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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 24
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
7.
Auf dem Judenplatz flatterten Tauben auf, um sich nicht weit entfernt wieder
niederzulassen. Felix sah ihnen nach. Der Tag erschien ihm zu hell und schrill für das eben Gehörte, und die Fremdheit versuchte sich wieder zwischen ihn und Dolores zu schieben. Die junge Frau setzte ihre Sonnenbrille auf. »Lass uns für heute Nachmittag den Spanienkrieg vergessen«, schlug sie vor. »Wien ist eine wunderschöne Stadt. Zu schön, um weiter über Krieg zu diskutieren. Was willst du sehen? Den Stephansdom, die Hofburg, oder doch wieder Spanien – die Spanische Reitschule, Schloss Schönbrunn oder Schloss Belvedere …«
Ach Dolores, dachte Felix, während sie immer weiter Sehenswürdigkeiten
aufzählte, ach Dolores, und was ist dann? Christoph wird wieder anrufen und
ba, ba, aus der Traum …
»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte sie plötzlich.
Er nickte und legte den Arm um ihre Schulter. »Weißt du was, jetzt gehen wir
erstmal irgendwo was essen. Außer Zwieback und Keksen habe ich nämlich
seit heute morgen nichts im Magen.«
»Du Armer«, sagte sie, »und weißt du was, heute lad ich dich ein. Meine
Karte gibt nämlich wieder …«
Am Stock-im-Eisen-Platz neben dem Stephansdom fanden sie unter einem
Sonnenschirm einen freien Tisch. Dolores schob Felix die Karte zu. »Ich trink
einen Kaffeee«, sagte sie. »Hörst du Felix, Kaffeee, man muss die letzte Silbe betonen, ein lang gezogenes helles ›E‹. Und es gibt Braunen, Schwarzen, Melange, mit Oberst …«
»Mit Oberst? Nein, ich will lieber mit Dolores …«
Sie lachte, und er freute sich über ihr Lachen. »Wie fandest du meinen Großvater?
«, fragte sie mit veränderter Stimme. Felix brauchte Zeit für den Rückwärtsgang.
»Ein ehrlicher und interessanter Typ. Und erstaunlich fit für sein Alter.«
»Hat er dir erzählt, dass er später bei der Kripo gearbeitet hat? Und Sekretär
vom Innenminister Zettl war er auch. Aber als die SPÖ aus der Regierung flog, war der Karrierezug abgefahren. Wer seine Meinung auf der Zunge trägt, das hat er selbst gesagt, eckt damit immer irgendwie an.«
Der Kellner war Dolores Winken gefolgt, nahm die Bestellung entgegen und
wiederholte: »Zwei Melange, einmal mit Oberst, ein Stück Sachertorte für die
Dame und Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster für den Herrn.« Er deutete
eine Verbeugung an, bedankte sich und begann den Nachbartisch abzuräumen.
»Und was ist«, sagte Felix unvermittelt, »wenn Christoph hier vorbei kommt.
Was ist dann?«
»Was dann? Was dann? Du kannst Fragen stellen. Nichts dann. Weil er hier
nicht vorbeikommen wird. Der steht jetzt im Labor und muss Urin untersuchen. Und das kann dauern, hat er angekündigt. Aber jetzt hör bloß mit Christoph auf. Schau dich um und freu dich. Du sitzt unterm Stephansdom. Die Sonne scheint und du wirst von mir eingeladen.« Sie blickte ihn an und in ihren Augen blitzte der Schalk. »Von einer jungen attraktiven Frau. Mensch Felix, carpe diem. Mach was draus! Ich frag auch nicht mehr nach Sophie und lass dir dein Handy! Ich bitt dich nur … schau nicht so deppert …«
»Wie ein Ochs vorm Schlächter … Ich weiß … Also gut, ich möchte auf den
Stephansdom, den Rest kannst du entscheiden …«
»Wahnsinn«, verkniff sich Felix, als sie in fast 140 m Höhe auf dem Dom standen und sich unter ihnen Wien ausbreitete. Dolores kannte sich nicht nur inMadrid aus. Während sie an der Brüstung entlang liefen, erklärte und zeigte
sie: »Dort im Westen diese gigantische Anlage ist die mittelalterliche Hofburg, gleich daneben mit dem schlanken Turm siehst du die Augustinerkirche, hier im Süden die Staatsoper, weiter hinten die Karlskirche …«
Sie hatte entschieden und teilte ihm auch den weiteren Fahrplan mit: »Wir
bummeln durch Wien, den Graben entlang, zur Hofburg, vielleicht zum Museumsquartier und du kannst mir glauben, es gibt genug zu sehen. Nach dem Stress in Madrid ist Entspannen angesagt.«
Das gestrige Entspannen am Himmel und Liebe und Sex in den Büschen hat
sie wohl bereits vergessen, dachte er.
