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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 13
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona. Wieder zu Hause holt die Gegenwart in Gestalt der neofaschistischen »Sportgruppe Mölders« die Vergangenheit zurück. Felix muss sich nicht nur zwischen Dolores und Sophie entscheiden. Neben einer spannenden Rahmenhandlung vermitteln die Autoren Ereignisse des Spanischen Bürgerkrieges aus heutiger Sicht

12.
Felix lag stocksteif im Bett und grübelte. Zweimal hockte er sich auf die Bettkante und lauschte Dolores ruhigen gleichmäßigen Atem. Dann versuchte er – wieder längst nach Neun – an Sophie zu denken und wunderte sich, wie schwer ihm das fiel.
Als er am Morgen die Augen öffnete, saß seine Begleiterin bereits mit einem Buch in der Hand am Fenster, erwiderte freundlich seinen verlegenen Gutenmorgengruß und sah in ihrem figurbetonten weißen Shirtkleid sehr sexy aus.
Sie fing, um Felix aus seiner Verlegenheit zu helfen, gleich wieder mit dem Bürgerkrieg an. »Ich habe in meinen Unterlagen ein interessantes Foto gefunden.«
Felix sprang endgültig aus dem Bett und stellte sich hinter sie.
»Hier«, sie zeigte auf ein Bild. Felix las die Unterschrift. »In der Grabenstellung des André-Batallions am Kilometer 82.« Zu sehen waren acht Männer in mehr oder weniger zivilen Winterklamotten. Keine gut ausgerüsteten Soldaten. Nur drei von ihnen trugen Helme, zwei blickten direkt in die Kamera. Einer lächelte.
»Ahnten die denn nicht, was ihnen bevor stand?«, fragte Felix.
»Kurze Zeit später sah es so aus«, sagte Dolores und blätterte im Buch. »Bericht eines Kriegskommissars: Unser Bataillon Edgar André war am Kilometer 82 versprengt, zerschlagen und stark zusammengeschrumpft. Ein Kommandeur kam mir mit elf Mann entgegen. Auch die anderen Einheiten hatte es schwer erwischt. Die Hauptstraße nach Madrid war für die Faschisten praktisch offen. Ich stellte mit Mühe und Not 25 Mann vom Sanitätsstützpunkt, vom Stab und aus der Küche zusammen … Es klingt unglaublich, aber wir haben die Stellung gehalten. Die Italiener zogen ab, weil sie bei uns eine viel größere Bataillonsstärke vermutet hatten.«

Im Frühstücksraum des Hotels war die Nacht für Dolores und Felix endgültig vorbei. Das Personal beherrschte sein Handwerk und die englische Sprache perfekt. Geschichtskenntnisse wurden offenbar von ihm nicht gefordert. Eine Kellnerin hob auf Felix Frage nach dem Bürgerkrieg hilflos die Hände: »It's a long time. I‘m born 1985.«
Dolores wollte vor der Abreise noch einmal in den Whirlpool. Das war aber deutlich keine zweite Einladung. Sie kannte sich, was dessen Bedienung betraf, mittlerweile perfekt aus. Felix griff unterdessen unten an der Rezeption nach einer touristischen Broschüre, verließ allein das Hotel und lief über die Plaza de la Villa zum »Castillo«. Die gewaltige Festung war nur von außen zu besichtigen. Weit in den wolkenlosen Himmel reckten sich ihre runden Türme. Kein Vogel war auf ihren Spitzen zu erkennen. Felix kehrte um und lief ziellos, an niedrigen, eng beieinander stehenden Häusern aus grauen Steinen, mit fest verschlossenen kleinen Fenstern und Türen aus schwerem Eichenholz vorbei. Er schlenderte aus dem Ort hinaus zu einer malerisch liegenden Einsiedelei auf einem Hügel und ließ von dort seinen Blick über die zerklüftete Landschaft gleiten.
Wo haben sie hier gekämpft? fragte er sich. Oben auf den Bergen und Hügeln, oder unten in den krummen Tälern? Wo lauerte der Feind? Mussten die Soldaten nicht auf tödliche Kugeln aus allen Richtungen gefasst gewesen sein? Und das bei Schnee, Regen und Nebel?
Zwei Frauen liefen vorbei und folgten unwillkürlich den Blicken des jungen Mannes.
»It is a very good country«, lachte die eine, die Felix wohl als Ausländer erkannt hatte.
»Yes«, antwortete Felix, »a very good country.«

