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Inland
Götz Alys Parallelisierung von 1933 und 1968:
Ein Binsenirrtum!
Von Peter Grottian, Wolf-Dieter Narr und Roland Roth
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Professor Peter Grottian auf einer Protestveranstaltung der WASG vor
der Mainzer Staatskanzlei | Foto: H.-D. Hey, arbeiterfotografie.com
In einem Artikel zum 30. Januar 2008 versuchte der Historiker Götz Aly die Parallelen zwischen den „33ern“ und den „68ern“ herauszuarbeiten, „die zwischen den politischen Sturm- und Drang-Jahren der unmittelbar aufeinander folgenden Generationskohorten bestehen.“
„Bei allen Ähnlichkeiten politischer Ausdruckformen und zum Teil hochschulpolitischen Zielen“, so resümiert Götz Aly gegen Ende seines Pamphlets „Die Väter der 68er“, „liegt der wesentliche Unterschied zwischen den 33ern und den 68ern auf der Hand: Die Revolte der einen führte rasch zur Macht, zu furchterregenden Karrieren und Konsequenzen; die der anderen endete ebenso rasch in der Niederlage, zumindest in der Zersplitterung.“ „Der Tragödie von 1933“ sei die „Farce“ ´der 68er´ gefolgt; „eine Variante des politisch eindimensionalen Utopismus, auf dessen Trümmern sie groß geworden“ seien.
Grotesker Mangel historischer Wahrnehmung!
Welch ein grotesker Mangel historischer Wahrnehmung! Und das von einem von uns in seinen wichtigen Werken sympathetisch-kritisch begleiteten Politikwissenschaftler und Historiker. Diese Werke galten vor allem der Rolle junger Intellektueller, die die nazibewegte Herrschaft als Doppelchance ungewöhnlich raschen eigenen Karriereschubs und angewandter Planabstraktionen in menschengemordetfreien Räumen ergriffen, den riesigen „Osten“ arischdeutsch herrschaftszurichten. Und viele dieser Intellektuellen, so Götz Aly, akkommodierten sich wunderbar, um die bundesdeutsche Restauration nach 1949 kapitalistisch-demokratisch unter stabilen Kalten-Kriegsbedingungen fortzusetzen.
Gedankenblitzloses Donnerrollen
Und dieser Götz Aly, der den Blick für das Menschen kollektiv ausrottende Herrschaftskalkül der Nazis und ihrer Praxis der „Endlösung der Judenfrage“ schärfte wie für den Legtimationskitt nationalsozialistischer Sozialpolitik, setzt nun den Anfang der Naziherrschaft und ihren Verlauf mit der Studentenbewegung seit 1967 analog. Verbales, gedankenblitzloses Donnerrollen dieser Art war schon zuvor zu vernehmen.
Welch ein von dieser Seite nicht erwarteter Mangel an politisch-humanem Augenmaß, dem Sinn für Proportionen, Kontextbedingungen, Ursachen und Wirkungen nämlich. Wie kann man im Jahre 2008 die Ursachen, die Verlaufsmuster und die Wirkungen der NS-Herrschaft derart verniedlichen, dass man sie mit der „68er Bewegung“ auf der gleichen Höhe misst? Wie kann man die Erinnerung an die Naziherrschaft und die nach wie vor lernradikal unzureichend, es sei denn gedenkgeschwätzig gezogenen Folgen, so mißbrauchen, um damit „die Studentenbewegung“ und ihre längst etabliert und altersrunzelig gewordenen< Angehörigen (wie auch sich selbst) ´zu geißeln´?
Ein besonderer Diskriminierungstupfer
Dazu gehört als besonderer Aly-Diskriminierungstupfer, Kurt-Georg Kiesinger, den Beate-Klarsfeld-Geschlagenen, sogleich mehrfach als Gewährsmann zu zitieren. Er habe die Studentenbewegung in angemessener Perspektive gesehen. Selbst als nur provozierender Schlenker, eine nicht nachsichtig zu überdeckende Torheit! Götz Aly rechtfertigt damit die bundesdeutsche „Vergangenheitspolitik, die „braune, geradezu tiefbraune“ (Adenauer) Personen wie Globke, Flick und Parteigenossen Kiesinger zu den Repräsentanten der neuen Demokratie erhob. Das ist der größte Einwand gegen Alys Parallelisiererei von sogenannten Generationenprojekten (welcher Wirrsinn schon im modischen Ausdruck selber!). Die missbrauchsklaffende Historisierung der NS-Zeit zugunsten eines nazistischen Zerrspiegels, in dem die Studentenbewegung der 60er Jahre betrachtet wird.

