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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 17
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
16.
Die reale „Wahrheit“ holte Felix am nächsten Morgen schneller ein, als er befürchtet hatte. Dagegen hätte auch der schönste Spruch nicht geholfen.
Sie hatten nach dem Frühstück einen ganz unmilitärischen Stadtbummel unternommen und leisteten sich nun an einem Tisch vor der Kaffeestube des Hotels zwei kleine Eisbecher. Ihre Gefühle schwenkten immer mehr auf Versöhnung und Annäherung.
„Okay, wir haben beide Fehler gemacht, Dolores.“ Felix wurde philosophisch. „Aber sind nicht alle Fehler, die wir Menschen begehen, eine Auflehnung der Natur gegen die Moral? Und deshalb Fehler die Grundlage jeder echten Liebe?“
Dolores verstand zwar nicht so richtig, was er meinte, aber es gefiel ihr. Ob man seinen Gedanken nun immer folgen konnte oder nicht, klug war er. Zweifellos. Kein Wort mehr, von „alles im Griff“. Er wollte das Eis bezahlen und ihr das weitere Programm überlassen.
„Was du willst und wohin dich die Sehnsucht treibt“, sagte er voller Betonung. Wohin trieb Dolores die Sehnsucht? Sie blickte hinunter zum Ebro. Der Park am Ufer verlor sich am Ende, wie es schien, in dicht beieinander stehenden Büschen und Bäumen. Die Sonne stand schon hoch genug am Himmel. Bei diesem Anblick wurde Felix endgültig zu einem „favorito“ und der Kellner auch gleich freundlich angelächelt.
Felix zog die Brieftasche heraus.
„It's your case?“, fragte der Kellner überrascht.
„Yes, why do you ask?“ Der Kellner drehte sich wortlos um. Kurze Zeit später stand der Hotelchef vor dem Tisch, sozusagen mit der Wahrheit in der erhobenen Hand. Dolores gelang es nicht, ihn zu beruhigen.
„Ja, wir haben jetzt alles bezahlt“, jammerte sie später, „aber du hast behauptet, dass die Räuber deine Brieftasche gestohlen hätten und er“, sie zeigte hinter dem Chef her, „hat alles unternommen, um die Ehre Kataloniens zu retten. So sind sie hier. Er hat von der Polizei gefordert, dass sie den Räubern dein Geld abnehmen. Ich ahne in welchem Ton.“
„Aber woher wusste der Kellner?“
„Unsere Geschichte wird wahrscheinlich in der ganzen Stadt erzählt!“
„Wenn schon! Das ist doch nicht unser Bier! Erstens haben die Gangster ja wirklich Geld geklaut, und zweitens hat der Chef doch keine Spur von meiner Brieftasche erblickt.“
„Aber der Kellner! Du kennst die Katalanen nicht!“
„Ich kenne sie nur freundlich und hilfsbereit“, versuchte sich Felix Mut zu machen. „Sie können aber auch schrecklich böse werden!“
Felix fuchtelte nervös mit den Händen. „Und was nun?“, fragte er gereizt. Für Dolores gab es nur eine Antwort. Sie verabschiedete sich vom Park am Ufer des Ebros samt der grünen Büsche und Bäume an seinem Ende.
Dolores fuhr, wie Felix es ausdrückte, als wäre die Ehre Kataloniens in Person hinter ihnen her. Er glaubte nicht, dass der Hotelchef die Polizei holen würde.
„Ich krieg ne Krise! Der hat doch seine Kohle im Kasten …“
„Du redest wie ein deutscher Tourist“, unterbrach ihn Dolores ungehalten.
„Alles im Griff wie? Wenn nur die Kohle stimmt. Ehre …“
„Ruhm und Ehre!“, unterbrach Felix seinerseits. „So ein Schwachsinn. Du fährst wie ein Henker … Wir sind nicht auf der Flucht vor Franco!“
Die Straße von Mora nach Tarragona führt nicht sichtbar zum Meer. Dichtbewaldete Berge versperren den Blick nach vorn und die Costa Dorada sieht man erst auf der Autobahn nach Barcelona.
