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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 25
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona und trifft sie dann wieder in Wien.

Das Seniorenheim »Fortuna« liegt in einem wunderschönen alten Park und ähnelt

außen wie innen einem Fünf-Sterne-Hotel. Dolores lief zielgerichtet zum

Eingang und drückte beim Fahrstuhl auf den Knopf für die 5. Etage. Erna strahlte,

als sie die Tür öffnete. »Lieber Besuch. Wie ich mich freu!«

Aber unversehens hob sie entschuldigend die Arme und sagte: »Ach schad,

aber grad heut feiern wir hier unser Apfelfest und i hob wenig Zeit. Was wollt's

denn?«

»Den Schlüssel«, sagte Felix.

»Aber deshalb hät's doch nicht kummen brauchen. Den sollt's doch in Briefkasten

stecken!«

»Das hab ich ja auch«, erklärte Felix. »Aber nun wollt ich doch noch eine

Nacht …«

»Das kannst doch, Bub. Wart.« Sie griff nach einem kleinen Schlüssel am Brett

hinter der Tür. »Hier hast's den Briefkastenschlüssel, aber wie machen wir's

nun?«

»Dann bring ich beide Schlüssel zurück. Das mach ich gern.«

 

Sie hatten nicht bemerkt, dass der Himmel sich mit grauen Wolken zugezogen

Hatte, und während sie in der Bahn saßen, ging ein heftiger Platzregen nieder.

Als sie an der Wilhelminenstraße ausstiegen, tröpfelte es nur noch vereinzelt.

Sie sprangen über Pfützen und liefen schnell, als ob ein neuer Regenguss bevorstünde.

Die Temperatur war gesunken und Dolores fror. Felix zog ihr sein Sweatshirt

über und lief mit nacktem Oberkörper weiter. »Du bist verrückt«, schimpfte

sie, doch ließ es geschehen.

Vor Ernas Wohnung suchte er aufgeregt nach dem Schlüssel. Sie griff in die

Tasche seines Sweat-Shirts und zeigte ihn triumphierend. Warme Luft schlug

ihnen entgegen, als er die Tür zur Wohnung öffnete. Den Schlüssel vergaß er

abzuziehen.

 

Sie hörten nicht die Regentropfen, die erneut ans Fenster trommelten, sie

hörten nicht die Bewegung des Schlüssels im Schloss. Nur Christophs Stimme

vor dem Bett. Laut und deutlich.

 

9.

 

Felix war gelaufen und gelaufen und erst vor dem Bruckner-Denkmal im Stadtpark

zur Besinnung gekommen. Zum Glück hatten sich die Wolken verzogen,

aber von den Bäumen tropfte es noch. Gelacht, hatte sie! Er konnte es immer

noch nicht fassen! Sich in voller Größe nackt hingestellt und laut gelacht. Er

hätte vor Scham in den Erdboden versinken mögen. Hose an und raus …Das

hatte keine drei Minuten gedauert …Drei Minuten und dann bist du hier verschwunden

und lass dich nie wieder sehen! Christophs wutverzerrtes Gesicht

wollte sich immer noch nicht vor seinem geistigen Auge auflösen … Und sie

hatte gelacht!

Er schaute auf die Uhr und erschrak. Fünf nach sieben. Sein Rucksack! Wenn

er im Archiv niemanden antreffen würde, hätte er noch nicht mal einen Schlafsack

für die Nacht.

 

20 Minuten später klingelte er im Alten Rathaus. Verdächtig ruhig hörte es

sich drinnen an. Auch beim zweiten, dritten, vierten Versuch rührte sich nichts.

Wien ist nicht Madrid … Nein, dort hatte er wenigstens immer ein Bett. Und

einen Flug, der nun verfallen war …

Was wisst denn ihr … Recht hat er, der Meerhofer. Weiß nicht, wo ich heute

schlafe, weiß nicht, wie ich nach Hause zurückkomme, weiß nicht … Ach, Scheißspanienkrieg.

Es dämmerte bereits, als er sich eine Parkbank suchte. Mit einem Papiertaschentuch

versuchte er sie trocken zu wischen. Erst nach Mitternacht schlief er ein.

 

Das Quietschen der Straßenbahnen und Hupen der Autos weckten ihn früh.

Er machte drei, vier Kniebeugen, hüpfte auf der Stelle, rieb sich Arme und Beine.

Die Kälte wollte so schnell nicht aus den Gelenken weichen.

Orientierungslos lief er durch den Park.

Beinahe wäre er mit drei Männern in Arbeitskleidung zusammengestoßen.

»Penner«, knurrte der eine, und alle drei blickten Felix geringschätzend an.

Was wisst denn ihr, wollte der entgegnen. Aber er lief schneller, holte sein Handy

aus der Tasche. Bei Dolores meldete sich nur die Mailbox. Gelacht! Wie eine

Irre gelacht! Und ich Rindvieh lasse den Schlüssel stecken!

Er stand wieder vor dem Bruckner. Dann an der Franziskanerkirche. Dort lauschten

Touristen einer Reiseleiterin. Felix blieb hinter ihnen und sagte plötzlich:

»Was wisst denn ihr?« Die Damen und Herren drehten sich um und blickten

ihn ärgerlich an. Die Reiseleiterin aber lachte: »Hörens doch einfach zu, junger

Mann, dann erfahrens selber, was wir wissen.«

Lauf ich nicht mehr ganz rund? fuhr es Felix durch den Kopf. Reif für die

Klapper? Nach einer Nacht auf einer Parkbank?

