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Literatur
Ein wahres Märchen
Das Volk der Augenlosen
Von Monika Höppner
Wirklich gefährlich waren jedoch die, die ein oder zwei Augen und genug Intelligenz hatten, aber gar kein Herz-Mitgefühl. Diese rotteten sich zusammen und heckten bösärtige Dinge gegen den Rest des Volkes aus und versuchten ständig, die anderen Wesen zu beherrschen. Sie bildeten Heere und Polizeikohorten aus Einäugigen und Augenlosen ohne Herz-Verstand und beschallten das ganze Land mit Lügen-Propaganda. Sie eigneten sich das Land an, ließen die Augenlosen für sich arbeiten und gaben diesen nur ein paar Krümelchen der Gewinne für ihre geleistete Arbeit ab. Auch das taten sie nur, um deren Arbeitskraft zu erhalten.
Diejenigen Wesen, die zwei Augen, Verstand und Mitgefühl hatten, sahen die üblen Taten der Herzlosen und versuchten beständig, die Augenlosen aufzuklären und ihnen Augen zu beschaffen. Mehr konnten sie nicht tun, denn sie wurden von den Äugigen ohne Herz und deren Heer ständig bedroht.

Aus einer Werbung für das „Handelsblatt" im "Spiegel" 25/2007
Bildbearbeitung: H.-D. Hey
Die Propaganda machte die augenlosen Wesen noch dümmer und so kam es, dass fast alle glaubten, in der Krümel-Lohnarbeit für diejenigen, die inzwischen fast alles Vorhandene an Gütern besaßen, liege ihr Glück. Sie waren sogar sehr stolz darauf, große Gewinne für die herzlosen Herrscher zu erzielen, denn dann wurde ihnen jeweils erzählt, sie seien sehr wertvolle Mitglieder der Gesellschaft.
Einige Ein- und Zweiäugige mit Herz-Mitgefühl waren damit beschäftigt, Techniken zur Arbeitserleichterung zu entwickeln, damit die Augenlosen doch ihr Leben etwas genießen könnten. Es gab sogar Gewerkschaften – die hatten Einäugige mit Herz-Verstand unter Einsatz ihres Lebens gegründet, um den Arbeitenden ein kleines Krümelchen an Recht zu erkämpfen. Irgendwann war der technische Fortschritt so weit gediehen, dass die aggressiven Herrscher des Landes merkten, dass die Arbeit für ihre Gewinne von weniger Augenlosen getan werden konnte und sie so diese Krümel nicht mehr in diesen großen Mengen verteilen mussten. Die Chance auf noch mehr Reichtum war für sie gekommen. Sie gaben neue Parolen aus und gingen durch die Betriebe, um Leute zu entlassen.
Denen, die sie behielten, sagten sie, die anderen wären nicht gut gewesen, und deshalb sollten sie gehen. An die Spitze der Gewerkschaften setzten die Mächtigen ganz unauffällig Einäugige ohne Herz-Verstand und so wunderte man sich, dass kein Aufschrei des Entsetzens durch das Land ging und die Gewerkschaft nur eine ganz kleine Reduzierung der Arbeitszeit forderte, statt so viel zu fordern, dass alle weiterhin wenigstens die üblichen Krümel zur Verfügung hätten. Die verbleibenden Augenlosen fragten auch nicht und arbeiteten noch angestrengter. Immer mehr von ihnen waren plötzlich ohne Krümel-Lohnarbeit und bekamen eine so kleine Ration Paniermehl-Krümel, dass sie nicht mehr wussten, wie sie davon noch leben sollten.
Natürlich waren von den Massenentlassungen auch Ein- und Zweiäugige mit Herz-Verstand betroffen. Diese trafen sich, um zu beratschlagen, wie sie sich und den Augenlosen helfen könnten, endlich sehend werden zu können. Aber diese weigerten sich, die angebotenen Augen anzunehmen und ließen sich weiter von der Propaganda erklären, sie seien selbst schuld an ihrer Armut und würden ja jetzt auf Kosten der Allgemeinheit leben, denn sie hätten ja keinen Lohn mehr verdient und das Paniermehl stamme von den Augenlosen, die noch in Lohnarbeit seien. So schleichen sie, beladen mit Schuldgefühlen, zur ArGe, denn dort gibt es Paniermehl-Rationen, und werden dort beschimpft und gejagt und gepeinigt.
