NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 11. Juni 2026  

Fenster schließen

Medien
RTL über die Nöte der Kassenpatienten und ihre behandelnden Ärzte
Privatpatienten bevorzugt?
Von Gisela Segieth

Verbrauchershows sollten den Verbrauchern eigentlich wertvolle Anregungen und Tipps geben. Doch manchmal kommen da recht einseitige Ansichten auf den Bildschirm, wie in einer RTL-Verbrauchershow für Kassenpatienten. Da wurden die niedergelassenen Kassenärzte so dargestellt, als würden sie Kassenpatienten nur als Patienten zweiter Klasse behandeln.
Die Realität laut RTL und AOK-Institut

Bei RTL bediente man sich dazu sich einer Studie von WIdO, dem Wissenschaftlichen Institut der AOK. Die vermittelt, dass „jeder vierte gesetzlich Versicherte (25,3 Prozent) trotz akuter Beschwerden mindestens zwei Wochen auf einen Termin beim Arzt warten musste. Bei privat Versicherten mit akuten Beschwerden traf dies laut WIdO nur für 7,8 Prozent der Patienten zu.“ Es ging dabei allerdings subjektive Empfindungen der Patienten, was aus der Originalstudie auch hervorgeht. [1]

Eine Studie aus der gleichen Zeit, die der KBV, der Kassenärztliche Bundesverband, bei der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen (FGW) in Auftrag gab, gibt im Gegensatz zu WIdO und RTL an: „46 Prozent aller, die in den vergangenen zwölf Monaten beim Arzt waren, hatten beim letzten Praxisbesuch keine Wartezeiten für einen Termin und nur 9 Prozent wartete länger als eine Woche auf einen Termin.“ [2]

Nun sind Studien häufig nicht ganz objektiv, da in sie immer die subjektiven Wünsche der Auftraggeber mit einfließen. Umso wichtiger wäre also gewesen, in der Sendung auch die zu Wort kommen zu lassen, um die es hier ging. Doch nicht ein einziger Kassenarzt kam in der Sendung zu Wort. Warum nicht?

Dr. med. Ressler-Antal
Im Gespräch mit Dr. med. Ressler-Antal (Chefarzt der Spezialklinik
Neukirchen b. Hl. Blut) am Stand des IVU e.V. auf der Messe "Welt der Familie" in Saarbrücken


Wie sieht es in Wirklichkeit aus?

Auf Anfrage der NRhZ erklärt Privatdozent Dr. med. Matthias Frank im Fliedner Krankenhaus Neunkirchen/Saar: „Wenn ein Arzt Patienten ins nächste Quartal schiebt, dann tut er es, um sie überhaupt behandeln zu können. Er hat gar keine andere Wahl. Denn er erhält, nach einem Schlüssel, den kaum einer versteht, am Ende eines Quartals Geld zugeteilt, ohne Rücksicht auf die wirkliche Arbeit. Das bedeutet, dass er längst nicht für jede Leistung bezahlt wird. Er kann nur im Groben planen, denn er weiß nur ungefähr, wie viele Untersuchungen in einem Quartal möglich sind. Mehr ist einfach nicht möglich. Denn dazu fehlt einfach das Geld. Es geht ihm dabei ähnlich wie einem Handwerker. Und welcher Handwerker kann es sich schon erlauben, eine Leistung zu erbringen, für die am Ende kein Lohn steht?“ [3]

Dr. med. Hans-Peter Donate
Gemeinsam für Patientenrechte - Neujahrsempfang des IVU e.V. mit Vortrag des Kassenarztes Dr. med. Hans-Peter Donate
Fotos: IVU e.V.


Der Vergleich mit dem Handwerksbetrieb ist wohl richtig, denn der niedergelassene Arzt wird als freier Unternehmer behandelt. Er trägt seine Risiken allein, und die laufenden Kosten des Praxisbetriebs stemmt er selbst. Doch im Gegensatz zu anderen freien Unternehmern darf der Arzt seine Einnahmen nicht allein bestimmen. Das tut allein die KV, die Kassenärztliche Vereinigung. Bei der ist er Leistungsempfänger. Wie kommt das? [4]

