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Arbeit und Soziales
Interview mit Roland Röder von Aktion 3.Welt Saar
»Sozialpädagogik im Weltmaßstab«
Von Christian Stock
Eine 3.Welt-Aktionsgruppe erscheint heute etwas anachronistisch. Die Aktion 3.Welt Saar macht jedoch einen munteren Eindruck. Was ist euer Erfolgsrezept?
Roland Röder: Viel Gemüse, viel Eiweiß, viel Bewegung. Wir waren zu jeder Zeit anachronistisch, weil wir keine klassische Solidaritätsgruppe sind. Wir haben bewusst kein Projekt in der so genannten 3. Welt, weil wir uns nicht anmaßen, andere zu entwickeln. Wir begreifen uns als allgemeinpolitische Organisation, die das Monopol von Parteien auf Politik nicht anerkennt. Konkret meint dies, dass wir zu unterschiedlichen Themen wie Agrarfragen, Biopiraterie, Antisemitismus, Bürgerrechten, Militär, Popkultur, Energiepolitik oder Entwicklungsfragen arbeiten.

Roland Röder: „Wir waren zu jeder Zeit anachronistisch“
Quelle: A3WS
Aus der thematischen Spannbreite lässt sich auch erklären, warum es heute eine gut funktionierende Fußball-AG gibt, die aus Fans verschiedener Vereine besteht. Allerdings kostet(e) uns diese Nicht-Fixierung auf ein Thema oder ein Land auch viel Geld. Projekte in der 3. Welt ließen sich besser verkaufen – auch in der Linken. Wichtig für unseren Erfolg ist auch, dass wir verschiedene Hypes der Bewegung nicht mitgemacht haben, etwa die Schaffung von ABM-Stellen. Viele Gruppen wurden mit ABM-Stellen schnell groß, um nach dem Versickern dieser Geldquelle in sich zusammen zu sacken. Diese Entwicklung war vorhersehbar, auch wenn die Geldmengen verlockend waren. Wie jedes Fußballteam haben wir natürlich auch mit Widrigkeiten zu kämpfen. Der Ball ist manchmal glitschig. Jahrelang haben wir Menschen »ausgebildet«, die dann die strukturschwache Region Saarland/Rheinland-Pfalz verließen. Ablösesummen wie im Fußball haben wir leider nie erhalten. Tendenziell arbeiten wir heute stärker bundesweit.
Internationalistische Projekte alter Schule haben also einen Platzverweis verdient?
Der alte Internationalismus war teilweise Sozialpädagogik im Weltmaßstab und linke Stellvertreterpolitik pur. Der Mensch als Individuum mit Zielen, Hoffnungen oder gar Kräften kam bestenfalls als Trägermaterie vorgefasster historischer Grundmuster vor. Die Projektarbeit vieler Organisationen transportiert diesen Paternalismus noch heute, trotz hehrer Motive. Das Interesse an internationalistischen Themen ist indes eher gestiegen. Es drückt sich nur anders aus, und ihm wurden durch eigene Fehler und durch geschicktes Agieren der Regierenden die Zähne gezogen. Es gab eine große Desillusionierung, nachdem die sozialen Bewegungen kapierten, dass mit den Grünen zwar ein Staat, aber kaum soziale Veränderung zu machen ist. Der Bedeutungsrückgang von internationalistischen Ansätzen im klassischen Sinne hat auch damit zu tun, dass viele »Befreiungsbewegungen« sich zu Eckpfeilern des ehemals Bekämpften entwickelten.
Wie reagieren eure Geldgeber auf solche Positionen?