Nebel stieg aus den Bergen und ihre Spitzen darüber sahen aus wie Zipfelmützen. Die Straße nach Zaragoza zwängte sich an braunen Felsmauern vorbei, denen man noch ansah, wie mühselig es gewesen war, Platz für den Autoverkehr zu schaffen. Andere Spuren menschlichen Wirkens waren abseits der Straße nicht zu erblicken. Kein Weg, kein Steg, weder Haus noch Hütte, nur braune Berg- und Talunendlichkeit. Erst vor Zaragoza folgten Industrieanlagen, Wohnhäuser, Nebenstraßen, Menschen. Die Schnellstraße mündete in die Ebroautobahn. Von diesem Fluss war aber nichts zu sehen. Trostlos einsam und verweht lag die braungraue Ebene.
»In keiner Armee der Welt wurde so viel gesungen wie bei den Interbrigadisten…«
Felix stöhnte. »Bitte Dolores, nicht schon wieder. Der Bürgerkrieg, ja klar, ist unser Thema. Aber …«
»Was?«
»Man muss auch mal abschalten.«
»Abschalten, du? Vom Bürgerkrieg?« Dolores lachte und schob eine Kassette ein. »Bei Guadalajara im Monat März, in Kälte und Regensturm, da bebte manches tapfere Herz und in Torija selbst der Turm«, erklang Ernst Buschs kraftvolle Stimme aus dem Lautsprecher. »Das waren die Tage der Brigade XI und ihrer Freiheitsfahnen. Brigada International ist unser Ehrenname.«
Felix kannte das Lied nicht. Er hörte erst widerwillig, dann aber mit zunehmender Interesse zu.
»Spiel das Lied bei der Verteidigung eurer Arbeit«, schlug Dolores vor. »Das emotionalisiert so schön.« Sie verließ ohne Vorankündigung die Straße und kurvte über endlose Feldwege in immer holprigeres Gelände. Felix schien es, als hätte sie die Orientierung verloren, aber auf seine diesbezügliche Frage gab sie keine Antwort. Schließlich stoppte sie vor einem Wäldchen, dessen Bäume aus spindeldürren Stämmchen und struppigen Wipfeln einen Mitleid erregenden Anblick boten. Dahinter führte ein sandiger Pfad steil abwärts in einen Talkessel.
Felix folgte Dolores ohne Widerspruch. Unten angelangt, blieb er überrascht stehen. Den Resten von Höhlen, Gräben und Schanzen sah man an, dass die Natur sie nicht geformt hatte und auch nicht bereit war, sie zurück zu nehmen. Ein verrostetes Kanonenrohr ragte anklagend aus einem Sandhügel.
Dolores fotografierte, setzte sich ins Gras und blickte Felix fragend an. Als der nicht reagierte, zog sie scheinbar enttäuscht aus ihrer Tasche die Landkarte. »Guck her! So sah Spanien im März 1937 aus: Der gesamte Westen, große Teile Andalusiens und der Norden mit Ausnahme des Baskenlandes waren bereits in der Hand der Frankisten. Die Republik existierte nur noch im Osten, von der Grenze zu Frankreich, über Barcelona bis hinunter nach Almeria. Im April 1938 gelang Franco der Durchbruch zum Mittelmeer.«
Sie drehte die Karte um. »Katalonien war damit vom übrigen republikanischen Territorium abgeschnitten. Der Krieg schien für Staatspräsident Azana verloren. Setz dich doch endlich.« Sie zog ihn unvermittelt herunter. Ein bisschen Spaß war erlaubt, dachte sie.

Die Sonne wärmte kurze Zeit später ihren nackten Oberkörper. Plötzlich richtete sie sich erschrocken auf. Kein Zweifel. Oben waren Schritte und Stimmen zu hören.
»Du wartest hier«, entschied Felix, zog eilig Hose und Hemd an und bemühte sich, möglichst schnell und lautlos, den Sandweg hinauf zu gelangen. Die Stimmen gehörten drei jungen Männern, die sich offensichtlich für das Auto interessierten. Felix schritt energisch auf die drei zu. »Buenos dias, amigos.«
»Buenos dias.«
Die drei lachten und machten sich weiter an der Autotür zu schaffen. Ein breitschultriger Kerl hob drohend einen Schraubenschlüssel in Felix Richtung. Spaniens Himmel breitete seine Sterne über die verlassenen Schützengräben am Ebro aus. Felix hielt ein Gewehr in der Hand und versuchte vergeblich, daraus Schüsse abzugeben. Sein Nebenmann schrie ihm etwas zu. Die letzten Worte aus seinem Munde. Eine Granate riss ihn und drei seiner Kameraden in Stücke. Flugzeuge dröhnten am Himmel. Felix konnte den Flug der abgeworfenen Bomben genau verfolgen, bis Staub und Geröll ihm die Sicht nahmen. Er versuchte erneut zu schießen, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Warum hat mir nur niemand richtig erklärt, wie man mit diesem Ding umgehen muss, fluchte er verzweifelt.
Plötzlich näherten sich stampfende Geräusche, ein Soldat mit gezogenem Bajonett drückte ihm die Spitze der Waffe auf die Brust. Felix versuchte sich fallen zu lassen und stieß einen schrillen Schrei aus. Dann fühlte er eine Hand auf seiner Stirn. Langsam öffnete er die Augen. Dolores beugte sich über ihn. Sie waren, bis sie keine Hand mehr vor Augen sehen konnten, umher geirrt, hatten sich schließlich in einer Kuhle zusammengerollt und waren vor Erschöpfung gleich eingeschlafen.