Aber sie lernen nicht, sich zusammen zu schließen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie lassen sich ihr angeborenes Lebensrecht aberkennen und wehren sich nicht. Man verlangt ihnen Unmögliches ab und droht ihnen ständig mit noch mehr Armut, und so gehen sie gebeugt durch die Stadt und kämpfen um jeden Sklavenjob. Man sagt ihnen, sie hätten zu teure Wohnungen oder meint, sie seien Problemfälle, weil sie noch immer keine Lohnarbeit gefunden hätten, und so lassen sie sich in ihrer Paniermehl-Ration von den ArGe-Mitarbeitern noch kürzen, bis einige sogar verhungern. Über die Fehler im System möchten die Mitarbeiter der ArGen nicht sprechen. Inzwischen wissen diese, dass sie morgen ja auch selbst auf der Seite der Paniermehl-Empfänger landen könnten, und versuchen ihre Büttelarbeit den Mächtigen gefällig zu erledigen. Ja, auch sie werden von den Mächtigen bedroht und fürchten um ihre Lohn-Krümel. Auch sie möchten auf keinen Fall Augen haben und lehnen rigoros ab, falls welche angeboten werden.
Irgendwann kam ein Kind mit zwei Augen auf die Idee, zu fragen, warum fast alle keine Augen hätten. Über die Antwort kann ein Mensch doch sehr traurig werden. Und dennoch muss sie gesagt sein. Die Augen wurden abgegeben, weil es sich, so war das Propaganda-Versprechen für das Volk, ohne leichter leben ließe. Und nur diejenigen, die auf diese Propaganda nicht hereinfielen, behielten beide oder wenigstens ein Auge. Und so kämpfen sie, die mit den Augen und dem Herz-Verstand, gegen die bösartigen mächtigen Ein- und Zweiäugigen ohne Herz-Verstand und versuchen seit Ewigkeiten, dem Volk das Sehen zurück zu geben und es zur Verbrüderung zu bewegen. Und seit Ewigkeiten will die große Menge des Volkes einfach keine Augen haben und einfach nicht sehen, dass der Kaiser nackt ist – und die Propaganda eine große Lüge. (CH)
Online-Flyer Nr. 103 vom 11.07.2007
Ein wahres Märchen
Das Volk der Augenlosen
Von Monika Höppner
Wirklich gefährlich waren jedoch die, die ein oder zwei Augen und genug Intelligenz hatten, aber gar kein Herz-Mitgefühl. Diese rotteten sich zusammen und heckten bösärtige Dinge gegen den Rest des Volkes aus und versuchten ständig, die anderen Wesen zu beherrschen. Sie bildeten Heere und Polizeikohorten aus Einäugigen und Augenlosen ohne Herz-Verstand und beschallten das ganze Land mit Lügen-Propaganda. Sie eigneten sich das Land an, ließen die Augenlosen für sich arbeiten und gaben diesen nur ein paar Krümelchen der Gewinne für ihre geleistete Arbeit ab. Auch das taten sie nur, um deren Arbeitskraft zu erhalten.
Diejenigen Wesen, die zwei Augen, Verstand und Mitgefühl hatten, sahen die üblen Taten der Herzlosen und versuchten beständig, die Augenlosen aufzuklären und ihnen Augen zu beschaffen. Mehr konnten sie nicht tun, denn sie wurden von den Äugigen ohne Herz und deren Heer ständig bedroht.

Aus einer Werbung für das „Handelsblatt" im "Spiegel" 25/2007
Bildbearbeitung: H.-D. Hey
Die Propaganda machte die augenlosen Wesen noch dümmer und so kam es, dass fast alle glaubten, in der Krümel-Lohnarbeit für diejenigen, die inzwischen fast alles Vorhandene an Gütern besaßen, liege ihr Glück. Sie waren sogar sehr stolz darauf, große Gewinne für die herzlosen Herrscher zu erzielen, denn dann wurde ihnen jeweils erzählt, sie seien sehr wertvolle Mitglieder der Gesellschaft.