Altnazi Kiesinger – von Beate Klarsfeld geohrfeigt
Quelle: www.workpage.de
Die „68er“ waren, wohlgemerkt, eine „Bewegung“ von Studenten dann auch der Lehrlinge und anderer Gruppen bis vor allem zu den Frauen. Von ihr haben sich viele treiben lassen. Um rasch ans Ufer restriktiv-braver bundesdeutscher Normalität zu erklimmen; aber auch, um das anzustoßen, was sich in den 70er und 80er Jahren als Neue Soziale Bewegungen entwickelte.

Wolf Dieter Narr – Komitee für Grundrechte und
Demokratie | Foto: KGD
Perverser Erkenntnisgewinn
Der Erkenntnisgewinn der Aly-Parallelen besteht ausnahmsweise exklusiv darin, mehrfach zu verblenden und blind zu machen. Er macht blind dafür, was die Knobelbecherbewegung stark machte. Er macht blind für das, was von der Studentenbewegung wert ist, die selbst und gerade in den ´Gebeinen´ Alys steckt, erinnernd weitergetragen zu werden. Das gilt gerade wenn einem nichts fremder ist, als altersrühselig bewegte Lieder vergangener Sit-in-Zeiten zu singen und, in geerbtem Eifer nacherrötend, dem virtuellen Wurf auf Ordinarien gerichteter Eier zu folgen. Der perverse Erkenntnisgewinn Alys besteht schließlich darin, die BRD als „durchaus reformfähige Mehrheitsgesellschaft“, wie sie leibt und lebt, pauschal zu rechtfertigen. Wie sie Asyl Suchende abwehrt, in Lager sperrt, abschiebt, am besten vor den Toren der EU konzentriert. Wie sie Hartz IV zur Reformagenda erhebt und stolz Arme mit Tafeln und Suppenküchen innovativ abfüttert. Das also ist aus Adornos Postulat geworden, das trotz massiven Differenzen uns seinerzeit fast alle verbunden hat: es gelte eine Bundesrepublik und ein Europa zu schaffen, in dem es keine menschenverachtenden politischen Praktiken mehr gäbe. Uff – fallen wir nicht schon ins tiefste Aly-Loch: „Systemkritik“. Und enthüllen uns also naziparallel?!
Kontext: Müssen wir ausführen, dass die Zeit nach 1919, nach Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Ermordung, den überschatteten Anfängen der Weimarer Republik über die Weltwirtschaftskrise und die peinigend mobilisiernde Arbeits- und Perspektivlosigkeit eine Differenz ums Ganze zur Zeit der vollbeschäftigten 60er Jahre darstellte mit ihrer autoritärliberalen Herrschaft auf Zeit (Th. Heuss), eine Zeit voller Berufsaussichten? Sie erklären erst das Selbstbewusstsein eines Teils der Studentenbewegung mit. Darum errangen die Nazis fast die Mehrheit. Darum wurden die kritisch fordernden Studierenden als verschwindende Minderheit diskriminierend, als langhaarige Feinde nicht allein springerpresserisch in die Enge getrieben.
Dutschke und Goebbels als eineiige Zwillinge
„Bewegung“. Ein Glück, dass Jüngere nicht nur so leistungszwangsozalisiert werden wie heute. Damit die Äpfel nah am herrschenden Stamm fallen. Gewiss: „Bewegungen“, sozial rasch fließende, mit tragende und ausufernde Wassergüsse bergen Gefahren. Solche wurden rund um 1968 kund. Manche indezente Selbstüberschätzung, individualisierte Gewalt und persönliche „Schweinejagden“ gehören dazu. Als seien die politisch sprachfähigen Studierenden, eine Avantgarde, die neue Kraft, die hämmere jung, das alte, kleinbürgerliche Ding den bundesdeutschen Staat. Rudi Dutschkes isoliert herausgegriffene „Machtfrage“ mit der von den Nazis massenfest demonstrierten auf eine Ebene zu stellen – erneut: welch ein Mangel an Augenmaß, Dutschke und Goebbels als eineiige Zwillinge zu behandeln, muss den bundesverdienstbekreuzten Götz Aly getrieben haben?