Nachdem Dolores die Stadtgrenze passiert hatte, verringerte sie ihr Tempo. „Barcelona ist nicht Mora“, sagte sie erleichtert. „Hier schlägt sich die Polizei weniger mit der Ehre Kataloniens herum. So, und nun schau dich um. Du fährst durch eine der schönsten Städte der Welt! Zur Zeit befinden wir uns auf der Ronda Litoral, was so viel wie Küstenrunde heißt. Zutreffend, wie du selbst siehst. Dort vorn steht unser Kolumbus auf seiner Säule. Du kannst ihn oben besuchen, wenn du willst, wirst dir aber wahrscheinlich lieber ein Stück Brot und eine Flasche Wasser kaufen.“
„Brot und Wasser …?“ Felix horchte auf, fürchtete aber nichts Schlimmes.
„Diese Straße heißt folgerichtig Paseo de Colon und der Turm draußen am Meer gehört zu der legendären Seilbahn von Barcelona. So, und nun ist es nicht mehr weit.“
Nicht mehr weit, das hieß bis zur Carrer de Villadomal, einer ellenlangen, schnurgeraden Straße südlich der Gran Via.
Dolores stoppte aufatmend vor einem unscheinbaren Haus neben einem Autoverleih. Sie holte Sanders Notizen aus der Tasche und gab sie Felix. Der stieg ohne Bedenken aus und fand den Namen José Taberna auf einem Klingelschild. Erfreut winkte er Dolores, die im Auto sitzen geblieben war, und nicht daran dachte auszusteigen. Sie ließ das Fenster herunter und sagte lächelnd: „Adios, Amigo. Manchmal war es echt schön mit dir. Viel Glück und … viel Erfolg.“
Felix öffnete zwar den Mund, brachte aber vor Überraschung kein Wort heraus. „Quartier können wir uns hier nicht leisten, Amigo. Mein Konto nimmt nur noch Geld an. Für Benzin zurück nach Madrid reicht es. Ich nehme dich aber auch mit.“
Felix stand wie betäubt da.
„Nun sag was, Amigo! Entscheide dich!“
„Mein Flieger … in vier Tagen, bleib doch“, stammelte er.
„Nein!“
Felix presste die Lippen fest aufeinander. Dann räumte er betont langsam seine Sachen aus dem Kofferraum und lief wie betäubt auf das Haus zu.
Dolores stieg aus, lief hinterher und sagte im völlig veränderten Ton. „Verzeih mir … Aber … Es ist, wie es ist … Ich weiß manchmal nicht, was ich will … Danke für alles.“
Sie griff in ihre Tasche und gab ihm sein Handy. „Vielleicht ist noch nichts verloren. Ruf Sophie an, sie wartet bestimmt.“
Er ließ das Handy achtlos in seine Hosentasche rutschen und blieb neben seinen Sachen stehen, auch als Dolores längst abgefahren war. Blieb stehen, weil er das alles nicht für möglich hielt. Falscher Film, dachte er. Falscher Flug! Scheiße! Schließlich holte er sein Handy doch hervor. Drei SMS von Sophie mit gefühlsmäßig deutlich abnehmender Tendenz. Sorge um ihn? Fehlanzeige. Dafür reichlich in den fünf Sprachnachrichten seiner Mutter. Er tippte Sophies Nummer ein und erschrak regelrecht, als sie sich sofort meldete. Sie lag mit Alexander am Heidesee und stellte keine einzige Frage. Redete wie mit einem flüchtigen Bekannten. Verdrehte vielleicht dabei die Augen. Am Heidesee! Wo man keine Badeanzüge brauchte …
José Taberna, ein Mann dessen Alter sich schwer schätzen ließ, empfing seinen Gast wie einen, mit dem man eben rechnen musste. Pierre Sanders zuliebe. Er hatte schlohweißes Haar, ein zerknittertes Gesicht, aber helle lebendige Augen. Immerhin bot er Felix ein Glas Wasser an. Dessen Hoffnung auf mehr, vielleicht sogar ein Nachtlager, verabschiedete sich. Wie kann einer Taberna, also Wirtshaus heißen, und nichts anbieten außer einem Glas abgestandenem Wasser. So sind sie wohl die Katalanen?, fragte sich Felix. Josè sprach gebrochen deutsch und fing sofort mit dem Bürgerkrieg an. Felix kam es daher so vor, als mache er ihn für das verantwortlich, was die deutschen und italienischen Bomber im März 1938 in Barcelona angerichtet hatten.