Feste Budgets – festgelegt durch die Politik

Bereits im Jahr 1993 legte der damalige Bundesgesundheitsminister Seehofer in der Kohl-Regierung fest, dass Ärzte ein festes Budget erhalten, das nach Punkten berechnet wird. Seither geben die Krankenkassen, die dadurch enorm viel Geld einsparen konnten, den insgesamt 17 Kassenärztlichen Vereinigungen ihre Gelder und lassen diese davon die Ärzte bezahlen. Doch längst nicht alles Geld, das eine KV von den Kassen erhält, gibt sie an die Ärzte weiter. Zuerst entnimmt jede KV selbst Millionenbeträge, weil ja die Verteilung der Versicherungsbeiträge auf die Ärzte angeblich jährlich eine halbe Milliarde Euro kostet. Dieses Geld geht seither den Ärzten verloren.

Die 1993 festgelegte Punkteverteilung führte dazu, dass der Kassenarzt nicht nach Leistung bezahlt wird. Denn für alle Ärzte der gleichen Fachrichtung in einem ärztlichen Bezirk wird die gleiche feste Punktzahl vergeben. Sie erhalten damit auch alle den gleichen Betrag. Dabei ist es egal, ob die eine Praxis in einem Quartal mehr Kranke behandelte als die andere. Arbeitet ein Arzt also mehr als andere, bringt ihm das nichts. Denn er erhält dafür keinen Cent mehr.

Wie läuft die Verteilung genau?

Derzeit erhält der Arzt beim ersten Besuch eines Patienten im Quartal eine Pauschale. [4] Diese zählt bei Kindern bis zu fünf Jahren 470, bei Erwachsenen 410 und bei Rentnern ab dem 60. Lebensjahr 420 Punkte. Kommt der gleiche Patient in einem Quartal ein zweites Mal, dann erhält der Arzt für diesen Besuch nur noch ein Zehntel der Punkte. Denn man geht davon aus, dass der Arzt den Patienten dann kennt. Diese Punkteverteilung gilt grundsätzlich bei Untersuchungen, bei der Verordnung von Medikamenten, bei Heil- und Hilfsmitteln. Nur für chronisch kranke Patienten oder bei der Vorbeugung gelten andere Regeln.

Was jedoch ein Punkt wert ist, das weiß der Arzt nicht, wie Dr. Frank erklärt. Erst die Abrechnung am Ende eines Quartals zeige ihm, was er verdient hat. Deshalb kann kein Kassenarzt seine Einnahmen planen, seine Ausgaben jedoch kennt er genau.

Behandlung von Privatpatienten

Lediglich bei Privatpatienten weiß der Arzt genau, was er verdient. Denn mit diesen rechnet er seine Leistung selbst ab. Doch privat Versicherte gibt es in Deutschland nur zu 10%. Deshalb bleibt den niedergelassenen Ärzten gar nichts anderes übrig, als um privat versicherte Menschen zu buhlen, sonst laufen ihnen die Kosten davon: Miete, Raten für medizinische Geräte und Einrichtung, Personalkosten und mehr warten nicht bis zum Quartalsende sondern fallen monatlich an. Sie müssen gedeckt werden. Doch eine sichere Deckung nach Punkten erfolgt nur sehr selten.

Fazit

Wer – wie RTL in dieser Sendung – nicht alle Beteiligten zu einem solch komplexen Thema einlädt, hat die Chance vertan, eine sinnvolle Diskussion über Mängel und Schieflagen im Gesundheitssystem anzustoßen. Und dem Zuschauer werden wichtige Einblicke in das Wechselspiel zwischen Politik, Medizin, Kassen und Patienten vorenthalten – das dem Patienten manchmal tatsächlich unnötige Wartezeiten beschert.

Quellen:
1. http://wido.de/wido_monitor_1_2007.html
2. 
http://www.kbv.de/8700.html
3. Interview mit PD Dr. med. Frank im Fliedner Krankenhaus Neunkirchen/Saar
4. http://www.faz.net/...Scontent.html

Gisela Segieth war Mitgründerin und bis 2007 Vorsitzende des IVU e.V., Der Internationale Verein für Umwelterkrankte www.ivuev.de wurde im April 1999 gegründet, um durch schädliche Umweltfaktoren Erkrankten zur Seite zu stehen und gesunde Menschen möglichst gesund zu erhalten.


Online-Flyer Nr. 90  vom 11.04.2007



Startseite           nach oben