Die wieder etwas gewordene Nach45er Gesellschaft fühlte sich durch die Studierenden herausgefordert. Eine „Gefahr für die Republik“ („das System“) bestand keine Sekunde. Das innere Feinde entdeckende Berufverbot vom Januar 1972 war Ausdruck der reformfeindlichen Mehrheit.
„Utopismus“. Die Blubo (= „Blut und Boden“)-Regression der Nazis mit ihren Mordtaten in einem Zug mit den gesellschaftswandlerischen Vorstellungen der Studierenden in ihrer Minderheit zu nennen -, das ist seinerseits regressiv. Die Parole „Bildung ist Bürgerrecht“ (Dahrendorf) zu vertreten, Demokratisierung quer durch alle Institutionen zu verlangen, Humboldts, auf das Selbstdenken der Person gerichtetes Bildungsideal auf die Füße aller BürgerInnen zu stellen und mit dem selbstverständlichen Verlangen „sozialer Relevanz“ nicht elitär (und kapitalistisch-instrumentell) abgehobener Wissenschaft zu verbinden – das waren meist nicht einmal ansatzweise institutionell übersetzte Verlangen, die gegen eine klassenbildnerische, Spitzenstudierende „exzellent“ verarmende, „überflüssige Menschen“ abdrängende Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik nur aktiv erinnert werden können.
Nicht kindische Fehler, nicht manchen älteren Kollegen gegenüber inakzept- ables Verhalten ist im wohlfeilen Erinnern zu vertuschen. Das gilt auch für den „radikalen“ Studenten Götz Aly.

Götz Aly – rechtfertigt die BRD und diffamiert die ’68er
Quelle: Fritz Bauer-Institut
Die „68er“ haben diese Republik entmufft
Im kategorischen Unterschied zu den „33ern“, keiner einheitlichen Generation, gilt für die uneinheitlichen und wenigen „68er“ jedoch: Sie haben diese Republik entmufft und erfrischt. Sie haben Neues zu denken gelehrt, zu praktizieren, Kritik zu betreiben nicht nur in „machtgeschützter Innerlichkeit“. In diesem Sinne haben sie eine emanzipatorische „Kulturrevolution“ mitbewirkt. Dass nichts über persönliches politisches Engagement zusammen mit anderen demokratisch zählt. Darum bestehen unsere größten Enttäuschungen im spärlichen Gemenge der „68er“ darin: dass diese von den Umständen ungemein privilegierte Generation, vertreten durch die vielen Expansionsgewinnler so wenig gegen die antidemokratisch menschenfeindliche Bildungs- und Hochschulunpolitik unserer Tage im Zeichen der Exzellenztäuschung opponiert(e); dass sich außerhalb des bornierten und politiklosen repräsentativen Absolutismus politisch wenig rührt.

Roland Roth – engagiert gegen Rechtsextremisus
Quelle: www.aktionsbuendnis.brandenburg.de
André Gorz mag mit seinem letzten Liebesbuch diesen Einspruch gegen einen Sprache verhunzenden Artikel beenden. Das, was Gorz über Cambridge 1970 sagt, galt für die besten Teile der Studentenbewegung von Berlin bis Frankfurt, von Konstanz bis Kiel. Bliebe es wirksam! „In Cambridge waren wir entzückt von ... dem Interesse, das unsere Gastgeber den neuen Ideen entgegenbrachte. Wir haben eine Art Gegengesellschaft entdeckt, die unter der äußeren Kruste der Gesellschaft ihre Stollen grub und darauf wartete, ans Tageslicht zu kommen. Noch nie hatten wir so viele ´Existentialisten´ gesehen, das heißt Leute, die entschlossen waren, ´das Leben zu verändern´, ohne von der politischen Macht das Geringste zu erwarten, indem sie beginnen, in anderen Formen zusammenzuleben und ihre alternativen Ziele in die Praxis umzusetzen.“ – Das „Generationenprojekt“ „der 33er“ und der „68er“. Mit Karl Kraus: Dazu fällt uns nichts mehr ein. (PK)
Online-Flyer Nr. 133 vom 13.02.2008
Götz Alys Parallelisierung von 1933 und 1968:
Ein Binsenirrtum!