„Drei Tagen und Nächten – Zweitausend Tote!“ Senior Tabernas Hände zitterten. „Vom 15. bis 18. März Deutsche und Italiener haben bombardiert die Stadt als hätte sie geschickt der Teufel. Jede zweieinhalb Stunden haben geheult die Sirenen, Feuerwehren und Krankenwagen sind gerast durch Straßen. Tausend verwundet. Und nirgends hat es gegeben so was wie Schutzraum. Nix Ort, wo richtig sicher. Wir nix geschlafen, nix bei Tage und nix bei Nacht, immer Angst.
Wenn dunkel, wir mit Decken oder Schlafsack hinaus, am morgen wieder zur Arbeit. Kein Schlaf. Gut – manchmal eingeschlafen, dann Traum von Bomben, Feuer, Toten. Ich damals 15, nix Kind, nix Mann, musste Vater ersetzen, der kämpfte …“
Die Gesichtszüge des Gastgebers entspannten sich. Plötzlich lächelte er sogar. „Pardon, amigo! Musste sagen dir das!“
„Ich kann Sie total verstehen, Senior Taberna.“ Man sah Felix an, dass er es ehrlich meinte.
Der Hausherr reichte ihm geradezu überschwänglich freundlich die Hand. „Möchtest speisen, mi amigo?“ Kein Gedanke mehr an abgestandenes Wasser. Ein Festmahl stand plötzlich auf dem Tisch! Oliven, Venusmuscheln, Garnelen … sopa de marisco, Brot, Butter, Wein … „Oder du wollen lieber Bier?“
So sind also die Katalanen, freute sich Felix. Er tat so bescheiden wie möglich, nahm aber doch reichlich, ließ es sich schmecken und hörte aufmerksam zu, was José von der Verabschiedung der Internationalen Brigaden in Barcelona zu erzählen hatte.
„Ende 1938. Neben der Stierarena der Demonstrationszug. Von 45.000 Freiwilligen nur ein paar Tausend übrig. Aber, uno momento.“ Der Alte holte ein Buch und brauchte nicht lange, bis er die richtige Stelle gefunden hatte. „Wenn die Blumen des Friedens verflochten mit den Siegeslorbeeren der spanischen Republik, blühen, dann: Kommt zurück ihr Internationalen.“
„Wahnsinn!“, sagte Felix anerkennend. „Die Blumen des Friedens verflochten mit …, was war es gleich?“
„Willst hören du mehr von Verabschiedung?“
„Ja, klar!“
„Hier“, der Gastgeber tippte auf das Buch, „du findest Konzentrat. Ich schon alt, weißt du, und alte Menschen verlieren oft, wie sagt man auf deutsch, die … Nadel?“
„Den Faden“, korrigierte Felix und las vor:
„An jenem unfreundlichen, windigen Herbsttag ging das Volk von Barcelona in Massen auf die Straße, um sich von den Internationalen zu verabschieden. Es gab nicht einen Polizisten, nicht einen Sicherheitsmann, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es war nicht nötig. Franco hat niemals einen Sieg gefeiert, ohne das Publikum, das Volk ›in Schranken‹ zu halten, in vorsichtigem Abstand, gut bewacht von Polizei oder Einheiten seines Heeres. Die Führer des spanischen Volkes, und mit ihnen die Pasionaria, kamen zusammen mit dem Publikum zu Fuß und nahmen ihre Plätze auf den Tribünen ein. Sie wurden mit Jubel und Bekundungen der Liebe empfangen.
