenslagen
- Bewältigungsstrategien bei Armut und sozialer Ausgrenzung
Online-Flyer Nr. 141 vom 09.04.2008
Armut und soziale Ausgrenzung
Ungleichheit höchst erfreulich?
Von Hans-Dieter Hey
Dieser Satz stammt vom erzliberalen und marktradikalen Hardliner F. A. von Hayek (1899-1992), auf den sich nicht nur Liberale beziehen. Und das hört sich deutlich anders an, als sich das die Erfinder der „Sozialen Marktwirtschaft" noch gewünscht hatten. Einer von ihnen, Alfred Müller-Armack (1901-1978): „Ohne Zweifel führt die marktwirtschaftliche Einkommensbildung zu Einkommensverschiedenheiten, die uns sozial unerwünscht scheinen." Er sollte heute Recht bekommen. Längst schon ist Schluss mit der von Ludwig Erhard (1898-1977) propagierten Idee vom „Wohlstand für alle".
Gewinne zu Lasten der werktätigen Menschen
Die sozialen Verwerfungen durch zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und der Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts haben diese Erz-Liberalen, zu denen auch Milton Friedman und andere danach gehören, bis heute ignoriert – sicher nicht ohne Eigeninteresse. Wir alle haben immerhin seit 25 Jahren die Erfahrung machen müssen, dass hohe Gewinne nicht unbedingt zu Arbeitsplätzen führen, sondern dass sie erst durch ihre Abschaffung, durch Arbeitsverdichtung oder durch die Zunahme von Hungerlöhnen angehäuft wurden. Und wenn Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) vor den Neuwahlen im Jahr 2009 von Vollbeschäftigung träumen, kann dies nur noch auf der Basis von Hungerlöhnen entstehen. Und Versprechen dieser Art halten überdies erfahrungsgemäß nur bis kurz nach der Wahl.
Wir sehen auch, dass die von den Werktätigen erwirtschafteten Gewinne als vagabundierendes Kapital sinnlos im undurchdringlichen Finanzdickicht der Globalisierung verschwindet, ohne nur den geringsten Beitrag für die Entwicklung eines Landes zu leisten und ausschließlich zum Füllen der Portefeuilles weniger Reicher.
Spaltung in der Gesellschaft nimmt zu
Und wir wissen zudem, dass deshalb überall in der Welt die Spaltung der Gesellschaften zunimmt. Alles Tatsachen, die der Neoliberalismus bisher völlig leugnet. Joseph Stiglitz, ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank und sozialistischer Umtriebe völlig unverdächtig, musste unlängst zugeben, dass „ im Gegensatz zu den euphorischen Versprechen der Freihandelsdenker die entsprechende Deregulierung und Marktöffnung nicht zu mehr Wohlstand geführt hat." Inzwischen gibt es an verschiedenen Orten der Welt Hungerrevolten.
In Deutschland wurde die massive soziale Spaltung besonders durch die damalige rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer als „Agenda 2010" und „Hartz IV" in Gang gesetzt und anschließend durch Schwarz-Rot fortgesetzt. Die Einführung deutlich zu niedriger Regelsätze beim Arbeitslosengeld II wurde damals und wird noch heute damit begründet, dass „nur so ein Gewöhnungsprozess an Sozialleistungen verhindert werden könne." Doch dass diese Argumentation weder wissenschaftlich noch empirisch bestätigt ist, interessiert weder Politik noch Mainstream-Medien oder BILD-Zeitung.
Nach wie vor sinken die Löhne, Teilzeitsektor und Zeitarbeit nehmen weiter zu. Vom ehemaligen Recht auf eine kulturell-soziale Unterstützung sinken wir immer mehr hin zur Existenzsicherung auf allerniedrigstem Niveau – unter Aufgabe der angeblich so unantastbaren Menschenwürde im Grundgesetz.
Dass die Politik ganz offensichtlich trotz der Probleme keinen Handlungsbedarf hat, weist auf eine politisch gewollte Spaltung der Gesellschaft hin – im Sinne des Kapitals. Unbeirrt dürfte deshalb weiter gemacht und die abhängigen Menschen ohne nennenswerten Widerstand zur Schlachtbank geführt werden.
Veränderung, aber wie?
Die zunehmende Schieflage in der Gesellschaft wird umfangreich in einem neuen Buch mit dem bemerkenswerten Titel „Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung" beschrieben. Zitate in dieser Kommentierung entstammen sämtlich aus diesem Buch. Gern wird zugegeben, dass Zitierweise und
Bewertung eine persönliche des Rezensenten ist und keine Rückschlüsse auf den Tenor des Buches zuläßt.
Das Handbuch will deutlich machen, dass Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung im gesellschaftlichen Kontext entstanden und dass sie deshalb politisch und gesellschaftlich veränderbar sind. Dabei beinhaltet es nicht nur die materielle Verteilung in unserer Gesellschaft, sondern will die gesamte Dimension menschlicher Lebenslagen in Deutschland mit einbeziehen.
Ob aber dieser erforderliche Wandel innerhalb eines neoliberalen Wirtschaftssystems überhaupt möglich ist, indem sich Marktradikalismus und Sozialstaat so diametral widersprechen, beantwortet das Buch indessen unzureichend. (HDH)

Inhalt:
- Armut und soziale Ausgrenzung
- Theorien der Armut
- Geschichte der Armut und sozialen Ausgrenzung
- Armut und soziale Ausgrenzung: Gesellschaftliche Prozesse und Lebenslagen
- Bewältigungsstrategien bei Armut und sozialer Ausgrenzung
Online-Flyer Nr. 141 vom 09.04.2008