Von Peter Grottian, Wolf-Dieter Narr und Roland Roth
.jpg)
Professor Peter Grottian auf einer Protestveranstaltung der WASG vor
der Mainzer Staatskanzlei | Foto: H.-D. Hey, arbeiterfotografie.com
In einem Artikel zum 30. Januar 2008 versuchte der Historiker Götz Aly die Parallelen zwischen den „33ern“ und den „68ern“ herauszuarbeiten, „die zwischen den politischen Sturm- und Drang-Jahren der unmittelbar aufeinander folgenden Generationskohorten bestehen.“
„Bei allen Ähnlichkeiten politischer Ausdruckformen und zum Teil hochschulpolitischen Zielen“, so resümiert Götz Aly gegen Ende seines Pamphlets „Die Väter der 68er“, „liegt der wesentliche Unterschied zwischen den 33ern und den 68ern auf der Hand: Die Revolte der einen führte rasch zur Macht, zu furchterregenden Karrieren und Konsequenzen; die der anderen endete ebenso rasch in der Niederlage, zumindest in der Zersplitterung.“ „Der Tragödie von 1933“ sei die „Farce“ ´der 68er´ gefolgt; „eine Variante des politisch eindimensionalen Utopismus, auf dessen Trümmern sie groß geworden“ seien.
Grotesker Mangel historischer Wahrnehmung!
Welch ein grotesker Mangel historischer Wahrnehmung! Und das von einem von uns in seinen wichtigen Werken sympathetisch-kritisch begleiteten Politikwissenschaftler und Historiker. Diese Werke galten vor allem der Rolle junger Intellektueller, die die nazibewegte Herrschaft als Doppelchance ungewöhnlich raschen eigenen Karriereschubs und angewandter Planabstraktionen in menschengemordetfreien Räumen ergriffen, den riesigen „Osten“ arischdeutsch herrschaftszurichten. Und viele dieser Intellektuellen, so Götz Aly, akkommodierten sich wunderbar, um die bundesdeutsche Restauration nach 1949 kapitalistisch-demokratisch unter stabilen Kalten-Kriegsbedingungen fortzusetzen.
Gedankenblitzloses Donnerrollen
Und dieser Götz Aly, der den Blick für das Menschen kollektiv ausrottende Herrschaftskalkül der Nazis und ihrer Praxis der „Endlösung der Judenfrage“ schärfte wie für den Legtimationskitt nationalsozialistischer Sozialpolitik, setzt nun den Anfang der Naziherrschaft und ihren Verlauf mit der Studentenbewegung seit 1967 analog. Verbales, gedankenblitzloses Donnerrollen dieser Art war schon zuvor zu vernehmen.
Welch ein von dieser Seite nicht erwarteter Mangel an politisch-humanem Augenmaß, dem Sinn für Proportionen, Kontextbedingungen, Ursachen und Wirkungen nämlich. Wie kann man im Jahre 2008 die Ursachen, die Verlaufsmuster und die Wirkungen der NS-Herrschaft derart verniedlichen, dass man sie mit der „68er Bewegung“ auf der gleichen Höhe misst? Wie kann man die Erinnerung an die Naziherrschaft und die nach wie vor lernradikal unzureichend, es sei denn gedenkgeschwätzig gezogenen Folgen, so mißbrauchen, um damit „die Studentenbewegung“ und ihre längst etabliert und altersrunzelig gewordenen< Angehörigen (wie auch sich selbst) ´zu geißeln´?
Ein besonderer Diskriminierungstupfer
Dazu gehört als besonderer Aly-Diskriminierungstupfer, Kurt-Georg Kiesinger, den Beate-Klarsfeld-Geschlagenen, sogleich mehrfach als Gewährsmann zu zitieren. Er habe die Studentenbewegung in angemessener Perspektive gesehen. Selbst als nur provozierender Schlenker, eine nicht nachsichtig zu überdeckende Torheit! Götz Aly rechtfertigt damit die bundesdeutsche „Vergangenheitspolitik, die „braune, geradezu tiefbraune“ (Adenauer) Personen wie Globke, Flick und Parteigenossen Kiesinger zu den Repräsentanten der neuen Demokratie erhob. Das ist der größte Einwand gegen Alys Parallelisiererei von sogenannten Generationenprojekten (welcher Wirrsinn schon im modischen Ausdruck selber!). Die missbrauchsklaffende Historisierung der NS-Zeit zugunsten eines nazistischen Zerrspiegels, in dem die Studentenbewegung der 60er Jahre betrachtet wird.