Das Auto mit dem Präsidenten der Republik und Dr. Negrin hielt in der Nähe der Tribüne; es war ein offener Wagen, und sogleich stürzten impulsiv Mädchen hinzu und begruben ihn in einem Augenblick unter Blumen. Niemand hinderte sie daran, niemand hatte erst ihre Sträuße auf Bomben untersucht. Das spanische Volk war wahrhaftig einig in seinem Ziel und in seiner Hoffnung: Freiheit für alle.
Die Parade begann: zuerst ein Regiment Infanterie, dann Matrosen und Flieger. Vom Fenster meines Büros aus, das in derselben Straße lag, sah ich alles mit an, und es fiel mir schwer, meine Rührung zu unterdrücken. Unsere Armee schien so stark, so gut ausgebildet! Die Soldaten, die unter meinem Fenster vorbei marschierten, erinnerten in nichts an die eben aus ihren Dörfern zum Militärdienst geholten armen Burschen, die ich in meiner Kindheit und Jugend in Madrid so oft bei Paraden gesehen hatte, auch nicht an die Milizsoldaten der ersten Kriegszeit. Sie marschierten im Gleichschritt, erhobenen Hauptes; viele sangen. Die Zuschauer wussten, dass gewisse Einheiten vom Ebro gekommen waren, wo unsere Truppen weiter Widerstand leisteten, und man begrüßte sie mit Begeisterung, obgleich es keinem ein Geheimnis war, dass unsere Stellungen auf dem rechten Flussufer äußerst gefährdet waren. Alle wussten, dass unsere Soldaten jeden Augeblick den Befehl bekommen könnten, sich aus den unhaltbar gewordenen Positionen zurück zu ziehen, und dass die Waffen, die in der Parade mitgeführt wurden, eigentlich unbrauchbare Waffen waren; das wenige was wir besaßen, wurde am Ebro gebraucht, und auch dort war nur sehr wenig. Nach den spanischen Soldaten und Matrosen kamen die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. Sie wurden mit gerührter Begeisterung empfangen. Schon oben auf der Straße hatten ihnen die jungen Mädchen auf dem Bürgersteig Blumen überreicht; sie waren nicht bewaffnet, aber Blumen aller Arten, Formen und Farben schmückten ihre zerschlissenen Uniformen. Viele hatten sich ein drei-, vierjähriges Kind auf die Schulter gesetzt. Wenn es etwas größer geworden, wird die Mutter es erinnern können: ›Als du vier Jahre alt warst, hat dich bei der Parade einer der Helden der Internationalen Brigaden die ganze Avenue des 14. April hinunter auf der Schulter getragen.‹“

Abschied der Internationalen Brigaden – Barcelona Oktober 1938

Kein Zuhause mehr – auf der Flucht
Fotos dem Buch entnommen (S. 105)
Josè nahm das Buch zurück und klappte es geräuschvoll zu. „Du kannst bleiben, mi amigo, solange du willst. 3, 4, 5 Tage ist gut. Schlafen hier kost nix, und auch Essen nix. Pierre gut Freund meines Vaters. Hat gerettet ihm Leben. Hat Pierre erzählt dir das?“
Felix schüttelte verneinend den Kopf. „Am Casa de Campo das passiert … Mein Vater, war verletzt. Nix schlimm, nur Streifschuss. Aber im kalten Manzanares, er keine Kraft und beinahe ertrunken, aber Pierre ihn ziehen aus Wasser.“
Josè legte urplötzlich seinen Arm um Felix Schulter und drückte ihn an sich. „Nun genug von Krieg.“
Felix war froh, sich zurückziehen zu können. In dem kleinen voll gestopften Zimmer schaltete er die Stehlampe an und ließ sich daneben auf die Liege fallen. Kein Geld, keine Frau … Er öffnete die Brieftasche und zählte. 9 Euro und 30 Cent. So elend und mutlos hatte er sich lange nicht gefühlt. Dumm gelaufen. Eine Visitenkarte fiel aus seiner Brieftasche. Sie stammte von Konstantin, dem Blutplasmafahrer aus Morata. „Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst“, hatte der zum Abschied gesagt.
Felix griff kurzentschlossen nach seinem Handy.
Online-Flyer Nr. 91 vom 18.04.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 17
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
16.