Die Erleichterung, die Felix beim Erwachen aus dem Traum verspürte hatte, wich sofort einer beklemmenden Furcht, als ihm ihre jetzige Lage bewusst wurde. Fast alles, was sie besaßen, schaukelte irgendwo über eine Straße oder war längst unter den drei Räubern aufgeteilt. Nur Dolores Mappe mit den Spanienunterlagen, ihr Fotoapparat und seine Brieftasche nicht. Das Handyproblem war endgültig gelöst. Sie besaßen keine Handys mehr.
Die Sonne begann bereits am Horizont mit ihrer täglichen Arbeit auf der Erde. Glutrot strahlte sie den Himmel an und Bäume und Sträucher erhoben sich langsam aus der Dunkelheit. Jetzt folgte nicht mehr Felix Dolores, sondern Dolores Felix – widerspruchslos.
Er versuchte ihr Mut zu machen. »Stell dir einfach vor, wir wären Interbrigadisten.« Das Mädchen blieb stehen und sagte voller Galgenhumor: »Dann reich mir mal die Eierhandgranaten rüber.«
Die Sonne stieg immer höher und mit ihr die Temperatur. Dolores setzte sich keuchend auf einen Stein. Felix kletterte allein auf den nächsten Berg. Oben erblickte er sie endlich. Bläulich schimmernd folgte eine Straße dem Tal.
Der Beamte in der Polizeistation von Ljeida freute sich, weil er eine gute Nachricht verkünden durfte. Die Autoräuber waren in eine Kontrolle geraten. Der Mietwagen stand unversehrt vor einem Hotel in Mora. Nur ein Problem blieb. Die Stadt am Ebro lag fast hundert Kilometer entfernt. Der freundliche italienische LKW-Fahrer, der sie bis Ljeida mitgenommen hatte, war längst weiter gefahren.
Dolores wollte erst mal richtig essen. Darunter verstand sie eine andalusische Gazpacho als Vorsuppe, dann Trucha segoviana, Forelle mit Schinken und als Dessert Nueces con nata, Walnüsse mit Sahne. Felix bestellte ein Baguette. Trotz dieser Zurückhaltung besaß er nach dem Essen nur noch 21 Euro und 30 Cent. Am Ortsausgang von Ljeida grüßen die Berge aus Richtung Flix. Einige Autofahrer grüßten, statt anzuhalten, spöttisch die beiden Wartenden. Felix lief zur nächsten Tankstelle, Dolores zur Polizeistation.
Als sie mit einem freundlichen hilfsbereiten Polizisten zurückkam, hatte sich bereits eine ältere Frau erbarmt. Im Auto gab sich Dolores als Spanierin zu erkennen,  und es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch. Felix verstand kein Wort, blickte schließlich teilnahmslos aus dem Fenster und ärgerte sich.
Erst nachdem sie ausgestiegen waren, klärte ihn Dolores auf. »Die Frau hat sich sehr über uns gefreut.«
»Weil wir so schön aussehen?«
»Weil wir die Vergangenheit Spaniens aufarbeiten.«
Felix freute sich nicht. »Und was hilft uns das?«, knurrte er. »Gibt uns ein Hotelchef vielleicht ein Zimmer, wenn wir Spaniens Himmel singen. Mein Geld reicht noch für fünf Bier, und deins werden die Typen aus dem Auto wohl rechtzeitig abgefasst haben.«
Der Wagen stand ordnungsgemäß abgestellt vor dem Hotel. Den Schlüssel brachte der Hotelbesitzer persönlich. Auf den ersten Blick fehlte nichts, auch die Handys im Handschuhfach waren da. Dann öffnete Dolores ihr Portemonnaie und war den Tränen nahe. »Total leer. Noch eine Nacht in der Pampa«, jammerte sie, »halte ich nicht durch.«
Felix wurde immer selbstbewusster. »Pampa fällt aus!«, versprach er und bewegte die Schwingtür zum Hotel. Dolores blieb stur davor stehen. Der Mann an der Rezeption übersetzte dem Hotelchef den Bericht des jungen Mannes vom Überfall und vom geraubten Geld. Der Chef nickte hin und wieder. Felix schien es, verständnisvoll. Er hatte sich nicht geirrt.
»Das ist sehr peinlich für unser Land. Aber die spanische Polizei wird das Geld zurück holen. Sie kriegen ein Doppelzimmer und überweisen das Geld später.«
»Alles im Griff«, sagte Felix vor der Tür stolz zu Dolores. Die fragte nicht wie und warum, aber nach einem Einzelzimmer.

Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90
Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
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Online-Flyer Nr. 87  vom 21.03.2007



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