Altnazi Kiesinger – von Beate Klarsfeld geohrfeigt
Quelle: www.workpage.de
Die „68er“ waren, wohlgemerkt, eine „Bewegung“ von Studenten dann auch der Lehrlinge und anderer Gruppen bis vor allem zu den Frauen. Von ihr haben sich viele treiben lassen. Um rasch ans Ufer restriktiv-braver bundesdeutscher Normalität zu erklimmen; aber auch, um das anzustoßen, was sich in den 70er und 80er Jahren als Neue Soziale Bewegungen entwickelte.

Wolf Dieter Narr – Komitee für Grundrechte und
Demokratie | Foto: KGD
Perverser Erkenntnisgewinn
Der Erkenntnisgewinn der Aly-Parallelen besteht ausnahmsweise exklusiv darin, mehrfach zu verblenden und blind zu machen. Er macht blind dafür, was die Knobelbecherbewegung stark machte. Er macht blind für das, was von der Studentenbewegung wert ist, die selbst und gerade in den ´Gebeinen´ Alys steckt, erinnernd weitergetragen zu werden. Das gilt gerade wenn einem nichts fremder ist, als altersrühselig bewegte Lieder vergangener Sit-in-Zeiten zu singen und, in geerbtem Eifer nacherrötend, dem virtuellen Wurf auf Ordinarien gerichteter Eier zu folgen. Der perverse Erkenntnisgewinn Alys besteht schließlich darin, die BRD als „durchaus reformfähige Mehrheitsgesellschaft“, wie sie leibt und lebt, pauschal zu rechtfertigen. Wie sie Asyl Suchende abwehrt, in Lager sperrt, abschiebt, am besten vor den Toren der EU konzentriert. Wie sie Hartz IV zur Reformagenda erhebt und stolz Arme mit Tafeln und Suppenküchen innovativ abfüttert. Das also ist aus Adornos Postulat geworden, das trotz massiven Differenzen uns seinerzeit fast alle verbunden hat: es gelte eine Bundesrepublik und ein Europa zu schaffen, in dem es keine menschenverachtenden politischen Praktiken mehr gäbe. Uff – fallen wir nicht schon ins tiefste Aly-Loch: „Systemkritik“. Und enthüllen uns also naziparallel?!
Kontext: Müssen wir ausführen, dass die Zeit nach 1919, nach Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Ermordung, den überschatteten Anfängen der Weimarer Republik über die Weltwirtschaftskrise und die peinigend mobilisiernde Arbeits- und Perspektivlosigkeit eine Differenz ums Ganze zur Zeit der vollbeschäftigten 60er Jahre darstellte mit ihrer autoritärliberalen Herrschaft auf Zeit (Th. Heuss), eine Zeit voller Berufsaussichten? Sie erklären erst das Selbstbewusstsein eines Teils der Studentenbewegung mit. Darum errangen die Nazis fast die Mehrheit. Darum wurden die kritisch fordernden Studierenden als verschwindende Minderheit diskriminierend, als langhaarige Feinde nicht allein springerpresserisch in die Enge getrieben.
Dutschke und Goebbels als eineiige Zwillinge
„Bewegung“. Ein Glück, dass Jüngere nicht nur so leistungszwangsozalisiert werden wie heute. Damit die Äpfel nah am herrschenden Stamm fallen. Gewiss: „Bewegungen“, sozial rasch fließende, mit tragende und ausufernde Wassergüsse bergen Gefahren. Solche wurden rund um 1968 kund. Manche indezente Selbstüberschätzung, individualisierte Gewalt und persönliche „Schweinejagden“ gehören dazu. Als seien die politisch sprachfähigen Studierenden, eine Avantgarde, die neue Kraft, die hämmere jung, das alte, kleinbürgerliche Ding den bundesdeutschen Staat. Rudi Dutschkes isoliert herausgegriffene „Machtfrage“ mit der von den Nazis massenfest demonstrierten auf eine Ebene zu stellen – erneut: welch ein Mangel an Augenmaß, Dutschke und Goebbels als eineiige Zwillinge zu behandeln, muss den bundesverdienstbekreuzten Götz Aly getrieben haben?