Die reale „Wahrheit“ holte Felix am nächsten Morgen schneller ein, als er befürchtet hatte. Dagegen hätte auch der schönste Spruch nicht geholfen.
Sie hatten nach dem Frühstück einen ganz unmilitärischen Stadtbummel unternommen und leisteten sich nun an einem Tisch vor der Kaffeestube des Hotels zwei kleine Eisbecher. Ihre Gefühle schwenkten immer mehr auf Versöhnung und Annäherung.
„Okay, wir haben beide Fehler gemacht, Dolores.“ Felix wurde philosophisch. „Aber sind nicht alle Fehler, die wir Menschen begehen, eine Auflehnung der Natur gegen die Moral? Und deshalb Fehler die Grundlage jeder echten Liebe?“
Dolores verstand zwar nicht so richtig, was er meinte, aber es gefiel ihr. Ob man seinen Gedanken nun immer folgen konnte oder nicht, klug war er. Zweifellos. Kein Wort mehr, von „alles im Griff“. Er wollte das Eis bezahlen und ihr das weitere Programm überlassen.
„Was du willst und wohin dich die Sehnsucht treibt“, sagte er voller Betonung. Wohin trieb Dolores die Sehnsucht? Sie blickte hinunter zum Ebro. Der Park am Ufer verlor sich am Ende, wie es schien, in dicht beieinander stehenden Büschen und Bäumen. Die Sonne stand schon hoch genug am Himmel. Bei diesem Anblick wurde Felix endgültig zu einem „favorito“ und der Kellner auch gleich freundlich angelächelt.
Felix zog die Brieftasche heraus.
„It's your case?“, fragte der Kellner überrascht.
„Yes, why do you ask?“ Der Kellner drehte sich wortlos um. Kurze Zeit später stand der Hotelchef vor dem Tisch, sozusagen mit der Wahrheit in der erhobenen Hand. Dolores gelang es nicht, ihn zu beruhigen.
„Ja, wir haben jetzt alles bezahlt“, jammerte sie später, „aber du hast behauptet, dass die Räuber deine Brieftasche gestohlen hätten und er“, sie zeigte hinter dem Chef her, „hat alles unternommen, um die Ehre Kataloniens zu retten. So sind sie hier. Er hat von der Polizei gefordert, dass sie den Räubern dein Geld abnehmen. Ich ahne in welchem Ton.“
„Aber woher wusste der Kellner?“
„Unsere Geschichte wird wahrscheinlich in der ganzen Stadt erzählt!“
„Wenn schon! Das ist doch nicht unser Bier! Erstens haben die Gangster ja wirklich Geld geklaut, und zweitens hat der Chef doch keine Spur von meiner Brieftasche erblickt.“
„Aber der Kellner! Du kennst die Katalanen nicht!“
„Ich kenne sie nur freundlich und hilfsbereit“, versuchte sich Felix Mut zu machen. „Sie können aber auch schrecklich böse werden!“
Felix fuchtelte nervös mit den Händen. „Und was nun?“, fragte er gereizt. Für Dolores gab es nur eine Antwort. Sie verabschiedete sich vom Park am Ufer des Ebros samt der grünen Büsche und Bäume an seinem Ende.
Dolores fuhr, wie Felix es ausdrückte, als wäre die Ehre Kataloniens in Person hinter ihnen her. Er glaubte nicht, dass der Hotelchef die Polizei holen würde.
„Ich krieg ne Krise! Der hat doch seine Kohle im Kasten …“
„Du redest wie ein deutscher Tourist“, unterbrach ihn Dolores ungehalten.
„Alles im Griff wie? Wenn nur die Kohle stimmt. Ehre …“
„Ruhm und Ehre!“, unterbrach Felix seinerseits. „So ein Schwachsinn. Du fährst wie ein Henker … Wir sind nicht auf der Flucht vor Franco!“
Die Straße von Mora nach Tarragona führt nicht sichtbar zum Meer. Dichtbewaldete Berge versperren den Blick nach vorn und die Costa Dorada sieht man erst auf der Autobahn nach Barcelona.