Meerhofer ist mit 16 freiwillig in einen richtigen Krieg gezogen. Um für Freiheit

und Demokratie zu kämpfen. Und – Felix blickte sich suchend um, ohne

öffentliche Toiletten.

 

Hinter dem Dom fand er, was er dringend brauchte, spritzte sich drinnen mit

beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht, gurgelte. Ein Mann im eleganten langen

Mantel hinter ihm sagte vorwurfsvoll: »Aber schaun's, junger Mann, das ist

doch kein Badehaus hier. Wenn's in das Becken spucken und ich tu mir danach

die Hände waschen …«

Felix drehte sich wütend um. »Was wissen denn Sie?«

»Vom Gurgeln?«

»Nein. Von Spanien!«

»Von Spanien?« Der Mann zog amüsiert die Stirn in Falten. »Wie kommen's

denn ausgerechnet hier in einer Toiletten in Wien auf Spanien?«

Felix senkte den Kopf. »Entschuldigen Sie!«

»Na, na, das brauchen's net, aber es tät mich schon interessieren. Weil nämlich

höchst selten einer in der Toiletten in Wien ausgerechnet auf Spanien zu

sprechen kommt.«

»Sind Sie ein Psychologe?«, fragte Felix.

»Dafür sollten Sie sich nun wirklich entschuldigen. Seh ich etwa aus wie Siegmund

Freud? Na. Martin Auge, mein Name. Ich bin ein ganz gewöhnlicher

Lehrer.«

»So sehen Sie aber auch wieder nicht aus.«

Der Mann lachte.

»Das war besser als eine Entschuldigung. Dafür lad ich Sie jetzt ins Aida zum

Kaffee ein. Der Topfenstrudel schmeckt dort allemal am besten in ganz Wien.«

 

Obwohl das Café bereits zu dieser frühen Morgenstunde gut besetzt war,

fanden sie noch einen freien Tisch am Fenster. Felix nahm mit merkwürdigen

Gefühlen Platz. Gestern Nachmittag hatte er im selben Café mit Dolores gesessen.

Zwar draußen unterm Sonnenschirm, aber die Erinnerung war noch sehr

lebendig. Sein Begleiter hängte den Mantel an den Garderobenständer und fragte,

als er zurückkam: »Und Sie, junger Mann, verraten's mir auch ihren Namen,

denn sonst, ich sag's wie es ist, Sie kommen mir reichlich spanisch vor. Also,

was weiß denn ich …?«

Felix nannte seinen Namen, holte kurz entschlossen sein Diktiergerät aus dem

Rucksack und schaltete es ein. Als Meerhofers Stimme ertönte, drehten sich die

anderen Gäste um. Die meisten fanden offenbar nichts an den für »Aida« in

Wien um acht Uhr reichlich ungewöhnlichen Worten aus einem Lautsprecher.

Einige legten sogar die Zeitung beiseite und schienen interessiert zu lauschen.

Aber dann kam die Kellnerin und sagte mit leiser Stimme: »Entschuldigens,

die Herren, aber ich möchte Sie herzlich bitten …« Felix drückte sofort auf die

Stopptaste seines Gerätes und Herr Auge sagte: »Zweimal Topfenstrudel und

zweimal Melange!« Und zu Felix gewandt: »Sie sind natürlich mein Gast. Aber

höchst interessant, höchst interessant! Der Bericht eines spanischen Interbrigadisten!

Wann haben Sie den denn aufgenommen?«

 

Felix begann vom Dokumentationszentrum und Horst Meerhofer zu erzählen.

Nach einer Weile bestellte Herr Auge ihm einen zweiten Topfenstrudel und

sagte: »Ich habe morgen Unterricht in einer achten Klasse. Wenn Sies ermöglichen

könnten mit dabei zu sein. Auch mit diesem Gerät. Denn, ich sag's, wie es

ist. Was wissen denn die meisten Schüler …«

»Morgen«, sagte Felix gedehnt. »Morgen … will ich zu Hause sein. Eigentlich

heute schon. Meine Urlaubskasse ist leer. Aber Horst Meerhofer würde bestimmt

gern in ihre Klasse kommen. Rufen Sie ihn einfach an. Oder gehen Sie

hin. Ins Alte Rathaus.«

Er löffelte die restlichen Krümel.

»Gute Idee, junger Mann. Das werde ich machen. Aber vielleicht kann ich

ihnen auch helfen. Mit den Zufällen ist es manchmal kurios. In cirka zwei Stunden

fährt mein Sohn Matthias nach Leipzig. Das ist doch sozusagen ein Katzensprung

von ihrer Heimatstadt entfernt. Er studiert am dortigen Literaturinstitut.

Ich ruf ihn an und Sie fahren mit. Sind heuer schon zu Hause.«

Felix hätte den Mann umarmen mögen.

Zeit blieb, um den Rucksack abzuholen und Meerhofer und Bodner noch einmal

Servus zu sagen. Beide willigten auch gleich ein, Herrn Auges Klasse zu

einem verabredeten Termin aufzusuchen.

 

Als Felix am Treffpunkt auf Matthias Auge wartete, erreichte er endlich Dolores

auf dem Handy. Sie wirkte mal wieder anders, reserviert und emotionslos

und als er ihr vom Zufall und seiner bevorstehenden Rückfahrt erzählte, sagte

sie nur: »Servus und komm gut an, Felix.« Mehr nicht.

Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
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Online-Flyer Nr. 99  vom 13.06.2007



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