Einige Ein- und Zweiäugige mit Herz-Mitgefühl waren damit beschäftigt, Techniken zur Arbeitserleichterung zu entwickeln, damit die Augenlosen doch ihr Leben etwas genießen könnten. Es gab sogar Gewerkschaften – die hatten Einäugige mit Herz-Verstand unter Einsatz ihres Lebens gegründet, um den Arbeitenden ein kleines Krümelchen an Recht zu erkämpfen. Irgendwann war der technische Fortschritt so weit gediehen, dass die aggressiven Herrscher des Landes merkten, dass die Arbeit für ihre Gewinne von weniger Augenlosen getan werden konnte und sie so diese Krümel nicht mehr in diesen großen Mengen verteilen mussten. Die Chance auf noch mehr Reichtum war für sie gekommen. Sie gaben neue Parolen aus und gingen durch die Betriebe, um Leute zu entlassen.
Denen, die sie behielten, sagten sie, die anderen wären nicht gut gewesen, und deshalb sollten sie gehen. An die Spitze der Gewerkschaften setzten die Mächtigen ganz unauffällig Einäugige ohne Herz-Verstand und so wunderte man sich, dass kein Aufschrei des Entsetzens durch das Land ging und die Gewerkschaft nur eine ganz kleine Reduzierung der Arbeitszeit forderte, statt so viel zu fordern, dass alle weiterhin wenigstens die üblichen Krümel zur Verfügung hätten. Die verbleibenden Augenlosen fragten auch nicht und arbeiteten noch angestrengter. Immer mehr von ihnen waren plötzlich ohne Krümel-Lohnarbeit und bekamen eine so kleine Ration Paniermehl-Krümel, dass sie nicht mehr wussten, wie sie davon noch leben sollten.
Natürlich waren von den Massenentlassungen auch Ein- und Zweiäugige mit Herz-Verstand betroffen. Diese trafen sich, um zu beratschlagen, wie sie sich und den Augenlosen helfen könnten, endlich sehend werden zu können. Aber diese weigerten sich, die angebotenen Augen anzunehmen und ließen sich weiter von der Propaganda erklären, sie seien selbst schuld an ihrer Armut und würden ja jetzt auf Kosten der Allgemeinheit leben, denn sie hätten ja keinen Lohn mehr verdient und das Paniermehl stamme von den Augenlosen, die noch in Lohnarbeit seien. So schleichen sie, beladen mit Schuldgefühlen, zur ArGe, denn dort gibt es Paniermehl-Rationen, und werden dort beschimpft und gejagt und gepeinigt.
Aber sie lernen nicht, sich zusammen zu schließen und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie lassen sich ihr angeborenes Lebensrecht aberkennen und wehren sich nicht. Man verlangt ihnen Unmögliches ab und droht ihnen ständig mit noch mehr Armut, und so gehen sie gebeugt durch die Stadt und kämpfen um jeden Sklavenjob. Man sagt ihnen, sie hätten zu teure Wohnungen oder meint, sie seien Problemfälle, weil sie noch immer keine Lohnarbeit gefunden hätten, und so lassen sie sich in ihrer Paniermehl-Ration von den ArGe-Mitarbeitern noch kürzen, bis einige sogar verhungern. Über die Fehler im System möchten die Mitarbeiter der ArGen nicht sprechen. Inzwischen wissen diese, dass sie morgen ja auch selbst auf der Seite der Paniermehl-Empfänger landen könnten, und versuchen ihre Büttelarbeit den Mächtigen gefällig zu erledigen. Ja, auch sie werden von den Mächtigen bedroht und fürchten um ihre Lohn-Krümel. Auch sie möchten auf keinen Fall Augen haben und lehnen rigoros ab, falls welche angeboten werden.
Irgendwann kam ein Kind mit zwei Augen auf die Idee, zu fragen, warum fast alle keine Augen hätten. Über die Antwort kann ein Mensch doch sehr traurig werden. Und dennoch muss sie gesagt sein. Die Augen wurden abgegeben, weil es sich, so war das Propaganda-Versprechen für das Volk, ohne leichter leben ließe. Und nur diejenigen, die auf diese Propaganda nicht hereinfielen, behielten beide oder wenigstens ein Auge. Und so kämpfen sie, die mit den Augen und dem Herz-Verstand, gegen die bösartigen mächtigen Ein- und Zweiäugigen ohne Herz-Verstand und versuchen seit Ewigkeiten, dem Volk das Sehen zurück zu geben und es zur Verbrüderung zu bewegen. Und seit Ewigkeiten will die große Menge des Volkes einfach keine Augen haben und einfach nicht sehen, dass der Kaiser nackt ist – und die Propaganda eine große Lüge. (CH)
Online-Flyer Nr. 103 vom 11.07.2007