Nachdem Dolores die Stadtgrenze passiert hatte, verringerte sie ihr Tempo. „Barcelona ist nicht Mora“, sagte sie erleichtert. „Hier schlägt sich die Polizei weniger mit der Ehre Kataloniens herum. So, und nun schau dich um. Du fährst durch eine der schönsten Städte der Welt! Zur Zeit befinden wir uns auf der Ronda Litoral, was so viel wie Küstenrunde heißt. Zutreffend, wie du selbst siehst. Dort vorn steht unser Kolumbus auf seiner Säule. Du kannst ihn oben besuchen, wenn du willst, wirst dir aber wahrscheinlich lieber ein Stück Brot und eine Flasche Wasser kaufen.“
„Brot und Wasser …?“ Felix horchte auf, fürchtete aber nichts Schlimmes.
„Diese Straße heißt folgerichtig Paseo de Colon und der Turm draußen am Meer gehört zu der legendären Seilbahn von Barcelona. So, und nun ist es nicht mehr weit.“
Nicht mehr weit, das hieß bis zur Carrer de Villadomal, einer ellenlangen, schnurgeraden Straße südlich der Gran Via.
Dolores stoppte aufatmend vor einem unscheinbaren Haus neben einem Autoverleih. Sie holte Sanders Notizen aus der Tasche und gab sie Felix. Der stieg ohne Bedenken aus und fand den Namen José Taberna auf einem Klingelschild. Erfreut winkte er Dolores, die im Auto sitzen geblieben war, und nicht daran dachte auszusteigen. Sie ließ das Fenster herunter und sagte lächelnd: „Adios, Amigo. Manchmal war es echt schön mit dir. Viel Glück und … viel Erfolg.“
Felix öffnete zwar den Mund, brachte aber vor Überraschung kein Wort heraus. „Quartier können wir uns hier nicht leisten, Amigo. Mein Konto nimmt nur noch Geld an. Für Benzin zurück nach Madrid reicht es. Ich nehme dich aber auch mit.“
Felix stand wie betäubt da.
„Nun sag was, Amigo! Entscheide dich!“
„Mein Flieger … in vier Tagen, bleib doch“, stammelte er.
„Nein!“
Felix presste die Lippen fest aufeinander. Dann räumte er betont langsam seine Sachen aus dem Kofferraum und lief wie betäubt auf das Haus zu.
Dolores stieg aus, lief hinterher und sagte im völlig veränderten Ton. „Verzeih mir … Aber … Es ist, wie es ist … Ich weiß manchmal nicht, was ich will … Danke für alles.“
Sie griff in ihre Tasche und gab ihm sein Handy. „Vielleicht ist noch nichts verloren. Ruf Sophie an, sie wartet bestimmt.“
Er ließ das Handy achtlos in seine Hosentasche rutschen und blieb neben seinen Sachen stehen, auch als Dolores längst abgefahren war. Blieb stehen, weil er das alles nicht für möglich hielt. Falscher Film, dachte er. Falscher Flug! Scheiße! Schließlich holte er sein Handy doch hervor. Drei SMS von Sophie mit gefühlsmäßig deutlich abnehmender Tendenz. Sorge um ihn? Fehlanzeige. Dafür reichlich in den fünf Sprachnachrichten seiner Mutter. Er tippte Sophies Nummer ein und erschrak regelrecht, als sie sich sofort meldete. Sie lag mit Alexander am Heidesee und stellte keine einzige Frage. Redete wie mit einem flüchtigen Bekannten. Verdrehte vielleicht dabei die Augen. Am Heidesee! Wo man keine Badeanzüge brauchte …
José Taberna, ein Mann dessen Alter sich schwer schätzen ließ, empfing seinen Gast wie einen, mit dem man eben rechnen musste. Pierre Sanders zuliebe. Er hatte schlohweißes Haar, ein zerknittertes Gesicht, aber helle lebendige Augen. Immerhin bot er Felix ein Glas Wasser an. Dessen Hoffnung auf mehr, vielleicht sogar ein Nachtlager, verabschiedete sich. Wie kann einer Taberna, also Wirtshaus heißen, und nichts anbieten außer einem Glas abgestandenem Wasser. So sind sie wohl die Katalanen?, fragte sich Felix. Josè sprach gebrochen deutsch und fing sofort mit dem Bürgerkrieg an. Felix kam es daher so vor, als mache er ihn für das verantwortlich, was die deutschen und italienischen Bomber im März 1938 in Barcelona angerichtet hatten.