Es gab Streichungen, etwa seitens des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, d.Red.), weil wir uns nicht an die Spielregeln des Polit-Business halten, wonach wir Projekte in der 3. Welt machen und in der BRD bestenfalls mit dem moralischen Zeigefinger wackeln sollen. Runter wie Wasser ging mir vor einigen Jahren die Aussage eines nicht unbekannten SPD-Politikers: »Wenn man euch Geld gibt, weiß man nicht, was ihr dann macht«. Ich sage ungern, dass ein Sozialdemokrat Recht hat. Wir bekamen übrigens das anvisierte Geld nicht. Bisher gelang es uns aber, jeden dieser Schläge als Ausgangspunkt zu einem Modernisierungsprozess zu nehmen. Wir wurden gezwungen, unsere Finanzierung stärker als bisher auf unterschiedliche Quellen zu verteilen und die Eigenfinanzierung über Mitgliedsbeiträge auszubauen. Wenn man so will, haben uns die Schurken zur Erneuerung gezwungen. Jede/r KleingärtnerIn baut ja schließlich verschiedene Sorten Gemüse an. Man kann nie wissen.
Ein pfiffiges politisches Vorgehen ist ohnehin nicht von EU, BMZ und sonstigen Gebern abhängig. Von den Euro-Millionen, die in 3.Welt-Gruppen gesteckt werden, profitieren vorwiegend die, die zum richtigen Zeitpunkt den Mund halten oder ausgewogene Expertisen veröffentlichen. Man muss sich fragen, warum beispielsweise so wenige Gruppen gegen die Aufnahme von fair gehandelten Produkten bei Lidl opponiert haben. Die Ländernetzwerke haben dazu geschwiegen und der Weltladen-Dachverband hat mitgemacht. Selbst die moderate Kritik von ver.di an Lidl geht vielen Gruppen zu weit. Hier hat sich eine nivellierende Diskussionskultur etabliert, bei der uns viele Begriffe wie Brei ums Hirn geschmiert werden.
Mehr über Aktion 3.Welt Saar, Weiskirchener Straße 24, 66679 Losheim am See, unter www.a3wsaar.de
Das Interview mit Roland Röder steht in der Jubiläumsausgabe 300 der Zeitschrift zwischen Süd und Nord iz3w, siehe www.iz3w.org .
Online-Flyer Nr. 94 vom 09.05.2007
Interview mit Roland Röder von Aktion 3.Welt Saar
»Sozialpädagogik im Weltmaßstab«
Von Christian Stock
Eine 3.Welt-Aktionsgruppe erscheint heute etwas anachronistisch. Die Aktion 3.Welt Saar macht jedoch einen munteren Eindruck. Was ist euer Erfolgsrezept?
Roland Röder: Viel Gemüse, viel Eiweiß, viel Bewegung. Wir waren zu jeder Zeit anachronistisch, weil wir keine klassische Solidaritätsgruppe sind. Wir haben bewusst kein Projekt in der so genannten 3. Welt, weil wir uns nicht anmaßen, andere zu entwickeln. Wir begreifen uns als allgemeinpolitische Organisation, die das Monopol von Parteien auf Politik nicht anerkennt. Konkret meint dies, dass wir zu unterschiedlichen Themen wie Agrarfragen, Biopiraterie, Antisemitismus, Bürgerrechten, Militär, Popkultur, Energiepolitik oder Entwicklungsfragen arbeiten.

Roland Röder: „Wir waren zu jeder Zeit anachronistisch“
Quelle: A3WS
Aus der thematischen Spannbreite lässt sich auch erklären, warum es heute eine gut funktionierende Fußball-AG gibt, die aus Fans verschiedener Vereine besteht. Allerdings kostet(e) uns diese Nicht-Fixierung auf ein Thema oder ein Land auch viel Geld. Projekte in der 3. Welt ließen sich besser verkaufen – auch in der Linken. Wichtig für unseren Erfolg ist auch, dass wir verschiedene Hypes der Bewegung nicht mitgemacht haben, etwa die Schaffung von ABM-Stellen. Viele Gruppen wurden mit ABM-Stellen schnell groß, um nach dem Versickern dieser Geldquelle in sich zusammen zu sacken. Diese Entwicklung war vorhersehbar, auch wenn die Geldmengen verlockend waren. Wie jedes Fußballteam haben wir natürlich auch mit Widrigkeiten zu kämpfen. Der Ball ist manchmal glitschig. Jahrelang haben wir Menschen »ausgebildet«, die dann die strukturschwache Region Saarland/Rheinland-Pfalz verließen. Ablösesummen wie im Fußball haben wir leider nie erhalten. Tendenziell arbeiten wir heute stärker bundesweit.