»Morgen könnten wir uns Schönbrunn vornehmen«, überlegte sie laut weiter.
»Morgen«, sagte Felix, »was denkst du denn, wie lange ich hier noch bleibe?«
»Na, so lang du willst«, sagte Dolores.
Das halt ich nicht aus, dachte Felix, diese Unbekümmertheit. »Und wo soll
ich schlafen?«, fragte er.
»Na, in Ernas Wohnung. Sie wird sich freuen, wenn wir sie noch mal besuchen.«
»Vielleicht hast du auch eine Idee, wie ich wieder nach Hause komme«, sagte Felix.
»Lass uns erstmal wieder hinunter kommen. Das weitere wird sich finden.«
Christoph schien auf ihrem Plan überhaupt nicht mehr vorzukommen. Doch
so sehr Felix sich auch mühte, er konnte ihn gedanklich nicht beiseite schieben.
Arm um die Hüfte, Arm um die Schulter. Sie bummelten über die Fußgängerzone, den Graben hinunter, blieben vor Schaufenstern stehen, spiegelten sich darin und machten Grimassen. Felix erinnerte an ihren Stadtbummel durch Madrid, aber Dolores wollte davon nichts hören. »Wien ist nicht Madrid und jetzt sind wir hier und nicht in Madrid.« Sie zog ihn zu einer Bank neben einer hohen Säule, erklärte kurz: »Pestsäule, während der Pestepedemie irgendwann im 17. Jahrhundert von Kaiser Leopold gestiftet«, und holte aus der Tasche ihre Visitenkarte. »Hast du auch …?«, fragte sie. Felix schüttelte den Kopf und steckte ihre Karte achtlos ein. »Dann gib mir deine Handynummer«, verlangte sie. »Du könntest mir ja hier im Gewühle abhanden kommen.«
Sie ließen sich treiben und Felix dachte: Wien ist anders als Madrid und Dolores ist anders als in Madrid. Vielleicht ist auch Wien anders, weil Dolores anders ist und morgen wird wieder alles anders sein und ich möchte noch einmal … Und an Christoph dachte er nicht mehr. Am Kohlmarkt blieb er stehen, nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie mit geschlossenen Augen. Sie hielt still und als er sagte: »Jetzt gehen wir zu Erna und holen den Schlüssel«, sagte sie einfach nur »Ja«.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
Breite Str. 47, 53111 Bonn,
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68,
Email: prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de
Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 98 vom 06.06.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 24
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
7.
Auf dem Judenplatz flatterten Tauben auf, um sich nicht weit entfernt wieder
niederzulassen. Felix sah ihnen nach. Der Tag erschien ihm zu hell und schrill für das eben Gehörte, und die Fremdheit versuchte sich wieder zwischen ihn und Dolores zu schieben. Die junge Frau setzte ihre Sonnenbrille auf. »Lass uns für heute Nachmittag den Spanienkrieg vergessen«, schlug sie vor. »Wien ist eine wunderschöne Stadt. Zu schön, um weiter über Krieg zu diskutieren. Was willst du sehen? Den Stephansdom, die Hofburg, oder doch wieder Spanien – die Spanische Reitschule, Schloss Schönbrunn oder Schloss Belvedere …«
Ach Dolores, dachte Felix, während sie immer weiter Sehenswürdigkeiten
aufzählte, ach Dolores, und was ist dann? Christoph wird wieder anrufen und
ba, ba, aus der Traum …
»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte sie plötzlich.
Er nickte und legte den Arm um ihre Schulter. »Weißt du was, jetzt gehen wir
erstmal irgendwo was essen. Außer Zwieback und Keksen habe ich nämlich
seit heute morgen nichts im Magen.«
»Du Armer«, sagte sie, »und weißt du was, heute lad ich dich ein. Meine
Karte gibt nämlich wieder …«
Am Stock-im-Eisen-Platz neben dem Stephansdom fanden sie unter einem
Sonnenschirm einen freien Tisch. Dolores schob Felix die Karte zu. »Ich trink
einen Kaffeee«, sagte sie. »Hörst du Felix, Kaffeee, man muss die letzte Silbe betonen, ein lang gezogenes helles ›E‹. Und es gibt Braunen, Schwarzen, Melange, mit Oberst …«
»Mit Oberst? Nein, ich will lieber mit Dolores …«
Sie lachte, und er freute sich über ihr Lachen. »Wie fandest du meinen Großvater?
«, fragte sie mit veränderter Stimme. Felix brauchte Zeit für den Rückwärtsgang.