Die wieder etwas gewordene Nach45er Gesellschaft fühlte sich durch die Studierenden herausgefordert. Eine „Gefahr für die Republik“ („das System“) bestand keine Sekunde. Das innere Feinde entdeckende Berufverbot vom Januar 1972 war Ausdruck der reformfeindlichen Mehrheit.
„Utopismus“. Die Blubo (= „Blut und Boden“)-Regression der Nazis mit ihren Mordtaten in einem Zug mit den gesellschaftswandlerischen Vorstellungen der Studierenden in ihrer Minderheit zu nennen -, das ist seinerseits regressiv. Die Parole „Bildung ist Bürgerrecht“ (Dahrendorf) zu vertreten, Demokratisierung quer durch alle Institutionen zu verlangen, Humboldts, auf das Selbstdenken der Person gerichtetes Bildungsideal auf die Füße aller BürgerInnen zu stellen und mit dem selbstverständlichen Verlangen „sozialer Relevanz“ nicht elitär (und kapitalistisch-instrumentell) abgehobener Wissenschaft zu verbinden – das waren meist nicht einmal ansatzweise institutionell übersetzte Verlangen, die gegen eine klassenbildnerische, Spitzenstudierende „exzellent“ verarmende, „überflüssige Menschen“ abdrängende Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik nur aktiv erinnert werden können.
Nicht kindische Fehler, nicht manchen älteren Kollegen gegenüber inakzept- ables Verhalten ist im wohlfeilen Erinnern zu vertuschen. Das gilt auch für den „radikalen“ Studenten Götz Aly.

Götz Aly – rechtfertigt die BRD und diffamiert die ’68er
Quelle: Fritz Bauer-Institut
Die „68er“ haben diese Republik entmufft
Im kategorischen Unterschied zu den „33ern“, keiner einheitlichen Generation, gilt für die uneinheitlichen und wenigen „68er“ jedoch: Sie haben diese Republik entmufft und erfrischt. Sie haben Neues zu denken gelehrt, zu praktizieren, Kritik zu betreiben nicht nur in „machtgeschützter Innerlichkeit“. In diesem Sinne haben sie eine emanzipatorische „Kulturrevolution“ mitbewirkt. Dass nichts über persönliches politisches Engagement zusammen mit anderen demokratisch zählt. Darum bestehen unsere größten Enttäuschungen im spärlichen Gemenge der „68er“ darin: dass diese von den Umständen ungemein privilegierte Generation, vertreten durch die vielen Expansionsgewinnler so wenig gegen die antidemokratisch menschenfeindliche Bildungs- und Hochschulunpolitik unserer Tage im Zeichen der Exzellenztäuschung opponiert(e); dass sich außerhalb des bornierten und politiklosen repräsentativen Absolutismus politisch wenig rührt.

Roland Roth – engagiert gegen Rechtsextremisus
Quelle: www.aktionsbuendnis.brandenburg.de
André Gorz mag mit seinem letzten Liebesbuch diesen Einspruch gegen einen Sprache verhunzenden Artikel beenden. Das, was Gorz über Cambridge 1970 sagt, galt für die besten Teile der Studentenbewegung von Berlin bis Frankfurt, von Konstanz bis Kiel. Bliebe es wirksam! „In Cambridge waren wir entzückt von ... dem Interesse, das unsere Gastgeber den neuen Ideen entgegenbrachte. Wir haben eine Art Gegengesellschaft entdeckt, die unter der äußeren Kruste der Gesellschaft ihre Stollen grub und darauf wartete, ans Tageslicht zu kommen. Noch nie hatten wir so viele ´Existentialisten´ gesehen, das heißt Leute, die entschlossen waren, ´das Leben zu verändern´, ohne von der politischen Macht das Geringste zu erwarten, indem sie beginnen, in anderen Formen zusammenzuleben und ihre alternativen Ziele in die Praxis umzusetzen.“ – Das „Generationenprojekt“ „der 33er“ und der „68er“. Mit Karl Kraus: Dazu fällt uns nichts mehr ein. (PK)
Online-Flyer Nr. 133 vom 13.02.2008