Internationalistische Projekte alter Schule haben also einen Platzverweis verdient?
Der alte Internationalismus war teilweise Sozialpädagogik im Weltmaßstab und linke Stellvertreterpolitik pur. Der Mensch als Individuum mit Zielen, Hoffnungen oder gar Kräften kam bestenfalls als Trägermaterie vorgefasster historischer Grundmuster vor. Die Projektarbeit vieler Organisationen transportiert diesen Paternalismus noch heute, trotz hehrer Motive. Das Interesse an internationalistischen Themen ist indes eher gestiegen. Es drückt sich nur anders aus, und ihm wurden durch eigene Fehler und durch geschicktes Agieren der Regierenden die Zähne gezogen. Es gab eine große Desillusionierung, nachdem die sozialen Bewegungen kapierten, dass mit den Grünen zwar ein Staat, aber kaum soziale Veränderung zu machen ist. Der Bedeutungsrückgang von internationalistischen Ansätzen im klassischen Sinne hat auch damit zu tun, dass viele »Befreiungsbewegungen« sich zu Eckpfeilern des ehemals Bekämpften entwickelten.
Wie reagieren eure Geldgeber auf solche Positionen?
Es gab Streichungen, etwa seitens des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, d.Red.), weil wir uns nicht an die Spielregeln des Polit-Business halten, wonach wir Projekte in der 3. Welt machen und in der BRD bestenfalls mit dem moralischen Zeigefinger wackeln sollen. Runter wie Wasser ging mir vor einigen Jahren die Aussage eines nicht unbekannten SPD-Politikers: »Wenn man euch Geld gibt, weiß man nicht, was ihr dann macht«. Ich sage ungern, dass ein Sozialdemokrat Recht hat. Wir bekamen übrigens das anvisierte Geld nicht. Bisher gelang es uns aber, jeden dieser Schläge als Ausgangspunkt zu einem Modernisierungsprozess zu nehmen. Wir wurden gezwungen, unsere Finanzierung stärker als bisher auf unterschiedliche Quellen zu verteilen und die Eigenfinanzierung über Mitgliedsbeiträge auszubauen. Wenn man so will, haben uns die Schurken zur Erneuerung gezwungen. Jede/r KleingärtnerIn baut ja schließlich verschiedene Sorten Gemüse an. Man kann nie wissen.
Ein pfiffiges politisches Vorgehen ist ohnehin nicht von EU, BMZ und sonstigen Gebern abhängig. Von den Euro-Millionen, die in 3.Welt-Gruppen gesteckt werden, profitieren vorwiegend die, die zum richtigen Zeitpunkt den Mund halten oder ausgewogene Expertisen veröffentlichen. Man muss sich fragen, warum beispielsweise so wenige Gruppen gegen die Aufnahme von fair gehandelten Produkten bei Lidl opponiert haben. Die Ländernetzwerke haben dazu geschwiegen und der Weltladen-Dachverband hat mitgemacht. Selbst die moderate Kritik von ver.di an Lidl geht vielen Gruppen zu weit. Hier hat sich eine nivellierende Diskussionskultur etabliert, bei der uns viele Begriffe wie Brei ums Hirn geschmiert werden.
Mehr über Aktion 3.Welt Saar, Weiskirchener Straße 24, 66679 Losheim am See, unter www.a3wsaar.de
Das Interview mit Roland Röder steht in der Jubiläumsausgabe 300 der Zeitschrift zwischen Süd und Nord iz3w, siehe www.iz3w.org .
Online-Flyer Nr. 94 vom 09.05.2007