»Ein ehrlicher und interessanter Typ. Und erstaunlich fit für sein Alter.«
»Hat er dir erzählt, dass er später bei der Kripo gearbeitet hat? Und Sekretär
vom Innenminister Zettl war er auch. Aber als die SPÖ aus der Regierung flog, war der Karrierezug abgefahren. Wer seine Meinung auf der Zunge trägt, das hat er selbst gesagt, eckt damit immer irgendwie an.«
Der Kellner war Dolores Winken gefolgt, nahm die Bestellung entgegen und
wiederholte: »Zwei Melange, einmal mit Oberst, ein Stück Sachertorte für die
Dame und Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster für den Herrn.« Er deutete
eine Verbeugung an, bedankte sich und begann den Nachbartisch abzuräumen.
»Und was ist«, sagte Felix unvermittelt, »wenn Christoph hier vorbei kommt.
Was ist dann?«
»Was dann? Was dann? Du kannst Fragen stellen. Nichts dann. Weil er hier
nicht vorbeikommen wird. Der steht jetzt im Labor und muss Urin untersuchen. Und das kann dauern, hat er angekündigt. Aber jetzt hör bloß mit Christoph auf. Schau dich um und freu dich. Du sitzt unterm Stephansdom. Die Sonne scheint und du wirst von mir eingeladen.« Sie blickte ihn an und in ihren Augen blitzte der Schalk. »Von einer jungen attraktiven Frau. Mensch Felix, carpe diem. Mach was draus! Ich frag auch nicht mehr nach Sophie und lass dir dein Handy! Ich bitt dich nur … schau nicht so deppert …«
»Wie ein Ochs vorm Schlächter … Ich weiß … Also gut, ich möchte auf den
Stephansdom, den Rest kannst du entscheiden …«
»Wahnsinn«, verkniff sich Felix, als sie in fast 140 m Höhe auf dem Dom standen und sich unter ihnen Wien ausbreitete. Dolores kannte sich nicht nur inMadrid aus. Während sie an der Brüstung entlang liefen, erklärte und zeigte
sie: »Dort im Westen diese gigantische Anlage ist die mittelalterliche Hofburg, gleich daneben mit dem schlanken Turm siehst du die Augustinerkirche, hier im Süden die Staatsoper, weiter hinten die Karlskirche …«
Sie hatte entschieden und teilte ihm auch den weiteren Fahrplan mit: »Wir
bummeln durch Wien, den Graben entlang, zur Hofburg, vielleicht zum Museumsquartier und du kannst mir glauben, es gibt genug zu sehen. Nach dem Stress in Madrid ist Entspannen angesagt.«
Das gestrige Entspannen am Himmel und Liebe und Sex in den Büschen hat
sie wohl bereits vergessen, dachte er.
»Morgen könnten wir uns Schönbrunn vornehmen«, überlegte sie laut weiter.
»Morgen«, sagte Felix, »was denkst du denn, wie lange ich hier noch bleibe?«
»Na, so lang du willst«, sagte Dolores.
Das halt ich nicht aus, dachte Felix, diese Unbekümmertheit. »Und wo soll
ich schlafen?«, fragte er.
»Na, in Ernas Wohnung. Sie wird sich freuen, wenn wir sie noch mal besuchen.«
»Vielleicht hast du auch eine Idee, wie ich wieder nach Hause komme«, sagte Felix.
»Lass uns erstmal wieder hinunter kommen. Das weitere wird sich finden.«
Christoph schien auf ihrem Plan überhaupt nicht mehr vorzukommen. Doch
so sehr Felix sich auch mühte, er konnte ihn gedanklich nicht beiseite schieben.
Arm um die Hüfte, Arm um die Schulter. Sie bummelten über die Fußgängerzone, den Graben hinunter, blieben vor Schaufenstern stehen, spiegelten sich darin und machten Grimassen. Felix erinnerte an ihren Stadtbummel durch Madrid, aber Dolores wollte davon nichts hören. »Wien ist nicht Madrid und jetzt sind wir hier und nicht in Madrid.« Sie zog ihn zu einer Bank neben einer hohen Säule, erklärte kurz: »Pestsäule, während der Pestepedemie irgendwann im 17. Jahrhundert von Kaiser Leopold gestiftet«, und holte aus der Tasche ihre Visitenkarte. »Hast du auch …?«, fragte sie. Felix schüttelte den Kopf und steckte ihre Karte achtlos ein. »Dann gib mir deine Handynummer«, verlangte sie. »Du könntest mir ja hier im Gewühle abhanden kommen.«
Sie ließen sich treiben und Felix dachte: Wien ist anders als Madrid und Dolores ist anders als in Madrid. Vielleicht ist auch Wien anders, weil Dolores anders ist und morgen wird wieder alles anders sein und ich möchte noch einmal … Und an Christoph dachte er nicht mehr. Am Kohlmarkt blieb er stehen, nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie mit geschlossenen Augen. Sie hielt still und als er sagte: »Jetzt gehen wir zu Erna und holen den Schlüssel«, sagte sie einfach nur »Ja«.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
Breite Str. 47, 53111 Bonn,
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68,
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