„Drei Tagen und Nächten – Zweitausend Tote!“ Senior Tabernas Hände zitterten. „Vom 15. bis 18. März Deutsche und Italiener haben bombardiert die Stadt als hätte sie geschickt der Teufel. Jede zweieinhalb Stunden haben geheult die Sirenen, Feuerwehren und Krankenwagen sind gerast durch Straßen. Tausend verwundet. Und nirgends hat es gegeben so was wie Schutzraum. Nix Ort, wo richtig sicher. Wir nix geschlafen, nix bei Tage und nix bei Nacht, immer Angst.
Wenn dunkel, wir mit Decken oder Schlafsack hinaus, am morgen wieder zur Arbeit. Kein Schlaf. Gut – manchmal eingeschlafen, dann Traum von Bomben, Feuer, Toten. Ich damals 15, nix Kind, nix Mann, musste Vater ersetzen, der kämpfte …“
Die Gesichtszüge des Gastgebers entspannten sich. Plötzlich lächelte er sogar. „Pardon, amigo! Musste sagen dir das!“
„Ich kann Sie total verstehen, Senior Taberna.“ Man sah Felix an, dass er es ehrlich meinte.
Der Hausherr reichte ihm geradezu überschwänglich freundlich die Hand. „Möchtest speisen, mi amigo?“ Kein Gedanke mehr an abgestandenes Wasser. Ein Festmahl stand plötzlich auf dem Tisch! Oliven, Venusmuscheln, Garnelen … sopa de marisco, Brot, Butter, Wein … „Oder du wollen lieber Bier?“
So sind also die Katalanen, freute sich Felix. Er tat so bescheiden wie möglich, nahm aber doch reichlich, ließ es sich schmecken und hörte aufmerksam zu, was José von der Verabschiedung der Internationalen Brigaden in Barcelona zu erzählen hatte.
„Ende 1938. Neben der Stierarena der Demonstrationszug. Von 45.000 Freiwilligen nur ein paar Tausend übrig. Aber, uno momento.“ Der Alte holte ein Buch und brauchte nicht lange, bis er die richtige Stelle gefunden hatte. „Wenn die Blumen des Friedens verflochten mit den Siegeslorbeeren der spanischen Republik, blühen, dann: Kommt zurück ihr Internationalen.“
„Wahnsinn!“, sagte Felix anerkennend. „Die Blumen des Friedens verflochten mit …, was war es gleich?“
„Willst hören du mehr von Verabschiedung?“
„Ja, klar!“
„Hier“, der Gastgeber tippte auf das Buch, „du findest Konzentrat. Ich schon alt, weißt du, und alte Menschen verlieren oft, wie sagt man auf deutsch, die … Nadel?“
„Den Faden“, korrigierte Felix und las vor:
„An jenem unfreundlichen, windigen Herbsttag ging das Volk von Barcelona in Massen auf die Straße, um sich von den Internationalen zu verabschieden. Es gab nicht einen Polizisten, nicht einen Sicherheitsmann, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es war nicht nötig. Franco hat niemals einen Sieg gefeiert, ohne das Publikum, das Volk ›in Schranken‹ zu halten, in vorsichtigem Abstand, gut bewacht von Polizei oder Einheiten seines Heeres. Die Führer des spanischen Volkes, und mit ihnen die Pasionaria, kamen zusammen mit dem Publikum zu Fuß und nahmen ihre Plätze auf den Tribünen ein. Sie wurden mit Jubel und Bekundungen der Liebe empfangen.
Das Auto mit dem Präsidenten der Republik und Dr. Negrin hielt in der Nähe der Tribüne; es war ein offener Wagen, und sogleich stürzten impulsiv Mädchen hinzu und begruben ihn in einem Augenblick unter Blumen. Niemand hinderte sie daran, niemand hatte erst ihre Sträuße auf Bomben untersucht. Das spanische Volk war wahrhaftig einig in seinem Ziel und in seiner Hoffnung: Freiheit für alle.
Die Parade begann: zuerst ein Regiment Infanterie, dann Matrosen und Flieger. Vom Fenster meines Büros aus, das in derselben Straße lag, sah ich alles mit an, und es fiel mir schwer, meine Rührung zu unterdrücken. Unsere Armee schien so stark, so gut ausgebildet! Die Soldaten, die unter meinem Fenster vorbei marschierten, erinnerten in nichts an die eben aus ihren Dörfern zum Militärdienst geholten armen Burschen, die ich in meiner Kindheit und Jugend in Madrid so oft bei Paraden gesehen hatte, auch nicht an die Milizsoldaten der ersten Kriegszeit. Sie marschierten im Gleichschritt, erhobenen Hauptes; viele sangen. Die Zuschauer wussten, dass gewisse Einheiten vom Ebro gekommen waren, wo unsere Truppen weiter Widerstand leisteten, und man begrüßte sie mit Begeisterung, obgleich es keinem ein Geheimnis war, dass unsere Stellungen auf dem rechten Flussufer äußerst gefährdet waren. Alle wussten, dass unsere Soldaten jeden Augeblick den Befehl bekommen könnten, sich aus den unhaltbar gewordenen Positionen zurück zu ziehen, und dass die Waffen, die in der Parade mitgeführt wurden, eigentlich unbrauchbare Waffen waren; das wenige was wir besaßen, wurde am Ebro gebraucht, und auch dort war nur sehr wenig. Nach den spanischen Soldaten und Matrosen kamen die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. Sie wurden mit gerührter Begeisterung empfangen. Schon oben auf der Straße hatten ihnen die jungen Mädchen auf dem Bürgersteig Blumen überreicht; sie waren nicht bewaffnet, aber Blumen aller Arten, Formen und Farben schmückten ihre zerschlissenen Uniformen. Viele hatten sich ein drei-, vierjähriges Kind auf die Schulter gesetzt. Wenn es etwas größer geworden, wird die Mutter es erinnern können: ›Als du vier Jahre alt warst, hat dich bei der Parade einer der Helden der Internationalen Brigaden die ganze Avenue des 14. April hinunter auf der Schulter getragen.‹“

Abschied der Internationalen Brigaden – Barcelona Oktober 1938

Kein Zuhause mehr – auf der Flucht
Fotos dem Buch entnommen (S. 105)
Josè nahm das Buch zurück und klappte es geräuschvoll zu. „Du kannst bleiben, mi amigo, solange du willst. 3, 4, 5 Tage ist gut. Schlafen hier kost nix, und auch Essen nix. Pierre gut Freund meines Vaters. Hat gerettet ihm Leben. Hat Pierre erzählt dir das?“
Felix schüttelte verneinend den Kopf. „Am Casa de Campo das passiert … Mein Vater, war verletzt. Nix schlimm, nur Streifschuss. Aber im kalten Manzanares, er keine Kraft und beinahe ertrunken, aber Pierre ihn ziehen aus Wasser.“
Josè legte urplötzlich seinen Arm um Felix Schulter und drückte ihn an sich. „Nun genug von Krieg.“
Felix war froh, sich zurückziehen zu können. In dem kleinen voll gestopften Zimmer schaltete er die Stehlampe an und ließ sich daneben auf die Liege fallen. Kein Geld, keine Frau … Er öffnete die Brieftasche und zählte. 9 Euro und 30 Cent. So elend und mutlos hatte er sich lange nicht gefühlt. Dumm gelaufen. Eine Visitenkarte fiel aus seiner Brieftasche. Sie stammte von Konstantin, dem Blutplasmafahrer aus Morata. „Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst“, hatte der zum Abschied gesagt.
Felix griff kurzentschlossen nach seinem Handy.
Online-Flyer Nr. 91 vom 18.04.2007














